[englisch] Blame

Aus einer anderen Sicht heraus betrachtet:

Es ist davon auszugehen, dass spätere Hörer nur den song und Text als solchen wahrnehmen.
Man kann zwar in booklets und bei Auftritten einen Rahmen um den song schaffen, spätestens im Radio oder auch im Internet ist diese Möglichkeit gar nicht oder nur eingeschränkt vorhanden.

Insofern halte ich es als Feedback-Geber damit, es lieber genau so wenig wissen zu wollen wie die späteren Zuhörer.
Soll später ein Rahmen zum Text (booklet) dazukommen (was ja insbesondere bei Konzeptalben der Fall sein kann), dann hätte ich gerne den gleichen Informationsstand wie das künftige Publikum.

Alles andere verzerrt die Wahrnehmung, das Urteil, das Feedback - zumindest im Vergleich zum unbelasteten/nicht informierten Publikum.

Eine Ausnahme sehe ich in den Angaben zur musikalischen Umsetzung, denn diese beeinflußt nicht unwesentliche den Kontext, in dem der song steht und macht einen Teil seiner Wirkung aus. Sofern schon eine Vorstellung über die musikalische Umsetzung besteht, kann bzw. sollte man die ruhig hinzufügen.

Und jetzt kommt zu dieser Ausnahme noch was:
Bei einigen songtexte wird vorabgestellt, dass man damit seine Liebste wieder zurückgewinnen will. Das hat für mich als Feedbackgeber durchaus Informationscharakter, weil damit ein bestimmter Zweck verfolgt wird und auch das zur Beurteilung des Textes und seiner Wirkung nicht unwesentlich ist (meiner Meinung nach, und ich lasse jetzt mal das böde Wort mit dem großen B hier Außen vor).

Dann gibt es eben Autoren, die betonen, dass der Text auf einer wahren Begebenheit oder ihren persönlichen Erfahrungen oder Erlebnissen beruht (oder in wenigen Fällen: nicht beruht - was etwas die Luft rausnimmt, beispielsweise wenn es im Text um Selbstmordabsichten geht) oder dass sie das Thema persönlich sehr berührt.
Meiner Erfahrung nach ist die Folge, dass dadurch eine Art Schutzraum gebildet wird bzw. ich als Leser nehme es so wahr, dass ich erheblich vorsichtiger, diplomatischer agiere und auch erst mal frage, ob überhaupt auf sprachlicher oder inhaltlicher Ebene bzw. ob überhaupt und wenn, welches Feedback erwünscht wird.

Ich gehe aber davon aus, dass dies der threadersteller und Autor so sieht oder wenigstens ahnt, dass ihm oder ihr bewußt ist, dass der möglicherweise sensiblere, diplomatischere Umgang auf Kosten der Unvoreingenommenheit des Feedbacks passiert und dass dies in Kauf genommen wird. Dann steht eben der persönliche Wert vor einem unvoreingenommenen Feedback - und auch das ist eine Entscheidung des Autors, die ich respektieren kann.
Threadersteller, die neu im Forum sind, weise ich gegebenenfalls darauf hin - was eigentlich immer verstanden wird.

Ich denke auch, dass sich diavor über die Wirkung ihrer Vorbemerkung bewußt war und ist.

x-Riff
 
Hallo xshadows, hallo x-Riff,

Wow, da sind wir ja thematisch auf eine Goldgrube gestoßen:) Bitte entschuldigt die lange Antwort. Ich hätte ja vollstes Verständnis, würdet ihr nicht zu Ende lesen, obwohl....:D

Ja sicher, wir wurden als Leser davon beeinflusst, dass Du, Diavor, den Anlass deines Textes bekannt gegeben hast. Möglicherweise wären sowohl die positiven als auch die negativen Reaktionen etwas weniger emotional? (un-)voreingenommen? ausgefallen, aber es lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Arme Diavor. In 10 Jahren wird man das den DIAVOR-DISKURS nennen;)

Denn wir berühren hier die selten beleuchtete Frage, welche Aufgabe ein VORWORT haben sollte ...
und welche eben nicht.

Dass die meisten Erklärungen nur die Phantasie des Lesers beschneiden, setze ich als bekannt voraus. Also warum machen wir Autoren trotzdem immer wieder son Scheiss?

Erlaubt mir ein persönliches Beispiel

Meine ersten Erfahrung als 16 Jähriger mit einer professionellen Dichterin verlief ungefähr so:

Ich fasste mir ein Herz, ging auf sie zu, las ihr stockend einen Text vor und dann, bevor sie endlich antworten konnte, schob ich gleich noch stammelnd ein paar gaaaanz wichtige Hinweise auf die Umstände hinterher.

Die Dichterin schwieg quälend lange... (wahrscheinlich suchte sie nach diplomatischen Worten oder hatte Magenprobleme)... dann erwiderte sie nur: Und warum hast Du das nicht geschrieben? - Ich wollte im Erdboden versinken...;)

Später hörte ich andere Künstler ähnlich lakonisch auf entsprechende VOR-und NACHWORTE reagieren - und nun also auch ich:rolleyes:

Mehr noch: zwingt mich mein innerer Teufel heute noch zu Erläuterungen (was wirklich nur noch sehr selten vorkommt)...dann höre ich mir selber äußerst interessiert zu...... denn meistens steckt in meinen Begründungen genau DAS, was ich eigentlich ursprünglich schreiben wollte...ach ja, von seinen kleinen Ausflüchte...ähm...Vorworten...da kann man noch ne Menge lernen;)

Wen oder was will man mit solchen unnützen Vorworten eigentlich retten ?

- unterschlagene Gedanken, die irgendwann nicht mehr zur Message passten?
- unterschlagene Gedanken, die plötzlich nicht mehr ins Reimschema passten?
- unterschlagene Gedanken, die dem Autoren zu peinlich wurden?
- oder Gedanken, die man einfach vergaß abzuholen - wie ein Kind aus einer Kita - und die nun quängelnd in einem Vorwort um Beachtung bitten?

Oder geht es uns nur darum, verschleiern zu wollen, dass wir uns alle im Grunde als untalentierten Hochstapler betrachten? Ehrlich mal...wer kennt diese Angst nicht.:D

Eine große Gefahr sehe ICH darin, seine drängende Gedanken der Botschaft einer Story zu opfern. Ich bemerke das mühelos an dem Ring um die Brust, der sich plötzlich beim Schreiben einstellt und am nachfolgenden Erklärungszwang gegenüber der Umwelt. Spätestens dann sollte man die Prämisse wechseln, oder gar ganz darauf verzichten. Beachte dabei: Botschaft nicht mit Hookline verwechseln!

Der Reimzwang ist kein unlösbares Problem. Vorschläge:
Man verschiebe abwechseln jedes geeignete Wort an das Zeilenende.
Man probiere alle Synonyme des Reimwortes aus
Man trenne Stammverb und Präfix (also aus "ausprobieren" wird... probier es aus/ aus "angelacht"...lacht mich an usw.)
Man bemühe Vergleiche oder Metonymie (also zum Beispiel aus Polizei / der Arm der Macht...)
und schon hat man neue Reimworte für den gleichen Gedanken.

seine Angst, die Angst beim Namen zu nennen, kann man spielerisch überwinden. Also wenn ich in meiner Schreibstube eine meiner Peinlichkeiten erst mal knallhart formuliert habe, muss ich meistens erleichtert lachen - und so finde ich schnell einen ironischen Dreh, der meine Ehrlichkeit wieder charmant verschleiert;)

Wenn man kein Versager sein will, sollte man ohne Ausflüchte auf sein Publikum zugehn. Is ja auch viel spannender so.

Lebt der Text von seinem authentischen Rahmen? Ist dieser Rahmen tatsächlich so authentisch? Oder gehört er nicht vielmehr schon zur poetischen "Fiktionalität" des Textes?

Tolle Fragen! Die muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!.

Ich schrieb vor Jahren einen Text über ein kleines Mädchen, das aus Angst vor einer Raubtiernummer aus dem Zirkus flüchtete...und den Rest des Nachmittags mit einem ausrangierten Zirkusclown verzaubert plaudernd auf einer Wiese verbrachte.

Ich hatte um die Geschichte eine Klammer gedichtet. Das Mädchen berichtet die Geschichte als reife Frau in einer ersten Liebesnacht.... und nachdem sie die Geschichte erzählt hat, drückt sie die ihre Zigarette aus mit den Worten: "Naja, er roch nach Sägelmehl und Fusel". FINE!

Mein Sänger fand keine musikalische Lösung für diese Klammer und so verzichtete ich darauf. Aber jedes mal, wenn ich seither auf den Song angesprochen werde, muß ich von der verschmähten Klammer erzählen . Ich habe damals einen großen Fehler gemacht!

x-Riff schrieb:
Dann gibt es eben Autoren, die betonen, dass der Text auf einer wahren Begebenheit ...beruht (oder in wenigen Fällen: nicht beruht - was etwas die Luft rausnimmt, beispielsweise wenn es im Text um Selbstmordabsichten geht) oder dass sie das Thema persönlich sehr berührt.
Meiner Erfahrung nach ist die Folge, dass dadurch eine Art Schutzraum gebildet wird bzw. ich als Leser nehme es so wahr, dass ich erheblich vorsichtiger, diplomatischer agiere und auch erst mal frage, ob überhaupt auf sprachlicher oder inhaltlicher Ebene bzw. ob überhaupt und wenn, welches Feedback erwünscht wird.

In solchen Fällen verweigere ich das feedback. Der wahre Samariter hilft ohne große Worte:cool:

Was mich wieder zu Diavor führt. Hier MUSSTE ich etwas schreiben, einfach weil mir ihr flüssiger Stil und ihr gutes Auge für dramaturgische Effekte so gut gefielen.

Ich bin schon sehr auf den nächsten Text gespannt. Wird sie oder wird sie nicht...:D
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich kann leider grade nicht viel schreiben und da ich schon 3 Ansätze gewagt und sie immer wieder über Bord geworfen habe, da sie mir für die Tiefe und das Niveau dieser Diskussion nicht angemessen schien, werde ich nur eine kurze Bemerkung machen, die ich nachher vielleicht weiter ausführe, wenn ich Zeit habe.

An erster Stelle einen Dank an alle Beteiligten. Eure Betrachtungsweisen und Perspektiven regen mich zutiefst zum Nachdenken an. Allem Voran die Diskussion über Vorwort oder nicht, bzw wie dieses einen beeinflussen kann. Ihr habt wahrscheinlich recht, dass die Reaktionen vermutlich anders ausgefallen wären, wenn ich den Text kommentarlos onlinegestellt hätte. Der Tragweite meines Tuns war ich mir in diesem Moment nicht bewusst, weil ich mir über die Bedeutung eines Vorwortes nie Gedanken gemacht habe. Das werde ich nun bedenken, da mich diese Punkte sehr dazu angeregt haben über dieses banale Etwas zu reflektieren.

Und damit niemand denkt, dass diese Diskussion mich in irgendeiner Weise negativ trifft: Ich danke euch für eure Zeit und eure klugen Worte, die mich wirklich weiter voran bringen als vielleicht direkte Kritik am Text. Darüber freue ich mich sehr.
 
Oha diavor,.. irgendwie is der Tod bei mir grad ziemlich präsent, in irgendeiner Form.
Deinen Text kann ich verstehen, und ich finde es gut, die Situation so verarbeiten zu wollen.

Aber ich muss ma großes Lob an Jongleur und die anderen geben, ihr habt echt viel gesehn, und die Diskussion hat wirklich viel zu Denken gegeben und zu lernen.


lg der Dekan
 
Danke dir, Dekan! Ja, ich könnte ebenfalls aus zig anderen Perspektiven über den Tod schreiben (warum nur? Ich mag mein Leben doch =/), ich weiß nicht woher das kommt ...

Ja, die Diskussion in diesem Thread ist sehr inspirierend. Das muss man allen Beteiligten lassen.
 

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