Pop, Rock & Co. Passaggio und tiefe Töne trainieren- wie? (Herren)

von redtie, 19.10.20.

  1. redtie

    redtie Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 19.10.20   #1
    Kurz zu meiner Vorgeschichte, ich singe seit ich ca. 15 bin und hatte damals auch klassischen Gesangsunterricht (wo wir eigentlich hauptsächlich Pop gesungen haben, aus meiner heutigen Sicht furchtbar :D), hatte dann auch Popgesang in der Musikschule und studiere nun Popgesang. Mir wurde nach dem Stimmbruch immer gesagt, ich bin Bariton bzw. ein höherer Bass. Aus heutiger Sicht finde ich, dass ich eher ein "Brummer" war, also viel zu locker, Stimmsitz zu weit "hinten", etwas geknödelt, Intonation eher grausam :D... aber zumindest hatte ich keine Probleme, tiefe Töne zu singen.
    Seit jeher ging es mir immer darum, die hohen Töne zu trainieren, hab viel gepusht und hoch gedrückt, was ich mittlerweile ganz gut im Griff hab. Durch Twang und in die Breite denken, Stimmsitz nach vorne und viel Praxis als Sänger mit Bands, wo ich als Challenge immer dazu gedrängt worden bin, die Nummern alle original zu singen, hat sich die Höhe ganz gut entwickelt. Mit der Kopfstimme komm ich ziemlich hoch, brustig bzw. so ein Mix bis zum a bzw. Bb, safe immer bis zum as.

    Allerdings haben sich für mich 2 konkrete Probleme aufgetan:
    - Mein Passaggio hab ich seit jeher nicht wirklich in den Griff bekommen. Es mag auch daran liegen, dass ich zu viel Coldplay gehört habe (haha). Hab mein Passaggio eigentlich meist dazu benutzt, bewusst den Bruch zu erzeugen, um z.B. Songs von Coldplay oder andere Popsongs zu singen. Mitterweile nervt es mich aber ziemlich, dass ich das nicht in den Griff bekomme. Gut, es ist nichtmehr so schlimm wie früher, aber nach wie vor so, dass ich nicht ohne merkbaren Bruch zwischen den beiden Registern wechseln kann. Was sind eure Top-Übungen, um das zu üben? Schulen, Videos, etc.? Natürlich hab ich das auch mit mehreren Gesangslehrern versucht, alle haben mir so ihre Strategie gezeigt, aber irgendwie hat noch nichts richtig "gegriffen".
    - Meine Tiefen Töne sind futsch. Nach meiner Pupertät hab ich im Chor Bass 1 gesungen. Meist so bis zum f runter, wobei es bis zum g recht komfortabel war. Mittlerweile komm ich aber grade noch so zum a oder as runter, was nicht sehr weit ist. Sing ich vorher viel hoch, ist sogar das Bb schon ein Problem.... Es ist, als ob ich mich nicht genug "entspannen" kann, um die tieferen Töne zu erreichen.
    Was ist so eure Strategie zum tiefe Töne üben? Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht?

    Bitte kein Hate, ich bin da ein ziemliches Sensibelchen :D
     
  2. metallissimus

    metallissimus Mod Emeritus Ex-Moderator

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    Erstellt: 23.10.20   #2
    Ich habe eine kleine Übung von meiner GL bekommen, die fester Bestandteil meiner Überoutine ist und durch die ich diesbzgl. eine deutlich spürbare Verbesserung erzielt habe: Oktavsprünge rauf und runter auf U-A-U. Ich fang immer mit c'-c-c' an (bin auch Bariton) und dann chromatisch runter. Dabei wirklich zwischen den Oktaven springen ohne Glissando/Portamento und darauf achten, dass alle drei Töne einen guten Sitz haben.
     
  3. Chor-Junkie

    Chor-Junkie Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 29.10.20   #3
    Hallo @redtie

    Das sind ja gleich zwei Wünsche auf einmal ... oder vielleich doch nicht. Ich kenne Deine Stimme nicht und kann nur auf der Basis langjähriger Erfahrungen mit Stimmeigenheiten mutmaßen.

    So würde ich aufgrund Deiner Schilderungen die Situation beurteilen:

    1. Passagio
    Der Klangunterschied kommt durch einen plötzlichen Wechsel an Stimmsitz und Druckverhältnissen, oft verbunden mit plötzlichen Anspannungen, die aber meiner Meinung nach in der Regel nur der Psyche geschuldet und unnötig sind. Wenn man versucht, die Bruststimme über einen leichtgängigen Bereich (e'-f') hinaus zu erhalten (evtl. um die "Kraft" in der Stimme nicht zu verlieren oder so), reagiert der Körper mit Druck und Anspannung und macht es nahezu unmöglich, die Klangfarben in der Kopfstimme anzugleichen. Wie gesagt, nur meine Erfahrung.
    Ich habe meine Bruchlage ausgefeilt, indem ich mir durch erspüren klar gemacht habe, was zwischen Brust- und Kopfstimme an Unterschieden ist, und dann die beiden Techniken angenähert ("gemixt") habe. Basis für alles war ein ständig fließender und den Ton tragender Atem und die Verlagerung der Kraft in den Torso, um die Anspannungen in der Kehle abzubauen. Klappt unter Stress noch nicht 100%ig, aber im allgemeinen schon.

    2. Tiefe Töne
    Ich zitiere: "Sing ich vorher viel hoch, ist sogar das Bb schon ein Problem.... Es ist, als ob ich mich nicht genug "entspannen" kann, um die tieferen Töne zu erreichen."
    Da hast Du Dir Deine Antwort doch quasi schon selbst gegeben: Anspannung und Druck. Also prinzipiell der gleiche Hintergrund wie beim Passagio-Problem. Ich bin hoher Sopran, singe aber genauso gern und sicher Tenorlage bis zum dis runter. Diese Range ist mit der passenden Atmung und Entspannung durchaus möglich, und auch Du kannst die Tiefen wiederfinden, davon bin ich überzeugt. Alles eine Frage der Technik :great:

    Und weil Du nach konkreten Übungen gefragt hast, hier noch mein Lieblingsbild (Ich hoffe, Du hast die Phantasie dafür ... ):
    Stell Dir vor, Du stehst am offenen Fenster, und ein milder, angenehm duftender Frühlingswind weht Dir entgegen. Schließe die Augen und spüre.
    Dein Körper wird durchlässig, und der Lufthauch durchströmt den Torso nicht von oben nach unten, sondern von vorn nach hinten beim einatmen und fließt auch beim ausatmen von hinten nach vorn direkt durch Dich hindurch. Genieße das Gefühl und versuche es zu verinnerlichen. Es wird Dir beim entspannten Singen helfen, wenn Du es aufrechterhalten kannst.

    Viel Erfolg beim Ausprobieren
     
  4. Altina

    Altina Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 31.10.20   #4
    Ich finde es witzig, ich habe von meiner GL die gleiche Übung, aber eben MIT Glissando: Vu-A-U. Als Altistin fange ich damit bei a' - a - a' und chromatisch runter bis ca. b - B - b, oder mit ein bisschen Glück sogar bis A oder As, also fast zu deiner Problemzone ;-) Meine GL sagt aber auch, es kommt sehr auf die Tagesform an, wie entspannt man in der Kehle ist. Nach 2-3 Wochen Urlaub ging es wohl besser ;-)

    Aber hast du keinen GL in deinem Popgesang Studium, den/die dir helfen kann? So weit in die Tiefe gehen wir zum Beispiel nur bei individuellem Einsingen, nie im Chor oder so. Und bei den Grenztönen darf man wohl nicht erwarten / von sich verlangen, dass sie kräftig sind. Es geht mehr so um entspannte Kehle und "Hauchen" ist auch ok. Mit Power komme ich zum B. nur bis maximal c, lieber d. Und das werden wahrscheinlich nicht die Tiefen sein ich spontan in der Literatur in richtigen Qualität abliefern kann. Aber so ist ja die Faustregel, um richtig gut ein f/e zu singen, muss ich ca. bis B "hauchen" können. Außerdem es geht wohl leichter in die Höhe nachdem man entspannt und ohne Druck in der Tiefe war.

    lg
    Kristina
     
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