5. D. Wie baue ich meine Texte besser auf ?

von x-Riff, 28.09.06.

  1. x-Riff

    x-Riff Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 28.09.06   #1
    Wie baue ich meine Texte besser auf ?

    Ihr habt einen Text und durch ein Feedback von Außen oder nachdem Ihr Euren eigenen Text noch einmal mit etwas zeitlichem Abstand gelesen habt, beschleicht Euch möglicherweise das Gefühl, dass er zwar grundsätzlich gut ist, jedoch etwas die Würze fehlt.

    Das mag Euch zunächst etwas herunter ziehen – denn schließlich war man ja beim Schreiben der felsenfesten Überzeugung, etwas wirklich Tolles zu vollbringen. Das ist auch absolut nichts Ungewöhnliches: denn während des Schreibens – besonders wenn es einem nur so aus der Feder fließt – befindet man sich im Zustand des „flow“.

    Flow ist die Bezeichnung dafür, dass die Assoziationen nur so sprießen, man die Personen zum Greifen nahe vor sich sieht, die Handlung nur so abgeht und eigentlich alles stimmt. Nur – die Feder oder die Hände sind gar nicht so schnell wie man denken kann oder man hält sich plötzlich an einem Wort und einer Zeile auf – und so schnell, wie er kam, ist er wieder weg, der Flow.

    Oder es fließt wirklich ununterbrochen und schnell ist man fertig mit dem Werk. Aber was einem beim ersten Aufschreiben so zwingend erschien, kommt einem beim erneuten Lesen mit etwas Abstand nebensächlich vor. Die Personen, die Stimmungen und die Handlung sind gar nicht mehr so mitreißend. In gewisser Weise ist der Text abgekühlt – und die eigene Beziehung zu ihm auch.


    Anzeichen dafür, dass man den Aufbau des Textes verbessern sollte
    Natürlich zum einen: das Feedback fällt entweder recht lau aus: „ganz schön“, „nett“ oder „Hmm Ja, doch...“ oder man bekommt deutlichere Hinweise darauf, dass etwas nicht stimmt oder nicht verstanden wird.

    Je konkreter das Feedback ist, desto hilfreicher ist es. Da Ihr – die Ihr diesen workshop lest – zur „schreibenden Zunft“ gehört und möglicherweise eigene Texte hier auf dem Board postet und/oder auch einige Texte von anderen Autoren lest, an dieser Stelle eine Anmerkung:

    Wenn Euch etwas an einem anderen Text auffällt – sei es dass eine Stelle besonders schön oder Euch unverständlich ist – teilt es so konkret wie möglich mit. Der Autor oder die Autorin kann damit dann einfach mehr anfangen.

    Aber back to topic: Wenn Ihr selbst einiges an dem eigenen Text nicht mehr so dolle findet, ist dies natürlich auch ein deutliches Anzeichen dafür, dass der Text verbesserungswürdig ist.

    Schließlich äußern sich die Bandkollegen und der Sänger oder die Sängerin eher verhalten oder kritisch. Insbesondere die voices sind hier eine Nagelprobe. Denn wie soll man als SänergIn etwas emotional mit der Stimme ausdrücken, was man nicht versteht? Wie kann man Worte oder Wortkombinationen klasse singen, die einfach sperrig sind oder deren Sinn sich einem nicht erschließt?

    Ähnliches gilt für die musikalische Umsetzung. Wenn aus dem Text die Stimmung nicht ersichtlich oder wenn nicht klar wird, wann eine Steigerung einfach sein muss und wann man wieder ruhiger werden sollte – dann ist das zum einen ein Zeichen dafür, dass aus dem Text noch nicht das Letzte herausgeholt ist, und zum anderen wird man sich einfach schwer tun, eine gute – im Sinne von passende, um nicht kongeniale zu sagen - Musik dazu zu machen.

    Mäßiges oder kritisches Feedback, Fragezeichen bei LeserInnen und MitmusikerInnen und ein eigenes eher distanziertes oder unsicheres Gefühl dem eigenen Text gegenüber sind also untrügliche Zeichen dafür, dass es sich lohnen könnte, den Text noch einmal auf die Hebebühne zu hieven und ihn sich gründlich und von allen Seiten noch mal anzuschauen.


    Im Folgenden werden wir uns eher mit Verbesserungen an der Struktur und dem Aufbau beschäftigen. Im nächsten Abschnitt kommen dann eher die sprachlichen Eigenschaften zum Tragen.


    Was können die Quellen dafür sein, dass der Text noch nicht ausgereift ist?
    Um die Ursachen für einen noch nicht ausgereiften Text näher einzugrenzen kann es dienlich sein, sich einmal die Checkliste für songtexte in diesem Workshop anzuschauen. Alles was Euch dort noch unklar erscheint, kann sich im Text selbst als Unschärfe oder Unverständlichkeit niederschlagen.

    Wir wollen hier aber nicht die Checkliste Punkt für Punkt durchgehen. Zum einen, weil es dazu schon einzelne Abschnitte in diesem workshop gibt und zum anderen, weil es Erfahrungswerte gibt, die einige Ursachen sehr wahrscheinlich erscheinen lassen. Hier kommt folgendes in Betracht:

    1. Unverständlichkeit des Textes
    2. Langweiligkeit des Textes

    Sehen wir uns nun diese beiden Ursachen genauer und gesondert an.


    1. Unverständlichkeit des Textes
    Wir steigen an dieser Stellen nicht in die Diskussion ein, wie verständlich ein songtext sein sollte. Denn es gibt unterschiedliche Ansätze und Arten von Texten, die völlig berechtigt und vertretbar zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

    Ein psychodelischer Text birgt immer einen Teil an Offenheit und Unbestimmtheit in sich. Das gleiche gilt für sehr persönliche Texte und für Texte, die beispielsweise für eine bestimmte Person geschrieben sind. Ein Liebessong für die Dame oder den Herren des Herzens kann natürlich Bezug auf bestimmte Ereignisse, Metaphern und Dinge nehmen, die Euch beiden vollkommen klar sind – und die andere auch nicht unbedingt wissen müssen.

    Die Offenheit oder Ambivalenz von Texten ist generell ein Anzeichen poetischer Texte. Was nichts anderes heißt, als dass die Texte eben nicht nur auf eine konkrete Situation anwendbar sind, sondern auch auf andere Situationen. So wie die Erfahrung einer enttäuschten Liebe oder einer betrogenen Freundschaft eben über die zwei konkreten Personen hinausgeht und Euch ja auch in gewisser Weise Lehre für zukünftige Lieben oder Freundschaften ist.

    Genau dieses – die Lehre, die man daraus ziehen kann, die grundsätzliche Erfahrung, die man gemacht hat und das eindringliche Gefühl und die bestimmte Stimmung, in die es einen versetzte – genau dieses sollte aber dann schon für andere verständlich sein.

    Was hätte sonst ein Text für andere überhaupt für eine Bedeutung? Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel: eine (Auto-) Biographie. Nun – natürlich interessiert man sich für diesen Menschen. In der Regel ist er oder sie ja bekannt aus Funk, Film, Fernsehen, Wissenschaft, Politik oder Musik. Nun – eben dieses Argument dürfte für die meisten für Euch – und für mich im Übrigen auch – aus Sicht der LeserInnen wegfallen. So lange, wie wir eben nicht bekannt sind.

    Was ist denn dann das zweite Motiv, eine Biographie zu lesen? Nun – dass sie einfach interessant ist und dass man für sich etwas daraus ziehen kann. Seien es Einsichten, seien es Gedanken, Überlegungen, Empfindungen, die das eigene Leben bereichern.

    Und dies muss eben in bestimmter Weise mitteilbar und verständlich sein. Sonst bleibt es uns ein Buch mit den berühmten sieben Siegeln. Sozusagen wie in einer fremden Sprache geschrieben.

    Fazit 1:
    Egal wie offen der Text nun angelegt ist – es muss einen Teil geben, der für andere nachvollziehbar und verständlich ist – sonst ist der Text als solcher im wahrsten Sinne des Wortes sinnlos.


    Dies nun ist von Euch und für jeden Text neu zu bestimmen.
    Zufrieden solltet Ihr dann sein, wenn dieser Kern verständlich ist und gut rüber kommt.

    Wenn nicht – dann haben wir genau das Problem, das wir nun genauer betrachten wollen.


    Zeiten

    Es gibt kaum Texte, die gänzlich ohne Handlung oder zumindest verschiedene Zeitebenen auskommen. Jede Erinnerung spielt auf einer anderen Zeitebene – eben der Vergangenheit. Jede Hoffnung, die auf die Zukunft gerichtet ist ebenfalls. Wir betrachten hier der Einfachheit halber Möglichkeitsformen gleich mit.

    Wenn rein sprachlich diese verschiedenen Zeitebenen und Formen nicht rüber kommen, entsteht Unverständlichkeit. Das passiert einem natürlich besonders leicht, wenn man nicht in der Muttersprache schreibt.

    Im Englischen ist die übliche Erzählform sowieso die einfache Vergangenheit. Das was davor lag, ist dann die Vorvergangenheit, dazu kommt noch die Jetztzeit und Zukunfts- und Möglichkeitsformen. Nicht so einfach.

    Geht also Euren Text noch einmal durch und achtet auf die Zeiten.
    Wird klar, wann was passiert? Wird deutlich, in bzw. aus welcher Zeit der Text geschrieben ist? Kurz: Ist verständlich, wann was passiert?


    Wenn Ihr diesen Check abgeschlossen habt, habt Ihr eine Quelle für die Unverständlichkeit von Texten ausgeschlossen – und könnt Euch der nächsten Quelle widmen:


    Informationen

    Ich habe neulich einen Text gegengelesen, in der es um eine Liebesbeziehung ging. I und She las man dort. An irgendeiner Stelle tauchte dann ein You auf – aus heiterem Himmel, sozusagen out of the blue.

    Die Antwort auf meine Nachfrage war dann: Es handelt sich um eine Dreiecksgeschichte. Nur war dies nirgendwo erwähnt. Diese dritte Person war nirgendwo beschrieben. Warum? Nun – dem Schreiber war dies so klar, dass er einfach vergaß, es im Text deutlich zu machen.

    Wir hatten ja eingangs schon beschrieben, dass es kein simples Unterfangen ist, sich als wissender Autor in einen unwissenden Leser hinein zu versetzen. In gewisser Weise ist dies aber notwendig.

    Ist Euch klar, was an Eurem Text unbedingt verständlich und nachvollziehbar sein sollte, dann habt Ihr eine konkrete Handhabe, den eigenen Text auf der Informationsebene abzuchecken.

    Sind alle Informationen im Text vorhanden, damit die Kernaussage verständlich ist? Ist die Handlung, sind die Personen und Orte, sind ihre Reaktionen und Gefühle verständlich und nachvollziehbar – immer zunächst in diesem Sinne: sind die notwendigen Informationen im Text vorhanden, damit eine Verständlichkeit entsteht?

    Hiermit schließen wir das Unterkapitel „Unverständlichkeit“ und wenden uns dem nächsten und letzten Unterkapitel zu: der Langeweile.


    2. Langweiligkeit des Textes
    Also von den Zeiten und auf der Informationsebene ist alles klar: der Text ist verständlich. Nun – das ist wunderbar, muss aber nicht unbedingt bedeuten, dass der Text auch interessant ist.

    Und denken wir noch mal an das Beispiel mit der Biographie: Was ist denn davon zu halten, wenn wir über einem Buch einschlafen oder es immer wieder aus der Hand legen, ein Gähnen kaum unterdrücken könnend?

    Vermutlich nichts gutes.
    Also erstens muss natürlich das, was in einem songtext mitgeteilt wird, von Interesse sein. Natürlich ist dies auch Geschmacksache, und man kann vielleicht nicht erwarten, dass alle Leute das nun interessant finden, was man schreibt. Aber zumindest die angepeilte Zielgruppe sollte nicht kolonnenweise in den Schlaf getrieben werden.

    Nehmen wir an, das „Was“ sei geklärt – denn natürlich kann man hier in einem workshop kaum klären, was alles interessant sein könnte. Und schließlich seid Ihr die Autoren und es ist Eure Verantwortung, nicht die letzten und langweiligsten Ladenhüter zu Gehör zu bringen.

    Für diesen Abschnitt sind wir allerdings hiermit durch.

    Im nächsten Abschnitt des workshops geht es dann um die Frage des „Wie“.
     
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