Review Martin D-35

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Nach einigen Jahren mit meiner Martin D-35 denke ich ist es Zeit für einen Testbericht.
Martin, dieser Name hat für viele Gitarristen einen besonderen Klang - und das nicht ohne Grund, denn CFM war ein im positiven Sinne Verrückter, der Gitarren bauen wollte, was im ständischen und zünftigen Handwerk des Biedermeier etwas ganz merkwürdiges war.
Entweder war man Möbelschreiner/Tischler oder Geigenbauer, aber diese komischen Gitarren, die waren weder das eine, noch das andere und so war man sich zünftig in den Haaren.
CFM, der ja Gitarren bauen wollte, fand im Zunftwesen keine Heimat und er wanderte in die USA aus.
Heutzutage, in den Zeiten globaler Hochgeschwindigkeitskommunikation und interkontinentlem Flugverkehrs klingt das so harmlos, aber das war das 19. Jahrhundert. Die schnellsten Schiffe auf der Atlantikroute brauchten immer noch bis zu 40 Tage(!) für eine Atlantiküberquerung und wenn man die "alte Welt" verließ war man wirklich und mit Fug und Recht in einer "neuen Welt". Das erste Transatlantik-Kabel wurde erst kurz vor den 1840'ern verlegt und bis dahin waren Postlaufzeiten von Amerika nach Europa von mehreren Monaten nicht ungewöhnlich. In den 1830'ern war die Sklavenhaltung in den USA noch Gang und Gäbe - der Bürgerkrieg noch nicht ausgebrochen und große Teile des amerikanischen Kontinents noch weiße Flächen. Kaum vorstellbar heutzutage, wo selbst der isolierteste Outback Australiens besser mit der "modernen Welt" verbunden ist als damals die gesamte USA. Vielleicht kann man es heutzutage vergleichen mit einer Auswanderung nach Pitcairn

http://www.government.pn/index.php
http://www.immigration.pn/

... nurmalso.

Martin D-35, was ist das nun?
Wer sich nicht gut mit der Martin-Nomenklatur auskennt, der wundert sich, was diese komischen Bezeichnungen den so aussagen. Tatsächlich ist es einfach.
Normalerweise ist der Schlüssel Body/Style/Extras
Body steht hier für die Bauform, also 0, 00, 000, O, OM, D, J - aufsteigend sortiert. 0 und 00 sind gemeinhin als "Parlor" bekannt, 000, O und OM als "Orchester", D als "Dreadnought" und J als "Jumbo".
Style steht im weitesten Sinne für den "Bling".
Je größer die Zahl, desdo mehr Bling. Ein Style 15 ist also ziemlich auster, ein Style 45 ist schon ziemlich Bling und spätestens beim Style 100 driftet es sehr in Richtung "Geschmackssache" ab.
Eine D28 ist also eine Standard Dread (D) im Style 28
Eine D45 ist also eine Standard Dread (D) im Style 45
Eine OM15 ist also eine OM im Style 15
Kingt einfach? Ist es (fast) auch, wenn da nicht die kleinen, aber feinen Gemeinheiten der internen Konstruktion wären... aber dazu später.

Eine Martin D-35 ist also eine Dread im Style 35.
Der Style 35 ist also ein bisschen höherwertiger als der Style 28, der ja fast allen Gitarristen als "Benchmark"der Dreadnought-Welt in Form der Martin D-28 bekannt ist. Die allermeisten Dreads sind mehr oder weniger direkte Kopien der Martin D-28.
Unterschiede zwischen dem Style 28 und dem Style 35 sind äußerlich im Binding des Griffbretts zu finden - die D-28 hat kein Bindig, und im Boden der Gitarre, denn die D-35 hat einen dreiteiligen Boden.
Der dreiteilige Boden entstand, weil Martin keine Palisanderbretter in der erforderlichen Größe und Qualität mehr bekommen konnte. Ein dreiteiliger Boden kann aus kleineren Stücken Holz zusammengesetzt werden. Zusätzlich ist der dreiteilige Boden stabiler als der zweiteilige und reflektiert somit den Klang um Nuancen besser.
Der zweite große Unterschied zwischen der D-28 und der D-35 ist im Bracing, also in der Beleistung.
Die Beleistung der D-28 ist 5/16" breit, die der D-35 ist 1/4" breit. Das bedeutet, daß die D-35 eine weichere Decke hat als die D-28 und somit die Bassfrequenzen besser klingen. Die HD-35, die ein scalloped 1/4" Bracing hat kling im Bass noch prägnanter, aber viele alte HD-35 klingen matschig und verlieren an Definition.
Abgesehen von den kleinen, aber feinen und auch hörbaren Unterschieden sind die D-35 und die D-28 typische "Martin-Standard" Gitarren. Also massives Holz allerorten, Fichtendecke, Palisanderboden und -Zargen, Zedern Kerfing, Mahagoni Hals (alternativ Rotzeder) und Ebenholz Griffbrett und Steg.
Die D-35 ist - wie alle Martin Gitarren der Standard-Serie - mit Nitrolack lackiert und verträgt deswegen keine Weichmacher in Kofferpolstern oder Ständer-/Hängerpolstern.

Wie fühlt sich so eine Martin an?
Prinzipiell genauso, wie sich jede andere Dread nach dem klassischen Martin-Schema anfühlt, nur besser. Es ist keine kleine Gitarre und der Korpus hat schon ein gewisses Volumen, dazu kommt, dass die Dread keine wirkliche Taillie hat, es ist also schon ein ganzer Kasten Gitarre. Die Oberflächen sinad aber sehr hochwertig, der Lack sehr gut und von der ganzen Haptik her ist es ein sehr hochwertiges Instrument. Es klingt komisch, aber man kann den Qualitätsunterschied zwischen einer Yamaha FG730S und der Martin Standard-Serie blind fühlen. Die Oberflächen sind den Hauch glatter ohne klebrig zu sein, es ist alles halt besser verarbeitet. Im Autobereich wäre das das Äquivalent zu den bekannten geringen Spaltmaßen.
Der Hals meiner Martin hat das standardgemäße Modified Low Oval Profil. Es ist ein bequemes Halsprofil, das nicht zu dünn, aber keinesfalls Baseballschläger dick ist. Was auffällt ist, daß das Griffbrett der Martin ein im Vergleich zu anderen Westerngitarren geringeren Radius hat - also flacher ist.
Das Griffbrett selber ist hervorragend abgerichtet, die Bünde und der Sattel sind PLEK abgerichtet und über jeden Zweifel erhaben.
Standardmäßig kommt die Martin mit einer mittelhohen Saitenlage, der ausliefernde Händler soll hier eine dem Kunden angepasste Saitenlage einstellen. Ebenfalls soll der Händler die Löcher für die Bridgepins auf den gewünschten Durchmesser und Taper aufreiben. Die beigelegten Bridgepins sollte man besser nicht ganz versenken wollen, das klappt nicht, das ist einer der Punkte auf dem Übergabeinspektionsplan.

Wie spielt sich die Martin?
Die Martins spielen sich alle halb leicht. Klingt komisch, aber ab Werk sind die Martins nicht auf den Spieler eingestellt, sondern kommen mit einer "Bluegrass" Einstellung. Also mit einer relativ hohen Saitenlage. Wenn dann die Saitenlage optimiert ist, spielt sich das Ganze natürlich erhebleich leichter. Erstaunlicherweise ist aber meine Yamaha FG730S noch einen Hauch präziser abgerichtet, so daß ich bei der Yamaha 1/10 mm tiefere Saitenlagen einstellen kann. Allerdings habe ich die Martin nicht so tief eingestellt.
Abgesehen davon ist es - und bleibt es - eine Dread.

Wie klingt die Martin?
Zwei Seelen, ach, sind in Ihrer Brust - sozusagen.
Die D-35 ist eine sehr wandelbare Gitarre. Mit 0.56-0.12 Besaitung und der höheren Saitenlage ist es eine Bluegrass-Kanone. Ein sehr starkes Bassfundament und durchsetzungsfähige, aber nicht nasale oder scharfe Höhen. Das Bild ändert sich mit leichteren Saiten. Mit 0.53-0.12 und einer tieferen Saitenlage wird aus der Bluegrass-Kanone ein samtig schnurrendes Folk- und Singer-/Songwriter Instrument. Der dabei entstehende Midrange-Scoop läßt genau Platz für die Stimme, das Bassfundament unterstützt und oben heraus perlen die Höhen. Die Martin ist angenehm, denn anders als viele meiner Gitarren muß ich sie nicht "übersingen", sie läßt mir Platz ohne dabei zu leise zu sein, sie unterstützt mich, ohne mich dabei zu übertönen. Problematisch wird die Martin aber beim recording. Der große Klangumfang und der komplexe Klang macht es schwer, hier die passende Mikrofonierung zu finden. Zu leicht fehlt etwas oder die Bässe kommen zu stark durch. Ich muß zugeben, eine Gibson klingt subjektiv bei Weitem nicht so gut wie die Martin, ist objektiv aber einfacher zu recorden.

Das ist nicht billig, oder?
Nun, Martin hat selbstbewußte Preise. Man kann oft gerade mit örtlichen Händlern noch ein bisschen über den Preis reden, aber es bleibt doch ein nicht unerheblicher Betrag auf der Rechnung stehen. Bei mir waren das fast 2k€ incl. Koffer. In den USA würde ich das einen fairen Preis nennen, vor allem weil der Erstbesitzer eine lebenslange Garantie bekommt, ein nach dreissig Jahren fälliger Neck Reset, der sonst gern mal 400 bis 500 Euro kostet, ist dann kostenfrei. Dummerweise gibt es diesen Luxus nur in den USA, nicht in Europa. Allerdings ist die Martin auch in Europa ebenfalls ihr Geld wert, denn die Verarbeitung ist untadelig, die Materialien hochwertig und die Bespielbarkeit sehr, sehr gut. Der Klang ist über jeden Zweifel erhaben und im Vergleich mit der D-28 ist die D-35 mit den etwas leichteren Saiten halt genau das kleine bisschen besser für Singer-Songwriter und Folk geeignet. Sie passt genau in den Kontext und ist sehr angenehm als Begleitinstrument. Mit den etwas schwereren Saiten wird dann aus dem sanften Folkie ein Redneck mit genau dem richtigen "Bums" für Bluegrass oder Irish Folk. Mit der D-35 braucht man keinen Bass mehr, die Gitarre räumt "da unten" vor allem in Drop-D (oder D-d') genug weg.

Ist die Martin wirklich 1000 Euro besser als eine gute Yamaha?
Schwer zu sagen. Für mich: Ja! Ich mag das Gefühl, ich mag den Klang, ich mag die Gitarre. Andersrum ist eine hochwertige Dread z.B. von Yamaha auch nicht schlecht. Aber es ist keine Martin und es klingt nicht so, wie eine Martin. Es fühlt sich auch nicht so an. Wenn ich das Geld nicht hätte... es gibt viele gute Martin-Kopien für weniger Geld.
Klar, der Preisunterschied ist happig, ohne Frage. Aber manchmal muß es halt das Original sein.
 
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