[Amp] Traynor Custom Special YCS100H

antboy
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Nachdem ich offensichtlich der einzige hier im Board bin, der das Ding besitzt, dachte ich: Schreibst halt'n Review.

Also, hier das Review zum

Traynor Custom Special YCS 100H (Head)

1. Ampsuche

Nachdem ich mich nun 12 Jahre mit meinem heißgeliebten H&K Attax 100 Head gestritten und wieder vertragen hatte und immer wieder mal neidische Seitenblicke auf die Vollröhrenfraktion geworfen hatte, dachte ich so im Februar 2009: Hauste doch mal wieder dein Erspartes für irgendwelchen Gitarrenscheiß raus.

Das Problem: Ich spiele Indie, Post-Core, Noise Rock - alles wenig definiertes Zeugs für das man alle möglichen Sound verwenden kann. Ein vielseitiger Amp musste also her, ein 50-Watter oder so.
Nach 3 oder 4 Wochen testen von unter anderem Laney, Engl, Framus, Vox etc. stieß ich irgendwie auf diese Traynorkiste.

Bisschen leistungsstärker als was ich brauchte, aber für 999 Öcken... warum nicht. Kanadischer Hersteller, die Instrumentenverstärker-Unterdings von Yorkville. Haben ein paar gute, fast legendäre Combos gebaut. Sah gut aus, war vielversprechend beschrieben, nur zum Testen war keiner aufzutreiben. Die nette Inhaberin des kleinen Musikalienhandels, zu dem ich extra 2 Stunden gefahren war, versprach mir aber, so wie ich die anderen bei ihr angespielten Maschinen beurteilt hatte, müsste mir der Traynor 100%-ig gefallen - wenn ich ihn bestelle und er mir nicht gefällt, lässt sie das Ding kostenfrei bei mir wieder abholen. Wie kann ich da nein sagen?

Nochmal 2 Wochen später und gefühlte 8 gesunde Rückenwirbel weniger stand das Ding im Proberaum. Versuchsaufbau: Hughes & Kettner 4x12er Würfel, Fender Stratocaster und Duesenberg Starplayer Special.
Ich war im Auftrag des Herrn unterwegs.

2. Die allgemeinen Eckdaten:

100W Class A/B bzw. 30W Class A, umschaltbar
3 Kanäle mit getrennten 3-Band EQs
4 x 12AX7A Vorstufenröhren
4 x EL34EH Endstufenröhren
Footswitch mit 3 x Kanalschalter, 1 x Solo Boost

3. Die Kanäle

Der 3 Kanäle des YCS100 verfügen je über eine unabhängige EQ-Regelung mit Bass-, Mid- und Treble-Regler. Weiterhin ist für jeden Kanal ein Hall- und ein Effektregler vorhanden, so dass Hall und Effektschleife individuell beigemischt werden können. Der Federhall klingt schön, der Regler spricht aber ziemlich heftig an. Ein bisschen zuviel gedreht und man wähnt sich in den langen kalten Korridoren des hiesigen Arbeitsamtes.

Dazu kommen ebenfalls pro Kanal ein Gain-Boost-Switch und zwei den Frequenzgang beeinflussende Mode-Switches, die je nach Kanal unterschiedliche Schweinereien anstellen. Leider lassen sich die nicht remote schalten, das wäre ja Luxus.

Aus mir unerfindlichen Gründen hat man bei der Firma Yorkville/Traynor den Entschluss gefasst, bei der Kanalreihenfolge mit viel Bratfett anzufangen und bei Clean aufzuhören. Da mir die Weisheit und Erfahrung fehlt und ich allgemein ein eher konservativer Typ bin, fang ich trotzdem bei Clean an, also Kanal 3. Aber keine Angst, die Potis funktionieren, wie in der übrigen westlichen Welt bekannt, im Uhrzeigersinn.

3.1 Kanal 3 (Clean)

Beim ersten Test im 30W-Mode fällt auf, das der Clean-Kanal sogar mit der Fender schnell ins crunchige kippt. Mit den Humbuckern der Duesenberg natürlich erst recht. Erst nach geduldiger Feinabstimmung von Channel Volume und Gain bekomme ich auch bei hohen Lautstärken einen sauberen Clean-Sound, der immer noch eine gewisse Aggressivität besitzt und schön knurrt. Dass er bei harten Saitenanschlägen immer noch schön zu bellen anfängt, passt mir eigentlich ganz gut ins Konzept. Anschlag und Dynamik wirken sich generell im Vergleich zu meinem Hybrid-H&K heftig aus - hier klingts nur schön, wenn man schön spielt.
Der Clean-Sound ist an sich warm, differenziert, aber trocken wie ein Straight-Edger beim Kinderkarneval. Nach 15 Minuten merke ich, dass ich ganz schön schlampig geworden bin und mit diesem Baby erst mal wieder spielen lernen muss. Gut gemacht, Herr Antboy.

Im 100W-Mode ist der Kanal leichter in den Griff zu kriegen, war ja zu erwarten. Der Sound kommt mit den selben Einstellungen zwar etwas kühler daher, was durch mehr Mitten oder ein beherztes Drücken des "Modern"-Switches (dazu gleich mehr) behoben werden kann.

Der Gain Boost macht genau das, was er sagt: er boostet das Gain (den Gain? Die Gain?). Im Clean-Kanal ist da schon AC/DC locker drin, bei Bedarf auch mehr. Die Gainanhebung ist fix und lässt sich nicht selbst einstellen, trotzdem klingt der Gain Boost gut und wäre durchaus nützlich, wenn man ihn vom Pedalboard aus schalten könnte. Schade.

Der Modern Switch macht den Sound noch etwas voller und breiter, aber in meinen Ohren auch dumpfer. Macht sich wie gesagt bei 100W ganz gut, ist sonst unnötig. Der Bright Switch, und das könnte manchen überraschen, betont die verdammten Höhen. Ist mir vor allem mit der Fender etwas zu Nashville-artig schrill, der Treble-Regler spricht in etwa die selben Frequenzen an und lässt sich feiner einstellen. Sicher, Cowboys und Trailer-Park-Bewohner werden es lieben.

3.2 Kanal 2 (ich sag mal Rhythm)

Im 2. Kanal glänzt dieser Amp eigentlich richtig. Hier könnte auch ein Tauber einen anständigen Sound reindrehen - es klingt einfach von Grund auf schön warm und gut und erfordert nur wenig Feintuning. Die Verzerrung überschneidet sich etwas mit dem geboosteten Clean-Kanal, ist aber etwas gnädiger bei der Umsetzung, etwas komprimierter und mehr Sustain. Klingt auch mit sehr wenig Gain. Auch bei voll aufgedrehter Flamme kann Kanal 2 mich noch überzeugen. Da matscht auch mit Single Coils noch nichts und voll durchgeschlagene Akkorde bleiben klar definiert. Die Gainreserven im Kanal 2 sollten eigentlich für jede Art von Rockmusik außer härteren Metal ausreichend sein.

Der Gain Boost fällt natürlich weniger ins Gewicht als clean, aber ist trotzdem noch deutlich zu hören. Wie gesagt, wenn die Pedalboard-Geschichte nicht wäre... Der Modern Switch scheint in meinen Ohren die Mittenanhebung etwas zu verschieben und den ganzen Frequenzbereich in geringem Maß zu komprimieren, was den Klang tatsächlich moderner macht. Also nix für mich. Dann gibt es hier einen Scoop Switch, der bewirkt, dass einem lange Haare und Nietenarmbänder wachsen und... aber lassen wir das.

3.3 Kanal 1 (Abrissbirne)

Die Gainreserven des "ersten" Kanals reichen zwar auch noch nicht an die gängigen Metalverdächtigen ran, sind aber trotzdem beachtlich, und ganz ehrlich, mit diesem Amp könnte man echt heftigen Metalsound fahren, obwohl es jede Menge Leute gibt, denen die Verzerrung schon aus Prinzip nicht reicht. Der Grundsound des 1. Kanals ist im Vergleich zum 2. verdammt bassig, was mit meiner Box schwer in den Griff zu kriegen war. Mitten sind reichlich vorhanden, allerdings sind das tiefere Mitten als in Kanal 2. Fühl mich etwas an den Engl Screamer erinnert. In diesem Channel wurde vom Charakter her defintiv auf die Metalfraktion geschielt, und natürlich gibts auch wieder einen Modern und einen Scoop Switch mit allen Konsequenzen, die das Gescoope mit sich bringt.

Überraschenderweise kann man den Kanal auch sehr gut als Crunchkanal missbrauchen. Das klingt etwas schmaler und transparenter als im 2. Kanal, aber alles andere als schlecht. Bei den letzten paar Prozent Zerre wird es ein bisschen kritisch - es kratzt und matscht. Nicht viel, aber der Sound wird definitiv etwas schlechter. Na ja - wem der Sound bei 15 Uhr Gain immer noch zu sehr nach "Gitarre" klingt, für den ist der Amp dann halt nichts. Man kann sich nicht um alles kümmern.

4.0 Die Master-Sektion

4.1 Presence/Resonance


Presence und Resonance können an 2 Reglern unabhängig voneinander eingestellt werden. Das dient zur Abstimmung des Amps auf die verwendete Box - wummert der ganze Aufbau, nimmt man Resonance raus und so weiter. Das machen die beiden auch ganz gut, ohne den Grundcharakter des Amps zu verändern, da die Klangunterschiede sehr minimal sind.

4.2 Master Volume

"Also hör mal, ich bin doch nicht bescheuert. Ich weiß, was Master Volume bedeutet!" Ja ja Kumpel, schon gut, lass mich ausreden.
Dreht man den Master Volume des Amps auf, tut sich erstmal nicht viel. Amps haben ja oft die Eigenschaft, sich in hohen Lautstärken gut regeln zu lassen, der Unterschied zwischen 1 und 2 aber eher dem Verhältnis "wachsendes Gras" zu "VW Jetta mit kaputtem Auspuff in der Unterführung" gleichzuseten ist. Beim Traynor YCS 100 ist das nicht so. Der Master Volume verhält sich bis etwa 13 oder 14 Uhr wie der Lautstärkeregler einer HiFi-Anlage und die gewünschte Lautstärke ist auch für Grobmotoriker leicht zu finden, aber dann wird er plötzlich sehr, sehr schnell sehr, sehr laut. Man könnte sagen "ist doch toll für die Mietwohnung", aber da hab ich ja keinen Platz. Das wär mir andersrum lieber. Ist vermutlich mit dem Austausch des Potis zu beheben, da muss ich mich mal schlau machen. Verdammte Kanadier.

4.3 Tuner Mute

Unscheinbarer Schalter, der den Amp in Stimmpausen stummschaltet. Das Stimmgerät kann man in eine eigens dafür eingebaute Buchse an der Rückseite hängen. Wer einen Bodentuner besitzt, kann darauf getrost verzichten.

4.4 Solo Boost

Pures Gold. Wenn ihr wie ich so geschmeidig im Fußgelenk seid wie ein Baukran im Regenwald, werdet ihr diese Funktion lieben. Mit Volumepedalen kann ich nämlich nicht, weil ich, egal was ich anstelle, nach einem Solo oder einer Noise-Orgie (meistens letzteres) nie wieder die Ausgangsposition finde.

Ladies and gentlemen, please don't panic, here is the Solo Boost Schalter. Über einen Poti stellt man die gewünschte Lautstärkeanhebung ein und schaltet dann übers Pedalboard auf "laut". Die Anhebung passiert auf Endstufenebene, der Sound verändert sich also nicht. Hilft auch dabei, Bandkollegen zum Schweigen zu bringen. Ganz großes Tennis.

5.0 Anschlüsse Rückseite

5.1 Boxenausgänge


Zwei Boxenausgänge mit Impedanz-Wahlschalter sowie dem Kippschalter für 30 oder 100 Watt. Im 30W-Modus kann zwischen 2 oder 4 Ohm minimaler Lastwiderstand gewählt werden, im 100W-Modus zwischen 4 und 8 Ohm.

5.2 DI- und Kopfhörer-Ausgänge

Beide Ausgänge können auch im Standby-Modus verwendet werden, bei abgeschalteter Endstufe. Der DI-Ausgang ist frequenzkorrigiert und klingt beim Test über die PA verdächtig nach Gitarrenamp. Etwas kälter und kratziger, aber nach Absenkung der hohen Mitten am Pult auch mit ordentlich Zerre durchaus brauchbar, sollte mal kein Mikro zur Hand sein.

5.3 Effektwege

Es gibt zwei Möglichkeiten, Effekte einzuschleifen. Die eigentliche EFX-Loop ist die, dessen Return sich am Frontpanel pro Kanal individuell regeln lässt. Praktisch, um z.B. einen Chorus, Delay oder was auch immer nur im Clean-Kanal zu betreiben, ohne die anderen Kanäle zu beeinflussen. Neben den Send- und Return-Buchsen gibt es einen Send Level-Poti, der bestimmt, wieviel Signal das Effektgerät vom Amp bekommt. Mit einem (nicht mitgelieferten) Doppel-Footswitch kann der Effektloop und auch der Hall ein- oder ausgeschaltet werden.

Die andere Möglichkeit ist der Amp In / Preamp Out. Hier können Effekte zwischen Vor- und Enstufe reingehängt werden. Ehrlich gesagt, habe ich beide nicht großartig getestet, da ich die Funktion nicht nutze. Es sei aber gesagt, dass sie ihren Job machen.

6.0 Das Pedalboard

Die positive Überraschung beim auspacken: Das DIN-Kabel ist nicht fest am Board installiert, sondern lose. Man steckt einfach das Kabel ins Board und in den Amp, und los. Wenn es kaputtgeht, nehme man ein handelsübliches Midi-Kabel für ein paar Euro fuffzich und hat das Problem beseitigt. Da ich in den letzten 12 Jahren 3 Hughes & Kettner FS-3 verschlissen und zwischendrin mehrmals repariert habe, weil ich nicht fähig war, die Kabel in Ordnung zu halten, halte ich das für eine rundum gute Sache.

Das Board selbst macht einen weniger robusten Eindruck als andere, die ich kenne, scheint bisher aber einiges auszuhalten. Ungewohnt: Man schaltet Zerrkanäle nicht "auf den Cleankanal drauf" und dann wieder aus, man schaltet zwischen den Channels hin und her - bei einem Wechsel von Clean zu Lead und wieder zurück tritt man zum Beispiel ausgehend von 3 (Clean - hol euch der Teufel, Yorkville) erst auf 2, dann wieder auf 3. Bis man das gelernt hat, macht man einige Fehltritte. Ansonsten: beim Umschalten weder Knacken noch irgendwelche Verzögerungen. Gut.

7.0 Verarbeitung

Immer wenn ich lese "das Gerät XYZ ist gebaut wie ein Panzer" flippe ich tierisch aus über diesen klischeebehafteten, beschissenen Vergleich und die Phantasielosigkeit der Leute, die ihn benutzen.
Aber ich kanns nicht ändern, der Traynor ist ein Panzer. Ich werf' auch 5 Mark ins Phrasenschwein.
Die Story mit Traynor-Verstärkern, die von Dächern geworfen wurden, erzähle ich hier jetzt nicht. Aber an dem Amp klappert und bewegt sich nichts. Ich hab feste an einem Poti gezogen und das Top wär mir fast von der verdammten Box gefallen.

8.0 Fazit

Der Traynor YCS100 ist viel Amp für... nein, das ist jetzt Quatsch. 1000 Euro sind ziemlich viel Asche. Aber das Preis/Leistungsverhältnis stimmt.
Er ist kein "Alleskönner", sonder hat durchaus einen spezifischen Eigensound, der durch die doch recht unterschiedlichen Kanäle ein breites Spektrum einnimmt und wirkliche Schwächen nur in den Extrembereichen hat. Was ich mir noch gewünscht hätte, wäre der fernsteuerbare Gain Boost für den Clean-Kanal - allerdings erfüllt ein Tubescreamer den selben Zweck. Negativ bewerte ich auch die komische Eigenheit des Master Volumes. Positiv: nette kleine Features, die nicht die Welt verändern, aber das Leben etwas leichter machen, wie den Solo Boost, den frequenzkorrigierten DI etc.
Es ist kein Plug & Play-Amp - gut möglich, dass man ihn beim kurzen Anspielen im Laden links liegen lässt. Dieser Amp will bearbeitet und erforscht werden - es erfordert in den Kanälen 1 und 3 etwas Geduld, um das Optimum rauszuholen. Wenn man versteht, wie die Maschine tickt, sind die Soundmöglichkeiten (fast) unbegrenzt.

P.S. Bilder gibts auf http://www.traynoramps.com/products.asp?id=357&cat=60&type=1
 
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Timbale
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tagchen,

sehr schön, informativ und amüsant geschrieben. Nach deinem Review würde ich den sehr gerne mal Anspielen.



gruß
 

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