Gesangsunterricht FAQ

von IcePrincess, 19.05.06.

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  1. IcePrincess

    IcePrincess Vocals Ex-Moderator

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    Erstellt: 19.05.06   #1
    Als Anfänger, also bisher Gesangsunterrichts-loser Sänger, ist man oft unsicher, wie man erkennen kann, ob ein Gesangsleherer "etwas taugt". Hier ein Paar Fragen, Antworten und Hilfestellungen.

    Ich bin doch Anfänger. Muss ich dem/der was vorsingen wenn ich zum ersten Mal hingehe?

    Kein Gesangslehrer wird von Dir verlangen, dass Du irgendwelche Stücke vorträgst, wenn Du blutiger Anfänger bist. Einen kleinen Eindruck davon, was Deine Musiker-Board-Kollegen in ihrer ersten Gesangsstunde erlebt haben, findest Du hier.


    Ich will auch was anderes machen als komische Übungen. Außerdem hab' ich doch meine Band!

    Wenn Du in einer Band singst sollte eines der Ziele sein, Dein Repertoire Song für Song mit dem Lehrer durchzuarbeiten. (Ja, die tun das! An irgendwelchen Stücken musst Du Deine frisch erworbene Technik doch auch üben.) Der kann Dir dann in jedem Song helfen, die Klippen zu umschiffen und einen Gig so für Dich müheloser zu gestalten.
    Auch wenn Du ein Gig hast, solltest Du das dem Lehrer gegenüber ganz offen ansprechen und ihn um Hilfe bitten. Ich kenne keinen Gesangslehrer, der seinen Schützling nicht optimal auf ein Konzert vorbereitet, wenn er dafür noch etwas Zeit hat.


    Merke ich das auf der Bühne??

    Nicht sofort. Ich denke, dass Du ein viertel bis halbes Jahr brauchen wirst, bis Du die neuen Techniken auch im "Bühnenstress" anwenden kannst.
    Mir geht es jedenfalls bis heute so, dass ich unter Lampenfieber die neuesten technischen Errungenschaften ganz schnell wieder vergesse.


    Bei uns gibt es leider nur klassischen Unterricht. Kann mir das etwas bringen?

    Für den Anfang dazu ein klares Ja. Jeder Klassiker kann dir die grundlegenden Basics beibringen. Währenddessen kannst Du selbst nach einem Lehrer im Jazz- Musical- oder Pop-Fach suchen. Vielleicht kennt Dein Lehrer aber auch jemanden, den er Dir empfehlen kann.


    Kann eine Frau einen Mann unterrichten oder umgekehrt?

    Im Prinzip ja, aber dafür brauchst Du einen Stimmbildner, also jemanden, der nicht nur "halt weiß, wie man singt", oder einen Sänger, der sehr viel Erfahrung im Unterrichten hat. Denn Männer und Frauen gebrauchen ihre Stimme seeeehr unterschiedlich. Meine Lehrerin meinte mal, dass sie sich auf die zwei Jungens die sie unterrichtet länger und intensiver vorbereitet als auf alle Frauen zusammen...
    Wenn Du unsicher bist, such' Dir lieber einen Lehrer des gleichen Geschlechts.
    Die Stimmlage des Lehrers selbst ist nicht relevant.


    Woran erkenne ich denn einen guten Gesangslehrer/-in, der auf meiner Wellenlänge schwebt und mir wirklich weiter hilft?

    Die Antwort besteht aus zwei Komponenten - der persönlichen und der technischen.
    Erstmal muss Dein Lehrer Dir persönlich sympathisch sein. Gesangsunterricht hat etwas sehr persönliches, sehr entblößendes, und wenn Du mit Deinem Lehrer nicht persönlich gut auskommst, wirst Du nie aus Dir herausgehen.
    Gerade als Anfänger musst Du Dich Deinem Gesangslehrer blind anvertrauen können und daran glauben, dass er Dir das richtige beibringt.

    Von der Technik her würde ich mal sagen, dass Du schon in der ersten Probestunde das Gefühl haben solltest, als ob die ganze Singerei besser läuft. Du solltest die "Bilder" verstehen (...atme bei dem Ton mal "ein"...), die Dein Lehrer Dir gibt, solltest ein besseres Körpergefühl haben.
    Zugegeben hat es bei keinem meiner vorhergehenden Lehrer so perfekt funktioniert, wie bei meiner jetzigen Lehrerin, aber ich hatte bei jedem Lehrer von Anfang an das Gefühl, als ob mir die Tips und Übungen, die ich kriege sofort helfen. Das dann ohne den Lehrer umsetzen ist noch mal was anderes und dauert, aber zumindest während der Unterrichtsstunden solltest Du von Anfang an das Gefühl haben, dass du müheloser singst und besser klingst. Wenn dem nicht der Fall ist: lieber weitersuchen.
    Falls das mit dem Bildern und dem Körpergefühl nicht klappt, aber die persönliche Schiene stimmt, den Lehrer ruhig darauf ansprechen und fragen, ob er/sie auch andere Tipps hat. Es kann sein, dass gewisse Übungen bei Dir einfach nicht funktionieren, die vielen anderen sehr gut helfen, und die auch dem Lehrer bei sich selbst gut helfen.


    Gut, das hab' ich geklärt, persönlich passt's. Aber das technische Zeugs ist so seltsam und ich kann's halt doch noch nicht einschätzen. Wie finde ich jetzt raus, ob der/die was kann?

    Frag' den Lehrer ganz offen wen oder was (Geschlecht, Stimmlage, Musikrichtung) er sonst noch so unterrichtet, eventuell auch wie lange schon. Je verschiedener die Schüler sind, desto mehr hat der Lehrer wahrscheinlich drauf. Nicht sängerisch, sondern vom Erklären her.
    (... Mezzosopranistin unterrichtet von Koloratursopran bis Bass alles und das seit bis zu fünf Jahren...)

    Die "bis zu fünf Jahre" fordern vielleicht noch eine Erklärung: Im Gegensatz zu Instrumental-Lehrern wirst Du Deine Gesangslehrer nach einiger Zeit wechseln. Kaum jemand hat in der Ausbildungsphase einen Lehrer länger als fünf Jahre. Gute Lehrer legen Dir dann auch den Wechsel nahe. Das ganz einfach deshalb, weil man irgendwann für die Fehler des Schülers blind wird und man ihm auch keine weiteren Tips geben kann, die nicht schon genannt wurden. In dem Punkt übrigens waren sich meine Lehrer einig.


    Hab nur ein bissl Bammel, dass wenn ich mir jetzt nen Gesangscoach nehme, ich dann eventuell zu spät oder garnicht erkenne, das er eigentlich nicht der richtige für mich ist...

    Leider gibt es da auch nicht das Patentrezept "nimm jemanden mit, der was davon versteht", denn Du musst ja die Sprache des Lehrers verstehen, nicht jemand anders.
    Was trotzdem was bringen kann ist, wenn Du Leute fragst, die Du kennst. Wenn jemand Unterricht hat, kennt er meist mehr als einen Lehrer und weiss wer empfehlenswert ist, und wer nicht. Ansonsten: Bei jedem Lehrer wirst Du erst mal eine Probestunde absolvieren. Normalerweise bemerkt man schon in dieser Probestunde, ob es passt oder nicht.


    Was mache ich, wenn der Lehrer mir echt nicht zusagt?

    Wechseln. Ein Gesangslehrer, der nicht zu Dir passt macht mehr kaputt, als dass er Dir hilft. Quäl Dich da nicht zu lange. Es passt, oder es passt nicht. An Gesangslehrer "gewöhnt" man sich nicht.


    Aber wenn er doch der einzige in meiner Gegend ist?

    Trotzdem den Unterricht lieber beenden und mit Literatur und Chor weitermachen. Vielleicht zieht ja mal ein anderer Gesangslehrer in Deine Gegend, oder Du ziehst um.


    Und überhaupt, wo finde ich denn einen Gesangslehrer???

    Die meisten Musikschulen bieten inzwischen Gesangsunterricht für Popular-Musik an.
    Immer ein guter Ort um zu suchen ist die lokale Musikhochschule/Hochschule für Kirchenmusik, falls Deine Stadt so etwas hat.
    Auch größere Musikgeschäfte haben oft Musikschulen angegliedert.
    Anzeigen in Musikbüchereien (falls es bei Dir so was gibt) können genauso eine Anlaufstelle sein, wie Anzeigen im Sperrmüll oder ähnlichen Zeitungen.
    Und natürlich unser Gesangslehrerverzeichnis.


    Was mache ich, wenn es in meiner Gegend doch keinen Lehrer gibt?

    Das ist ein Problem. Wo kein Lehrer ist, kann man auch keinen herzaubern. In solchen Fällen bleibt Dir nichts anderes übrig, als auf Gesangsliteratur zurückzugreifen. Einige Tipps und Bewertungen von Büchern findest Du in diesem Thread.
    Eine Alternative dazu kann es auch sein, in einen gut geschulten Chor zu gehen. Leider ist es auch nicht immer einfach, einen solchen zu finden. Und wenn, musst Du Dich darauf gefasst machen, das diese Chöre meist in Richtung klassischer/kirchlicher Musik gehen.


    Danke an Asphoenix und Tobey, deren Fragen mich auf diese FAQ gebracht haben, und deren Beiträge hier teilweise verwendet wurden. Vielen Dank auch an die vielen anderen, nicht namentlich erwähnten Frager.
    Ich hoffe, dass damit zumindest viele von den Fragen beantwortet sind, die Euch so durch den Kopf schwirren... falls nicht, schreibt mir bitte eine PN, dann können wir die FAQ natürlich noch nachbessern.

    Ice
     
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  2. antipasti

    antipasti Singemod Moderator

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    Erstellt: 04.08.07   #2
    Hallo,

    dieser Text soll dazu dienen, die häufig gestellten Fragen zur Notwendigkeit und dem Lohnenswert von Gesangsunterricht zu beantworten.

    Erstmal: die Frage ist nicht einfach mit Ja oder nein zu beantworten. Wir kennen alle aus der Musikwelt Autodidakten, die tolle Sänger sind und ausgebildete Sänger, die uns gar nicht so gut gefallen. Stimmen, die krank klingen, aber faszinierend. Aber auch ausgebildete Stimmen, die uns durch ihren Umfang und ihren Ausdruck auf die Knie fallen lassen. Um rauszufinden, was für einen selbst der beste Weg ist, hier ein paar Aspekte, die bei der Frage "Gesangsunterricht ja / nein" immer wieder eine Rolle spielen.

    Welcher "Lerntyp" bin ich?
    Es gibt Menschen, die haben Schwierigkeiten, etwas von einem anderen anzunehmen und umzusetzen. Sie erlernen besser etwas, in dem sie ausprobieren, sich spielerisch, kreativ und ohne Druck mit einer Materie auseinandersetzen. Bei jenen wird Gesangsunterricht weniger Erfolg haben. Es könnte sogar dazu führen, dass sie die Lust verlieren. Andere wiederum "brauchen" die Vorgaben, wüssten gar nicht, wie sie anfangen sollten, wenn es ihnen niemand sagt. Jene sollten sich auf jeden Fall für den Unterricht entscheiden.

    Welches Ziel habe ich?
    Was will ich überhaupt? Will ich Punksänger werden oder Bluesmusiker? Will ich später mal auf großen Musicalbühnen stehen oder gar an die Oper? Will ich an Castingshows teilnehmen? Oder will ich nur mal auf Omas Geburtstag eiin Ständchen zum Besten geben? Je nachdem, wie Ziele gesteckt sind, ist Unterricht mehr oder weniger notwendig... für eine Profikarriere als Opern- oder Musicalsänger wird eine ausgebildete Stimme in der Regel vorausgesetzt. Für den ersten Lärm zu drei Akkorden im Übungskeller kann man die Entscheidung auch erstmal hinten anstellen, um sich selbst auszuprobieren (aber bitte nicht so, dass es im Hals weh tut). Nach einer Zeit wird man besser und mit wachsender Erfahrung steigt auch der Anspruch an sich selbst. Genügt man seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr und kommt mit dem Naturtalent über längere Zeit nicht mehr weiter, ist Unterricht empfehlenswert.

    Wieviel Talent bringe ich von Natur aus mit?
    Schaffe ich es schnell, Gehörtes oder Gedachtes in Töne umzusetzen und zu singen? Kann ich mit meiner Stimme spielen, sie verstellen, alle möglichen Geräusche und Laute erzeugen (zB. human Beatbox)? Habe ich ein rhythmisches Talent? Wie finde ich mich selbst als Sänger, wie reagiert die Umwelt, wenn ich anfange zu singen? Wer viel Talent mitbringt, braucht vielleicht eher keinen oder weniger dringend Unterricht. Dennoch kann er/sie mit Unterricht seinen Gesang noch verbessern (s.o.: welches Ziel habe ich?).

    "Tötet" Unterricht den eigenen Stil?
    Gesangsunterricht "tötet" die Authentizität, wird manchmal behauptet - besonders wenn es um Musikstile geht, die urprünglich eng an ein bestimmtes Milieu, soziale Herkunft oder die eigene Erlebniswelt geknüpft sind wie Blues, Soul, Punk u.ä. ... das ist nur teilweise richtig. Wahr ist wohl, dass die wenigsten berühmten Punkrocker oder Blueslegenden mit Gesangsunterricht begonnen haben, aber trotzdem Stars sind. Wahr ist auch, dass es keine Lehrmethode für Punkrocktechnik gibt. Wer keinen gesteigerten Wert auf technische Vollkommenheit legt, seine ganz persönliche Ausdrucksform, seine ganz eigene Note von allein finden möchte oder schon gefunden hat und damit zufrieden ist, kann gut ohne Gesangsunterricht auskommen. Wer aber unzufrieden ist oder merkt, dass dabei der Hals oft weh tut und die Luft wegbleibt, der muss sich nicht schämen, seine Technik nachträglich mit ein paar Gesangstunden zu korrigieren. Besonders wer viel und häufig singen will/muss, kann davon profitieren. Unterricht zerstört nicht zwangsläufig den eigenen Stil. Er kann helfen, bereits Vohandenes optimal einzusetzen. Wer allerdings von Anfang an Unterricht nimmt, wird vertrauensselig erstmal das tun, was der Lehrer ihm vermittelt. Das kann (muss nicht) den eigenen Stil zumindest beeinflussen - positiv wie negativ... womit wir direkt zum nächsten Punkt kommen:

    Kann Unterricht auch schaden?
    Zwar wird immer wieder gesagt "Unterricht kann nicht schaden". Aber auch das ist nicht ganz richtig. Gerät ein unerfahrener Schüler an den falschen Lehrer, der plump und ohne Rücksicht auf den bestmöglichen Einsatz der Stimme des Schülers seine Lehrmethode durchzieht, kann Unterricht höchst kontraproduktiv sein. Bei klassisch orientierter Schulung kommt es auch vor, dass der / die GL auf Grund einer Fehleinschätzung den Schüler im falschen Stimmfach unterrichtet.

    Kann singen ohne Unterricht der Stimme schaden?
    Klar. Falsche Technik, Rumgeschreie aus dem Hals, zu lange, zu viel, zu laut. All das kann der Stimme nachhaltig schaden.

    Fazit
    Wir sehen, das ist eine Sache von "kann, muss aber nicht". Im Wesentlichen ist es ein Frage von Talent, Leidenschaft, Ziel, Typ und auch Glück. Das Schwierige ist wohl, herausfinden, wie es damit um einen selbst bestellt ist. Man kann wohl abschließend sagen: wer Sänger ist und dies mit Leidenschaft, der wird es einfach tun und lernen - auf die eine oder andere Weise, ob mit oder ohne Unterricht.

    Wer sich klar für den Gesangsunterricht entschieden hat, möge nun hier weiter lesen:

    https://www.musiker-board.de/vb/faq-workshop/132327-gesangsunterricht-faq.html

    ... viel Spaß
     
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