[Effekt] - Zoom Multistomp MS-60B

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Der japanische Hersteller Zoom hat sehr früh das Potenzial der Digitaltechnik in der Musikelektronik erkannt und praktisch als einer der ersten mit dem 9001 in den frühen 90er Jahren ein digitales Multieffektgerät entwickelt, lange bevor andere Hersteller dieses Feld beackerten...Erfahrung dürfte auf diesem Sektor also ausreichend vorhanden sein.

Während man mit dem B3 offenbar noch versucht hat, eingefleischte Nutzer von Einzeltretern ins Lager der Multieffekt-User rüberzuziehen, indem man ihnen quasi 3 frei konfigurierbare Einzeltreter in einem gemeinsamen Gehäuse anbot, richtet sich die neueste Entwicklung - das MS-60B - eher an diejenigen, die nur den Platz eines Einzeltreters haben oder opfern wollen, damit aber mehrere Effekt-Aufgaben erschlagen wollen.

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Optik
Das MS-60 kommt in stabiler, aber sympathisch kleiner Pappschachtel, enthalten sind auch Batterien und 3-sprachige Bedienungsanleitung, letztere im Kleinformat der Gerätegrundfläche. Von außen macht das Gerät eine sehr gute Figur. Obwohl man zwar die Grundfläche eines Standard-Einzeleffektes beibehalten hat, wurde die Gehäuseform ergonomisch optimiert, so daß sie etwas nach vorne gekippt ist und sich so dem Fuß 'entgegenneigt'.

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Das stabile Zink-Druckgußgehäuse ist in der gleichen Farbe lackiert wie das B3, was die technische Verwandtschaft unterstreicht. Anders als bei vielen bekannten Einzeleffekten betätigt man hier zur Aktivierung des jeweiligen Effektes keine Trittplatte, sondern nur einen Toggle-Schalter, der einen sehr angenehmen Druckpunkt hat und offenbar nur noch auf einen Microswitch wirkt, anstatt die auf sehr hohen Druck ausgelegte und technisch längst überholte Mechanik klassischer Netzspannungsumschalter zu verwenden, was bei vielen Herstellern jahrelang der Fall war.

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Rund um den Fußschalter ist ein versenkt angebrachter Tasterkranz zur Menusteuerung vorhanden, auch die drei Regler sind trittsicher auf einer Schräge zwischen Fußschalter und Display angebracht. Die Beschriftung mit Piktogrammen ist für meine Begriffe nicht so selbst erklärend, wie das wohl vom Hersteller gedacht ist, denn ohne die unverzichtbare Lektüre der Bedienungsanleitung ist die Funktionalität schwer zu durchdringen. Das liegt aber wohl hauptsächlich daran, daß ein Gerät mit so umfassenden Funktionen und Konfigurationsmöglichkeiten eben entweder mit Knöpfen und Reglern übersät sein müßte, oder eben die meisten der Bedienorgane eine Mehrfachfunktion haben, die z.B. von der Länge des Tastendrucks oder auch vom jeweils gerade aufgerufenen Menu abhängt.
Durch die nicht vorhandene Trittplatte erübrigt sich auch das Gefummel beim Batteriewechsel, beim MS-60 gibt es dafür ganz einfach ein konventionelles Batteriefach am Gehäuseboden.

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Technik
Auffälligstes Merkmal beim Auspacken ist für den Kenner von Einzeltretern wohl die Tatsache, daß zum Netz-unabhängigen Betrieb wohl hier zwei Mignon (AA) Zellen erforderlich sind anstatt des sonst üblichen 9V-Blocks. Auf den ersten Blick steht die Beschriftung des rückwärtigen Netzteil-Anschlusses dazu im Widerspruch, denn der erwartet durchaus ein 9V Netzteil, ich vermute aber, daß man diesen Netzteileingang auf die verbreiteten 9V ausgelegt hat, um zu den Netzteilen und Floorboards am Markt kompatibel zu bleiben, denn die liefern außer den 9V bestenfalls noch 12V für einige Exoten, nicht aber 3V. Mit der niedrigen Betriebsspannung folgt man dem Trend der Entwicklung bei den DSPs, die bei immer schnellerer Abtastung des Analogsignals mit immer geringerer Leistung auskommen. Was mir nicht so gut gefällt wie beim B3 ist die Gehäuse-bündige Netzbuchse, bei der ein erforderlicher Hohlstecker zwangsläufig sehr viel Angriffsfläche bietet, wenn man mal dagegen kommt. Das war wie gesagt mit der versenkten Buchse beim B3 besser gelöst, vielleicht hatte man aber in diesem kompakten Gerät einfach nicht genügend Platz dafür.

Digitale Signalprozessoren bieten inzwischen ja sehr umfangreiche Programmiermöglichkeiten, wobei ein Teil der Betriebsparameter erst vom Benutzer festgelegt wird (und sofort bei der Einstellung auch gespeichert wird), während der andere Programmteil bereits bei Auslieferung als 'Betriebssystem' im Speicher des Prozessors liegt und über den vorhandenen USB Anschluß überschrieben werden kann, wenn eine neue Firmware des Herstellers veröffentlicht wird.
Das digitale Herz der Maschine wird auch durch das Nichtvorhandensein herkömmlicher Potis unterstrichen, mit denen man bei Analogeffekten noch die Parameter einstellen konnte (und die dann irgendwann anfingen zu kratzen). Die Drehregler des MS-60 sind daher auch Endlos-Impulsgeber, d.h. sie verändern im Inneren bei Betätigung keinen Widerstandswert, sondern sie erzeugen bei Betätigung nur eine Reihe von Rechtecksignalen, die an einem Eingang des DSP ausgewertet werden und z.B. zur Erhöhung oder Verminderung eines Einstellparameters führen. Jeder dieser Drehregler kann auch gedrückt werden, wobei er einen Mikroschalter betätigt, dessen Funktion auch von der jeweiligen Menusituation abhängt.

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Das Display hat zwar keine Smartphone (Foto)-Qualität, bietet ansonsten aber die bereits vom B3 bekannten grafischen Darstellungen der jeweiligen Effekte und Parameter, läßt insofern also keine Wünsche offen. Es kann per Menukonfiguration auch kurzzeitig oder dauerhaft beleuchtet werden, je nach angetroffenen Beleuchtungsverhältnissen und Stromversorgung.
Bei Ein- und Ausgangsbuchsen des Analogsignals ist man konventionell geblieben um möglichst kompatibel zu den restlichen Tretern auf dem Effektbord zu bleiben, der Eingang ist rechts, die beiden Ausgänge sind links, für die Verwendung von nur einem Ausgang ist die Monobuchse gekennzeichnet.

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Bedienung
Während die Konfiguration des gerade im Display angezeigten Effektes nahezu intuitiv über die drei Regler geschieht, die man bereits vom B3 kennt, ist das 'Surfen' durch die einzelnen Effektgruppen und deren Anordnung etwas gewöhnungsbedürftig. Mittels der vier Himmelsrichtungsschalter rund um den Fußtaster bewegt man sich durch die Effektgruppen und -arten, außerdem kann man sich damit eine Kette von bis zu 4 Effekten einstellen, deren Anordnungsreihenfolge sich auch beliebig ändern läßt, wenn man zB den Equalizer vor dem Kompressor haben möchte und nicht umgekehrt. Bei der 4er Kette gibt es allerdings Grenzfälle, sofern man sehr rechenintensive Emulationen (wie z.B. bestimmte Amp Simulationen) verwendet. In dem Fall kann es passieren, daß der Prozessor an seine Leistungsgrenze stößt, weshalb man einen der 4 Effekte dann entweder austauschen oder 'auf Durchzug' stellen muß.
Mit den Nord/Süd Tasten schaltet man durch die einzelnen Effektgruppen,mit den Ost/West-Tasten innerhalb einer Gruppe durch die jeweiligen Effekte. Dabei gibt es im Display unmittelbar nach dem Schaltvorgang eine Hilfestellung, wo man sich gerade befindet, bespielsweise bedeuten die Symbole im nachstehend oberen Teilbild, daß man sich innerhalb der Equalizer-Gruppe auf dem Effekt Nr.2 befindet und sich rechts und links davon jeweils noch ein weiterer Equalizer befindet, während das untere Teilbild den 3. von drei möglichen Kompressoren anzeigt, zwei weitere gäbe es noch rechts davon.

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Die Bedienung ist zwar im Grunde logisch, trotzdem muß man Anfangs die Anleitung zu Rate ziehen, um nicht die Reihenfolge der zu drückenden Tasten zu verwechseln, aber das ist wohl bei jedem komplexeren Gerät so und wer ein Smartphone bedienen kann, kommt da sicher bald mit klar.

Eine tolle Sache ist der Tuner, den man durch längeres Drücken des Fußschalters aufruft (sofern man diese Funktion nicht ausdrücklich im Menu anders konfiguriert hat). Er bietet alle gängigen Tunings und darüber hnaus auch die wichtige Funktion, die es bei der ersten Firmware Version des B3 nicht gab: er schaltet auf Wunsch den Ausgang stumm!

Sound
Was mich hier genauso nervt wie beim B3 ist die Art und Einstellung der Presets, die großenteils entweder ziemlich nutzlos erscheinen oder aber zumindest in den Einstellungen nachgeregelt werden müssen, so ist zB die Verstärkung in vielen Fällen deutlich zu hoch. Aber das ist sicher zu einem gewissen Teil auch Geschmackssache, vielleicht mache ich ja auch nur die falsche Musik...

Hat man aber die - zugegebenermaßen manchmal etwas langwierigen - Einstellungen gefunden, ist der Sound für ein digitales Gerät sehr beeindruckend. Sicher für manchen Bassisten ganz nützlich ist die Zoom-eigene Rauschunterdrückung, die man bei Bedarf in die Effektkette hängen kann, auch die Kompressoren und die Verstärkersimulationen hören sich für mich sehr authentisch an, soweit ich das beurteilen kann. Auf YouTube gibt es bereits einige Soundsamples von passabler Qualität, soweit das die Laptop Lautsprecher im Bassbereich überhaupt zulassen.

Insgesamt bietet das Gerät 58 Effekte, davon sind 6 Amp-Simulationen, 19 sind der Dyn/Fltr-Gruppe zugeordnet (Kompressoren, Limiter, Equalizer, Wah etc), 11 der Od/Dist-Gruppe (Zerren, Overdrives, Preamps etc), 14 der Mod/Sfx-Gruppe (Tremolo, Phaser, Chorus, Octaver etc) und 8 der Dly/Rev-Gruppe (Hall, Delays, Synthies, Defret, Slap etc).

Fazit
Ich halte das MS-60B trotz einiger kleiner Kritikpunkte für ein sehr gelungenes Gerät zum fairen Preis. Es bietet sich nach meiner Einschätzung hauptsächlich für den Bassisten an, der mehrere Effekte als Dauereinstellung fährt und obendrein noch einen zusätzlichen Tuner einsparen möchte, also z.B. die Dauerkette Kompressor, Amp-Simulation und Equalizer, was dann vielleicht gelegentlich mal kurz gegen die Kette Kompressor, Amp-Simulation, Equalizer und Distortion getauscht wird. Was überaus praktisch ist, ist die Tatsache, daß sich das Gerät bequem im Basskoffer mitführen läßt, bei der relativ langen Batterielaufzeit hält es auch ohne Netzteil die Probe aus. Natürlich lassen sich auch Akku-Zellen anstelle der Alkali-Mangan verwenden, wegen der geringeren Zellenspannung von 1,2V muß dann aber im Menu der Batterietyp umgeschaltet werden.
Wer häufiger einzelne Effekte an- und abschalten möchte, ist nach meiner Einschätzung wahrscheinlich mit dem B3 besser bedient. Ich werde aber erstmal beide behalten. :)


Technische Daten:
58 Effekt-Typen
4 Effekte gleichzeitig nutzbar
50 Patch Speicherpläte
20Hz-20kHz Frequenzgang
+5dBm max Ausgangspegel an >10kOhm Ausgangslast
7 Std Batterie Laufzeit bei AA Alkaline
350g Gewicht
99,-Eur Strassenpreis im Februar 2014
 

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Das B3 und der Multistomp haben etwas von der eierlegenden Wollmichsau, sehr reizende Gerätschaften.
Was mich bei allen Zoom Geräten stört ist das veränderte Orginalsignal, besonders auch im Bypass.
Das letzte Gerät das ich von Zoom durch Kauf und baldigen Umtausch kannte war das B2.
Hat sich inzwischen bei Zoom in Sachen Signaltreue etwas getan ?
 
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Ich habe da auch beim B3 nichts feststellen können, was ich für einen elektronisch realisierten Bypass außergewöhnlich halten würde und was mich insofern stören würde. Ich habe aber auch nicht getestet, ob es zwischen direkter Kabelverbindung und Bypass-Schaltung der Geräte einen eklatanten Unterschied gibt. Das spielt für mich insofern nicht die große Rolle, weil ich den Klang des Instrumentes zunächst in der Bypass-Position am Verstärker in Abhängigkeit von den örtlichen Bedingungen einstelle, bis ich das höre, was ich für das Optimum an Clearsound ansehe. In diesem Moment spielt es dann für mich keine Rolle mehr, ob sich das ganz ohne Effektgerät - also nur mit Kabel oder Funkstrecke - anders anhören würde, denn diese Umschaltsituation von Bypass auf Nur-Kabel gibt es ja nicht im live Betrieb.

Natürlich kann auch der Grund sein, daß dieser Aspekt für mich insofern keine ernsthafte Rolle spielt, daß ich nicht so der Voodoo-Priester bin, der Klangunterschiede verschiedener Kabel bemerkt oder bemängelt, ich nutze ja nichtmal die Kabelimpedanz-Simulation an meiner line6-Funkstrecke...weil mir dieser Effekt eben egal ist.

Insofern bin ich wahrscheinlich nicht kompetent, diese Frage hinreichend zu beantworten, vielleicht kann da ein anderer B3- oder MS-60 user etwas mehr zu sagen. Rein von der technischen Seite betrachtet, wird ein elektronisch realisierter Bypass vermutlich mehr Einfluß auf das Analogsignal haben als ein einfacher mechanischer Umschalter, aber wenn das auch im Falle des MS-60 so sein sollte, findet es in einem Bereich statt, der von mir weitestgehend unbemerkt bleibt bzw mich nicht stört. Umschaltknackser wären hingegen ein Aspekt, der mich sehr wohl stören würde...aber die erzeugt definitiv keines der mir bekannten Zoom Geräte. :)
 
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