Hans Werner Henze Sinfonien 7&8

von LordAbstellhaken, 15.04.09.

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  1. LordAbstellhaken

    LordAbstellhaken HCA Tonsatz HCA

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    Erstellt: 15.04.09   #1
    Um den Bereich etwas zu beleben poste ich hier ein Review, das ich auch in einem anderem Forum geschrieben habe.
    Da es mein erstes ist, bitte ich um Gnade bei der Kritik... :/

    Anmerkung: Ich habe hier häufig allgemein geschrieben, um auch Leute anzusprechen, die gar nichts mit Neuer Musik am Hut haben.

    [​IMG]

    Label:
    Wergo

    Vö:
    2008

    Spielart:
    Neue Musik, zeitgenössische Klassik

    Interpreten:
    Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
    Marek Janowski

    Weitere Informationen:
    http://www.schott-musik.de/shop/persons/featured/8708/
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Werner_Henze

    Tracklist:
    Symphonie Nr. 7:
    1. Tanz
    2. Ruhig bewegt
    3. Unablässig in Bewegung
    4. Ruhig, verhalten

    Sinfonia No° 8:
    5. Allegro
    6. Allegramente con modo tenerezza e ballabilità
    7. Adagio


    Umsonst wird HENZE als einer der bedeutendsten zeitgenößischen Komponisten gesehen, wenn er der breiten Masse nicht allzu bekannt ist.
    Dabei sollte er es sein, wie viele andere dieser, ich muss leider fast schon sagen, "Untergrundbewegung".
    Daran ist leider auch die Schulbildung und gewisse Fernsehsender schuld, aber das wäre wieder ein anderes Thema.

    Die Klassik ist nicht tot, sie lebt weiter und hat sich über die Jahrhunderte konstant entwickelt.
    Einen dramatischen Einschnitt gab es mit den drei großen Meistern: Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern.
    Schönberg der Lehrer, die anderen beiden die Schüler und alle haben sie einen ganz unterschiedlichen Stil entwickelt.
    Diese "Revolution" Anfang des 20. Jahrhunderts, die leider auch die Ignoranz und den Hass der Nationalsozialisten auf sich zog, war ausschlaggebend für die Entwicklung der klassischen Musik unserer Zeit.

    Eine Aufklärung über die Zweite Wiener Schule, bzw. die Stile und Kompositionstechniken der Neuen Musik wäre viel zu umfangreich, als dass ich sie hier weiter ausführen könnte.
    Aber ein paar weitere Informationsquellen kann ich angeben:
    http://www.schoenberg.at/
    http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Musik
    (ein Verlag der fast ausschließlich Neue Musik druckt:)
    http://www.universaledition.com/noflash_de.htm

    HANS WERNER HENZE ist auch ein Teil dieser Entwicklung.
    Früh hatte er sich der "Diktatur" des Serialismus abgewandt und wanderte nach Italien aus, weil er eben den Serialismus als "Einengung der Kreativität" empfand.

    Seine Werke beschäftigen sich unter anderem auch mit politischen Themen.
    Er selbst ist links orientiert, teils sogar kommunistisch und bringt das auch immer wieder in einige seiner Werke ein.

    Die beiden hier aufgenommenen Sinfonien sind allerdings unpolitisch, teilweise an Beethoven orientiert, teilweise an Shakespeare.

    Die "Symphonie Nr. 7" wurde, inspiriert von Beethoven, im Juli 1984 uraufgeführt.
    Nicht nur die deutschen Vortragsbezeichnungen und Titel, auch die Form enstpricht hier in etwa der klassischen Beethoven orientierten Sinfonie.
    HENZE selbst bezeichnet sie als seine klassischste Sinfonie.
    Zusätzlich als "deutsche" Symphonie handelt sie auch von deutschen Dingen.
    Eine andere große Inspiration findet HENZE in dem Dichter Friedrich Hölderlin, die teilweise wie Programmusik in der Symphonie verarbeitet wird.

    Der erste Satz ist klassisch einer Sonatensatzform entsprechend aufgebaut, versteckt sind auch einzelne Melodiezitate aus Kompositionen vergangener Meister zu hören.
    Schließlich steigert er sich zu einem Exzess und der Eindruck ständiger, unablässiger Bewegung überlagert schlussendlich die Sonatensatzform.

    Der zweite Satz "eine Art Trauer-Ode, ein Klagelied, ein Monolog"
    Die ruhige, aber dennoch düstere Stimmung, wird immer von Ausbrüchen unterbrochen.

    Der dritte Satz, wie ein Scherzo gehalten, soll die Qualen des eingekerkerten Hölderlins musikalisch umschreiben. Hier werden sogar die Folterinstrumente in Noten übersetzt.
    In diesem Falle ist der Satz übrigens ganz gut vergleichbar mit Mahlers, oder Schostakowitschs brutalen und aggressiven Scherzi.

    Der vierte Satz ist der Programmusik am nächsten. Hier wird ein Gedicht Hölderlins in Noten gesetzt.

    Mit gelben Birnen hänget
    Und voll mit wilden Rosen
    Das Land in den See,
    Ihr holden Schwäne,
    Und trunken von Küssen
    Tunkt ihr das Haupt
    Ins heilignüchterne Wasser.

    Weh mir, wo nehm ich, wenn
    Es Winter ist, die Blumen, und wo
    Den Sonnenschein,
    Und Schatten der Erde?
    Die Mauern stehn
    Sprachlos und kalt, im Winde
    Klirren die Fahnen.

    Der herbstlichen Idylle wird hier eine kalte sprachlose Welt entgegengesetzt und so geschieht es auch musikalisch.
    Den anfänglich weichen, süsslichen Klängen des Orchesters folgt nach einer gewichtigen Generalpause, ein düsteres kaltes, scharfes musikalisches Bild.

    Die "Sinfonia Nr. 8" ist hier etwas beschwingter und heiterer, kein Wunder schließlich war die Inspiration zu diesem Stück Shakespeares "Sommernachtstraum".

    Die Inspiration des ersten Satzes war die Aufforderung Oberons, an Puck die magische Blume zu suchen, deren Sekret bewirkt, dass man sich unweigerlich in die Person verliebt, die man als erstes sieht.
    Dieser Aufforderung kommt er auch nach und sagt: "Rund um die Erde zieh' ich einen Gürtel in vier mal zehn Minuten".
    Das ganze vollzieht sich dann musikalisch als eine Reise durch den Tonraum.
    Er startet in der Mittellage, reist entgegen des Uhrzeigersinns zum Südpol, wo die tiefsten Noten liegen, erreicht danach den Osten, also hier wieder in der Mittellage, reist zum Nordpol, hört musikalisch die Eiszapfen in hohen Tönen klirren und kehrt am Ende wieder zum Ausgangspunkt zurück.

    Im zweiten Satz, einer meiner Lieblingssätze auf der CD, versucht die Elfenkönigin, unter dem Einfluss des Sekrets der magischen Blume, den in einen Esel verwandelten Handwerker Zettel zu verführen.
    Der unbeholfene Esel wird hier durch eine Posaune charakterisiert.
    Die Königin Titania wiederum von den wendigen und äußert zarten Streichern.
    Es ist ein Tanzsatz, hier aber anders als in der "Symphonie Nr. 7", ein gutartiger, elfenhafter Tanz.

    Der dritte und letzte Satz ist der "Friedensschluss, die Versöhnung, Verbrüderung, auch mit mir selbst, und die Geste dazu wird gemacht, von einem der die Ruhe liebt und sucht", so Henze.
    Konkret geht es um die Schlussrede von Puck("Wenn wir Schatten euch beleidigt"), in der alles zum Traumspiel erklärt wird.
    Allerdings sind Einzelheiten aus der Rede in dem letzten Satz nicht wirklich herauszuhören

    Interpreten und Aufnahmequalität:
    Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt hier wirklich sehr gut. Auch dem Dirigenten merkt man an, dass er den Stoff verstanden hat und er setzt ihn auch dementsprechend zielstrebig und gekonnt um.
    Wer eventuell eine Alternative sucht, der kann sich eine Aufnahme der siebten von Simon Rattle anhören. Auch er weiß es, den Stoff gut umzusetzen.
    Ich habe zwar schon Aufnahmen anderer Werke mit größerem dynamischen Umfang gehört, aber auch hier ist es eigentlich ganz gut gemacht.
    Der Klang ist fein genug, um Details herauszuhören, aber anders als bei einer AC/DC Platte muss man hier vorsichtig mit dem Lautstärkeregler sein, da es von einem Moment zum nächsten, zu verheerenden Ausbrüchen kommen kann.

    Anmerkung und Fazit:
    Neue Musik ist anders als viele Spielarten der Unterhaltungsmusik, oder der Klassik vor 1900.
    In manchen Metal und Rock(Progressive, Avantgarde, etc.), bzw. Jazzformen(Free Jazz, Modern Jazz, Avantgarde Jazz) finden sich Elemente der Neuen Musik, bzw. der zweiten Wiener Schule.

    Jeder der sich noch nie damit auseinandergesetzt hat, wird erst mal verwundert sein, was es überhaupt so an Musik geben kann.
    Hier sei aber angemerkt, dass HANS WERNER HENZE ein gemäßigter zeitgenößischer Komponist ist und man deswegen leichteren Zugang dazu findet.
    Wichtig ist, dass man offen für die Musik ist, Arroganz, Ignoranz und Vorurteile abschaltet, sich ein wenig informiert und dann eine EIGENE Meinung bildet.
    Fazit also: Jeder der gerne über den Tellerrand schaut, Neues entdecken will und sich nicht bei ein paar Dissonanzen in die Hose macht, dem sei diese CD unbedingt empfohlen.
    Jeder der sich gern von Britney Spears, André Rieu, Hans Zimmer, Karl Jenkins, hardcore tonaler Musik und Dieter Bohlen verzaubern lässt, sollte in Deckung gehen, wenn er diese CD sieht.

    Aber Vorsicht:
    Diese CD erfordert genaues hinhören und ist nicht als Gedudel im Hintergrund gedacht.
    Es ist wirklich zu empfehlen, sich das ganze mehrmals anzuhören.