Keine Zeit

von Josh18, 19.06.18.

  1. Josh18

    Josh18 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 19.06.18   #1
    Hallo! Ich melde mich mal wieder mit einem frisch geschriebenen Gedicht von mir, diesmal mit etwas anderem Inhalt.
    Ich hoffe wie immer auf konstruktive Kritik und eure Meinung!

    Keine Zeit

    Mensch gegen Natur,
    Tickende Uhr,
    Freiheit gegen Geld,
    Nichts was mich hier noch hält,
    Radikalisierung gegen Toleranz,
    Globalisierung und Todesangst,
    Krieg gegen Frieden,
    Die richtige Zeit zum verlieben,
    Politische Konflikte, Machtkampf zwischen Großmächten,
    Zunehmende Delikte, Heulkrampf in dunklen Nächten,
    Gruppenzwang und Freiheit,
    Selbstverwirklichungsdrang, aber keine Zeit,

    Sucht nach dir, ich such´ nach dir,
    Hab kaum was von dir, will aber viel,
    Woran soll ich mich noch halten, außer an dir,
    Mach aus dem du und ich doch endlich ein wir
     
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  2. antipasti

    antipasti Singemod Moderator

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    Erstellt: 21.06.18   #2
    Ganz ehrlich: Der erste sozialkritische Text hier in letzter Zeit, der durch knappe Klarheit und Schlichtheit überzeugt und alle "Systembaustellen" schnörkellos abarbeitet, und dabei sogar noch einen Twist zu einem Lovesong schafft. Finde ich gut gemacht.
     
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  3. Josh18

    Josh18 Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 21.06.18   #3
    Wow, vielen Dank für die netten Worte!
     
  4. Dr. SMUF

    Dr. SMUF Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 23.08.18   #4
    Okay erster eindruck hat mich überzeugt, ist echt gut geworden! Im 2. moment ist mir aufgefallen, dass du echt viele unterschiedliche themen ansprichst. das ist wahrsch das schwierigste beim texten, beim thema zu bleiben. sonst überforderst du mich quasi beim verstehen. reimtechnisch top, rappst du das auch?
     
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  5. Jed

    Jed Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 31.08.18   #5
    Ganz ehrlich - ich kann nichts damit anfangen. Ein längeres Gedicht und ein 4-zeiler, die nichts miteinander zu tun haben. Reimwörter, die verpuffen, weil sie in unregelmäßigen Abständen fallen. Offensichtlich gewollte Reime, die aber haarscharf aneinander vorbeigehen, also unsauber sind. Ein Text, das ein Gedicht sein soll, aber nicht "singt", keinen Flow hat.

    Die letzten vier Zeilen könnten den Kern eines Liebesgedichts werden, wenn die Sprache weniger sperrig wäre.

    So habe ich den Text wahrgenommen.:nix:

    Konstruktiv gesagt: vergiss zunächst die Reimwörter und konzentriere dich auf den Sprachrhythmus. Und entscheide dich zwischen Weltschmerz und Herzschmerz - oder finde einen Weg, eine Brücke, um sie zu verbinden.

    Cheers,
    Jed
     
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  6. Josh18

    Josh18 Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 01.09.18   #6
    Ja das Gedicht entstand sozusagen nach dem Erstellen einer Art Mind-Map, bei der ich nunmal viele verschiedene Themen und Wörter notiert habe, die ich ins Gedicht einbauen wollte. Dadurch kam es zu den vielen verschiedenen Themen, die dann nur kurz angesprochen werden, weswegen der Tiefgang des Textes fehlt.
    Trotzdem danke für das Feedback und nein, bisher hab ich den Text noch nicht versucht irgendwie musikalisch umzusetzen, also auch noch nicht versucht ihn zu rappen.
    MfG
    --- Beiträge zusammengefasst, 01.09.18, Datum Originalbeitrag: 01.09.18 ---
    Danke für deine konstruktive Kritik, kann deine Punkte verstehen, finde das Gedicht als solches persönlich trotzdem gut, auch wenn der Tiefgang bzw. das Eingehen auf die verschiedenen angesprochenen Themen natürlich zu kurz kommt.
    Es ist natürlich immer Geschmackssache, denke ich und ich finde auch, dass eine gewisse "Brücke" zwischen Weltschmerz und Herzschmerz besteht, durch die Zeile "die richtige Zeit zum verlieben", die in dem Teil des Gedichts ist, der sich eher mit dem Weltschmerz beschäftigt, woraufhin ich dann am Ende mehr oder weniger Bezug nehme und nochmal aufgreife, dass man sich trotz der Missstände auf der Welt verlieben kann und auch sollte.
    MfG
     
  7. MamaMuuht

    MamaMuuht Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.09.18   #7
    @Josh18

    Ich finde es sehr klasse! Respekt. Erinnert ein klein wenig an Casper.
     
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  8. Jongleur

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    Erstellt: 24.09.18   #8
    Hab mal nach der Metrik im Text geschaut. Hat natürlich immer einen leicht subjektiven touch. ;-)

    Mensch gegen Natur,
    Tickende Uhr,
    Freiheit gegen Geld,
    Nichts was mich hier noch hält,
    Radikalisierung gegen Toleranz,
    Globalisierung und Todesangst,
    Krieg gegen Frieden,
    Die richtige Zeit zum verlieben,
    Politische Konflikte, Machtkampf zwischen Großmächten,
    Zunehmende Delikte, Heulkrampf in dunklen Nächten,
    Gruppenzwang und Freiheit,
    Selbstverwirklichungsdrang, aber keine Zeit,

    Sucht
    nach dir, ich such´ nach dir
    Hab kaum was von dir, will aber viel,
    Woran soll ich mich noch halten, außer an dir,
    Mach aus dem du und ich doch endlich ein wir

    Die Lyriker würden so ein Gebilde freien Vers nennen, also Verse ohne erkennbaren regelmäßigen (alternierenden) Rhythmus. Hat man durchaus im Hiphop / Rap. Gegen die Anwendung dieses Genre auf den Text spricht allerdings die Verslänge. Würde man diesen Text in Bars schreiben, würden aus den vielen Endreimen Binnenreime und manche Bars wären infolge der Verschiebungen ohne Endreim.

    Den Einwand gegen unreine Reime bzw.
    Reimverschleppung teile ich nicht. Heute ist es normal, mal einen Reim zu biegen. Also etwa: .... Zwang und Frei-HEIT/ ... aber keine ZEIT. Natürlich ist das Geschmacksache. wird aber reglmäßig und oft mit großem Witz angewandt (Siehe "spitten")

    Mein wichtigster Kritikpunkt: Auffällig ist, dass im zweiten Teil die Katenzen ( der Schluß der Zeile) rhythmisch deckungsgleich sind (XxxX) Meine Vermutung: Diese einfachen Worten standen nicht in deiner Mindmap. Die hast du frei getextet und dabei automatisch deiner Sehnsucht nach Rhythmus bewußt oder intuitiv Ausdruck verliehen. ;-)

    Die Stichpunkte deiner Mindmap hingegen hast du vermutlich übernommen, ohne sie metrisch weiter zu überarbeiten, Das ist verständlich... aber auch eine Faulheit, die sich ein anspruchsvollerer Texter vermutlich nicht mehr erlauben würde. Sorry. Ich kenne durchaus die Situation: Man baut stundenlang an einer Minmap. Dann überträgt man das Gebilde in dein Dokument. Sieht nicht uninteressant aus... schnell noch eine Hook dichten ... und nun, statt es liegen und reifen zu lassen... SEND...:D.

    Zum Inhalt sag ich nur soviel, dass auch ich heutzutage froh bin, eine Partnerin zu haben, mit der ich mich gut verstehe. Man könnte am Zustand der Welt wiedermal verzweifeln.

    Aber da mich manches an der Form deines Textes noch stört, kann ich die Botschaft nich so feiern wie bei einen stimmigen Textgebilde, welches ich wieder und wieder lesen muß. ;-)

     
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  9. Josh18

    Josh18 Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #9
    Wow, danke für die netten Worte. Ein Vergleich mit den Texten von Casper ehrt mich sehr, da ich selbst auch Fan bin.
    Dankeschön!
    --- Beiträge zusammengefasst, 26.09.18, Datum Originalbeitrag: 26.09.18 ---
    Vielen Dank für die wirklich gute und umfangreiche Kritik.
    Und ja, das hast du genau richtig erkannt, der zweite Teil war nicht Teil der Mindmap, sondern wurde relativ schnell und ohne viel darüber nachzudenken miteingebaut.
    Trotzdem danke, dass du dich mit meinen Text beschäftigt hast und ich werde definitiv einiges mitnehmen können aus deiner Kritik. :)
     
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  10. Jongleur

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    Erstellt: 26.09.18   #10
    Freut mich @Josh18 , dass ich deinen Schreibprozess etwas erahnt habe und dich anregen konnte.

    Aber du hast noch nichts zum 1. Teil geschrieben: Ich erkenne an Hand der Endreime keinen durchgehenden Flow-Pattern.

    1. Täusche ich mich da?
    2. Falls nicht, warum hast du nicht stärker rhythmisiert? Brauchst du da Hilfe? Sagt dir in dem Zusammenhang "Pattern" etwas?
     
  11. Prof.Reverb

    Prof.Reverb Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #11
    Ich sehe das ähnlich wie User Jed. Der Spagat von Sozialkritik und Lovesong ist nicht sonderlich elegant. Was ich dir nicht mal als "schlecht gemacht" unterstellen nöchte. Ich denke, dass das grundsätzlich nicht so einfach ist. Wobei du ja im sozialkritischen Teil noch schreibst, "richtige zeit zum verlieben" oder so. Ja....., aber...... Nein. Ist nicht elegant gelöst. Aber das kann funktioneren.

    Grundsätzlich sage ich immer, dass sich gute Texte nicht aus dem Ärmel schütteln lassen. Richtig gute Texte reifen über eine lange Zeit. Richtig gute Texter schreiben täglich. Sammeln, verändern, überarbeiten, immer und immer und immer wieder. Leonard Cohen hat einige Texte über Jahre hinweg geschrieben. Nur mal so als Beispiel.
    Ich kenne das auch von mir selber. Ich habe Texte, die ich vor 10 jahren angefangen habe zu schreiben und die verändern sich immer mal wieder oder bestimmte Textanteile eines Textes A werden mit bestimmten Textantelen eines anderen Textes verwoben, weil mir aufeinmal auffällt, dass das ganz wunderbar zusammen passt. So sortiert man inhaltlichen Müll und Ballast aus. Das ist für mich der Kern des guten Schreibens. Egal ob Text oder Musik. Ballast los werden. Reduktion auf das nötigste. Auf wirklich das aller aller nötigste um jegliche Belanglosigkeit auf ein mögiches Minimum zu reduzieren. Die Kunst liegt darin, mit möglichst wenig Worten, sehr viel zu sagen. Das gleiche gilt für die Musik. Was nützt einem ein endlos langes phallisches Powermetall Solo, dass nur auf Technik und Schnelligkeit basiert, ohne jegliche Aussagekraft oder Spiri? Gleichs gilt fürs Texten. Man sollte an seine eigenen Texte, den gleichen Aspruch erheben, wie an die wissenschaftlichen Arbeiten, die man vielleicht in seiner Universitätslaufbahn verfasst hat. So wird n Schuh drauß.
     
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  12. Jongleur

    Jongleur Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #12
    Hi, @Prof.Reverb :

    Gestatte, dass ich Dir da klar widerspreche. Wissenschaftliche Fakten oder Definitionen ändern sich gewöhnlich nicht innerhalb von Sekunden. Gefühle, Absichten, Stimmungen schon. Während Wissenschaft hilft, unsere äußeren Lebensumstände zu stabilisieren.... hilft mMn die Kunst, unsere Stimmungslagen zu stabilisieren.

    Deshalb empfehle ich eher, zu prüfen, welche Gefühle man in einem Text ausdrücken will. Sind es mehrere (einerseits Trauer, andererseits Aufbruchsstimmung) empfehle ich, 2 Texte gleichzeitig zu schreiben, so daß beide Stimmungen sich schriftlich "ausleben" können.

    Wissenschaftliche Erkenntnisse sollte sich nicht diametral widersprechen. Das klänge nicht überzeugend. Ein Künstler hingegen, der unterschiedlichste Charaktere gut beschreiben kann, gilt als überzeugend.

    Deshalb meine Empfehlung: Mut zur totalen Widersprüchlichleit! Aber nach Möglichkeit parallel oder besser hintereinander in mehreren Texten. Sonst dauert es tatsächliche von Text zu Text u.U. Jahre.

    Womit ich nicht sage, dass beispielsweise Aufbruchsstimmung ohne Trauer sein muß. Im Gegenteil. Aus sehr verschiedenen Gründen empfehle ich nur, dass am Ende des jeweiligen Textes EINE Stimmung dominieren sollte.
    Ich weiß fast immer vor der ersten Zeile, welche Stimmung siegen wird. Sollte sich das Mitte des Schreibprozesses ändern, schreibe ich den Sinneswandel rückwärts in den Text bis zum Anfang. Das geht meistens schneller, als man denkt. :D


    Bitte um Widerspruch.;-)
     
  13. Prof.Reverb

    Prof.Reverb Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #13
    Da hast du mich missverstanden. Es geht mir nicht um einen wissenschaftlichen Anspruch in Liedtexten. Sondern darum, sich in einer gleichen Intensität, bzw. mit einer vergleichbaren Genauigkeit die Findung der Wortwahl geschehen zu lassen. Deine Dissertation rotzt du ja nicht mal eben runter. unabhängig vom Forschungsanteil, Gliederung etc. steckt in so einer Arbeit ja ganz viel liebe zum rhetorischen Detail. Das meinte ich, was man auch hinsichtlich seiner Liedtexte umsetzen sollte. Die Gneauigkeit, die Hingabe, die Mühe zum Detail. Und die kann sehr wohl auch bei Gefühlsbetonten oder emotionalen texten als Grundvorasusetzung Gültigkeit besitzen.

    Mag sein, aber das was du letztlich mit Worten ausdrückst, kann man auf der Sinnebene beibehalten, aber in der Rhetorik noch verfeinern. Weißt was ich meine?
     
  14. Jongleur

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    Erstellt: 26.09.18   #14
    Hi, @Prof.Reverb , da freue ich mich schon mal, dass Du etwas anderes meinst, als ich verstand, :-)

    Aber der Teufel liegt im Detail. Bob Dylan schrieb mal, dass ein Text wie ein wildes Mustang sei, dass man bis zum Morgengrauen" zureiten solle. "In einer Nacht" ??? Das stand damals für mich im Widerspruch zu meiner Gründlichkeit.

    Ich brauchte Jahre, bis ich mein Problem begriff: Die Fakten sind meist am Morgen die gleichen wie in der Nacht. Aber die Gefühle können nach dem Erwachen völlig anders sein als vor dem Einschlafen.

    Es kann durchaus passieren, dass man in einer Trennungsphase nachts über seine Einsamkeit schreiben MUSS ;-) , aber morgens mit frischen Kräften zu neuen Ufern aufbrechen will. Wenn man Pech hat, schreibt man weder den einen, noch den anderen Text zu Ende.

    Und deshalb stimmt mich deine Argumentation dennoch skeptisch. Ich glaube, wenn ich nachts einen reuevollen Text schreibe und einen sehnsuchtsvollen gleich noch dazu, und morgens einen energiegeladenen Text: "Auf zu neuen Ufer", habe ich am Ende der Woche schon mal 3 Entwürfe, die sich eventuell irgendwie völlig widersprechen können, aber umso menschlicher im Ansatz sind. ;-)

    Akribie kann all das zerstören, wenn man ab zeile 3 seiner rationellen Skepsis ausgeliefert ist. Das ist schlecht für die Konzentration... und KONZENTRATION ist für mich das eigentliche Geheimnis guter Kunst.
    Und Konzentration auf Gefühle ist etwas völlig Anderes als Konzentration auf Fakten. Oder siehst du das anders?

    In einem stimme ich dir aber zu: Man sollte keinen Text veröffentlichen, wo man selber noch klare Reserven sieht. Auch wenn das Internet verführerisch ist... solange ich eigene Reserven sehe, bleibt der Text in der Werkstatt. ;-)

    Einspruch?
     
  15. Prof.Reverb

    Prof.Reverb Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #15
    Das mag sein. Da gebe ich dir durchaus Recht. Als Laie jedenfalls. menschen die damit ihr geld verdienen oder gar mit Literaturnobelpreisen ausgezeichnet werden (Dylan) bezweifel ich, dass die ihre texte mal so eben spontan aus einer bestimmte Laune oder Stimmung heraus runter geschrieben haben.
     
  16. Jongleur

    Jongleur Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #16
    Ich bezweifle das allerdings überhaupt nicht! Ich habe nur dieses Zitat ausgewählt. Insgesamt legt Dylan großen Wert auf die Inszenierung des Augenblicks. Zu Dylans Ästhetik gehört es z.B. auch, dass er fremden Musikern im Studio ein Leadsheed vorlegte und ohne Probedurchlauf, quasi First Take, viele Songs einspielen ließ. Überhaupt ist im Zusammenhang mit Bob Dylan das Wort Akribi ziemlich fehl am Platz.

    Aber auch andere Weltstars betonen im Zusammenhang mit Songtexten das situative Schreiben. ALLERDINGS sind viele von ihnen fleißige Handwerker, die pausenlos mit der Verfeinerung ihres Handwerks beschäftigt sind. Zwischen den kreativen Phasen. ;-)
     
  17. Jed

    Jed Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #17
    Interessant, diese Dichotomie Wissenschaft/Kunst!

    Für mich ist der Handwerker genauso akribisch, wie der Wissenschaftler. Sonst würden alle Tische wackeln, alle Dächer wären undicht und keine Tür würde richtig schließen. Die Kunst - auch die des Dichtens - sehe ich eher in der Nähe des Handwerks, als der Wissenschaft. Ich würde behaupten, dass auch der Wissenschaftler, der seine Forschungsergebnisse veröffentlicht, sich des Handwerks des Schreibers bedienen muss. Und das sage ich als ehemaliger Technischer Redakteur aus der IT-Branche.

    Für mich liegt die Kunst der Lyrik darin, innere und äußere Zustände miteinander in Verbindung zu bringen.
    Beim Anblick z,B. eines Flüchtlingstreks stellen sich bei mir unmittelbar Gefühle ein; vielleicht Mitleid mit den ausgebombten Menschen, vielleicht auch Wut über die Mächtigen, die ihren Machthunger auf den Rücken dieser Menschen befriedigen, vielleicht meine Hilflosigkeit als Wähler eines einflussreichen Landes, dessen Regierung nicht genug tut, um die Vertreibung zu verhindern. Ich entscheide mich für eins dieser Gefühle - und der Rest ist schreiberisches Handwerk. Wortwahl, Grammatik, Metaforik, Rhetorik, Poetik (Metrik, Reimschema) ... immer akribisch darauf bedacht, dass das, was ich schreibe, das widerspiegelt, was ich empfinde.

    Wie heißt es so schön: Kunst ist 10% Inspiration und 90% Transpiration, Sprich: Handwerk!

    Cheers,
    Jed
     
  18. Jongleur

    Jongleur Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.09.18   #18
    Hm...;-) Normalerweise bin ICH es, der das Handwerk heftig betont. :D

    Aber es gibt eine Phase des Schreibens, wo man unbemerkt in ein Art geistreichen Ausdruck geraten kann, der sich später auf der Bühne manchmal als zu blutleer entpuppt. Weil gelahrt über Gefühle schwadroniert wird, die sich aber im Publikum absolut nicht aufbauen wollen.

    Kennen wir doch irgendwie alle. Noch im Studio baut sich eine tolle Stimmung auf. Und später, beim Abhören, hebt die Nummer einfach nicht mehr ab. Alles ein Touch zu klug und clean.
    Wackelnde Tische und zugige Fenster sind für mich unverzichtbar in der Kunst!!! ;-) Ich erinnere mich lebhaft daran, dass ich gebeten wurde, einen recht sprunghaften Text einer Kollegin zu überarbeiten. Gelang mir auch mühelos. Scheinbar ohne Pferdefuß. Bis der Produzent hinterher feststellte: "Hm... immerhin habe ich mich bei IHRER Version noch gefragt, was sie eigentlich meint - bei DEINER frag ich mich gar nichts mehr. Alles ist nun erwartbar." - Ich erkannte widerwillig, dass er Recht hatte" :-( ...;-)

    Ich gebe Euch doch Recht darin, dass es oft etwas Zeit braucht, den "richtigen" Ausdruck zu finden. Manchmal eignet sich bestens eine Missverständlichkeit - und die allgemeine Aufmerksamkeit erwacht. ;-)
     
  19. saitentsauber

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    Erstellt: 27.09.18   #19
    Dabei fällt mir einer ein, der zwar keinen solchen Preis bekommen, aber sein Geld ganz gut mit dem Schreiben von Liedern - nicht nur Texten - verdient hat; ein paar der bekanntesten sind innerhalb weniger Minuten in seinem Kopf entstanden, z.B. in einem (Skilift).

    Aber das ist vermutlich eine Inselbegabung.
     
  20. Jongleur

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    Erstellt: 27.09.18   #20
    Hallo @saitentsauber , herzlichen Dank für das Teilen dieser tolle Seite über John Denver! :great:

    Finde ich gar nicht. Mit seinen Methoden schreiben sich Texte wirklich schnell und mühelos. Seine Texte sind extrem handwerklich gebaut. Schau dir mal die Texte genauer an. Selten habe ich mehr Schablonen gesehen wie bei ihm. Eine echte Fundgrube für meine Workshops.

    Das Stichwort lautet bei John Denver (wie auch sonst so oft): Wiederholung. Ich hab jetzt willkürlich etwa 10 Texte von ihm gelesen - und überall sehe ich Schablonen, die über mehrere Zeilen listenartig variiert werden. Mit dieser Schreibweise kann er es sich sogar leisten, sparsam zu reimen. ;-)

    Siehst du es auch?
     
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