[Amp] TecAmp Tiger 600

  • Ersteller fourtwelve
  • Erstellt am
Status
Für weitere Antworten geschlossen.
fourtwelve
fourtwelve
Helpful & Friendly User
HFU
Zuletzt hier
26.10.23
Registriert
28.06.05
Beiträge
3.290
Kekse
14.716
Ort
Rheinhessen
Wie sinnvoll ist es, ein Review zu schreiben für einen Amp, der nicht mehr hergestellt wird?
Diese Frage musste ich mir natürlich stellen. Ich habe mich dazu entschlossen, trotzdem ein paar Kommentare zum TecAmp Tiger 600 zu tippen. Einige (Web)Shops haben immer noch Exemplare zu sehr attraktiven Preisen von um die 800,- Euro vorrätig. Und überhaupt ist es ein absoluter Top-Amp, der eine ganz bestimmte Klientel anspricht, die einen Amp sucht, der sich ohne Schnickschnack auf das Wesentliche konzentriert, nämlich den Kang des Instrumentes zu verstärken.


Aufbau/Verarbeitung

Die Beschreibung der Features möchte ich kurz halten und zum einen auf das Manual des Herstellers verweisen, sowie auf die entsprechende MS Produktseite.

Die wichtigsten Eckpunkte:
- Technik: Transistor, analog
- passiver 3-Band-EQ plus Low- und High-Boost
- Effektwege: 1 x seriell, 1 x parallel
- Leistung nominal: 600 W @ 4 Ohm, 700 W @ 2 Ohm
- Lüfter temperaturgesteuert
- Gehäuse: Stahlblech, Alufront, Rackohren vorne und hinten
- 2 HE, 11 kg

i00.jpg

i01.jpg


Die auffälligen blauen Lichtleisten auf der Front haben was von "Knight Rider". Das ist Geschmackssache. Mir gefallen sie. Ein bisschen Show muss ja auch sein. Und zumindest haben sie einen gewissen Wiedererkennungsfaktor. Auf jeden Fall ist die Lightshow beim TecAmp Tiger nicht dazu da, um von Kompromissen bei der Verarbeitung oder dem Klang abzulenken.

Die Verarbeitung ist tiptop: vom Stahlgehäuse bis zu den aus dem Vollen gedrehten Potiknöpfen wirkt der Tiger sehr wertig und edel. Da der Amp mit 38 cm sehr tief ist, hat er hinten zusätzliche Rackwinkel, um ihn sicher im Rack zu fixieren. Die Potis laufen sahnig, nicht zu schwer und nicht zu leicht. Der Netzschalter befindet sich auf der Rückseite, weshalb das Ein- und Ausschalten etwas fummelig sein kann, vor allem, wenn der Amp in ein Rack eingebaut ist. TecAmp empfiehlt aber ohnehin, den Amp in Spielpausen nicht gleich abzuschalten, sondern per Muteschalter ruhig zu stellen.

Die Anschlussmöglichkeiten auf der Rückseite sind nahezu komplett (siehe Bild). Auf der Front herrscht aufgeräumte Nüchternheit. Ein simpler 3-Band-EQ wird durch Low- und High-Boost-Taster ergänzt. Dazu noch Gain, Volume und Kompressor, fertig. Der simple EQ hat natürlich auch was für sich: es gibt nicht viel einzustellen, entsprechend schnell ist man mit dem Aufbauen fertig.
Sehr praktisch und sinnvoll ist auch der trafosymmetrierte DI-Out, der das Basssignal wahlweise direkt nach der Eingangsbuchse oder inklusive EQ und Kompressor an die PA weiterleitet.


Praxis

Der Klang des Tigers ist eigentlich schnell beschrieben: er hat keinen! ;)
Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt, aber es trifft doch irgendwie den Charakter des Amps. Er klingt sehr neutral. Natürlich bietet der EQ gewisse Möglichkeiten der Einflussnahme, aber der Sound bleibt immer extrem sauber und druchsichtig. Der Gain ist relativ unempfindlich. In Verbindung mit meinem Fender Precision kann ich den Gain auf Rechtsanschlag stellen und es entstehen nur dezente, allerdings auch sehr harmonische Verzerrungen. Da ich aber finde, dass ein unverzerrtes Signal besser hörbar ist und mehr Definition hat, mache ich es meist umgekehrt: das Volume steht auf Vollgas, und die Lautstärke wird mit dem Gain geregelt.

So modern der Tiger optisch auch wirkt, der EQ ist ausgesprochen "old school". Boosts sind nur mit den beiden entsprechenden Tasten möglich. Die drei Klangregler arbeiten rein passiv, d.h. sie sitzen im Signalweg vor der Gainstufe. Dennoch ist das Tonestack so konzipiert, dass die Neutralstellung nicht beim Rechtsanschlag ist, sondern in Mittelstellung (12 Uhr), so dass man in beide Richtungen regeln kann.
Eine Eigenart solcher passiven Tonestacks ist, dass sich die Regler deutlich gegenseitig beeinflussen. Dreht man beispielsweise den Höhenregler zurück, bekommt man gleichzeitig mehr Tiefmitten. Wenn man das weiß, lässt sich prima damit arbeiten.

Gehen wir die Möglichkeiten der Klangregelung kurz durch: der Low Boost fettet das Tonfundament merklich an. Er ist für mich vor allem dann nützlich, wenn der Amp sehr leise eingestellt ist. Der Bassregler setzt mit seiner Centerfrequenz von 40 Hz sehr tief an. Gut für 5-Saiter. Der Höhenregler bearbeitet die Saiten-Schmatz-Frequenzen, die für's Slappen, für Heavy-Fingerstyle oder Punkrock-Plektrumspiel wichtig sind. Der High Boost fügt Brillanzen hinzu, die den Sound transparenter und hiFimäßiger machen. Da meine SAD 412er Box, an der ich den Amp hauptsächlich betreibe, keinen Hochtöner hat, bleibt der High Boost bei mir unberührt.
Alles in allem brauche ich eigentlich nur den Mittenregler, alles andere bleibt abgeschaltet oder in 12-Uhr-Stellung. Der Mittenregler ist für mich das Highlight am Tiger. Er arbeitet sehr breitbandig. Dreht man ihn nach rechts, werden eigentlich alle Frequenzen erfasst, die für mein Verständnis eines guten Basssounds von Bedeutung sind. Sowohl Druck als auch Präsenz lassen sich hier wirkungsvoll hinzuregeln. Oder wegregeln, aber wer will das schon? ;)

Der Kompressor arbeitet sehr unauffällig. Er hat einen schnellen Attack und einen sehr weichen Release. Er färbt den Sound in keinster Weise und lässt sich auch nicht zum Pumpen überreden, kann also nicht als Effekt "missbraucht" werden. Das passt zum neutralen Gesamtkonzept des Amps.

EQ und Kompressor sind in ihrer Wirkungsstärke vom Gain abhängig. Je höher der Gain ausgesteuert ist, desto effektiver arbeiten sie.

Die Endstufensektion arbeitet klassisch analog mit einem echten Trafo, ein Konzept, von dem sich TecAmp-Chef Thomas Eich inzwischen komplett verabschiedet hat. Die aktuellen Pumas, Jags und Bulls arbeiten ja ausnahmslos mit Schaltnetzteilen und bringen daher auch nur noch ca. die Hälfte dessen auf die Waage, was der Tiger an Gewicht zu bieten hat. Wie auch immer, die Endstufe des Tigers strahlt Souveränität aus und hat sicherlich so ziemlich jede denkbare Boxenkombination sicher im Griff, zumal sie ja 2-Ohm-stabil ist. Die maximal 700 Watt an 2 Ohm werden wohl den allermeisten Situationen gerecht.


Fazit

1A Verarbeitung, einfachste Bedienung, souveräne Power - TecAmp Tiger: vielleicht der beste unbekannte Amp aus deutscher Produktion. ;)
 
Eigenschaft
 
Schönes Review, wirkt auf mich ziemlich objektiv! Ich sehe durchaus auch eine Berechtigung für Reviews nicht mehr in Produktion befindlicher Artikel, auch auf dem Gebrauchtmarkt verkauft man sich nicht gerne.
 
Status
Für weitere Antworten geschlossen.

Ähnliche Themen


Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Guitarworld.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Zurück
Oben