Gear - "Teuer vs. Günstig" ....

hack_meck
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Ich denke als Ausgangsbasis sei an dieser Stelle mal ein Querpass ins Nachbarforum erlaubt ...

Bei Bassic im Podcast wurde im Rahmen eines Podium Talk mal das Thema zwischen Usern mit unterschiedlichem Background diskutiert und als Besucher von 30+ Gitarren/Bass Werkstätten, war ich auch eingeladen meine Sichtweise einzubringen.

Hier ein wenig die Quintessenz aus dem Gespräch ...

Im Prinzip sitzen wir da im gleichen Boot, denn welcher Bass der "Go-To" wird, lässt sich nicht wirklich am Preisschild ableiten. Sehr wohl aber, was "mehr" geboten wird und wohin wahrscheinlich die Kohle geflossen ist (Arbeitszeit & Teile). Die kurze Version => im günstigen Segment lohnt sich eher die Auswahl nach Komponenten, da sich Arbeit und Holz(Qualität) nicht vorhersehbar unterscheiden werden. Im teuren Segment wird man das mehr an Arbeitszeit (subtil) merken. Dadurch wird aber kein "nicht passender Bass" passend! Der passende Bass wird aber wahrscheinlich noch mal vertrauter, besonders wenn z.B. die Greifhand sich wohler fühlt. Wir reden hier aber nicht von Welten, sondern von den Stellen nach dem Komma.

Und hier das volle Paket - ne Stunde "Easy Listening" ... für eine Auto/Zug-Fahrt.


View: https://open.spotify.com/episode/2xVAGz1MzP7LZulZVJwYrM

Letzte Woche war ich dann zufällig in Wien bei einem "Schnellspieler Gipfeltreffen" und habe dort auch den Ibanez Verantwortlichen für DE getroffen. Zur Ergänzung der Herstellersicht haben wir dann noch das folgende Video aufgezeichnet.


View: https://youtu.be/7QfGOl_NCxc?si=JqUV997WADW4Qayi


Hier ein kleiner Überblick zu meinen Wahrnehmungen, basierend auf den Besuchen. Nicht abschließend, nicht endgültig ... sondern nicht mehr als der Versuch darzustellen, wie individuell die Hersteller - trotz teilweise gleichem Preisschild - zu ihrem Ergebnis kommen. Nix was man wissen oder in seine Entscheidung "einpreisen" muss, eher als Erklärung, woher die eigenen unterschiedlichen Wahrnehmungen bei der Bewertung einer Marke herkommen.

Here we go ...

Im Prinzip geht es um die unterschiedlichen Wege die eingeschlagen werden, um ein Produkt zu produzieren. Zum Schluss ist das für 99,9 % der Spieler nicht relevant, denn sie entscheiden basierend auf dem Produkt, welches sie in den Händen halten! Ich bin keineswegs davon überzeugt, dass das "perfekte" Instrument (im Sinne Instrumentenbau), auch das perfekte Instrument für uns/mich ist.

Mit im Boot sind Big Names wie Fender, Warwick/Framus, Taylor, MusicMan, G&L, Schecter, ESP, Taylor, Lakewood, PRS und Co., die auf mittleren bis sehr gehobenen Preisniveau aber immer noch im wesentlichen ne Produktion am Laufen haben. Es sind aber auch einige Boutique Hersteller vertreten, die sowohl individuell als auch regelmäßig ausserhalb der typischen Budgets bauen. (Tom Anderson, Santa Cruz, National ...)

Als Person bin ich weit davon entfernt eine Automatisierung zu verdammen, wenn der Mensch die Verantwortung behält. Und dieser Teil 2 des Satzes ist dann auch Risiko und Chance einer günstigen Produktion. Wieso? Wie im Talk gesagt, basiert der Ruf von Gibson den Holy Grail gebaut zu haben im Prinzip auf einer Streuung nach oben in ihrer Produktion der Jahre 1958/59/60. Und selbst bei denen die positiv herausstechen stellt sich die Frage, ob sie dies nur tun, weil sie in sehr talentierte Hände geraten sind? Meine eigene Suche würde ich als: "Spieler mit Macken, sucht Gitarre mit kompatiblen Macken" beschreiben. Minus x Minus = Plus. :)

Bin ich auf dieser Suche, so werden mich mehr individuelle Werkstücke finden, als Klone. Ibanez baut tolle und hochwertige Sachen bei FGN in Japan - alle gleich - keine durfte bleiben. Auf der anderen Seite halten ihre Endorser die Instrumente sehr, sehr lang. Andy Timmons (Gitarrist) spielt seine Gitarre seit mehr als 20 Jahren. Die Kiste ist so alt und abgenudelt, dass man derzeit versucht ihm eine per Relic in den Bereich seiner haptischen Wahrnehmung des Originals zu versetzen. Bei der Telecaster bin ich daher auch bei LsL (Lance Lehrman - nördlich von Los Angeles) gelandet. Keine Gitarre von ihm war perfekt und ich habe ca. 10 Versuche gebraucht, bis ich meine 2 Tele for Life gefunden habe.

Wie kommt es dazu?

Tom Anderson - er stammt aus der Zeit als Schecter ausschließlich Gitarrenparts hergestellt hat, eben weil die Managemententscheidungen bei Fender den Markt - durch ihre fragliche Qualität - geöffnet haben. Er beantwortet die Frage nach dem Verbesserungspotential der Strat mit "kann ich eine Liste machen? Wie viel Zeit haben wir? Und von dem Verbesserungspotential hat er in den letzten 40 Jahren einiges abgearbeitet. Sei es der Neck Joint mit deutlich weniger Spiel (er verwendet eine 3-D Trapez Form die sich sehr gut "setzt"), oder die Ruhezeiten des Halses im Bauprozess, der jede Art von Twist erfolgreich verhindert. Seine Hälse die man an Valley Arts, Pensa, Fender (als Replacement) findet sind legendär. Alle haben eine "Birthmark" der Halter-Vorrichtung seiner ersten CNC, die sie unverwechselbar machen. (Er bräuchte das heute nicht mehr, die Hälse haben die Birthmark behalten).

Er ist also sehr früh in CNC eingestiegen und hat später alle anderen Interessierten eingearbeitet. Kalifornien war da ein offenes Buch. Jeder hat jeden unterstützt. Bob Taylor war einer der Besucher bei ihm und auch dort stehen die gleichen CNC wie bei Tom. Taylor hat aber auf der anderen Seite auch seinen eigenen Weg gefunden. Ihre Designs baut Andy Powers in der Hütte hinter seinem Haus. Und dann brauchen sie 1 1/2 Jahre, um daraus eine wiederholbare Produktion zu machen und ihre Werkzeuge in der eigenen Werkstatt selbst zu entwickeln und zu schnitzen - und da ist der Metallbohrer auch schon mal 2 Tage in einem Werkstück unterwegs, um die nötige Form herzustellen. Taylor versucht also die Ideen von Andy durch industrielle Produktion zu skalieren und dabei die Eigenschaften des "Golden Master" dabei zu erhalten.

EINSCHUB: Randy von Boogie hat ja Fender Amps aufgewertet und während Carlos Santana einen probiert hat, türmten sich die Passanten vor seinem Laden. Das war Handarbeit und diese Stelle gibt es auch in ihrem Werk noch. Randy entwickelt Sachen "analog", sein Team und er versuchen das Master in industriellen Bau mit Lötstation und Platine umzusetzen. Dafür gibt es auch immer wieder Kritik, denn Menschen lieben die Illusion der Handarbeit. Randy sagt aber, dass die Streuung in Handarbeit zu hoch wäre. Er selbst kann 400 Verstärker im Jahr bauen ... der Markt will eher 4000. Also bräuchte er Jose A bis Jose Z um in Handarbeit die anderen 3600 zu bauen. Nur ist die Streuung zwischen den Jose's in Handarbeit größer. Die Menge Lötzinn, die verwendete Hitze und und und ... würden aus einem Design 10 unterschiedliche Produkte machen. Also will er Kontrolle durch einen industriellen Ablauf mit unzähligen Teststationen und einer Eingangskontrolle, die den Zulieferern den Schweiß ins Gesicht treibt.

Auch bei MusicMan findet man die CNC, sie reden aber nicht gerne drüber, denn aus ihrer Sicht mag der Kunde gerne glauben, das sein Instrument individuell entstanden ist. Da geht es also um das Image des "Custom Shop".

G&L (jetzt leider geschlossen) ist hingegen voll auf Handarbeit ausgerichtet. Die Baseballcap des Lackierers hat soviel Lack obendrauf, dass man die Cap auch pproblemlos als Helm verkaufen könnte. In der Werstatt waren jede Menge Arbeiter mit Schleifblock und abgeklebten Fingern, um die Haut zu schützen. Mitten drin das Lab von Leo. Am Abend vor seinem Tod wollte er partout nicht nach Hause, sondern weiter an PU Designs arbeiten. Seine Frau hat ihn gezwungen ... am folgenden Morgen war er Tod.

PRS sitzt auf der anderen Seite der USA (Nähe Washington). Sie haben ein ausgewachsenes Holzlager, während man in Kalifornien eher von Zulieferern kauf. PRS hat, nachdem er von Werkstatt zu Fabrik gewechselt ist, den Holzeinkäufer von Martin Guitars abgeworben. Er kauft "Rohprodukt" und nicht beim "Holzhändler". Auch dies - Expertise vorausgesetzt - hilft dabei besondere Stücke zu bekommen. Das Equivalent in DE ist "Spange" bei Warwick. Er hat im Möbelbau gelernt und hat vor Warwick fleißig Rohholz für Furnier gekauft. Irgendwann hat er mich mal angerufen, ob ich nach Rotterdam kommen kann. Dort wollte er mir zeigen, wie er einen Stamm bewertet bevor er ihn kauft. Es war sozusagen der vorläufig letzte seiner Art, denn der nächste für den Export freigegebene Stamm der Art, wird erst in 5 Jahren auf den Markt kommen. Auch Warwick hat ein sehr umfangreiches Holzlage und die meisten Hölzer lagern vor dem Verbrauch mehr als 7 Jahre.

Santa Cruz Guitars (Edel-Akustik) hat mir ein Stück Holz gezeigt, welches er in Chicago bei der Schließung einer Bar erworben hat. Dies zum Zeitpunkt, als man die USA versucht hat trocken zu legen und Alkohol verboten hat. Er hat aber auch Holz aus der Arktis von einer Expeditionsstation ... vormals ein Toilettenhaus. Die klimatischen Bedingungen haben das extrem gut konserviert. Und im Heimatort Santa Cruz (1,5 Stunden südlich San Francisco) ist beim Bau einer Brücke auch ein fast 3000 Jahre alter Stamm aufgetaucht, der durch die Sedimentschicht luftdicht verschlossen war. Bei seinem geringen Durchsatz, gehen solche Holzfunde als Quelle durchaus. Bei Taylor definitiv nicht.

So individuell Santa Cruz ist ... trotzdem findet man auch dort moderne Maschinen. Allerdings aus einem anderen Denkansatz! Ihre Funkion ist es, Belastung des Menschen zu reduzieren - also Vorarbeiten zu leisten. Die meisten seiner Mitarbeiter müssten nach Gesetz bereits in Rente sein. Was jedoch das Alleinstellungsmerkmal von Santa Cruz ist, ist die pro Gitarre individuelle Bebalkung der Decke. Je nachdem wo man da Material abnimmt, wirken diese Holzstreifen wie ein EQ. Leute die den "Naturton" also in den Ton einer fertigen Gitarre übersetzen können, können auch Gitarren mit vorhersehbarem (und vollständigen) Klang bauen.

Kommen wir zum anderen Ende des Spektrums. Die Firma mit der höchsten Automatisierung ist derzeit Warwick. Von der Eingangskontrolle des Materiales, bis zur automatisierten Hals, Bund, Schliff Maschine ... ist alles ein sehr kontrollierter Ablauf. Aushärtung des Lack mit ähnlichen Werkzeugen wie beim Zahnarzt (Füllung, Versiegelung) ... usw. Streuung basiert am Ende bei ihnen ausschließlich auf Holz, PU und Streuung bei den elektronischen Bauteilen. Vom Rest, ist nix dem zufall überlassen. Anders bei den oben genannten LsL und G&L (und an vielen Stellen auch Fender). Dort ist der Anteil "Mensch und Tagesform" um einiges höher.

Ist jetzt was besser? NEIN ... siehe oben ... Instrument mit seinen Macken, seiner Philosophie, seinem Holz, der eingeflossenen Liebe, der eingeflossenen Ingenieurskunst ... spricht zu mir, oder nicht ...

Was meine ich zu "günstig"? Die Produktionsprozesse bei allen "gut und günstig" Herstellern sind auf einem wiederholbarem Niveau an der Stelle, dass die Spezifikation die Qualität mehr bestimmt als die Tagesform. Trotzdem ist da Streuung drin und es lohnt sich nach der "Guten" zu suchen, der Spread - oder Zielkorridor - ist schlanker geworden. Daniel sagte oben im Video "Heimfrequenz" ...

Was meine ich zu "teuer"? Raus rechnen muss man sicher immer das Image und die Materialien (z.B. das Mammut in meiner PRS). Wenn der verbleibende Rest in Bezug auf die Holzauswahl und Komponenten sicher stellt, dass der Gitarrenbauer viel Zeit mit dem Instrument verbracht hat, so ist das Preisschild gerechtfertigt. Wie im Talk berichtet, bin ich Fan von Relic ... weniger wegen der Optik, als mehr von den nötigen zusätzlichen Arbeitsschritten die erfolgen und bei denen der Gitarrenbauer immer wieder das Produkt bewertet (und verbessert). Auch dies steht und fällt natürlich mit der Einstellung zu Sache und der Frage, ob ich mich als Gitarrenbauer hinter einem Herstellernamen verstecken kann. Spätestens wenn der Verantwortliche "bekannt" ist, wird er noch einmal mehr hinschauen, um keinen Mist zu liefern.

Bei Tom Anderson verlässt keine Gitarre den Laden (ca. 40 pro Woche), die er nicht selbst in der Hand hatte und bei der er nicht seinen Segen gegeben hat.

Durch meine Reisen habe ich sicherlich einen anderen Blick auf die Sache, denn viele meiner Käufe hängen natürlich auch an den Geschichten, die mit dem Besuch einhergingen und den Gesprächen, die ich mit den Jungs geführt habe. Durch die Bank offen, denn in meiner Rolle für die Foren, bin ich nicht "Geschäftspartner", sondern im wesentlichen Gesprächspartner mit an vielen Stellen gesammelten Eindrücken. Und mit relativ vielen von ihnen schreibe ich auch regelmäßig.

Gruß
Martin
 
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Sehr schön!

Noch 2 Anmerkungen: (1) Ich war an einer der (oder DER) ersten CNC-Produktion im Balginstrumentenbau beteiligt, als IT-Heini. Die Wiederholgenauigkeit war fabelhaft, das Instrument hervorragend. Ob das alle Kunden so mögen? Steht auf einem anderen Blatt, und manche finden eben auch die ungleichen Töne der alten Instrumente "charaktervoller", als die "Perfektion" eines guten Werkzeugs.

(2) Meine Lieblings-Steelstrings sind von Michael Gurian, aus den 70s und 80s. Er hat sehr viel Wert auf das Holz gelegt (teilweise haben wohl auch die Leute in Nazareth/PA dort gekauft...) und er hat SEHR viel Wert auf Mechanisierung und Serienfertigung gelegt. Halt zu Vor-CNC-Zeiten. Und: Er gilt als (einer der) "Erfinder" der "Boutique-Steelstrings". Die übrigens günstiger waren, als eine Serien-D-18 oder -28 aus Nazareth...
Nach dem (zweiten) Brand seiner Gitarrenwerkstatt hat er auf Inlays (mit CNC) umgestellt, https://www.gurianinstruments.com/
 
Ob das alle Kunden so mögen?

Wir wissen nicht, für wen das "Mojo" in welchem Verfahren versteckt ist. In in der abschließenden Wahrnehmung zu einem Instrument vermischen sich ja auch technische und emotionale Effekte zum persönlichen Gesamtbild. Ich sage jetzt mal absolute Vorteile eines "True Temperament Fret" System vs. daraus resultierende "optische Irritation". Und das ist gut so, denn so gibt es mehr als einen Weg zum Ziel und dadurch auch mehr Auswahl.

Was wir alle am Anfang lernen müssen! Unser Kopf wird uns nicht beim ersten Versuch zur richtigen und endgültigen Auswahl eines Instrumentes bringen können. Wir müssen probieren, wir müssen erfahren und befingern ... Wir sollten uns daher den Stress des "One Shot" (mit dem wir ja gerne eine größere Geldausgabe "schön" reden) nehmen und akzeptieren, dass Instrumente unter uns "rotieren", bis alle Töpfe einen Deckel haben.

Gruß
Martin
 
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Was wir alle am Anfang lernen müssen!
Auch bei den Gurians brauchte ich den Blindtest, der aber dankenswerterweise einstimmig ausfiel. Wer wollte als Jugendlicher in den 70s schon eine Steelstring, die nicht aussah, wie eine Dread oder eine Jumbo?
 
  • Haha
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