Alte Blockflöten in barocker Griffweise

von Gast 2197, 18.12.16.

  1. Gast 2197

    Gast 2197 Inaktiver Benutzer

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    Erstellt: 18.12.16   #1
    Dieses wichtige Thema sollte ja auch seinen verdienten Platz bekommen hier im Board. Deswegen eröffne ich mal einen neuen Strang.
    Zur Einstimmung hier erst einmal eine historische Aufnahme von Arnold Dolmetsch und seiner Familie, gegen Ende des Videos sieht man ihn im Kreise seiner Familie Blockflöte spielen. Leider ist das Video mit Musik unterlegt und die Blockflöten sind nicht zu hören.



    Hier zeige ich mal eine Kopie einer Grifftabelle von Max König, welche auf die ersten, ernstzunehmenden Modelle in barocker, englischer oder auch Dolmetschgriffweise hin weist, wie sie Herr Thalheimer in seinem Buch:" Die Blockflöte in Deutschland 1920-1945" auf Seite 78 nennt. Hildemarie Peter geht in ihrem Buch: Die Blockflöte und ihre Spielweise in Vergangenheit und Gegenwart" soweit, dass sie diese Griffweise auf Seite 10 als "die Neuenglische" bezeichnet,
    herwiga grifftabelle deckblatt.jpg herwiga grifftabelle.jpg

    Die Grifftabelle stammt aus dem Kasten einer Herwiga Flöte, welche ich erworben habe.
    Auf den historischen Zusammenhang dieser beiden Werkstätten werde ich im folgenden noch genauer eingehen.

    Wer sich übrigens mit dem Gedanken tragen sollte, das Buch von Herrn Thalheimer einmal zu kaufen, dem sei gesagt, dass Herr Thalheimer immer noch Exemplare davon hat und sie wesentlich günstiger abgibt, als sie in den Antiquariaten zu haben sind. Er hat nur keinen Onlineshop, es steht einfach im Text drin und Google findet es dadurch nun auch nicht bei der Suche.
     
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  2. Gast 2197

    Gast 2197 Threadersteller Inaktiver Benutzer

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    Erstellt: 23.12.16   #2
    Arnold Dolmetsch war wohl der erste welcher versuchte eine Blockflöte in "barocker Griffweise" zu bauen. Die Umstände entsprangen zuerst einmal der Not, dass er eine Bressanflöte sein eigen nannte und auch konzertant einsetzte, welche er bei Sotheby´s steigerte und sie ihm verloren ging. Er bekam diese Flöte viel später wieder, aber der Wunsch sie nachzubauen war geboren. Man kann bei Thalheimer S. 44 ff nachlesen, dass sie defekte hatte, unter anderem war sie zu kurz. Seine ersten Nachbauten waren dadurch zu hoch gestimmt. Er hat auch später zugegeben, dass seine ersten Flöten Missgriffe waren, aber sie existierten nun mal. Von da an baute er auch seine Blockflöten in 440Hz.
    Auf die Details möchte ich nicht unbedingt eingehen, denn ich müsste hier nun ein Zitat nach dem anderen einstellen. Auch möchte ich ja auch eher auf die Entwicklung der Blockflöte in Deutschland hinweisen.
    Auch Peter Harlan und manch andere Werkstätten probierten sich schon recht früh an der barocken Griffweise, aber der eigentliche Impuls ging interessanterweise wieder einmal von der Werkstatt Max König aus, welche 1934 einen Satz Dolmetsch Instrumnte von dem Händler Herwig bekam und
    Thalh. S. 232
    Von da an war das Spitzenmodell von König, "Herwiga Rex" ab ca. 1938 auch mit "historischer Griffweise" zu haben. Auch wurde weiter die Herwiga Dea entwickelt, welche das erste Modell für Stützfingertechnik wurde.

    Schnell wurde die neue Art der Blockflöte auch von den anderen Werkstätten übernommen und die "Neugeburt" der neubarocken Blockflöte war unaufhaltsam. Nur der Umstand, dass der neu aufflammende Krieg diese Bewegung jäh ausbremste lies leider wieder vieles in Vergessenheit geraten.

    Nach dem Krieg fertigte die Werkstatt König aber diese Instrumente weiter, nur in der neu erstandenen DDR. Aber da baute König wohl fast ausschliesslich nur noch für den Händler Heinrich, doch die Instrumente sind baugleich.

    Ich habe ja schon vor geraumer Zeit einmal meine Herwiga Rex Sopran hier vorgestellt, welche leider einen Schaden am Schnabel hat, was aber der Stimmung der Flöte nicht abträglich ist. Nun war ich schon einige Zeit am suchen, ob ich vielleicht nicht noch ein Instrument aus dieser Zeit erwerben könnte, aber die angebotenen Herwiga Dea waren mir einfach zu teuer.
    [​IMG]
    http://www.ebay.de/itm/RAR-3-tlg-Al...BwmuL3tOLvaI43%2Fe7G4%3D&orig_cvip=true&rt=nc

    Im Blockflötenmuseum ist auch eine davon zu sehen, welche interessanterweise viel zu hoch gestimmt ist und mit Stimmwachs angepasst wurde.

    Nun konnte ich die Tage mein Glück kaum fassen und eine Herwiga Rex zu einem sehr angenehmen Preis bekommen. Als sie vor zwei Tagen ankam war ich erstaunt...
    Nagelneu, wie frisch aus der Werkstatt strahlte sie mir aus dem hochwertigen Köfferchen entgegen:

    IMG_0113.JPG

    eindeutig ist der gebogene Windkanal zu sehen und der Lack ist noch strahlend frisch

    IMG_0114.JPG

    IMG_0115.JPG

    König hat auch damals seine hochwertigen Instrumente alle nummeriert, sie trägt die Nummer 5111 in allen drei Teilen:

    IMG_0120.JPG

    Es ist ein pures Vergnügen diese Flöte zu spielen, mit dem ersten Ton habe ich mich in sie verliebt. Ich habe nun wirklich einige wunderbare Flöten in meiner kleinen Sammlung, aber diese schickt sich an einen Platz an erster Stelle einzunehmen. Sauberstens im Klang und in der Stimmung.
     
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  3. flautino musikus

    flautino musikus Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.12.16   #3
    Herzlichen Glückwunsch!
    Da hast du wirklich einen Glücksgriff gemacht. Eine Flöte dieses Alters in so einem Zustand ist schon bemerkenswert. Erstaunt bin ich über den gebogenen Windkanal. Ich dachte, dass wäre eine neuere Entwicklung. So haben Moeck, Mollenhauer und alle mir noch bekannten Hersteller noch bis in die 2000er Jahre Flöten mit geradem Windkanal gebaut.
     
  4. Gast 2197

    Gast 2197 Threadersteller Inaktiver Benutzer

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    Erstellt: 24.12.16   #4
    Ja, die Geschichte der Blockflöte ist noch nicht sehr bekannt. Da ist das Buch von Thalheimer ein wunderbarer Fundus. Das Kapitel über den gebogenen Windkanal S.110 ist nur eine Seite lang, aber es ist prallvoll von interessanten Informationen. So haben die Blockflöten des 16. bis 18. Jahrhunderts wohl in aller Regel ein gebogenes Labium. Auch Dolmetsch baute seine Blockflöten nach dieser Vorgabe. Vor kurzem war eine alte Dolmetsch Sopranino in der Bucht, welche niemand kaufen wollte. Mir war sie auch zu teuer, auch wenn sie den Preis wert war:

    [​IMG]

    http://www.ebay.de/itm/Dolmetsch-So...D&orig_cvip=true&rt=nc&_trksid=p2047675.l2557

    Es gab vor und nach dem Krieg vereinzelte Instrumente, auch von anderen Werkstätten, aber ein gerades Labium und ein gerader Windkanal liesen sich halt leichter produzieren. Moeck produzierte um 1968 das erste Serienmodell mit gebogenem Windkanal, die Rottenburg nach Friedrich von Huene.

     
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