Neue Klappenbeläge (Diskant) für Horch Exquisit - Ein Erfahrungsbericht

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Guten Abend, liebe Forumsgemeinde!

Heute will ich Euch einmal an meinem ersten dokumentierten "Reparatur"-Projekt teilhaben lassen.

Es geht um eine vergleichsweise einfache Sache, die hier im Forum immer wieder auftaucht: das erneuern der Klappenbeläge, hier im Diskant. Die hier betroffene Hoch habe ich günstig hier vor Ort von privat durch eine Kleinanzeige gefunden. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Cantus noch nicht und brauchte dringend etwas zum Spielen, da kam sie mir gerade recht.:)

Die Horch hatte eine frisch justierte Diskanttatstatur mit Beleg und war vom hiesigen Musikhaus durchgesehen worden. Weshalb dann noch die Beläge drauf waren: schleierhaft, aber darum gehts jetzt ja gar nicht.

Die Beläge hatten folgendes Problem: nach jeder Nachtruhe haben sie sich an der Füllung festgesaugt und ich konnte erst einmal alle Tasten betätigen, damit sie sich mit einem "Plopp" lösten. Es klebte nicht besonders fest, weshalb ich es auch so hinnahm. Das kommt wohl von dem damals verwendeten Kleber, der Leder und Filz verbindet: selbstklebend, wie bei einem Aufkleber oder Klebeband; derartige Klebstoffe härten nie vollständig aus und über die Jahre passiert dann das, was hier passiert ist, nämlich festkleben an der Füllung.

Also, wie bin ich vorgegangen:
1. Filzleder besorgen in der richtigen Stärke. Bei mir hieß das etwa 5mm. Bezugsquellen gibt es einige. Man kann das Material "Geschnitten oder am Stück" einkaufen. Ich hbae mich für das ganze Stück entschieden, weil ich das Zuschneiden selbst machen wollte. Ich würde in Zukunft aber je nach Bedarf zugeschnittene Stücke kaufen. Das ist preislich nicht unattraktiver und spart jede Menge Arbeit (die ich mir aber machen wollte;)) Also einmal Material:
P1000227.JPG

2. Zuschneiden. Also, um eine lange Geschichte kurz zu machen: um das Filzleder sauber und exakt zu schneiden brauchte es eine scharfe und dünne Klinge. Das normale Paketmesser hat kläglichst versagt. Ebenso die feinste Klinge vom Schweizer Taschenmesser. Hervorragende Ergebnisse habe ich hiermit erzielt:
P1000256.jpg

Eine Rasierklinge zwischen zwei wohlgeformten Stücken Sperrholz und ein Stahllineal (Beschneidelineal?) haben mir gute Dienst geleistet:
P1000226.jpg

3. Alle Klappen werden systematisch durchnummeriert und beschriftet, damit sie alle wieder an ihren Platz kommen, an dem sie waren. Ob das wichtig ist weiß ich nicht. Die Überlegung dahinter war folgende: Die Clavishebel sind nicht alle genau gleich geformt; die Aluklappen sind mit einem Gummi mit dem Hebel verbunden; der Gummi (das Gummi?) hat sich über die Zeit an die Form angepasst und sicherlich an Elastizität verloren. Es kann also nicht schaden, die Gummis nicht mehr verformen zu wollen, sondern so zu lassen.
Also Verdeck ab: P1000221.JPGP1000223.jpgP1000225.jpg
Registermechanik raus: P1000231.JPG Klappen beschriften: P1000233.JPG

4. Alle Klappen werden mit den alten Belägen ausgebaut.
5. Jetzt folgte eine lange Folge von Versuch und Irrtum: wie gehen die alten Beläge anständig von den Aluklappen?
5a) abreißen:
P1000242.jpg--> unbefriedigend!

5b) mit einer scharfen Klinge von der Klappe kratzen:
P1000243.jpg--> ist sauanstrengend und man "verletzt" das relativ weiche Aluminium eigentlich unweigerlich. Nicht optimal.

5c) mit einer stumpfen Klinge (eine kleine Spachtelkelle) von der Klappe ziehen:
P1000250.jpg--> Ergebnis wie vor, aber ohne Verletzungen am Alu dafür echt anstrengend. Habe ständig Angst die Klappe zu verbiegen, abzurutschen etc. da der Kraftaufwand enorm ist.

5d)Beim Versuch die verbliebenen Klebereste zu entfernen (Schleifpapier, rauher Schwamm, am besten ging der Daumennagel) schließlich draufgekommen, die Filzreste im Wasserbad aufzuweichen:
P1000253.jpg--> tadellos und blitzeblank!:great:

6. Alle Klappen auch die mit den ganzen Filzen dran ab ins Wasserbad und über Nacht aufweichen lassen:
P1000252.jpg Denn so lassen sich die Beläge sogar im Ganzen abziehen:P1000254.jpg

7. Beläge vollkommen trocknen lassen.

8. Klebstoff auf die Alu-Stege, Filz aufdrücken, Klebstoff auf die Alu-Stege, Filz aufdrücken, Klebstoff auf die Alu-Stege, Filz aufdrücken, Klebstoff auf die Alu-Stege, Filz aufdrücken, Klebstoff auf die Alu-Stege, Filz aufdrücken, Klebstoff auf die Alu-Stege, Filz aufdrücken, ... ziemlich genau 41 mal:D

9. Alle Klappen wieder an ihren Platz. Die Klappen werden genau über den Öffnungen ausgerichtet, auch wenn die Gummiverbindung da Widerstand leisten sollte. Anfangs hatte ich das Problem, dass sich die Klappen sofort anders ausrichteten, sobald sie durch Tastendruck angehoben wurden. Ich habe beschlossen, die Klappen auszurichten und unter dem Rückstelldruck der Tasten/Hebel erst einmal einen Tag ruhen zu lassen. Das hat sich als richtig herausgestellt. Danach hatten sich offenbar die Gummis soweit angepasst, dass die Klappen an Ort und Stelle geblieben sind.

10. Der große Moment: Balg aufziehen und ohne Tastendruck einmal Luftdruck geben. Und? Kein Ton, stärker drücken und? eine Handvoll Töne und an einer Klappe ein bisschen Zischeln. Hmmmm.:gruebel: In Erinnerung an diese ausgebaute Klappe und dem deutlichen Profil, durch die Anpassung des Leders an die abzudichtende Öffnung
P1000236.JPG habe ich beschlossen, den Belägen erst einmal noch ein wenig Zeit zu lassen. Eine Woche später ist's dicht.:)

11. Die Tastatur könnte jetzt durchaus mal gerichtet werden. Es ist aber erträglich. Man kann drauf spielen (also wenn man kann;))

So soweit mein erster Bericht. Das war jetzt nur ein kleiner Teil der Servicearbeiten, die der Horch guttäten: die Tastatur ist ja schoon erwähnt, das mache ich aber bestimmt nicht selber. Wären die Clavishebel rund, würde ich mich wohl trauen, aber so, bei Flachmaterial lass ich das sein.
Es wird eine Balgdichtung folgen. Und dann kuck ich mir noch ein paar einzelne Ventile an. Schließlich sind noch ein paar Glitzersteinchen auf dem Verdeck zu ersetzen.

Soweit, so gut. Ich freu mich auf Kommentare.

Und noch ein Hinweis: Ich bin kein Instrumentenmacher und habe auch nicht den Anspruch einer zu sein. Alles, was ich da weiß oder zu wissen glaube habe ich mir unter anderem mit diesem großartigen Forum angelesen oder probiere es halt intuitiv aus. Wenn's jemand besser weiß, dann möge er es bitte aufschreiben. Ich kann damit sehr gut leben!

Und jetzt: Schönes Spiel Euch allen!

Gruß, Schabernakk


PS: ich hoffe, wenn ich gleich auf "Vorschau" klicke hauts mir nicht alles um die Ohren!:D
 
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Reaktionen: 4 Benutzer
Hallo Schabernack,

erstmal besten Dank für deinen Ausführlichen Bericht - der ist wirklich klasse gemacht!

Und ich wünsche dir, dass deine Klappenbeläge dicht werden - bei meienr Atlantik warte ich schon seit 5 Wochen darauf - wird aber nix, weil die Filzbeläge durch die Sicken im Aluhalter einfach beschlossen haben wellig zu bleiben...und drum zwar schon die Abdrücke der Tonlöcher zeigen, aber trotzdem nur halbwegs dicht werden wollen.

Da muss ich also demnächst nochmal ran und die Sache neu und n bissl anders angehen.:(

Aber das ist nicht weiter schlimm, denn das sind einfach Sachen, die finde ich, muss man einfach mal probieren, dann sieht man was passiert , lernt was draus und kanns dann richtig angehen.

Das sehe ich im Sinne vom "Fussballkaiser" : Da guckn mer, dann schaun mer und dann werd mer schon sehen!
:)

Gruß, maxito
 
Hallihallo,

Hallo Schabernack,

Und ich wünsche dir, dass deine Klappenbeläge dicht werden -


Ja, danke. Ich habe mich da oben wohl nicht gut ausgedrückt; schade, dass ichs nicht mehr editieren kann. Dort steht jetzt: "Eine Woche später ist's dicht.:)" sollte besser heißen, "Eine Woche später war's dicht.:)"
Hat also alles gut geklappt!


Hallo Schabernack,

bei meienr Atlantik warte ich schon seit 5 Wochen darauf - wird aber nix, weil die Filzbeläge durch die Sicken im Aluhalter einfach beschlossen haben wellig zu bleiben...und drum zwar schon die Abdrücke der Tonlöcher zeigen, aber trotzdem nur halbwegs dicht werden wollen.

Gruß, maxito

Mal so aus Neugierde: wie hast'de die denn wellig gekriegt? Kleber auf Klappenstege, auf den flach auf dem Tisch liegenden Filz aufdrücken. Wie wird's da wellig?

Grüßle, Schabernakk
 

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