Review sE Electronics VR1 - Bändchenmikrofon

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sE Electronics VR1
- Bändchenmikrofon -

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sE Electronics hat mit dem VR1 (passiv) und dem VR2 (aktiv) zwei Bändchenmikrofone am Start, die jeweils keine übertrieben große Löcher in die Equipmentkasse reißen. Was sie mit der neuen Konstruktion erreichen wollen, ist ein Frequenzgang von 20 Hz bis 20kHz, der wenig Schwächen zeigt. Grade im Bereich der Höhen wird den typischen Bändchen - mit ihren tollen Mitten - gerne noch ein zweites Mikrofon zur Seite gestellt, um den etwas "verwaschenen" und in der Leistung abfallenden Teil kompensieren zu können. Das VR1 ist im wesentlichen dafür gedacht Gitarrensignale abzunehmen. Dort findet der Hauptteil sowieso in der Mitte des Frequenzbandes statt, aber auch die Obertöne wollen gehört werden. Das VR2, mit seiner aktiven Elektronik, richtet sich an die Zielgruppe der akustischen Instrumente.

Hier im Review wird das sE Electronics VR1 besprochen.

So klingt das bei sE auf der Webseite:

The VR1, a passive ribbon to bring out the bite and edge from your guitar cabs with no muddy highs.

Von daher dreht sich meine kleine Testrunde auch um die Aufnahme von Gitarren. In einem Video von Pete Thorn haben ich gesehen, dass es recht tolerant bei der Aufnahmeposition sein soll und wie alle Bändchen gerne auch etwas weiter von der Membran entfernt stehen darf, wodurch sich der Sound vom Cabinet etwas "lösen" kann und mehr dem gehörten (Raum)Ton entspricht.

Also mal den Werbeaussagen hinterher laufen und a) einen Track nur mit dem Bändchen aufnehmen und kein zweites Mikrofon hinzu fügen - und - b) das Mikrofon recht zentral vor den Speaker platzieren. Als Material habe ich mir einen recht knackigen erdigen Rhythmus genommen (Clean durch meinen Laney LA30) ... und einen komprimierten Sound aus meinem TAD
5E3 Tweed - Amp Only - hinzu gefügt.

Bevor wir da jedoch einsteigen, erst mal die üblichen technischen Dinge und ein paar Bilder ...

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Geliefert wird eine schicke Holzkiste als Aufbewahrung für das Mikrofon. Die im Paket beiliegende Spinne hat (leider) in der Kiste keinen Platz. Man muss sie extra aufbewahren und findet sie hoffentlich zur Recording Session :) ... Die Spinne hat, ähnlich wie das Mikrofon selbst, eine sehr stabile Anmutung und ist definitiv kein Leichtgewicht. Bei der Box finde ich gut, das sie nicht über einen überstehenden Verschluss verfügt. Magnete halten die beiden Hälften zusammen. Beim Verstauen im Schrank bleibt so nix an der Kiste hängen.

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Für mich ist das Mikrofon ein echter Hingucker. Grade in der Vintage Optik - die dem hier getesteten Harp Mikrofon ähnelt - sieht es gut aus. Es gibt es aber auch in der schwarzen Optik, die ihr ganz unten beim VR2 sehen könnt. Wenn man die Packung und die Holzkiste so sieht, ist das Mikrofon dann irgendwie klein.

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Was mir bei der Spinne noch besser gefallen hätte, wären leichtgängigere Befestigungsschrauben. Das "Losbrechmoment" beim Öffnen sorgt immer für ein "Ruckeln" - und damit eine Positionsänderung - am Mikrofonstativ. Allerdings ist dies nicht sE typisch. Das hätte ich gerne bei vielen Spinnen und Stativen :) ...

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Soweit zur Optik und der Packungsbeigabe. In der Holzkiste ist noch ein normaler Mikrohalter enthalten, wenn man ohne Spinne auskommt.

Datenblätter

Das Mikrofon besitzt ein Figure-8 Polar Pattern und deckt einen Frequenzbereich von 20 Hz bis 18 kHz ab. (SM57 als Referenz 40 Hz bis 15 kHz - Thomann Webseite). Natürlich hat es die von der Bauart vorgegebene "Mittennase" ab 2 kHz, allerdings keinen massiven Ausreißer nach oben. Die Energiekurve (Bild 2) liegt auch bei 16 kHz noch ziemlich nah an den Mitten. Gut auch in Bild 1 zu sehen, dass es erst recht spät wieder unter die Nulllinie abfällt.

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Bildschirmfoto 2022-05-23 um 11.37.19.png


In der Artist Liste auf der sE Electonics Webseite stehen einige prominente Benutzer gelistet. Steve Stevens, Billy Gibbons, Linkin Park, Black Sabbath, Queens of the Stone Age ...

Dann schauen wir mal, ob die Aussage von Steve Stevens so stimmt. "I'm a songwriter, not an engineer, and whatever gets me there the quickest, is what I'm going to use. That's why I like this microfone - it's a no brainer". Na da befinde ich mich doch direkt in guter Gesellschaft ... und es ist zumindest nicht verwerflich, wenn der No-Ingenieur das Ding mal vor den Amp stellt und schaut was passiert.

Der Testrun

Die folgenden Abschnitte stammen aus einem Projekttrack, den ich für meine Band erstellt habe. Das bedeutet, dass die Drums aus dem Computer kommen und in diesem Fall der Bass noch nicht im Mix ist. Auch das Solo ist nicht die finale Version, sondern es ging mir dabei im wesentlichen darum, zusätzlich zum recht "erdig knurrenden" Rhythmus, auch einen durch die Amp Endstufe komprimierten Sound aufzunehmen. Eine Folge des Projektstatus ist auch, dass die Drums aus dem Rechner beim Einspielen des Rhythmus leicht auf das sE VR1 übersprechen. Hören tut man das jedoch nur in der isolierten Spur.

Das sE VR1 hing dabei an meinem UA Apollo Interface und dem dort "virtuell" eingebundenen UA 610-B Tube PreAmp Plugin. Im Mix des Song PreView bin ich einem Vorschlag von iZotope Ozone 9 gefolgt, um die fertige Spur noch mal "aufzupeppen".

Der Rhythmus ist eingespielt mit meinem Laney LA30 und eine Tele.

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Das 2x12 Cab hat diagonal angeordnete Speaker und abgenommen wurde links oben.



Rhythmus Track

Bei diesem Teilstück kann das Mikro für mich voll punkten. Trotz "knurrigem" Material bleibt es "rund". Besonders die Upstrokes wären sonst ein Fall für kratzige stechende Höhen. Ich musste da auch nicht großartig probieren - das ging "out of the box". Und wir reden hier nicht von Studio, sondern von "kurz hingestellt und nur mal so was eingespielt". Da habe ich mir mit dem SM57 oder auch dem Sennheiser E906 bisher schwerer getan.


Das Solo ist Hals Pickup im deutlich aufgedrehten Tweed. Der bekommt dann nicht wirklich viel Zerre, dafür aber einen komprimierten Grundton. Er ist in diesem Zustand deutlich weniger Detailreich als der Laney in Clean ... aber es sollte ja auch ein Kontrast werden.


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Solo Track mit komprimiertem Sound

Auch hier schlägt sich das sE VR1 sehr gut. Er hat den leicht "zugeknöpften" Sound des Amps voll mitgenommen (auch wenn es nicht mein Solo Sound zum Stück wäre - aber darum geht es ja hier nicht .-) ). Da im Intro aber auch ein Solo Sound zu hören ist ... solltet ihr noch mal in den Song reinhören.

Das Projekt klingt derzeit dann so. Alle Gitarren sind mit dem sE VR1 aufgenommen. Die Solo Spots im Stück werden dann noch ersetzt (eine Runde Saxofone und ein eher Cleanes Solo). Grade im Kontext mit den Drums (auch wenn sie nur Computer sind) ist die Rhythmusspur mein persönliches Highlight. Zumal ich mir bei der Aufnahme eines solchen Sounds bisher immer schwer getan habe ... allerdings ist dies sicher auch dem No-Ingenieur Status geschuldet.



Voller Track (ohne Bass) mit Solo als Intro


Hier noch mal der Vergleich zum VR2, welches durch die aktive Elektronik deutlich länger ist. Das VR1 gibt es auch in der Farbstellung des VR2 im Bild. Damit wird es durch die Farbgebung und Größe fast unsichtbar vor dem Amp.

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Fazit: Ich hatte bisher immer Respekt vor dem "Exoten" Bändchenmikrofon. Nicht wegen der Bauart, sondern eher bedingt durch die Tatsache, dass man in praktisch jedem Video sieht, wie Bändchenmikrofone durch ein weiteres Mikrofon unterstütz werden. Der Sound entsteht dann später im Mix, wenn man die jeweils "guten" Frequenzen der beiden Mikrofone zusammen bringt. Und genau daher stammt auch mein Respekt im Sinne Aufwand und Können. Diesen konnte ich mit dem sE VR1 ablegen! Es gibt mir Stand Alone und ohne großen Aufwand Sounds, die ich gut verwenden kann. Damit kann ich dem KISS Prinzip (keep it simple stupid) treu bleiben und profitiere trotzdem von der Charakteristik des Bändchen Sounds.

Das VR1 ist bei Thomann mit +/- 400 EUR gelistet. Es ist sicher nicht so flexibel wie das ähnlich teure Lewitt 441 flex, welches auch eine "Acht" als Polar Pattern besitzt. Für mich ist es aber eine perfekte Ergänzung. Ich habe ja öfters mal Gäste, die im Mix aus "Interview" und "Demo" für mehr als eine Quelle im Raum sorgen. Mit dem sE VR1 habe ich nun eine "Wohlfühlquelle" für den Gitarrensound und kann das Flex für die Interviewsituation als Raummikrofon nutzen.


Gruß
Martin

P.S. es stehen in nächster Zeit noch ein paar Gitarren Reviews an ... ich werde bei Aufnahmen die mit dem sE VR1 entstanden sind dann immer mal wieder hier weitere Soundbeispiele hinterlegen.
 
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Vielen Dank für dein tolles Review.
Ich hadere auch schon lange mit mir, mal ein Bändchenmikrofon anzuschaffen.
 
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Hallo, Martin,

....ein spannender Test - wenn ich mich nicht vor längerer Zeit mit einem Audio Technica AT4081 als eher modern abgestimmtes Bändchenmic und einem NoHype LRM1 mit Lundahl-Übertrager als Vertreter des klassischen Bändchensounds versorgt hätte, würde mir Dein Test jetzt richtig Appetit machen, ein Bändchen anzuschaffen.
Das SE VR-1 gehört wohl auch eher zur modern abgestimmten Fraktion, es fehlt der "Baßbauch", und auch der typische recht kräftige Höhenabfall ist so nicht vorhanden, sondern zumindest gemäß dem abgebildeten offiziellen Frequenzgang erst über 15 KHz leicht angedeutet.
Es klingt aber in den Testfiles angenehm... mein Tip: Auch mal an den Vocals probieren (aber bitte NUR MIT Popschutz!!), das könnte bei Deiner Stimme auch sehr gut funktionieren, aber anders als Dein Lewitt ;)

Viele Grüße
Klaus
 
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Die Unsitte, zum ersten Mikrofon noch ein zweites zu stellen, weil es der Sound des ersten nicht bringt - hab ich noch nie verstanden. Da nimmt man doch gleich ein Mikrofon, das entsprechend abliefert wie man haben will und gut ists, oder? Wenn man vor der Gitarrenbox mit nem Bändchen Ergebnisse will z.B. - das Royer 121 wenn der Klang zivilisiert sein soll .. und ein Beyer M260 (Version ohne Lowcut) wenn es rocken soll.
Daß manche Bändchen komische Frequenzgänge haben liegt auch nicht an der Bauart, sondern meist daran, daß es keine besonders tollen Ausführungen der Bauart Bändchen sind. Die besseren Exemplare (Extinct Audio, Coles, AEA, Beyer M 160 etc.) klingen halt einfach nach gutem Mikrofon. Was einige Bändchen gut können, ist eine Art "entschärfen" des Sounds (Hihat, Becken, Blech usw.) vielleicht deswegen weil die Membrane mit tiefer Resonanzfrequenz gespannt ist ( =locker) im Gegensatz zu manchen Kondensatorgurken, deren Membrane sehr straff gespannt ist und die ihre Resonanzspitzen gern genau da oben in den Frequenzen haben, wo es fies klingt. Kommt dann ne fiese Spitze im Klang vor dem Mikrofon mit einer Spitze an der selben Stelle im Mikrofon zusammen: quiiiiieeez!

Für die Leute mit weniger Praxis: Wobei beim Aufnehmen von Stromgitarren das Mikrofon nicht so das wichtigste Teil in der Signalkette ist. Gute Gitarre, ordentliche Saiten, ordentlich gespielt ohne zu starkes Drücken der Greifhand, okayer Amp, guter Speaker sind wesentlich wichtiger. Es gibt leider auf dieser Welt einige Gitarren und Speaker die aus dem Reich des Bösen sind...
 
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Danke für das ausführliche Review!
 
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