Erfahrungen und Ansichten zum Mundstückbau

  • Ersteller tantrix
  • Erstellt am
tantrix
tantrix
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
18.02.22
Registriert
22.05.05
Beiträge
614
Kekse
394
Ort
Paderborn
Hallo,
ich überlasse es dem Mod zu überlegen, ob dieser Beitrag evtl. zu in den Faq oder hier, oder nicht angetackert werden könnte. Ein paar Basics kann man wohl entnehmen.


Hallo Mundstücksucher
Da will ich mal etwas ausholen und beschreiben wie ich vorgehe mir ein Mundstück zu drechseln ohne allzu technisch zu werden. Ich hatte Mundstückbau während des Musikstudiums von Prof. Eyer in Dortmund gelernt.

Ich habe ein alte Reynolds Posaune mit einer Bronzeglocke die ist 0,9mm dick. eigentlich eine Bass mit 14,3 mm Bohrung, spiele sie aber als Tenor, also mittelhoch für bluesige romantische Musik, Solo.
Daraus ergibt sich:
Ich hätte gerne einen weichen vollen Ton in allen Lagen mit leuchtenden Höhen, aber keine Schärfe wie für ein Leadinstrument, die 1., in der Blasmusik.
Das dicke Blech sagt mir, dass die Posaune keine ausgeprägten Oberschwingungen hat wie die dünnen gehämmerten der deutschen Bauweise.
Zuerst interessiert mich natürlich der Wohlfühlaspekt. Der ergibt sich aus der Physiologie des Kiefers mit den Lippen und macht sich fest am Durchmesser, der Krone, zwischen flach und halbrund und der schärfe der Kante. Da gibt es fast keine Richtlinien, dass ist so individuell, da muss man selbst probieren. Lediglich gilt, eine flache Krone mit einer scharfen Kante läßt einen den Ton gut treffen, aber darf natürlich nicht einschneiden.
Dann interessiere ich mich für die Tiefe, das Volumen des Tones.
Die Stellschraube dafür ist der Durchmesser und die Tiefe des Topfes.
Es gibt ein Mundstück, da ist dieser Topf schraubbar. Da er aber zylindrisch sein muss der Schraubbarkeit wegen, ist die Strömung leider nicht so optimal.
Zur Erklärung:
Ein Hornmundstück ist Trichterförmig, man kann auch sagen V Förmig. Das macht einen tutigen Ton. Bessere Strömungsverhältnisse erreiche ich durch eine sanfte Kurve.
Vergleiche das mit einem Sektglas.
Ich habe so ein Dennis Wick Stück hier, das hat so eine ähnliche Kurve.

Das andere Extrem wäre ein Cognac Schwenker. Ein Bassmundstück hat mit tiefem Topf so eine U Form. Hier würde ich ein knalliges Ergebnis erzielen. Strömungstechnisch nicht ganz so günstig, deshalb forme ich das mehr wie einen Kelch aus. Damit erreiche ich auch Höhe. Das ist aber für einen Bassposaunisten wenig interessant. Der will einen harten klaren Basston, der nicht tubig ist.

Am häufigsten findet man die C form. Das sind die Bach und Verwandte.Gesucht wäre ein Weinglas mit einer Kurve irgendwo zwischen den Extremen.
Ein Hersteller muss sich zwischen den unendlichen Möglichkeiten irgendwo zwischen den Extremen entscheiden und so entsteht die unüberschaubare Vielfalt. Bis hierhin klar?
Also kann man schlecht Qualitäten unterscheiden, nur unterschiedliche Auffassungen. Ein paar qualitativ kritische Stellen gibt es. Man schaue von hinten in das Mundstück und prüfe, ob der Schaft innen sauber, glatt oder rau und unordentlich ist. Dabei schaue man in die Bohrung. Ist das nur ein Loch oder kann man erkennen, das dieses Loch zylindrisch und glatt ist. Das wäre wichtig, da der Zylinder den Ton zentriert. Ist der zu lang, kann man schlecht binden, aber er Ton steht (für nicht so gute Bläser und Anfänger wichtig). Ist es nur ein Loch, kann man gut binden, aber er Ton wackelt. Gefordert ist ein kurzer Zylinder. Der Durchmesser ist eher unkritisch. so ein zehntel mehr oder weniger macht den Kohl nicht fett.

Häufig habe ich ungepflegte Mundstücke gesehen, regelrechte Kloaken, wo die Bohrung zerfressen war und die Hinterbohrung versifft. Dass man sich damit nichts gutes tut, auch strömungstechnisch und nicht nur hygienisch, möchte ich mal herausstreichen. Also öfter mal den Spucknapf mit Settima pflegen und sauber halten.

Ideal wäre eine Reibahle, aber ich habe keine Hemmungen, den nächst größeren Bohrer zu besorgen um aus dem Loch eine zylindrische Bohrung zu machen. Das dabei das Silber abgeht ist völlig wurscht. Die meisten Unregelmäßigkeiten kommen ohnehin von missglückter Versilberung an der Stelle und gepflegt werden muss sowieso. Ein Hersteller, der einwandfreies liefern will hat zwangsläufig mehr Ausschuss und muss bei den gelungenen Exponaten daher teurer sein.

Höhenfreaks wählen meist kleine Bohrungen. Um aber ordentlich akzentuieren zu können muss genügend Masse Luft durchs Loch bewegt werden, welche durch die Bohrung nicht zu sehr eingeschnürt werden darf. Manch einer hat schon gestaunt zu welchen Attacken sein Instrument fähig ist wenn es richtig beatmet wird. Das richtige Maß der Öffnung muss man natürlich selber finden. Auch das gilt es beim Testen zu berücksichtigen. Ein Instrument dass nicht "massiert" wäre für mich unbrauchbar, (eher was für moddern Jazzer und Hupkonzerte). Das ist aber nicht allein Mundstückabhängig.


Nun interessiert mich auch der Glanz, das leuchten und strahlen des Tones. Damit ist nicht schreien gemeint. Die Stellschraube dafür ist der Sattel und die Kehle, so der Boden des Weinglases bzw. Cognac Schwenkers. Vorstellbar? Je steiler die Kurve, desto schärfer. Das kann man schon mit dem Finger fühlen. Soldaten haben gerne scharfe Kurven bei den Pin up Girls im Spint und Militärmusiker im Mundstück. Für beide gilt: Gelobt sei was spitz macht. Manche Trompeter haben ein extra Screamer auf Lager, wenn sie mal quietschen möchten.
(Für die Höhe habe ich noch einen kleinen extra Dreh auf Lager, den sonst keiner macht, habe ich jedenfalls noch nie gesehen, und womit mir das meistens gelingt. Das wäre so eine Art Markenzeichen. Ich gebe zu, so ein bißchen Glückssache ist da schon dabei. - Für Patente habe ich kein Geld und ich mache das ja auch nicht beruflich oder verdiene Geld damit).

Aber ich habe eine Philosophie, wie schon angedeutet. Diese beinhaltet die Harmonie des Ganzen. Ich möchte gerne die Fähigkeiten des Instrumentes herausarbeiten und die eine oder Schwäche ein wenig ausgleichen. Es geht also nicht ohne Berücksichtigung des Instrumentes.
Ich habe noch eine alte deutsche Reisser, 100 jahre, die ist dünn gehämmert, 0,3mm, und hat einen sehr posaunigen Ton. Stecke ich da das Mundstück meiner Reynolds, oder Bach drauf zeigt sich eine unangenehme Schärfe. Klar, das Blech ist dünn und hat viel Oberschwingungen. Stecke ich das Wick drauf, ist das so passend, dass ich nichts dran drehen muss. Auf der Reynolds ist das Wick unbrauchbar. Zu tutig, trübe. Die Reisser hat vom Schallstück her schon eine gewisse Schärfe, so daß ich ein Mundstück mit sanfter Kesselkurve wähle.
Also spielt dein Instrument die Hauptrolle. Dicke des Bleches, Größe des Trichters, denn der bestimmt die untere Grenzfrequenz. Es macht keinen Sinn auf einer kleinen Leadtrompete oder Posaune ein großvolumiges Mundstück zu stecken, weil man einen großen Ton wünscht. Umgekehrt macht es auch keinen Sinn auf ein Instrument mit anlagemäßig großem Ton ein flaches kleines Ding zu stecken, weil man sich Höhe wünscht.Zuerst also die Tiefe und Volumen des Tones beurteilen. so ein Horn ist im Grunde ein Basshorn und kein Hochtonhorn. So liegt das Schwergewicht auf der Bassfähigkeit.

Zur Harmonie:
Ich hatte vor kurzem ein interessante Diskussion mit Klassikern über ein geeignetes Klavier für Boogie Woogie. Mit Klassikern geht das, mit moddern Jazzern nicht.
Da gibt es die alte Bauweise mit geringer Saitenspannung für jemand der gerne Mead Lux Lewis, Pete Johnson, Albert Ammons etc. spielt. Das klingt so ein bisschen dreckig. Sowas passt auch für Otto v. Knobelsdorf, Christian Rannneberg und noch so ein paar eher Blues orientierte Leute.
Die andere Spielweise, etwa Axel Zwingenberg, Vince Weber, Hennig Petiet besonders, die fast maschinenmäßig hämmern, brauchen ein Klavier mit harter Saitenspannung für viel gläserne Brillanz.
Frank Muschalla Christian Bleiming liegen m. E. etwas dazwischen, aber Tendenz zum neueren Stil. Die Elite der Boogiepianisten findet sich in Deutschland.
Nun könnte man auf die Idee der eierlegenden Wollmilchsau kommen und auf die unteren Saiten weiche Filze fürs wummern kleben und oben harte Filze. Machbar wäre das, aber was dabei rauskommt wäre ein unharmonisches Instrument.
Genau so sehe ich das mit den Mundstücken für ein Blasinstrument. die Harmonie muss stimmen und nicht die einseitige Wunschvorstellung.

Was ich anstrebe ist "Schönheit" erst danach folgt Funktion.
So wähle ich nach 2 Kriterien. Einmal so, wie ich auch ein Instrument wähle, das für mich da ist und sonst für niemanden. Schließlich höre, durch üben und für mich spielen, ich mich am meisten. Das muss mich törnen. Im Idealfalle wählt das Instrument mich. So suche ich auch das Mundstück.
Zum 2. spielt die gewünschte Musik auch eine Rolle. Ein Posaunenchormusik ist posauniger als ein Militärmusik, wo der Leadtrompeter das "militaristische - aggressive" herausarbeiten möchte. Das eher liebliche einer bluesig orientierten Dixielandmusik, oder auch Tanzmusik, wo man solo spielt, einen größeren Ton braucht, aber die Leute auch mit grellen Tönen nicht quälen möchte, ist auch etwas anderes.
So ist für das jeweilige Genre eine etwas andere Harmonievorstellung aus Instrument und Mundstück zu diskutieren.

Der Schwerpunkt des "harmonischen" liegt mit mittel-tief Bereich, weil da wird der Ton gerundet. Ob ich auch genügend Höhe erreiche, hat was mit Ansatz und zugegeben auch etwas mit dem Mundstück zu tun, wäre aber mal eben schnell ausprobiert. Wenn mir die Harmonie des Ganzen (Instrument + Mundstück) zusagt, aber die Höhe nicht kommt, kann ich vielleicht mal nach einer kleineren Bohrung gucken und ob der Sattel oben gerundet oder schärfer ist, die Kehle etwas kürzer. Da gibt es etwas Variationsmöglichkeiten. Man kann das schon mit dem Auge sehen. Bei gleicher Kurve des Kessels wohlgemerkt. Hat der Hersteller das nicht, muss man weiter suchen, klar. Denn die Schärfe soll ja mit der Resonanz des Schallstücks harmonieren und nicht unangenehm hervorbrechen.
Wenn du dir dein Instrument und entsprechend sensibel deine bevorzugte Musik anguckst, dann reduziert sich die schier unüberschaubare Vielfalt der Mundstücke schon erheblich auf ein paar diskutable Möglichkeiten.
 
Eigenschaft
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:
  • Gefällt mir
Reaktionen: 4 Benutzer
S
Sandstroem
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
25.02.14
Registriert
02.12.09
Beiträge
187
Kekse
367
Ort
Nürnberg
D.h. ich hätte erst auf ne neue Posaune umsteigen müssen und nicht erst auf ein neues Mundstück? Jetzt bin ich leicht frustriert. :D

Informativer Thread übrigens. *Bewertungsknopf drück*
 

Ähnliche Themen


Neue Themen

Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Guitarworld.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Oben