Digitalpiano-FAQ (alt)

von Jay, 14.02.05.

  1. Jay

    Jay HCA Piano/Spieltechnik Ex-Moderator HCA

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    Erstellt: 14.02.05   #1
    Digitalpiano-FAQ

    Auf der Suche nach Digitalpianos (auch als E-Pianos bezeichnet) verschiedenster Art stehen potenzielle Käufer doch immer wieder vor den selben oder zumindest ähnlichen Fragen und Problemen. Damit sich nun nicht wöchentlich die immer gleichen Themen wiederholen, habe ich die Grundlagen zu Digitalpianos in diesem FAQ-Artikel zusammengefasst, aufbauend sowohl auf meiner Erfahrung als auch den Beiträgen von Musiker-Board-Usern(*), die schon häufiger mit verschiedenen Geräten zu tun hatten bzw. diese selbst spielen.

    Viel Spaß beim Lesen,
    Jay

    (*) = vor allem .Jens und stefan64, sowie ANTIKA, Sticks, toeti

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    Allgemein
    . Was sind Stagepianos, was sind Homepianos?
    . Klavierspielen ohne Klavier - geht das?

    Technik
    . Wie funktioniert die Hammermechanik?
    . Gibt es auch E-Pianos mit Holztasten?
    . Kann man die Anschlagshärte/Gewichtung der Tasten einstellen?
    . Sounds - was können E-Pianos und was können sie nicht?
    . Was ist Polyphonie und wievielfach braucht man?

    Stagepianos
    . Wie verstärke ich mein Stagepiano (im Proberaum)?
    . Kann ich mein Stagepiano über die Hifi-Anlage/den PC laufen lassen?
    . Welche Pedale können angeschlossen werden (bei Stagepianos)?

    Kauf
    . Wie teste ich E-Pianos objektiv?
    . Wieviel muss/sollte/kann ich investieren?
    . Welche Alternativen gibt es (z.B. Masterkeyboard+Expander)?

    ==================================================

    Was sind Stagepianos, was sind Homepianos?

    Zunächst sollte eindeutig geklärt sein, was sich alles hinter dem Begriff "Digitalpiano" verbirgt. Im Allgemeinen bezieht sich das auf elektronische (nicht-akustische) Instrumente, deren primäre Funktion die Nachbildung von Klang und Spielgefühl eines akustischen Klaviers ist. Ausgehend vom Einsatzzweck unterscheidet man dabei zwei Gruppen, Stagepianos und Homepianos.

    Stagepianos sind, wie der Name schon sagt, für den Bühneneinsatz konzipiert, und müssen daher so einfach wie möglich zu transportieren sein. Daraus resultiert ein möglichst kompaktes Äußeres sowie ein relativ geringes Gewicht (etwa 15-30 kg). Homepianos dagegen sind wie akustische Klaviere ein "Möbelstück" für das heimische Wohnzimmer, wenn ein richtiges Klavier wegen der Wohnlage oder den Nachbarn nicht in Frage kommt.


    Klavierspielen ohne Klavier - geht das?

    Eine der Grundsatzdiskussionen dreht sich um die Frage, ob man mit einem Digitalpiano überhaupt die Funktion eines akustischen Klavieres ausreichend nachbilden kann. Die Antwort auf diese Frage wird es auch hier nicht geben, denn da scheiden sich die Geister. Je nach Spielstil, Könnensgrad, betrachtetem Gerät und persönlicher Meinung ist ein E-Piano für den Einen völlig ausreichend, für den Anderen indiskutabel oder maximal eine Notlösung.

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    Wie funktioniert die Hammermechanik?

    Beim Flügel betätigt man durch das Drücken einer Taste einen Hammer, der auf die Saite(n) schlägt und diese dann frei schwingen lässt. Dabei sind die Tasten im Bass schwerer bespielbar als im Diskant. Um ein realistisches Spielgefühl zu erzeugen, wird dieses Prinzip auch auf E-Pianos übertragen. Unter jeder Taste befindet sich ebenfalls eine der im Klavier nachempfundene mehrteilige Mechanik, die anstelle der Saiten auf einen Sensor trifft. Dem Spieler bleibt trotzdem das Gefühl erhalten "im Inneren etwas zu bewegen".

    Die Gewichtung der Tasten wird in der Regel mit Metallplättchen erreicht, da die Standardplastiktasten (Details hierzu siehe nächste Frage) von Natur aus zu leicht sind. Bei billigen und/oder älteren Modellen gibt es auch nur diese Gewichtung ohne die nachgebildete Hammermechanik. Dabei sitzt die Taste auf einer Wippe, und die Gewichtung am anderen Ende sorgt für den Gegendruck. Noch einfacher ist das Prinzip bei ungewichteten Keyboardtasten, die allerdings bei E-Pianos nicht verbaut werden. Die Tasten lenken beim Drücken dann einfach eine Feder aus.


    Gibt es auch E-Pianos mit Holztasten?

    Ein Großteil der Digitalpianos ist mit Plastiktasten ausgestattet, die aber nicht bei allen Spielern auf Gegenliebe stoßen oder nur unter Vorbehalt akzeptiert werden. Für gehobene Ansprüche gibt es einzelne Modelle im oberen Preissegment, die über eine echte Holztastatur verfügen. Erwähnt sei an dieser Stelle die Firma Kawai, die sowohl Homepianos (CA-Serie) als auch ein Stagepiano (MP9500) mit Holztasten anbietet.


    Kann man die Anschlagshärte/Gewichtung der Tasten einstellen?

    Wie auch bei akustischen Instrumenten unterscheiden sich E-Pianos je nach Hersteller und Modell in ihrem Anschlagsverhalten, so dass der Wunsch entsteht, das eigene Instrument dahingehend etwas nachzuregeln. Fast alle E-Pianos bieten diese Möglichkeit, wobei dabei jedoch immer die Einstellung der Velocity-Kurve und nicht(!) das mechanische Verhalten der Tasten gemeint ist.

    Die Velocity-Kurve sagt aus, wie schnell die Lautstärke nach Betätigung der Taste ansteigt. Im Zusammenspiel mit dem anschlagsdynamischen Sensor wird durch die Veränderung dieser Kurve das Gefühl erzeugt, dass sich die Tastatur leicht oder schwer bespielen lässt. E-Pianos haben an dieser Stelle meistens vier verschiedene Einstellmöglichkeiten: leicht, mittel, schwer oder aus. Bei Synthesizern z.B. lässt sich die Velocity-Kurve mit Attack- und Delay-Zeiten wesentlich feiner einstellen.


    Sounds - was können E-Pianos und was können sie nicht?

    Wie alle Bezeichnungen ist auch der Begriff E-Piano nicht hundertprozentig festgelegt. In erster Linie geht es natürlich um die Nachbildung klassischer Tasteninstrumente und solcher, die mittlerweile Vintage-Status erreicht haben, z.B. Rhodes, die auch jedes Modell an Board hat. Darüberhinaus ist die Ausstattung Sache der Herstellerphilosophie. Bei Yamaha z.B. sind die Geräte eher puristisch ausgestattet, ganz nach dem Motto "wenig, aber gut", während Roland oder Casio ihre Instrumente mit vielen Einstellmöglichkeiten, Synth-Sounds und sogar Begleitrhythmen ausstatten, die sonst eher im Keyboardbereich zu finden sind. Bei billigen Pianos sind diese Zusatzfunktionen aber nur bedingt brauchbar, so dass man bei der Auswahl vorrangig auf die Kernfunktionalität achten sollte.


    Was ist Polyphonie und wievielfach braucht man?

    Der Begriff Polyphonie (Mehrstimmigkeit) kennzeichnet die Fähigkeit eines E-Pianos, eine gewisse Anzahl Töne auf einmal zu erzeugen. Gängige Werte dafür sind 32, 64, 96 oder auch 128. Das klingt auf Anhieb viel, kann aber je nach Zusammmensetzung des Klangs schnell knapp werden. Zunächst zählt am Stereoausgang jeder Kanal einzeln, so dass sich auch bei einfachem Klavierklang die Anzahl der maximal hörbaren Töne halbiert. Aus 32 werden so maximal 16 gleichzeitig spielbare Tasten, die bei exzessivem Spiel mit dem Haltepedal schon erreicht werden. Spielt man dazu noch einen gelayerten Sound, der zweistimmig ist für jede Taste, halbiert sich der Wert nochmals, und dann sind 32 mitunter schon zuwenig. Da aber bei E-Pianos das Klavier an sich im Vordergrund steht, ist man mit 64facher Polyphonie auf der sicheren Seite.

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    Wie verstärke ich mein Stagepiano (im Proberaum)?

    Obwohl viele Stagepianos wie Homepianos über eingebaute Lautsprecher verfügen, reichen diese für den Einsatz in einer Band bei Weitem nicht aus. Bei Proberäumen mit PA ist das kein Problem, Piano ins Mischpult, fertig. Gibt es keine PA (z.B. auch bei kleinen Sessions), benötigt man seine eigene Verstärkung. Die günstigste Variante sind dabei Keyboard- bzw. akustikcombos wie der Behringer KX-1200 oder die Peavey KB/A-Serie. Diese sind in der Lage, ein Line-Signal einigermaßen originalgetreu zu verstärken und verfügen über mehrere Eingänge, von denen in der Regel auch einer für Mikrofone geeignet ist. Dafür ist der Sound qualitativ allerhöchstens Durchschnitt.

    Für ein besseres Klangerlebnis empfiehlt sich ein Aktivmonitor, oder auch zwei, wenn man Stereosound will. Natürlich sollte man hier nicht die billigsten nehmen, im Allgemeinen werden gern 12"/1"-Monitore verwendet (Achtung: auf keinen Fall mit Piezo-Hochtöner!). Genauere Auskunft geben hier auch die PA-Leute.


    Kann ich mein Stagepiano über die Hifi-Anlage/den PC laufen lassen?

    Grundsätzlich ja, wenn man dabei auf Folgendes achtet: Sowohl beim Ausgang der Pianos als auch beim Eingang der Stereoanlage/PC-Soundkarte (Standard, keine speziellen Recordingkarten) ist von "Line" die Rede. Es handelt sich dabei (bis auf Ausnahmen) aber um zwei verschiedene Pegel, und zwar +4 dBu bei den Pianos und -10 dBu am Line-In. dBu bezeichnet das Verhältnis des Pegels zur Spannung von 0,775 Volt: dBu = 20*log(Pegel/0,775). Deswegen sollte man am Instrument relativ leise drehen, da das Signal sonst bei der AD-Wandlung abgeschnitten wird (Soundkarte) oder die Stereoanlage unter Umständen überfordert.


    Welche Pedale können angeschlossen werden (bei Stagepianos)?

    Homepianos verfügen in der Regel über die selben Pedale wie ein akustisches Klavier bzw. ein Flügel. Bei Stagepianos dagegen müssen die Pedale aufgrund der Bauweise extern angeschlossen werden. Auf alle Fälle ist dabei ein Anschluss für das Haltepedal (Sustain) vorhanden, das bei den meisten Modellen auch gleich mitgeliefert wird. Dieses Sustainpedal ist im Grunde genommen ein einfacher Fußschalter, der nur zwischen "an" und "aus" unterscheidet. Es gibt aber auch Pianos (z.B. Roland, Yamaha), bei denen mit dem mitgelieferten Pedal halbgedämpfte Zwischenstufen unterschieden werden können.

    Weitaus weniger Modelle bieten einen zweiten Anschluss für das Dämpferpedal, da man das im Bandeinsatz nicht wirklich braucht. Als Ersatz kann hier oft ein Expressionpedal dienen, das gleich mit als Volumencontroller für Orgelsounds eingesetzt werden kann. Leider wird das auch nicht von allen Geräten unterstützt, so dass in diesem Fall ein (Stereo-)Volumenpedal zum Durchschleifen die letzte Option ist.

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    Wie teste ich E-Pianos objektiv?

    In wahrscheinlich jedem Thread zum Thema Kauf wird dazu geraten, alle möglichen Pianos vorher anzuspielen. Um ein wirklich objektives Ergebnis zu erhalten - an der Stelle schon vorausgesetzt, dass man weiß, worauf man Wert legt - sollte man einiges beachten, als allererstes die Frage, worüber man die Geräte hört. Bei einem Homepiano sind das entweder Kopfhörer oder die internen Lautsprecher, und man sollte beide Varianten ausprobieren. Bei Stagepianos dagegen ist das Probespielen über PA/Studiomonitore ein Muss, idealerweise alle in Frage kommenden Geräte über dieselbe PA.

    Als nächstes kommen die Grundsounds dran. Alle Effekte ausschalten! Dann kann man der Reihe nach seine bevorzugten Klänge ausprobieren (Klavier, Rhodes, ...). Dabei ist ganz wichtig, auch "extreme" Klang- und Dynamiksituationen zu testen, also die Außenbereiche der Tastatur zu bespielen sowie sehr hart und sehr weich anzuschlagen. Für Anfänger empfiehlt sich hier jemanden mitzunehmen, der bereits Klavier spielen kann.

    Sind die Grundsounds abgehakt, kann man sich der Effektsektion widmen. Neben dem Testen der Effekte an sich kann man dabei die vorhandenen Sounds noch ein wenig an seine Vorstellungen anpassen, falls sie vorher noch nicht das eigene Ideal getroffen haben. Wenn man auf einen bestimmten Sound abzielt, nimmt man am besten eine Aufnahme auf CD mit, um vor Ort den Direktvergleich zu haben. An dieser Stelle sei auch gesagt: Keine Angst vor solchen Sonderwünschen! Ein Digitalpiano ist eine längerfristige Investition, die sorgfältig ausgewählt werden will.


    Wieviel muss/sollte/kann ich investieren?

    Letztendlich bleibt die Entscheidung über das Budget jedem selbst überlassen, so dass hier nur ungefähr die Bereiche angesprochen werden und was man in etwa erwarten darf. Zwischen Stagepianos und Homepianos ist dabei übrigens fast kein Unterschied.

    Bei 500-800 Euro beginnt der Einstieg in die digitale Klavierwelt. Die Geräte aus dieser Preisklasse haben allerdings noch gravierende Defizite bei Tastatur und Klang, obwohl je nach Einsatzzweck auch einige brauchbare Instrumente darunter sind. Sonderwünsche braucht man nicht haben, man sollte "nehmen, was man kriegt."

    Die Mittelklasse liegt bei etwa 1000-1400 Euro. Hier bekommt man durchweg anständige Geräte fürs Geld, so dass die Auswahl nach Einsatzzweck und persönlicher Vorliebe getroffen werden kann. Der ein oder andere Unterschied in Klang und Bespielbarkeit zum akustischen Klavier mag noch auffallen. Trotzdem kann man davon ausgehen, einen bühnenfähigen oder übungstauglichen Klavierersatz unter den Fingern zu haben.

    Bliebe noch die Oberklasse, beginnend bei knapp 2000 Euro und nach oben offen. Selbst wenn man hier kein potenzieller Käufer ist, sollte man unbedingt einige Geräte probespielen. Für den Fall, dass man sich dann doch umentscheidet, kann man nichts falsch machen. Der einzige Nachteil der Oberklasse-Stagepianos liegt im durchweg hohen Gewicht.


    Welche Alternativen gibt es (z.B. Masterkeyboard+Expander)?

    Speziell im oberen Preissegment zusammen mit dem Bedürfnis nach erweiterter Funktionalität sollte man auch mögliche Alternativen nicht aus den Augen verlieren. Zusammen mit einem guten Masterkeyboard sind Soundmodule eine Überlegung wert, z.B. das Clavia Nord Electro Rack für gute Rhodes- und Orgelsounds oder auch der nur noch gebraucht erhältliche GEM Realpiano Expander. Benötigt man eine noch größere Klangvielfalt, kann man auch zu einem Synthesizer mit Hammermechanik greifen wie z.B. dem Yamaha S-90. Und zu guter letzt bleiben noch das "richtige" Fender Rhodes oder doch ein akustisches Klavier ...
     
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  2. holtman

    holtman Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 14.02.05   #2
    wow, hut ab! dankeschön :great:

    holt
     
  3. lucjesuistonpere

    lucjesuistonpere Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 14.02.05   #3
    Respect! :great:
     
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