Mischklang vs. Spaltklang

von gogicha, 29.04.16.

Sponsored by
Gravity Stands
  1. gogicha

    gogicha Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    23.01.15
    Zuletzt hier:
    19.09.16
    Beiträge:
    25
    Zustimmungen:
    1
    Kekse:
    197
    Erstellt: 29.04.16   #1
    Hallo zusammen !

    Ist jemand in der Lage mich zu erläutern was der genaue Unterschied zwischen Mischklang und Spaltklang wäre ?

    Vielen Dank !
     
  2. turko

    turko Helpful & Friendly User HFU

    Im Board seit:
    30.09.08
    Zuletzt hier:
    17.10.18
    Beiträge:
    3.515
    Zustimmungen:
    987
    Kekse:
    10.995
    Erstellt: 29.04.16   #2
    Ich selbst habe diese beiden Begriffe bis gerade eben noch nie gehört (was aber natürlich nichts heißen soll !),
    aber hier

    https://de.wikipedia.org/wiki/Spaltklang

    wird es doch recht plausibel erklärt, oder ...?

    Thomas
     
  3. gogicha

    gogicha Threadersteller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    23.01.15
    Zuletzt hier:
    19.09.16
    Beiträge:
    25
    Zustimmungen:
    1
    Kekse:
    197
    Erstellt: 29.04.16   #3
    Einigermaßen schon, aber das ist auch die einzigste Erklärung, die Google iwie liefert. Wenn jemand auch ein gutes Beispiel hätte, wäre super.
     
  4. hmmueller

    hmmueller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    06.05.13
    Beiträge:
    419
    Zustimmungen:
    219
    Kekse:
    3.523
    Erstellt: 29.04.16   #4
    Also nach meinem Wissen liegt der Wikipedia-Eintrag etwas daneben - und es ist so:

    "Spaltklang" ist die Art, wie Instrumente in der europäischen Musik im Mittelalter und einige Zeit (wie lange?? keine Ahnung - sagen wir 100..200 Jahre) danach verwendet wurden: Man hört die einzelnen Instrumente vollkommen getrennt heraus - ein schnarrendes Krummhorn ist neben einer Flöte als getrennte Klangfarbe zu hören, daneben Schellen und auch Gesang. Irgendwann zwischen 1500 und 1700 ist der "Mischklang" dann zum Ideal geworden: Die Instrumente bilden einen gemeinsamen, "einheitlichen" Klang. Erst dann wird z.B. ein Solokonzert sinnvoll, wo sich eben das eine Register des Soloinstrument "spaltet" (sagt man aber nicht) vom anderen "Gesamtklang" des Orchesters (der sich natürlich laufend ändern kann - aber z.B. bei einem reinen Streichorchester das nicht [sehr] tut).
    Nicht-mitteleuropäische Musik hat den "Spaltklang" meistens bis heute erhalten - arabische Musik, aber auch die Dudelsack-Besetzungen in Nordbritannien sind sowas.
    Und nachdem der Mischklang von ca. 1700 bis 1900 das vorherrschende Ideal "des" Klanges war, ist im 20. Jahrhundert eine Rückkehr(?) zu dem "kantigeren" Spaltklang-Konzept erfolgt. Mainstream-Musik - von Pop über Filmmusik bis zu Computerspielmusik - folgt aber weitgehend noch dem klassisch-romantischen Mischklang-Ideal (natürlich mit Solo-Instrument-Ergänzung - das ist kein Widerspruch).

    Auf der Orgel verwendet man übrigens die Begriffe "zeichnende Register" und "verschmelzende Register" - es ist dort nicht üblich, "Spaltklang" und "Mischklang" zu unterscheiden - im Gegenteil, gerade durch die Orgel kam die Idee des "Mischens zu einer neuen Tonfarbe" auf, sodass und weil die Orgel wohl schon lange ein "Mischklang-Instrumentenbaukasten" war.

    ... glaube ich zu wissen.

    H.M.
     
    gefällt mir nicht mehr 1 Person(en) gefällt das
  5. gogicha

    gogicha Threadersteller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    23.01.15
    Zuletzt hier:
    19.09.16
    Beiträge:
    25
    Zustimmungen:
    1
    Kekse:
    197
    Erstellt: 30.04.16   #5
    Das ist schon sehr hilfreich. Hat dann das auch was mit homophonie bzw. Polyphonie im endeffekt auch was zu tun?
     
  6. hmmueller

    hmmueller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    06.05.13
    Beiträge:
    419
    Zustimmungen:
    219
    Kekse:
    3.523
    Erstellt: 30.04.16   #6
    In erster Näherung glaube ich nicht. Hör die die Musik in diesem Posting an: Man hört die Instrumente klar unterschiedlich, und das soll so sein - dabei ist das ganze unisono (sodass sich das Konzept von "homophon"/"polyphon" gar nicht verwenden lässt). Und historisch existieren Homo- und Polyphonie ja auch so lange Zeit nebeneinander, wie auch Spalt- und Mischklang, dass ihre Beziehung sicher Dissertationen, Bücher und ganze Tagungen füllen könnte ... Nimm z.B. diese Aufnahmen - polyphon, unisono, hin und wieder homophon - z.B. um 38:22 (wobei das ja alles "moderne Interpretationen" sind ... ich bezweilfe z.B., dass man irgendwas Substantielles über die Rhythmen der Schlaginstrumente weiß ... die sind ja noch weniger notiert worden als Melodien ...).

    H.M.
     
  7. gogicha

    gogicha Threadersteller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    23.01.15
    Zuletzt hier:
    19.09.16
    Beiträge:
    25
    Zustimmungen:
    1
    Kekse:
    197
    Erstellt: 30.04.16   #7
    Also Mischklang ist halt wenn du die Instrumente nicht wirklich von einander unterscheiden kannst? Bei einem tutti z.B. ?
     
  8. hmmueller

    hmmueller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    06.05.13
    Beiträge:
    419
    Zustimmungen:
    219
    Kekse:
    3.523
    Erstellt: 30.04.16   #8
    O mei - nein, so simpel denkt die Welt der Analyse nicht. Das sind ja theoriegeladene Begriffe, die aus der Musikwissenschaft stammen. Was man damit meint, sind "Zusammenklangsmuster", die sich in bestimmter Musik finden und (mehr oder weniger implizit) von Komponisten und Arrangeuren als "ideal" vorausgesetzt werden. Wenn im 18. Jahrhundert ein Komponist schreibt "die schrille Flöte stach hervor", dann meint er das in aller Regel negativ: Der Flötenton hätte sich als Teil-"Register" des Gesamtklanges einfügen sollen. Wenn ein Avantgarde-Komponist dasselbe schreibt, muss er dazusagen, ob das gewünscht oder falsch ist. Und wenn ein Musiktheoretiker über das 15. Jahrhundert einen damaligen Text so interpretiert, dann meint er als Beschreibung des damals vermutlich weitgehend akzeptierten Klangbildes.

    Ein Mischklang hängt nicht von der Anzahl der Instrumente ab, sondern eben von deren Klangfarbe und ihrer Mischfähigkeit - das, was man bei der Orgel "zeichnend" (dann ist es eben "heraushörbar") oder "verschmelzend" ("nicht heraushörbar") nennt: Eine kleine Harmoniemusikbesetzung oder ein Salonorchester mit 4...5 Instrumenten kann ein vollkommen verschmelzenden Klang hervorbringen, und damit auch der entsprechende Ausschnitt eines Sinfonieorchesters; dagegen hört man ein Xylophon sogar noch aus einem forte-Tutti eines sinfonischen Blasorchesters heraus - was nun nicht heißt, dass das "Spaltklang" wäre - aber es zeigt, dass die "Klangkonstruktion" nicht so sehr von der Lautstärke, sondern eben von der Charakteristik der Instrumente abhängt.

    Aber ich würde diese Begriffe nicht auf konkrete Musikstücke und schon gar nicht auf Teile davon anwenden, sondern nur auf Besetzungen - daher kommen sie m.W. Andernfalls kommt man zu komischen Beschreibungen: "Nach dem Spaltklang der ersten 8 Takte folgt eine Passage in Mischklang"??? Wenn schon, dann: "Nachdem in den ersten 8 Takten die Instrumente XY charakteristisch hörbar sind, folgt eine Passage, in der die Klangregister miteinander verschmelzen" oder so ...

    H.M.
     
  9. gogicha

    gogicha Threadersteller Registrierter Benutzer

    Im Board seit:
    23.01.15
    Zuletzt hier:
    19.09.16
    Beiträge:
    25
    Zustimmungen:
    1
    Kekse:
    197
    Erstellt: 30.04.16   #9
    Ich verstehe was du meinst. Es hängt schon von diversen Umständen ab. Danke für die Antworten !
     
  10. LoboMix

    LoboMix Helpful & Friendly User HFU

    Im Board seit:
    23.01.15
    Beiträge:
    982
    Zustimmungen:
    984
    Kekse:
    13.891
    Erstellt: 30.04.16   #10
    Wieder mal Begriffe aus der Musiktheorie, die zwar existieren, aber nicht allzu gebräuchlich sind. Und wie leider so oft in solchen Fällen, auch nicht so präzise und allgemein verbindlich in ihrer Bedeutung sind.
    Ich würde sie auf jeden Fall in den Kontext des Thema ¨Orchestrierung¨ stellen. Es ist also nicht nur der Klang der Instrumente an sich, der zu einer klanglichen Trennung auf der einen bzw. Zu einer Verschmelzung auf der anderen Seite führt. Eine Klarinette die im tiefen Register gespielt wird, kann viel leichter und homogener in einen Gesamtklang eingebettet werden, z.B. einer Streicher-Klangfläche, als wenn sie im oberen Register oder sogar in der höchsten Lage spielt. Geschickte Kombinationen verschiedener Instrumente können zu Verschmelzungen führen, die quasi einen neuen, eigenen Klang erzeugen.
    In diesem Zusammenhang würde ich eine genauere Analyse von Ravels ¨Bolero¨ empfehlen, wo es Stellen gibt, wo die Parallelführung der Holzbläser in Quinten/Quarten einen Mixtur-artigen, sehr farbigen und intensiven Klangeffekt erzeugt. Überhaupt war Ravel einer der genialsten Instrumentierer, legendär ist ja auch seine Bearbeitung von Mussorgskis ¨Bilder einer Ausstellung¨, die viele sogar für das Original halten.

    Gruß, Jürgen
     
Die Seite wird geladen...