Bei einem
Klavierkonzert (Flügel + Orchester) wird normalerweise eine Kombination aus
Raummikrofonie und Stützmikrofonen verwendet. Ziel ist es, den natürlichen Konzertsaal-Klang einzufangen und gleichzeitig das Klavier klar hörbar zu machen.

1. Orchesteraufnahme – meistens Stereo-Raummikrofonie
Das Orchester wird häufig mit einer
Hauptstereomikrofonie über dem Dirigenten aufgenommen. Typische Verfahren sind:
- Decca Tree
Drei Mikrofone in einem Dreieck über dem Dirigenten. Sehr häufig bei großen Orchestern.
- ORTF
Zwei Mikrofone mit 110° Winkel und 17 cm Abstand.
- XY Stereo
Zwei Mikrofone mit gekreuzten Achsen.
Diese
Hauptmikrofone bilden das eigentliche Stereo-Bild des Orchesters und des Saals.
Zusätzlich gibt es oft
Stützmikrofone (Spot Mics) für Streichergruppen, Holzbläser usw., die im Mix leicht zugemischt werden.

Der Raumklang des Konzertsaals ist dabei sehr wichtig und wird über diese Hauptmikrofone eingefangen.
2. Aufnahme des Flügels
Der Konzertflügel wird
fast immer in Stereo aufgenommen.
Typische Methoden:
Stereo im Flügel
Zwei Mikrofone im geöffneten Flügel:
- eines im Bassbereich
- eines im Diskantbereich
Das ergibt ein realistisches
links-rechts-Bild der Tastatur.
Häufige Anordnungen:
- AB Stereo (zwei Mikrofone mit Abstand)
- XY Stereo
- manchmal ORTF
3. Kombination im Mix
Im fertigen Mix passiert typischerweise:
- Hauptmikrofone → liefern Raum + Orchester + etwas Klavier
- Klavier-Mikrofone → geben Präsenz und Details
- Spot-Mikros → korrigieren Balance einzelner Instrumente
Das Klavier wird dann
im Stereo-Bild vorne positioniert, während das Orchester räumlich dahinter liegt.
4. Wird das Klavier jemals Mono aufgenommen?
Selten, aber möglich:
- bei älteren Aufnahmen (1950er/60er)
- bei Live-Übertragungen mit wenig Kanälen
In modernen klassischen Produktionen ist das Klavier
praktisch immer Stereo.
Kurz zusammengefasst
- Orchester: Haupt-Stereo-Raummikrofonie + Spots
- Flügel: meist Stereo-Mikrofonierung im Instrument
- Raumklang: kommt hauptsächlich von den Hauptmikrofonen im Saal
Wenn du möchtest, kann ich dir auch zeigen:
- die typische Mikrofonposition bei einem Klavierkonzert (Diagramm)
- oder erklären, warum manche Aufnahmen ein extrem breites Klavier-Stereo haben, das eigentlich unnatürlich ist.

Aber bekomme ich dann nicht Probleme mit zwei Stereomikrofonien?
Ja —
das kann tatsächlich Probleme geben, und genau das ist eine der großen Herausforderungen bei der Aufnahme eines Klavierkonzerts.

Tonmeister sprechen dabei oft von
Phasenproblemen und widersprüchlichen Stereoabbildungen.
Aber in der Praxis wird das durch mehrere Techniken kontrolliert.
1. Hauptregel: Eine Mikrofonie ist „Chef“
In der klassischen Orchesteraufnahme gilt fast immer:
Die Hauptmikrofonie bestimmt das Stereo-Bild.
Typisch ist z. B.:
Diese Mikrofone liefern:
- Raum
- Orchester
- einen Teil des Klaviers
Alle anderen Mikrofone (inklusive Klavier) werden
nur vorsichtig dazugemischt.
2. Klavier-Stereomikrofone sind meist enger
Die Klaviermikrofone werden so gewählt, dass sie:
- weniger Raum aufnehmen
- hauptsächlich Direktschall liefern
Dadurch konkurrieren sie weniger mit der Hauptmikrofonie.
Typisch:
- zwei Mikrofone im Flügel
- relativ nah an den Saiten
3. Phasenprobleme werden kontrolliert
Da das Klavier auch von den Hauptmikrofonen aufgenommen wird, gibt es zwangsläufig
Zeitunterschiede.
Tonmeister prüfen deshalb:
- Phase zwischen Piano- und Hauptmikrofonen
- ggf. Delay-Anpassung
- Polarität (Phase flip)
Oft wird ein kleines
Delay auf die Klaviermikros gelegt, damit sie zeitlich zum Hauptsystem passen.
4. Stereo-Bild des Klaviers wird angepasst
Das Klavier wird im Mix oft
nicht in voller Breite gelassen.
Typisch:
- Stereo etwas schmaler gemacht
- teilweise sogar nahezu Mono gemischt
Sonst würde das Klavier unrealistisch
von ganz links bis ganz rechts gehen.
5. Manche Produktionen nutzen nur ein Klaviermikro
Einige Tonmeister gehen bewusst minimalistisch vor:
- ein Mono-Mikro im Flügel
- Hauptmikrofonie macht den Raum
Das ergibt oft ein
sehr natürliches Klangbild.
Kurz gesagt
Zwei Stereoquellen können Probleme machen, deshalb:
- Hauptmikrofonie bestimmt das Bild
- Klaviermikros nur als Unterstützung
- Phase und Timing werden kontrolliert
- Klavierbreite wird im Mix angepasst

Interessanter Fun Fact:
Bei vielen berühmten Aufnahmen von
Sergei Rachmaninoff Klavierkonzerten hört man eigentlich
mehr Raumklang vom Orchester-Mikrofonsystem als vom Klaviermikrofon