Hmm – diese "Ignore-Welle" finde ich jetzt auch ein wenig befremdlich. Dass jemandem die Echtheit einer Performance völlig wurst ist, ist eine Meinung, die man nicht teilen muss. Aber ertragen kann man sie schon. Zur Not einfach nicht drauf antworten.
Ob die große Show jedes Hilfsmittel rechtfertigt - kommt drauf an: Wenn zB P!NK beim Salto in 30 Metern Höhe auf ein bisschen Playback zurückgreifen würde (was ich nicht weiß), weil es sich fliegend mit Gurten am Leib nicht so gut singen lässt, hätte ich dafür vollstes Verständnis, da es hier tatsächlich einen echten Mehrwert gäbe. Aber von solchen Sonderfällen abgesehen, finde ich es manchmal absurd, wenn ohne Not Standards etabliert werden, die nie jemand eingefordert hat. Konzertbesucher kommen doch heute nicht glücklicher aus einem Rockkonzert als vor 30, 40 oder 50 Jahren, weil die Intonation ein kleines bisschen genauer ist.
Eine solide Doktorarbeit ist eben kein Popanz.
Du hast recht, das muss ich natĂĽrlich etwas relativieren.
Bei fachfremden Karrieren besteht immer ein wenig die Gefahr der Überbewertung. Sowohl zum Vor- als auch zum Nachteil der Betroffenen. Bleiben wir beim Beispiel Politik: Wenn zB ein angehender Argrarminister vor 25 Jahren mäßig in Philosophie promoviert hat, sind da fachlich erstmal nicht allzu viele Schnittmengen zu finden. Dennoch verbinden viele Menschen mit solch einem Titel Eigenschaften wie "Fleiß", "Ausdauer/Ehrgeiz" und "Intelligenz", was ihm durchaus Vorteile verschaffen kann gegenüber Mitbewerbern ohne solch einen Titel. Dass seine Familie eventuell nur über genügend Mittel verfügte, ihren Sohnemann während dieser oft entbehrungsreichen Zeit finanziell zu unterstützen, wird dabei dann gern ausgeblendet. Mittel, die andere Familien intelligenter und fleißiger Kinder vielleicht einfach nicht haben.
Umgekehrt genauso: K.T. ist ja nur ein Beispiel in einer längeren Liste von
Politikerinnen, die bei der Doktorarbeit betrogen haben sollen und deshalb zurückgetreten sind, obwohl die eine oder der andere von ihnen in der Politik eventuell eine gute Figur hätte machen können oder gemacht hat. Ich finde es etwas "drüber", wenn Leute ihren Job aufgeben müssen für vielleicht sogar völlig unbeabsichtigte "Jugendsünden", die man ihnen eigentlich gar nicht ankreiden dürfte: Das Tolerieren,
Verschweigen und Verharmlosen von Plagiaten hat im akademischen und wissenschaftlichen Betrieb System, weil die Unis, denen diese gravierenden Mängel entgangen sind, um ihren Ruf fürchten. Dass der Fisch vom Kopf stinkt, kann man ehemaligen Promovierenden nicht allein vorwerfen. Es ist eher ein institutionelles Versagen. Die Betrofffenen hätte ihren Titel einfach gar nicht erst bekommen dürfen.
Ich habe Titelträger im akademischen Betrieb unter meinen Freunden: Was dort gemauschelt, intrigiert oder sogar "erpresst" wird, kann man sich kaum vorstellen. Es sind Machtbetriebe und die Frustation ist enorm. Die Vernünftigsten haben den Beruf gewechselt.
Wenn ich also von "Popanz" spreche, will ich damit nicht die Mühen aberkennen, die in der Arbeit steckt. Ich will damit nur sagen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Man sollte sich davon nicht zu sehr beeinflussen oder beeindrucken lassen.
Um den Switch zurück zu Tamplin zu kriegen: Auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt. Er ist vielleicht nicht das "Stimmwunder", als das er sich feiern lässt, aber trotzdem noch ein guter Sänger und vielleicht auch ein guter Coach. Und das darf er von mir aus auch bleiben. Bestenfalls brächte ihn diese Episode dazu, nicht mehr sein zu wollen als das. Große Hoffnung habe ich aber nicht.
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