Vor allem ist es "riskanter", weil Kritik viel tiefer geht, wenn man selbst das LI ist. Aber ich wollte es so.
Geht es bei der Bewertung von Kunst um das Risiko?

Naja, auch⊠das Risiko beeinflusst definitiv die Spannung. Eine Trapez Nummer in schwindelnde Höhe ohne Netz⊠Eine alternativlose Metzelei unter Sklaven im alten Rom. WĂŒrde ich so etwas zur Unterhaltung schreiben oder sehen wollen?!?
Erich KĂ€stner schrieb in den 20er Jahren seine âsachliche Romanzeâ
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut)
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten KĂŒsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schlieĂlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wÀre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan ĂŒbte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rĂŒhrten in ihren Tassen.
Am Abend saĂen sie immer noch dort.
Sie saĂen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Was unterscheidet die beiden scheinbar ausweglosen Texte? Ich wĂŒrde sagen: Ihre Dramaturgie!
In deinem Text gibt es einen einzige, mE lebensfremde Alternative:
Ich habe keine Nadel, ihn zu töten.
Die Umzugskisten sind lÀngst fortgebracht.
Soll ich ihn mit dem Taschentuch zerdrĂŒcken?
Um wieviel lebendiger beschreibt KĂ€stner das obige Ringen seines Paares. Mit scheinbar weniger Worten, als du fĂŒr deinem Text benötigst. Statt dessen gewĂ€hrst du dem Tier und mir viele edle Worte. WĂ€re ein Taschentuch, mal sentimental betrachtet, wirklich zu viel verlangt!
Leider legen Autor*innen manchmal unnötig viel Wert darauf zu betonen, dass ihre Geschichten pure RealitĂ€t gewesen seien... und unterschĂ€tzen dabei vermutlich die Vielfalt ihrer verfĂŒgbaren Mittel⊠gewaltig!