cut up-Methode verbasizer 1

x-Riff

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Hallo interessierte Songtext-Schreibende!

Dieser thread bezieht sich auf die cut up-Methode
und auf folgenden thread Songtext-Challenge cut up-Methode
Diesen thread habe ich daraus ausgekoppelt, denn er stellt, wie zwei weitere ausgekoppelte Texte einen ersten für Interessierte (und mich) nachvollziehbaren Selbstversuch - mit der cut up-Methode und diesmal mit dem Verbasizer dar.
Der verbasizer ist ein frei zugängliches und kostenloses online-Tool und eine "recreation" des tools, das David Bowie mit ins Leben gerufen und genutzt hat. Der link führt Euch auf eine kleine Erklärungsseite mit einem Video von David Bowie, in dem er erklärt, wie er den verbasizer nutzt. Deswegen halte ich mich hier nicht weiter mit Erklärungen auf - der wesentliche Fokus soll darauf liegen, welche Erfahrungen ich mit diesem tool gemacht habe und einem ersten Text, der mittels dieses tools daraus entstanden ist.

Wohlan - wie bin ich vorgegangen?
Nachdem ich mich etwas auf der verlinkten WEB-Seite umgeschaut habe, habe ich den verbalizer ausprobiert. Dazu habe ich drei deutschsprachige Textfragmente genutzt: zwei von mir (Textfragmente 5 und 7 im post #10 der verlinkten Songtext-Challenge) sowie einem Text von @Der_Blindschleicher (Der letzte Rest vom Ich) post #7, dortselbst). Achtung: Ihr selbst dürft diese Texte nur nutzen, wenn Ihr bei der Songtext-Challenge mitmacht - ansonsten behandelt sie wie andere Texte, deren Urheberschaft nicht in Euren Händen liegt.

Diese Texte habe ich in den verbasizer eingefügt, ganz üblich mit copy&paste. Ich habe dafür alle 6 Flächen genutzt, die zur Verfügung stehen. Daraufhin habe ich "verbasize" angeklickt und im Fenster darunter wird dann das Ergebnis sichtbar. Meinem Eindruck nach funktioniert der verbasizer wie eine Art Text-Schredder, der nach Zufallsprinzip Textschnipsel aus den Originaltexte ausschneidet (zum Teil werden auch einzelne Wörter zerschnitten), und hintereinander in einer Art Fließtext ausgibt. Wie David Bowie es in seinem Video erklärt, habe ich es auch gemacht: Ich habe mir die Schnipsel notiert, die mich angezogen haben und habe sie rausgeschrieben bzw. in ein neues Dokument gepackt.
Es ist jede Menge Schrott dabei - ich habe über 20 Mal den verbasizer angeschmissen, um auf 29 etwa drei bis fünf Worte umfassende Schnipsel zu kommen. Dabei habe ich nach etwa achtmal verbasizen zunächst alle Füllwörter aus den Originaltexten entfernt, später alle Satzzeichen und zum Teil besitzanzeigende Fürwörter. Die output-Qualität hat sich leicht, aber nicht nennenswert gesteigert. Vielleicht gibt es noch andere Methoden, das tool so zu füttern, dass die Ausbeute steigt - aber in diesem ersten Versuch habe ich es dabei belassen.

Das ist der "Rohtext" oder das Textmaterial, das dabei entstanden ist bzw. das ich ausgesucht habe (jemand anderer hätte vermutlich andere Schnipsel ausgewählt):
Schatten umschlungen
kennen meinen Weg
Laubkaskaden haben mich bewegt
Lust Augen Wege

Wie Wahrheit ganz haben
hole ich Stürme
Mut in uns
Mut meint uns

War Neues fremd
Augen zeigen nicht
auf wohin
Mut legt Land

durch alte Wahrheit fremd
Wo schwebt leicht weit deine Flut
leicht umschlungen leg dich
Anbeginn aller Wahrheit

schwebt Mut
Wo lange Schatten steigen
Flut und Farben sind doch in dir
eintauchen dich kennen

wohin mein Schatten zeigt
Wahrheit irgendeine
Dir steht Lust
Zeit gut ruiniert

Augen auf wozu
Das liegt wie Wahrheit auf dem Weg
fremde Haut
Wo immer nah die Nacht
was Mut endet

Zwischenfazit:
Es sind einige poetische Wendungen darunter, einige bizarre und überraschende und etliche, auf die ich im Normalzustand wohl kaum gekommen wäre. Durchaus inspirierend. Die Struktur mit mit je vier Zeilen ist von mir - es erschien mir übersichtlicher und handlicher.
Man kann nun auf unterschiedliche Arten mit diesem Rohmaterial umgehen. Bowie hat einige der Schipsel zu einem "topic" gemacht und seine Texte drum herum gebastelt und dabei immer wieder Wendungen aus dem Rohmaterial eingestreut. Im Video sieht man zudem, wie er - von Musikern unterstützt - mit diesen Schnipseln improvisiert und daraus entstehen dann weitere Zeilen und Textideen.

Ich bin so vorgegangen, dass ich im Wesentlichen das Rohmaterial als Steinbruch benutzt habe, Zeilen neu arrangierte und sie grammatikalisch leicht angepasst habe. Dabei habe ich mich von drei topics leiten lassen: Mut, Wahrheit, Nacht/Schatten. Diese topics tauchen in meinem - nun bewußt gestalteten - cut up-Text mehrfach auf. Man kann freilich auch andere Bezüge interessant finden und als Schwerpunkte empfinden. Und man kann aus dem Rohmaterial etwas ganz anderes arrangieren. (Nur Ihr dürft es nicht - es sei denn, Ihr macht bei der Songtext-Challenge mit. Oder Ihr füttert den verbasizer mit Euren eigenen Textfragmenten oder mit Zitaten aus Material, das urheberrechtlich bzw. verwertungsrechtlich nicht geschützt ist.)

Hier ist nun das Ergebnis - mein cut up-Text, basierend auf drei Textfragmenten, die ich durch den verbasizer gejagt und dann bearbeitet habe:

Wo immer nah die Nacht


Wo immer nah die Nacht
leg leicht umschlungen Dich
wie die Wahrheit in den Weg

Wohin mein Schatten zeigt
legt Mut Land
Flut und Farben sind in Dir

Eintauchen, Dich kennen
Augen auf, wozu
Mut meint uns

Wo leicht und weit Deine Flut schwebte
war Neues fremd, war fremde Haut

Wo lange Schatten steigen
liegt die Wahrheit auf dem Weg
und Mut schwebt

Lust und Augen holen Stürme
eintauchen, Dich kennen
Mut in uns

Wo leicht und weit Deine Flut schwebt
ist Neues nah, endet fremde Haut

Wie die Wahrheit
will ich Dich und mich
ganz haben

Ist dies nun ein Songtext oder ein Gedicht?
Auf jeden Fall würde meiner Ansicht nach der Text als Gedicht taugen. Einen Songtext kann ich erahnen - entweder als gesprocher/gesungener Text über einer Soundlandschaft, ähnlich wie es beispielsweise Patti Smith (allerdings mit oft weit längeren Texten) macht oder Alin Coen oder auch andere, eher poetisch ausgerichtete Menschen. Oder indem man wieder Füllwörter einbaut und damit die unterschiedlichen Zeilenlängen ausgleicht, strukturell mehr in Richtung Strophen und Refrain geht oder ähnliches. Das habe ich hier nicht gemacht - ganz einfach, weil ich es bei meinen anderen eigenen Texten auch nicht tun würde. Ich lasse den Text eher eine Weile auf mich wirken, bis mir musikalisch etwas einfällt bzw. ich beim jammen etwas finde, von dem ich denke, dass es passen könnte (das passiert nicht selten unbeabsichtigt) und dann erst werde ich den Text noch mal anfassen. Beruht im Wesentlichen auf Erfahrungen, die ich gemacht habe und die sich bewährt haben oder ist einfach eine meiner Vorlieben - je nachdem.

Ich mag den Text und er kommt bei mir in jene Kladde, in die ich immer mal wieder schaue.

Wer den verbasizer selbst einmal ausprobieren möchte: Nur zu - der Mut und die Neugier sollen Euch leiten. Oder schaut mal in die Songtext-Challenge cut up-Methode einmal rein und lasst Euch dort inspirieren oder noch besser: Macht mit!

Herzliche Grüße

x-Riff
 
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Ist dies nun ein Songtext oder ein Gedicht?
Eher Gedicht. Was nicht bedeutet, dass man es nicht trotzdem auch vertonen könnte. Es käme dabei vielleicht eine interessante neue Art von Komposition heraus.

Interessant wäre auch, wenn man das fertige Musikstück genauso durch Cut-Up-Technik verändern könnte. Würde vielleicht am besten mit Ambient-Trance Musik funktionieren und gesprochenem Text darüber.

Es ist jede Menge Schrott dabei - ich habe über 20 Mal den verbasizer angeschmissen, um auf 29 etwa drei bis fünf Worte umfassende Schnipsel zu kommen.
Erstmal; RESPEKT! vor Deiner Geduld mit diesem Tool. Ich habe heute Nachmittag einige Cut-Up Generatoren ausprobiert, incl. Verbatizer. Aber ich hatte, ehrlich gesagt, zu wenig Geduld um aus meist willkürlichen Satzfragmenten Brauchbares auszufiltern.

Von der Funktionalität am intuitivstem und am übersichtlichsten finde ich noch den hier:


Aber auch der hat viel Unsinn ausgespuckt. Wenigstens geht er intuitiv zu bedienen.

Wie gesagt; Mein Respekt vor Deiner Geduld.

Ich persönlich lasse lieber wieder Auge und Hirn die gefälligsten Worte und Bilder aussortieren und das Unterbewusstsein entscheiden, was wohin soll.

Fazit; Einfach mal alles ausprobieren. Die ausgefallendsten Ideen kommen immer aus Ecken aus denen man es kaum vermutet. Die Idee mit per Cut-up gewürfelten Musik-Samples kam mir auch erst, nachdem ich die Cut-up Generatoren ausprobiert habe. Dachte mir; sowas müsste es für Musik-Samples geben. Habe ich aber noch nicht gefunden. Für Hinweise wäre ich dankbar.

So denn; frohes Schnipseln!
 
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Von der Funktionalität am intuitivstem und am übersichtlichsten finde ich noch den hier:

Cut-up generator — Punk Rock AI
Danke für den Hinweis - werde ich auch mal ausprobieren! Finde ich sowieso sehr cool hier - diese Hinweise und Inspirationen, die man durch Feedback, viel Offenheit und das Darlegen der eigenen Wege und Vorgehensweisen bekommt. Die eigenen Texte macht man ja eher im eigenen Kämmerlein ...

Mein Respekt vor Deiner Geduld.
Danke. Ich hab so meinen Ehrgeiz, der darin liegt, etwas tatsächlich auszuprobieren. Und: Beim Schauen von Bowies Video wird deutlich, wie wichtig es ist, mit diesen zufallsgenerierten Schnipseln tatsächlich kreativ, sehr sessionorientiert und jam-artig umzugehen. Man darf keine fertigen Texte erwarten - eher Anregungen durch bizarre Interventionen. Es hat mich auch daran erinnert, wie wir früher musikalische Ideen, Einfälle, Riffs Stunden um Stunden gespielt haben, bis irgendwas Brauchbares dabei herauskam. In der Zwischenzeit bin ich viel ergebnisorienter geworden - und vermisse gleichzeitig dieses Spielen ohne zu wissen, ob was dabei herauskommt. Irgendwas zwischen ernsthaft und einfach machen - und Freude dabei haben (und mitunter Leerlauf und Frust).

Vielleicht ist es das, was die cut up-Methode und so tools wie der verbasizer gerade mit mir machen: dieses Element des Spielerisch-Experimentellen wieder hervorholen. Und da ist Geduld gefragt. Und wie es der Zufall so will: gerade habe ich auch Zeit.

Interessant wäre auch, wenn man das fertige Musikstück genauso durch Cut-Up-Technik verändern könnte.
Ich habe zwar auch eine musikalische Ideen-Bank, die ich ab und an durchstöbere. Doch anders als bei Textfragmenten spüre ich kaum noch den Grundimpuls, von der der musikalische Schnipsel, den ich dann - oft behelfsweise mit dem Handy - aufgenommen habe ... aber vielleicht ist das auch eine Frage der technischen Grundlagen: vielleicht wäre alles einfacher, wenn es einfacher aufrufbar wäre ...

x-Riff
 
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Diese Cut-Up-Methode ist schon super.
Ich würde aber einfach eine KI nutzen, mit eigenen Vorgaben wie das Ergebnis aussehen sollte (Struktur, Reimformen, usw) und von ihr meine gesammelten Schnippsel neu zusammenfügen lassen.

Die Idee mit per Cut-up gewürfelten Musik-Samples kam mir auch erst, nachdem ich die Cut-up Generatoren ausprobiert habe. Dachte mir; sowas müsste es für Musik-Samples geben. Habe ich aber noch nicht gefunden. Für Hinweise wäre ich dankbar.
Das geht in Ableton* mit Simpler und Sampler relativ einfach und mit verschiedenen Methoden. Es gibt auch vst-Plugins dafür.
Mehr schreib' ich hier dazu nicht, weil oT.
 
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Die Idee mit per Cut-up gewürfelten Musik-Samples kam mir auch erst, nachdem ich die Cut-up Generatoren ausprobiert habe. Dachte mir; sowas müsste es für Musik-Samples geben. Habe ich aber noch nicht gefunden. Für Hinweise wäre ich dankbar.
Das geht in Ableton mit Simpler und Sampler relativ einfach und mit verschiedenen Methoden. Es gibt auch vst-Plugins dafür.
Mehr schreib' ich hier dazu nicht, weil oT.
Dank für Frage bzw. Idee und Hinweise!
Ich will das auch hier nicht weiterführen, frage aber meinerseits, ob wir dazu im musikalischen Bereich nicht einen thread aufmachen sollten? Könnte passen in "Musik Praxis", Unterforum "Sonstiges" (bei Musiktheorie habe ich das Gefühl es geht zu sehr in Richtung Theorie ...). Titel vielleicht "cut up tools für Musik und Arrangement" oder so?

x-Riff
 
Ich denke nicht das hier im MB dafür großes Interesse vorhanden wäre. Ich habe das auch bloß erwähnt, weil ich darüber gestolpert bin als ch ein paar Ableton*-Videos geguggt habe in denen das gezeigt wurde.

Nur ein nicht ganz so oTer Hinweis noch, man könnte in Ableton* auch eine Vocal-Spur in jedes einelne Wort, oder nach Zeilen usw. teilen (slicen), und die entsehenden Samples gezielt per Midi (-Tastatur, oder -Editor) oder auch zufällig abspielen.
 
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Das ist ziemlich inspirierend. Und zugleich hab ich ein wenig Unlust, weil es dann doch auch KI ist, oder nicht?
andererseits, so lange es eigenen Schnipsel sind, die auch ausgedruckt und gemixt werden könnten ...
Dein Text bietet jedenfall viele Punkte zum weiterphantasieren.
 
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Das ist ziemlich inspirierend. Und zugleich hab ich ein wenig Unlust, weil es dann doch auch KI ist, oder nicht?
Ne KI funktioniert ziemlich anders. KI imitiert im Grunde und nutzt dazu eine riesige Datenmenge, Algorithmen und prompts als Anweisungen. Dabei versucht die KI etwas zu erstellen, dass der Erwartung eines guten oder beliebten Songtextes möglichst nahe kommt und die prompts mit einbezieht.
Der verbalizer hingegen "schneidet" nach Zufallsprinzip Textschnipsel aus Texten oder Textblöcken, die Du selbst dort reingestellt bzw. kopiert hast, heraus und stellt Dir diese Schnipsel als ne Art Fließtext zur Verfügung.
Das ist ähnlich wie meine in den beiden ersten Selbstversuchen durch Würfel ermittelten Zeilen, die aus bestehenden Texten genommen wurden - also auch wieder Zufallsprinzip (anders als KI, die nach der größten Wahrscheinlichkeit oder einer Erwartung vorgeht), nur quasi analog und auf Zeilen bezogen. Das wiederum ähnelt sehr dem analogen Zerschneiden eines bestehenden Textes nach Zufallsprinzip und dem neu Zusammensetzen (entweder nach Zufallsprinzip oder nach eigenem Dafürhalten oder einer Mischung daraus) des Zerschnittenen - daher der Name der cut up-Methode (Auseinanderschneiden).

Letztlich kannst du nicht erwarten, dass dabei ein überzeugender Text herauskommt - oder Du musst eben fast unendlich mal würfeln bzw. unendlich oft neu zusammensetzen. Das käme in etwa auf den joke heraus, dass man tausend Affen tausend Schreibmaschinen und genug Papier gibt - und irgendwann kommt dann dabei ein Shakespeare Sonett heraus ... oder wie mit dem Lottogewinn: je öfter Du setzt, desto wahrscheinlicher ist, dass Du gewinnst - aber bis zum Hauptgewinn kann es sich doch elend lange hinziehen ...

Deshalb geht man in einem letzten Schritt die Schnipsel mit dem eigenen Menschenverstand und dem eigenen Gefühl durch und komponiert oder arrangiert daraus etwas Neues. Der Mensch steht also am Schluss der Kette und sortiert, fügt hinzu, läßt weg, arrangiert, schafft eine Struktur etc. Das ist dann auch der Grund dafür, dass bei einer Songtext-Challenge bei zehn Leuten aus einer Gesamtmenge an Textmaterial, aus dem sie sich bedienen, zehn unterschiedliche Texte dabei rauskommen ...

x-Riff
 
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Ja - danke für die Erklärung!
 
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