- 28.10.26
- 07.02.07
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- 71.116
- Schwabhausen
Vor vielen, vielen Jahren gabe es mal eine interessante Dokumentation über das Leben und Werk des großen Violinisten und Dirigenten Yehudi Menuhin, die in Deutschland unter dem Namen "Sound or Unsound" ausgestrahlt wurde. Man kann in die Falle tappen und das mit "Wohlklang oder Missklang" übersetzen, aber dann geht der eigentliche Wortwitz, die Doppeldeutigkeit verloren, denn "unsound" bedeutet eigentlich soviel wie "unzuverlässig" oder "mangelhaft." So ähnlich kann man das Wort Shure zwar nicht ins Gegenteil verdrehen, aber da der Name nunmal für legendäre Unverwüstlichkeit und eine Reihe sehr beliebter Klangschattierungen steht, kann man sich auch da denken, was das Gegenteil davon bedeuten könnte. Alsdann:
Manche Klassiker haben zahlreiche Nachahmer zum fleißigen Nachahmen inspiriert, und das Shure SM57 ist mit Sicherheit ein solcher Klassiker. Kurz entschlossen habe ich neben meinen vorhanden Originalen, dem Shure SM57 und seinem Nachfolger Beta57a mal zwei Kopien geordert, eins ist das SL-75 LC von Behringer, das andere ist irgendwo in China von der Werkbank gepurzelt und wird über Temu als "SM 57" vertrieben. In diesem Test möchte ich ergründen, was diese Mikrophone verbindet und was sie voneinander unterscheidet.
Preis
Krasse Unterschiede gibt es gleich in der ersten Disziplin des Vergleichs, beim Preis. Wo Shure nach der letzten Preisanpassung mit 111 EUR für das SM 57 und 159 EUR für das Beta 57a hinlangt, zahlt man bei Un-Shure 17,90, wenn der Name Behringer SL-75 LC drauf steht, und knapp unter 10 EUR (inzwischen 11), wenn man es von Temu ordert und lediglich der abgekupferte Name "SM57" drauf prangt - aber das gleich ein halbes Dutzend Mal! Den Firmennamen des Originals mit anzugeben, haben sich die Kopisten dann wohl doch nicht getraut. Ich bin mir einigermaßen sicher, die Juristen von Shure und Un-Shure haben dieses Thema bereits ausführlich miteinander besprochen.
Lieferumfang
Für sein Geld bekommt man neben dem Mikro noch Klemme, Reduziergewinde und eine Tasche. Nur Behringer weicht von diesem Standard ab und liefert sein Mikro in einem kleinen und sehr gut gepolsterten Plastikköfferchen aus.
Design
Dieses Mikro dürfte wohl jeder schonmal gesehen haben, bevor ich also Eulen nach Athen trage, hier einfach zwei Bilder der Kontrahenten:
Man sieht links das Shure Shure SM57 LC und rechts daneben das Behringer SL 57C, ganz ähnlich im Look, aber noch etwas dunkler gehalten, was ich ebenfalls recht stimmig finde. Bei Temu hat man (obwohl ein etwas anders aussehendes Mikro geliefert wird) einfach Bilder des Original Shure SM57 auf die Webseite geklebt. Ich habe bereits Jürgen Schwörer verständigt und ihm den Link geschickt. Kann sein, dass die Juristen nochmal reden müssen...
Konstruktion und Vertrauenswürdigkeit
Es dürfte wohl fast jeder schonmal ein Shure SM57 in der Hand gehalten haben. Das Gewicht fühlt sich einfach gut und robust an. Erste Berührung, und es kommt sofort ein Gefühl von Vertrauen auf. Und die mittlerweile legendäre Robustheit des Originals unterstreicht dies noch einmal. Beim 57er von Temu merkt man gleich, dass man einen Billigheimer in der Hand hält, das Ding ist um gut und gern die Hälfte leichter. Das fühlt sich einfach nicht überzeugend an, keine Spur von Vertrauensbildung. Das Behringer schließlich wiegt nur minimal weniger als das Shure, 260g vs. 284g. Es liegt aber ebenfalls sehr gut und satt in der Hand, das Vertrauen kommt auf.
Knock-knock - und dann doch kein Witz?
In Amerikanistanien sind die sogenannten Knock-knock-jokes ganz groß in Mode. Und auch ich mache mir eigentlich immer mal einen Spass draus, auf so ein billiges Mikro draufzuklopfen, weil die da alle ziemlich versagen - ich erwarte aus Erfahrung also bei den billigen Kopien laut und deutlich vernehmbare Klopfgeräusche. Und hier? Überraschung! Weder Behringer noch Temu geben sich hier eine Blöße. Shure sowieso nicht. Da liegt alles recht nah beieinander von der Lautstärke, und mit einem praxisgerechten LoCut bei rund 100 oder 120 Hz erzeugt keins der Mikros wirklich störende Körperschallgeräusche. Dazu kommt ja, dass die Mikros meist auf einem gefederten Stativ vor dem Amp stehen oder über den Rand der Snare oder eines Toms ragen, da ist das noch weniger kritisch. Lediglich beim Anklemmen an besagte Snare oder Toms kann es etwas rappeln, dazu später noch ein paar Worte.
Die Sache mit dem Ring unter dem Kopf
Ja, die Sache mit dem leicht wackligen Kopf beim Shure SM57... ich finde es ja eher uncool, dass eine Legende so wacklig daherkommt, aber ein Kollege erzählte mir, dass Shure zumindest in den USA kostenlose Ringe rausschickt, mit denen sich dieses Problem beheben lässt, wenn man ihnen Bescheid gibt, dass der Mikrofonkopf rasselt, klappert oder irgendwie anders geartete Nebengeräusche von sich gibt - z.B. wenn man es an einem Tom oder einer Snare befestigt. Dass aber dieses Mikro nach wie vor mit wackligem Kopf verkauft wird, entzieht sich meinem Verständnis. Denn: Beide Kopien, das Behringer wie auch das Temu, haben dieses Problem nicht, dort sind die Köpfe fest und nebengeräusch- also klapperfrei montiert.
Gut bei Stimme?
Einpegeln und losgelegt! Noch eine Überraschung: Behringer und mehr noch das Temu sind deutlich lauter (also empfindlicher) als das Shure SM57. Dass Mikrofone heutzutage mehr Pegel ausgeben als noch vor einigen Jahrzehnten, ist ein allgemeiner Trend. Die Entdeckung von Neodymium-Magneten in den 80ern hat da für eine kleine Revolution gesorgt, stärkere Magneten ermöglichten es, kleinere und damit leichtere Schwingspulen zu bauen, was die dynamischen Mikros feiner klingen lässt, wenn die Designer das so wollen. Und eben mehr Pegel, was die Mikrofonvorverstärker entlastet und so für weniger Rauschen auch bei günstigen Pulten sorgen kann. Nach dieser Vorbetrachtung geht es nun weiter zum Sound.
Fest eingebaut - aber wie haben sie das hingekriegt?
Wobei - noch sind wir nicht ganz beim Sound. Es gab bereits ein paar positive Überraschungen in diesem Vergleich, aber eine Sache hat mich dann doch geschockt. Als ich das Temu erstmals eingepegelt hatte und den Fader hochzog, kam ein laut hörbares Rauschen aus dem Lautsprecher. Kabel geprüft und durchgetauscht - alles in Ordnung hier. Also tatsächlich Rauschen aus einem dynamischen Mikro? Hatte ich ja noch nie, jedenfalls nicht so, dass man es irgendwie störend wahrgenommen hätte. Nicht so hier, beim Temu SM57 ist das Rauschen quasi integraler Bestandteil des Gesamterlebnisses. Dieses eine Mikro würde mir mehr Rauschen erzeugen als alle anderen offenen Kanäle auf der Bühne einer durchschnittlichen Rockband zusammengenommen! Durch beherztes Absenken der Höhen kann man das zwar etwas eindämmen, aber echt jetzt - nee. Dieses Mikro kommt bei mir höchstens mal im absoluten Ausnahmefall als Ersatz-Ersatzteil mit und scheidet in diesem Vergleichstest vorzeitig aus.
Die wahre Bestimmung - Einsatzbereiche eines Universalspezialisten
E-Gitarre*, Snare - in diesen Disziplinen ist das Shure SM57 quasi ein weltweiter Standard. Aber auch singen kann man darüber, Lemmy selig hat es ja vorexerziert, und er war nicht der einzige. Und auch der amerikanische Präsident spricht ja schon seit Generationen darüber - dann in Kombination mit dem Windschutz A2WS von Shure - https://www.thomann.de/de/shure_a2ws_schwarz.htm*
Toll finde ich das Original an allen Arten von halbwegs lauten Perkussioninstrumenten, sie werden zwar weder absolut originalgetreu noch gourmetmäßig oder feinfühlig wiedergegeben, setzen sich aber auch im größten Bühnengetöse mühelos durch. Der "Nöck," die Anhebung oberhalb von ca. 2,5 kHz mit gleichzeitigem Abfallen oberhalb von ca. 9 kHz, macht es möglich. Jedoch, die Betonung ist hier auf "halbwegs laut" - ich habe im Lauf der Zeit den Eindruck bekommen, dass SM57/58 etwas Pegel brauchen, um "anzuspringen" und ordentlich zu klingen. Mit sehr leisen Schallquellen klingen sie mMn irgendwie stumpf und verhangen. Modernere Mikros, und damit meine ich auch dynamische wie Shures Beta-Serie und Sennheiser* 900er-Serie, kriegen den Umgang mit leisen Signalen wesentlich besser hin und klingen da wesentlich präsenter.
Neulich habe ich eine funky Gitarre mit dem Behringer SL75 abgenommen - eine brilliant klingende Fender Strat an einem brilliant klingenden Fender Combo-Amp. Da kam mir das Behringer mit seinem softeren Sound genau richtig, LoCut setzen, die Tiefmitten ganz leicht anheben, fertig. Klang gut. Und natürlich hätte das auch mit dem SM57 geklappt, ist ja auch schon millionenfach erfolgreich gemacht worden.
Dann war da noch die Snare einer lauten Hardrockband (wo auch die Grenzfläche Behringer BA19 A an der Bassdrum und zwei Kleinmembraner C-2, ebenfalls vom Uli, zum Einsatz kamen). Hier wäre es mit dem Original SM57 schneller gegangen, aber auch mit dem SL75 kam ich klar - ich musste halt die oberen Mitten und Höhen etwas anheben. Wobei (und das ist nun keine Kritik am SL75) ich die beiden C-2 zentimetergenau ausgerichtet hatte, so dass der Snaresound genau phasengleich bei den beiden Overheads ankam, was bereits einen guten Snaresound ergibt. So gut, dass ich das extra Snaremikro eigentlich nur benutzt habe, um noch etwas Hall auf die Snare zu geben.
Dann habe ich das SM57 auch schon vor einer Trompete gesehen (wobei ich persönlich da den EQ Schwerstarbeit verrichten lassen würde, mein Geschmack ist das Absenken der Höhen und oberen Mitten bei Trompeten, also genau das Gegenteil dessen, was das SM57 von sich aus vorgibt). Aber es läuft klaglos, und alle anderen Arten von Gebläse sollten damit ebenso funktionieren. Mit dem etwas gediegener klingenden Beta 57a mache ich das ja auch, sehr zu meiner Zufriedenheit. Bislang kann ich nur vermuten, dass das SL75 mit seinem weicheren Sound mir hier auch gefallen würde und weniger EQ-Einsatz erfordert. Again: Für meinen Soundgeschmack, und da darf das Gebläse gerne etwas softer sein, so wie in einer 50er/60er-Jahre Soulband.
Weitere Alternativen
Vermutlich tun es auch die vielen günstigen Hausmarken-Kopien, die es bei den meisten größeren Musikhäusern gibt - die haben dann üblicherweise ein "57" oder manchmal auch ein "75" im Namen. Gesucht und gefunden bei Thomann, Kirstein, Musicstore Köln - check, und das alles zu humanen Preisen zwischen 20 und 45 EUR. Getestet habe ich diese Mikros aber (noch) nicht.
Wenn es eher um einen zum SM57 vergleichbaren Sound für E-Gitarre* oder Percussion geht, dann gibt es von Sennheiser* das e609 und e606, letzteres nur noch gebraucht. Die haben auch eine Anhebung der oberen Mitten und klingen im weitesten Sinne vergleichbar zum Original Shure SM57, sehen aber natürlich ganz anders aus. Das "große" Sennheiser* e906 klingt ganz anders, ausgeglichener, voller, runder. Den besten Sound kriegt man an der Gitarre übrigens mit der Kombi aus zwei sehr verschiedenen Mikros hin, also SM57 und e906 z.B. klingen großartig zusammen und extrem vielseitig - mit einem kleinen Schubs an den zwei Kanalfadern kann man eine große Palette von Sounds erzeugen. Sogar die Phasenverschiebung zwischen den beiden Mikros kann man hier nutzen, klingt ein so abgenommener Combo doch gleich fast wie eine 2*12er Box. Ich kann mir vorstellen (und werde das in den nächsten Wochen probieren), dass auch das SM57 und das SL75 gut zusammen klingen.
Mein Fazit
Bin ich zufrieden mit meinen Einkäufen? Bei Shure und Behringer ja, absolut. Von beiden Mikros habe ich jeweils noch ein zweites nachgekauft. Bei Temu nicht, dafür waren selbst 10 EUR noch zuviel. Was also ist dem geneigten Einkäufer zu empfehlen, der ein SM57 oder ein Lookalike sucht? Braucht man Riderfestigkeit, den gewohnten Sound und die legendäre Robustheit? Ganz klar, hier führt kein Weg am Original von Shure vorbei. Wenn man aber keine Rider zu erfüllen hat oder sowieso einen anderen Sound sucht als den des Originals, dann steht dem beherzten Griff zum Behringer nichts entgegen. Bei Temu - Finger weg, das taugt wirklich nur als Attrappe.
Manche Klassiker haben zahlreiche Nachahmer zum fleißigen Nachahmen inspiriert, und das Shure SM57 ist mit Sicherheit ein solcher Klassiker. Kurz entschlossen habe ich neben meinen vorhanden Originalen, dem Shure SM57 und seinem Nachfolger Beta57a mal zwei Kopien geordert, eins ist das SL-75 LC von Behringer, das andere ist irgendwo in China von der Werkbank gepurzelt und wird über Temu als "SM 57" vertrieben. In diesem Test möchte ich ergründen, was diese Mikrophone verbindet und was sie voneinander unterscheidet.
Preis
Krasse Unterschiede gibt es gleich in der ersten Disziplin des Vergleichs, beim Preis. Wo Shure nach der letzten Preisanpassung mit 111 EUR für das SM 57 und 159 EUR für das Beta 57a hinlangt, zahlt man bei Un-Shure 17,90, wenn der Name Behringer SL-75 LC drauf steht, und knapp unter 10 EUR (inzwischen 11), wenn man es von Temu ordert und lediglich der abgekupferte Name "SM57" drauf prangt - aber das gleich ein halbes Dutzend Mal! Den Firmennamen des Originals mit anzugeben, haben sich die Kopisten dann wohl doch nicht getraut. Ich bin mir einigermaßen sicher, die Juristen von Shure und Un-Shure haben dieses Thema bereits ausführlich miteinander besprochen.
Lieferumfang
Für sein Geld bekommt man neben dem Mikro noch Klemme, Reduziergewinde und eine Tasche. Nur Behringer weicht von diesem Standard ab und liefert sein Mikro in einem kleinen und sehr gut gepolsterten Plastikköfferchen aus.
Design
Dieses Mikro dürfte wohl jeder schonmal gesehen haben, bevor ich also Eulen nach Athen trage, hier einfach zwei Bilder der Kontrahenten:
Man sieht links das Shure Shure SM57 LC und rechts daneben das Behringer SL 57C, ganz ähnlich im Look, aber noch etwas dunkler gehalten, was ich ebenfalls recht stimmig finde. Bei Temu hat man (obwohl ein etwas anders aussehendes Mikro geliefert wird) einfach Bilder des Original Shure SM57 auf die Webseite geklebt. Ich habe bereits Jürgen Schwörer verständigt und ihm den Link geschickt. Kann sein, dass die Juristen nochmal reden müssen...
Konstruktion und Vertrauenswürdigkeit
Es dürfte wohl fast jeder schonmal ein Shure SM57 in der Hand gehalten haben. Das Gewicht fühlt sich einfach gut und robust an. Erste Berührung, und es kommt sofort ein Gefühl von Vertrauen auf. Und die mittlerweile legendäre Robustheit des Originals unterstreicht dies noch einmal. Beim 57er von Temu merkt man gleich, dass man einen Billigheimer in der Hand hält, das Ding ist um gut und gern die Hälfte leichter. Das fühlt sich einfach nicht überzeugend an, keine Spur von Vertrauensbildung. Das Behringer schließlich wiegt nur minimal weniger als das Shure, 260g vs. 284g. Es liegt aber ebenfalls sehr gut und satt in der Hand, das Vertrauen kommt auf.
Knock-knock - und dann doch kein Witz?
In Amerikanistanien sind die sogenannten Knock-knock-jokes ganz groß in Mode. Und auch ich mache mir eigentlich immer mal einen Spass draus, auf so ein billiges Mikro draufzuklopfen, weil die da alle ziemlich versagen - ich erwarte aus Erfahrung also bei den billigen Kopien laut und deutlich vernehmbare Klopfgeräusche. Und hier? Überraschung! Weder Behringer noch Temu geben sich hier eine Blöße. Shure sowieso nicht. Da liegt alles recht nah beieinander von der Lautstärke, und mit einem praxisgerechten LoCut bei rund 100 oder 120 Hz erzeugt keins der Mikros wirklich störende Körperschallgeräusche. Dazu kommt ja, dass die Mikros meist auf einem gefederten Stativ vor dem Amp stehen oder über den Rand der Snare oder eines Toms ragen, da ist das noch weniger kritisch. Lediglich beim Anklemmen an besagte Snare oder Toms kann es etwas rappeln, dazu später noch ein paar Worte.
Die Sache mit dem Ring unter dem Kopf
Ja, die Sache mit dem leicht wackligen Kopf beim Shure SM57... ich finde es ja eher uncool, dass eine Legende so wacklig daherkommt, aber ein Kollege erzählte mir, dass Shure zumindest in den USA kostenlose Ringe rausschickt, mit denen sich dieses Problem beheben lässt, wenn man ihnen Bescheid gibt, dass der Mikrofonkopf rasselt, klappert oder irgendwie anders geartete Nebengeräusche von sich gibt - z.B. wenn man es an einem Tom oder einer Snare befestigt. Dass aber dieses Mikro nach wie vor mit wackligem Kopf verkauft wird, entzieht sich meinem Verständnis. Denn: Beide Kopien, das Behringer wie auch das Temu, haben dieses Problem nicht, dort sind die Köpfe fest und nebengeräusch- also klapperfrei montiert.
Gut bei Stimme?
Einpegeln und losgelegt! Noch eine Überraschung: Behringer und mehr noch das Temu sind deutlich lauter (also empfindlicher) als das Shure SM57. Dass Mikrofone heutzutage mehr Pegel ausgeben als noch vor einigen Jahrzehnten, ist ein allgemeiner Trend. Die Entdeckung von Neodymium-Magneten in den 80ern hat da für eine kleine Revolution gesorgt, stärkere Magneten ermöglichten es, kleinere und damit leichtere Schwingspulen zu bauen, was die dynamischen Mikros feiner klingen lässt, wenn die Designer das so wollen. Und eben mehr Pegel, was die Mikrofonvorverstärker entlastet und so für weniger Rauschen auch bei günstigen Pulten sorgen kann. Nach dieser Vorbetrachtung geht es nun weiter zum Sound.
Fest eingebaut - aber wie haben sie das hingekriegt?
Wobei - noch sind wir nicht ganz beim Sound. Es gab bereits ein paar positive Überraschungen in diesem Vergleich, aber eine Sache hat mich dann doch geschockt. Als ich das Temu erstmals eingepegelt hatte und den Fader hochzog, kam ein laut hörbares Rauschen aus dem Lautsprecher. Kabel geprüft und durchgetauscht - alles in Ordnung hier. Also tatsächlich Rauschen aus einem dynamischen Mikro? Hatte ich ja noch nie, jedenfalls nicht so, dass man es irgendwie störend wahrgenommen hätte. Nicht so hier, beim Temu SM57 ist das Rauschen quasi integraler Bestandteil des Gesamterlebnisses. Dieses eine Mikro würde mir mehr Rauschen erzeugen als alle anderen offenen Kanäle auf der Bühne einer durchschnittlichen Rockband zusammengenommen! Durch beherztes Absenken der Höhen kann man das zwar etwas eindämmen, aber echt jetzt - nee. Dieses Mikro kommt bei mir höchstens mal im absoluten Ausnahmefall als Ersatz-Ersatzteil mit und scheidet in diesem Vergleichstest vorzeitig aus.
Die wahre Bestimmung - Einsatzbereiche eines Universalspezialisten
E-Gitarre*, Snare - in diesen Disziplinen ist das Shure SM57 quasi ein weltweiter Standard. Aber auch singen kann man darüber, Lemmy selig hat es ja vorexerziert, und er war nicht der einzige. Und auch der amerikanische Präsident spricht ja schon seit Generationen darüber - dann in Kombination mit dem Windschutz A2WS von Shure - https://www.thomann.de/de/shure_a2ws_schwarz.htm*
Toll finde ich das Original an allen Arten von halbwegs lauten Perkussioninstrumenten, sie werden zwar weder absolut originalgetreu noch gourmetmäßig oder feinfühlig wiedergegeben, setzen sich aber auch im größten Bühnengetöse mühelos durch. Der "Nöck," die Anhebung oberhalb von ca. 2,5 kHz mit gleichzeitigem Abfallen oberhalb von ca. 9 kHz, macht es möglich. Jedoch, die Betonung ist hier auf "halbwegs laut" - ich habe im Lauf der Zeit den Eindruck bekommen, dass SM57/58 etwas Pegel brauchen, um "anzuspringen" und ordentlich zu klingen. Mit sehr leisen Schallquellen klingen sie mMn irgendwie stumpf und verhangen. Modernere Mikros, und damit meine ich auch dynamische wie Shures Beta-Serie und Sennheiser* 900er-Serie, kriegen den Umgang mit leisen Signalen wesentlich besser hin und klingen da wesentlich präsenter.
Neulich habe ich eine funky Gitarre mit dem Behringer SL75 abgenommen - eine brilliant klingende Fender Strat an einem brilliant klingenden Fender Combo-Amp. Da kam mir das Behringer mit seinem softeren Sound genau richtig, LoCut setzen, die Tiefmitten ganz leicht anheben, fertig. Klang gut. Und natürlich hätte das auch mit dem SM57 geklappt, ist ja auch schon millionenfach erfolgreich gemacht worden.
Dann war da noch die Snare einer lauten Hardrockband (wo auch die Grenzfläche Behringer BA19 A an der Bassdrum und zwei Kleinmembraner C-2, ebenfalls vom Uli, zum Einsatz kamen). Hier wäre es mit dem Original SM57 schneller gegangen, aber auch mit dem SL75 kam ich klar - ich musste halt die oberen Mitten und Höhen etwas anheben. Wobei (und das ist nun keine Kritik am SL75) ich die beiden C-2 zentimetergenau ausgerichtet hatte, so dass der Snaresound genau phasengleich bei den beiden Overheads ankam, was bereits einen guten Snaresound ergibt. So gut, dass ich das extra Snaremikro eigentlich nur benutzt habe, um noch etwas Hall auf die Snare zu geben.
Dann habe ich das SM57 auch schon vor einer Trompete gesehen (wobei ich persönlich da den EQ Schwerstarbeit verrichten lassen würde, mein Geschmack ist das Absenken der Höhen und oberen Mitten bei Trompeten, also genau das Gegenteil dessen, was das SM57 von sich aus vorgibt). Aber es läuft klaglos, und alle anderen Arten von Gebläse sollten damit ebenso funktionieren. Mit dem etwas gediegener klingenden Beta 57a mache ich das ja auch, sehr zu meiner Zufriedenheit. Bislang kann ich nur vermuten, dass das SL75 mit seinem weicheren Sound mir hier auch gefallen würde und weniger EQ-Einsatz erfordert. Again: Für meinen Soundgeschmack, und da darf das Gebläse gerne etwas softer sein, so wie in einer 50er/60er-Jahre Soulband.
Weitere Alternativen
Vermutlich tun es auch die vielen günstigen Hausmarken-Kopien, die es bei den meisten größeren Musikhäusern gibt - die haben dann üblicherweise ein "57" oder manchmal auch ein "75" im Namen. Gesucht und gefunden bei Thomann, Kirstein, Musicstore Köln - check, und das alles zu humanen Preisen zwischen 20 und 45 EUR. Getestet habe ich diese Mikros aber (noch) nicht.
Wenn es eher um einen zum SM57 vergleichbaren Sound für E-Gitarre* oder Percussion geht, dann gibt es von Sennheiser* das e609 und e606, letzteres nur noch gebraucht. Die haben auch eine Anhebung der oberen Mitten und klingen im weitesten Sinne vergleichbar zum Original Shure SM57, sehen aber natürlich ganz anders aus. Das "große" Sennheiser* e906 klingt ganz anders, ausgeglichener, voller, runder. Den besten Sound kriegt man an der Gitarre übrigens mit der Kombi aus zwei sehr verschiedenen Mikros hin, also SM57 und e906 z.B. klingen großartig zusammen und extrem vielseitig - mit einem kleinen Schubs an den zwei Kanalfadern kann man eine große Palette von Sounds erzeugen. Sogar die Phasenverschiebung zwischen den beiden Mikros kann man hier nutzen, klingt ein so abgenommener Combo doch gleich fast wie eine 2*12er Box. Ich kann mir vorstellen (und werde das in den nächsten Wochen probieren), dass auch das SM57 und das SL75 gut zusammen klingen.
Mein Fazit
Bin ich zufrieden mit meinen Einkäufen? Bei Shure und Behringer ja, absolut. Von beiden Mikros habe ich jeweils noch ein zweites nachgekauft. Bei Temu nicht, dafür waren selbst 10 EUR noch zuviel. Was also ist dem geneigten Einkäufer zu empfehlen, der ein SM57 oder ein Lookalike sucht? Braucht man Riderfestigkeit, den gewohnten Sound und die legendäre Robustheit? Ganz klar, hier führt kein Weg am Original von Shure vorbei. Wenn man aber keine Rider zu erfüllen hat oder sowieso einen anderen Sound sucht als den des Originals, dann steht dem beherzten Griff zum Behringer nichts entgegen. Bei Temu - Finger weg, das taugt wirklich nur als Attrappe.
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