Zum ersten und zum letzten Mal

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Teestunde
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Zum ersten und zum letzten Mal

Du willst mich füttern wie ein Kind,
pürierst Gemüsebrei mit Rind,
das du mir durch die Sonde spritzt.
Als ob das jetzt noch etwas nützt.
Mach dich nicht fertig wegen mir,
ich bin ja jetzt schon kaum noch hier.
Aus meinen Knochen rinnt die Kraft,
da hilft auch kein Karottensaft.

Du lachst mich an und freust dich so:
Heut kam ich rechtzeitig aufs Klo,
das heißt, du brauchst den Lappen nicht.
Schon ein Erfolg aus deiner Sicht.
Und sag der Frau vom Ehrenamt,
ich will nicht Karten spieln, verdammt!
Sie hat doch sicher einen Mann,
der mit ihr Spiele spielen kann.

Ja, ja, ich tu dir damit weh,
dass ich nicht zur Bestrahlung geh,
stattdessen in die Kneipe flieh.
Die Zukunft? – Mensch, ich pfeif auf sie!
Käm ich hier raus statt in den Sarg,
blieb nur der Wohncontainerpark.
Das strikte Alkoholverbot
dort ist noch schlimmer als der Tod.

Der Tod nahm mich längst an die Hand.
Ich bitt’ dich, hab soviel Verstand
und halt mich nicht mit Tränen fest
hier im Hospiz, dem warmen Nest,
das für vier Wochen – sonderbar –
tatsächlich mein Zuhause war
zum ersten und zum letzten Mal.
Mach mir den Abflug nicht zur Qual.

Schreib meinen Namen auf nen Stein
und leg ihn in die Vase rein
zu all den andern Steinen dort.
Es zieht mich gleich ins Dunkel fort.
Die mir vorausgeflogen sind,
spürn endlich keinen Gegenwind.
Wenn nun für mich die Kerze brennt,
dann wehe dem, der um mich flennt!
 
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Sehr eindrucksvoller Text. Eine gelungene Gratwanderung zwischen wirklich "schwerer Kost" und lapidarem, sehr trockenem Humor. Ich habe mich allerdings gefragt, zu welchem Genre der Text gesunden werden soll, falls es als Liedtext gedacht ist.
 
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Ich höre da Rockmusik und eine rauchige Stimme... Falls es nicht zu lang wird, könnte noch ein Refrain oder eine Bridge dazwischen. Etwa: dass es kaum zu ertragen ist, wie liebevoll sich die Pflegerin kümmert ausgerechnet jetzt am Lebensende... Aber nee, das wäre doppelt gemoppelt. ;)
 
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Oder ein abrupter Wechsel zwischen instrumentaler Chanson-Begleitung in den Strophen und einer eher aggressiveren angecrunchten E-Gitarre im Refrain. Bei der rauchigen Stimme bin ich voll dabei. Im Rhythmus schleppend, tragend und in Relation Text zu Drum immer ganz leicht hinterher.
So eine Mischung aus Beirut und Wolfgang Ambros.
 
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Ich lass "meinen" Musikern immer völlig freie Hand. Sie müssen schließlich nachher den Kopf "ins Rampenlicht" halten. Da sollen sie sich von mir nicht eingeengt fühlen. Zumal ich die fertigen Lieder "nur" auf meiner facebookseite poste und im Songtexteforum von www.recording.de

Hör gerade Wolfgang Ambros. Versteh zwar nur wenig, aber was rüberkommt, ist klasse. :)
Beirut ist nach dem ersten Hören jetzt nichts, worauf ich spontan anspringe. Aber gut, vielleicht würde die Mischung funktionieren.
 
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Wow. Inhaltlich stark und voller Rhythmus. Und hat sich super entwickelt (von Freundliche Grüße hierher )
Wenn Du doch noch einen Refrain reinbauen willst, wär da meine Idee, den der Pflegekraft zu geben - mit der Zerissenheit, hier jemanden zu pflegen, der sein ganzes Leben zuvor so viel mehr/eher Pflege gebraucht hätte.

Wir kümmern uns, denn Du bist hier
doch frag ich mich, wo waren wir
es ist kaum zu verstehen
Du kriegst nun das, was Du jetzt brauchst
bis Du nun bald hinüber tauchst
Doch viel zu spät wurd'st Du gesehn
 
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Wir kümmern uns, denn Du bist hier
doch frag ich mich, wo waren wir
es ist kaum zu verstehen
Du kriegst nun das, was Du jetzt brauchst
bis Du nun bald hinüber tauchst
Doch viel zu spät wurd'st Du gesehn
Daraus müsse man gleich ein neues Lied machen. Ich will keinen Rollenwechsel in EINEM Text, das geht mir zu sehr in Richtung Singeclub. ;) Aber als erste Notiz für ein anderes Lied ist das sehr gut und brauchbar!!!
Bestes bzw. passendstes Lied dazu ist "Die Kinettn wo i schlof".
Danke für den Tipp. Ich google mal. :)
Haste den Text auch auf Deutsch?
 
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Ein lieber Bekannter von mir will sich den Text durchlesen und, falls er zu ihm passt, vertonen.
Danke bis jetzt an alle "Mitarbeiter" hier. :)
 
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Haste den Text auch auf Deutsch?
Ich versuchs mal in Hochdeutsch, zumindest was ich verstehe. Wenn hier Österreicher sind, berichtigt mich gerne!

Wenn in der Früh die Nacht gegen den Tag den kürzeren zieht
Und wenn der erste Sonnenstrahl die letzte Dämmerung verjagt
dann wach ich auf
in der Künette* wo ich schlaf

Die Tschuschn** kommen und ich muss mich schleichen, sonst zeigt man mich an
So kriech (?) ich halt raus und putz mir den Dreck ab, so gut ich kann.
So steh ich auf, in der Künette wo ich schlaf
So steh ich auf

Ich hab mich schon zehn Tage nicht mehr rasiert und nicht mehr gewaschen
Und ich hab nichts als eine Flasche Rum in den Manteltaschen.
Die geb ich mir zum Frühstück und dann schnorr ich einen um eine Zigarette an
und um einen Schilling.

Und die Leute kommen mir entgegen, wie eine Mauer kommen sie auf mich zu.
Ich bin der einzige, der ihr entgegen geht, so kommts mir vor (?).
Aber ich reiß mich zusammen und mach beim ersten Schritt
die Augen zu.

Es ist doch ganz egal ob ich was arbeite oder nicht
weil für die dünne Klostersuppe genügts doch wenn ich bettle
Lasst mich in Ruhe
weil heute schütten sie mir die Künette zu.

Lasst mich in Ruh.

*Künette = Rinne im Kanal, Baugrube
** Österreichischer Begriff für slawische/osteuropäische Arbeiter
 
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Danke. Mir sind die Bilder vom Video schon an die Nieren gegagen. Der Text um so mehr. In Dresden gibt es solche Bettler kaum. Die meisten gehören zu dieser Bettelmafia aus Osteuropa. Aber es gibt diese Zeitungsverkäufer. Die stehen an ihren Standplätzen und verkaufen die Dresdner Straßenzeitung. Und es gibt natürlich unendlich viele Flaschensammler. Ich bin immer dafür, dass an diePapierkörbe solche Halterungen angebracht werden, wo man seine Flasche reintun kann. Damit die armen Teufel nicht in die Papierkörbe greifen müssen. Statt dessen rüstet Dresden um auf Papierkörbe, wo man den Arm nicht mehr reinkriegt.

Für Wolfgang Knoch


Nun steht er nicht mehr da,
der stille Zeitungsmann.
Es geht mir mächtig nah.
Weil ich’s nicht ändern kann.

Hier hilft kein kluger Spruch,
dass jeder einmal geht.
Ich hätte sehr gewollt,
dass er noch lang dort steht.

Zu jeder Jahreszeit
war er an seinem Platz.
Um nicht allein zu sein.
Und manchmal für die Katz.

Er drängte sich nie auf,
hielt nur die Zeitung hin.
Oft ging ich dran vorbei,
wenn ich ganz ehrlich bin.

Er suchte keinen Streit,
zog wer die Nase kraus.
Bei aller Ärmlichkeit
ging Würde von ihm aus.

Einmal in all den Jahrn
hat er von sich erzählt,
von Arbeitslosigkeit,
der Flut und wenig Geld.

Ich hörte zu. Zerstreut.
Denn meine Bahn, sie kam.
Heut frag ich mich, warum
ich nicht die nächste nahm.

Ob auf dem letzten Weg
wohl jemand bei ihm war?
Die Wärme einer Hand,
ein Wort, ein Augenpaar?

Ich fürchte leider, nein.
Und hoff das Gegenteil.
Sein ganzes Einsamsein
durchdringt mich wie ein Pfeil.

Es geht mir mächtig nah.
Weil ich’s nicht ändern kann.
Nun steht er nicht mehr da,
der stille Zeitungsmann.
 
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"Zum ersten und zum letzten Mal" ist jetzt vergeben an einen Hobbymusiker aus der Schweiz. Danke euch allen! :)
 
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