Frequenz Blatt vs Luftsäule

  • Ersteller B-Greifer
  • Erstellt am

B-Greifer
B-Greifer
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
01.11.21
Beiträge
433
Kekse
2.376
Vll. kann ich bei euch Klarinettenspielern mein Verständnis über die Funktionsweise eures Instrumentes verbessern:

Wenn ich das richtig verstanden habe, kommt bei der Klarinette die Frequenz (Überblasen mal ignoriert) von der mit den Klappen geregelten Länge der Luftsäule.
Allerdings schwingt da ja noch ein Blatt. Hat das keine eigene Schwingungsfrequenz? Was wenn bspw. das Blatt auf a schwingt, die Luftsäule aber auf c?

:gruebel:
 
Eigenschaft
 
LoboMix
LoboMix
Helpful & Friendly User
HFU
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
23.01.15
Beiträge
2.634
Kekse
38.232
Das Blatt hat keine eigene feste Schwingungsfrequenz, sondern es ist an die Luftsäule, also die Länge der durch den Griff festgelegten wirksamen Rohrlänge gekoppelt. Die Länge des Rohrs zwingt dem Blatt sozusagen seine Frequenz auf.
Dabei verhält sich die Klarinette wie eine gedackte Pfeife bei der Orgel, da durch das Mundstück das obere Ende des Rohrs abgeschlossen ist und wegen der zylindrischen Bohrung. Die Klarinette klingt daher eine Oktave tiefer als die Rohrlänge bei einem offenen System (eben genauso wie die gedackten Orgelpfeifen).
Wenn man die Überbalsklappe öffnet, findet an der Stelle ein Druckausgleich statt, so dass die Tonfrequenz in einen höheren Oberton springt (= "Überblasen").
Aufgrund des Verhaltens wie bei den gedackten Pfeifen sind bei der Klarinette aber die geradzahligen Obertönene nur schwach ausgeprägt, weshalb die Klarinette beim Überblasen in die Duodezime (Oktave + Quinte = 3. Harmonische) springt und nicht wie z.B. die Flöte in die Oktave.
 
  • Interessant
Reaktionen: 1 Benutzer
B-Greifer
B-Greifer
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
01.11.21
Beiträge
433
Kekse
2.376
Danke LoboMix für die schnelle, ausführliche und verständliche Info.
Eine Kopplung hatte ich vermutet. Das mit dem halbofen und der Oktave tiefer dachte ich mir schon (Physikunterricht).
Dass das natürlich auch Auswirkungen auf gradzahlige Obertöne haben muss, hatte ich gar nicht bedacht. Sehr interessant.

Zur gedackten Orgelpfeife (musste gedackt erstmal nachschlagen): Ist die nicht geschlossen, also Schwingungsknoten an beiden Enden --> Grundfrequenz bei gleicher Länge doppelt so hoch wie bei halboffen?
(Hab hier aber vll. nur deine Ausführung missverstanden, dass eine Grundschwingung in einer Klarinette wie in einer gedackten Pfeife wäre.)
 
LoboMix
LoboMix
Helpful & Friendly User
HFU
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
23.01.15
Beiträge
2.634
Kekse
38.232
Die gedackten Pfeifen sind natürlich nicht vollkommen verschlossen, sondern sie haben auch ein Labium ("Lippe", dort entsteht der Ton).
An dieser Öffung findet ein Druckausgleich statt, am geschlossenen Ende nicht. D.h., dass sich an der Öffnung (am Labium) ein Druckknoten befindet und am geschlossenen Ende ein Druckbauch. Beim Druckknoten befindet sich immer der Schwingungsbauch, beim Druckbauch der Schwingungsknoten. In der gedackten Pfeife kann sich daher die stehende Welle nur mit einer halben Wellenlänge ausbilden, daher klingt sie eine Oktave tiefer als eine offene Pfeife. Den gedackten Pfeifen fehlen aber auch weitgehend die geradzahligen Harmonischen, weshalb sie den typischen dunkleren und weicheren "gedackten" Klang ausbilden.

Bei den Rohrblattinstrumenten wird die Kopplung des Blattes an die Luftsäule zu den hohen Frequenzen, also zum hohen Register hin immer schwächer. Deshalb kann man bei der Klarinette zum C3 hin auch ein deutlich weiteres Glissando machen als z.B. beim G1. Daher ist die Intonation im tiefen Register auch einfacher zu handhaben als in den höheren Registern. Dort folgt das Blatt viel mehr einem Ansatzfehler und der Ton wird bei zu schwachem Ansatz dann sofort zu tief.
 
  • Interessant
Reaktionen: 1 Benutzer
B-Greifer
B-Greifer
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
01.11.21
Beiträge
433
Kekse
2.376
Mensch, LoboMix, ich lerne hier ja noch mehr als ich dachte bzw. wird gleich korrigiert, was ich fälschlicherweise zu wissen glaubte. :great:

Zum 2. Absatz:
Heißt das jetzt, dass bei hohen Frequenzen Reinblasen/Ansatz entscheidender ist als die Klappe?
Was passiert wenn dann die Frequenzen Luftsäule/Blatt nicht mehr passen? Leiser?
Und warum ist der Ton bei falschem Ansatz dann tiefer?
 
LoboMix
LoboMix
Helpful & Friendly User
HFU
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
23.01.15
Beiträge
2.634
Kekse
38.232
@B-Greifer, du musst dich von der Vorstellung verabschieden, dass das Blatt eine eigene, feste Frequenz hat. Das Blatt, bzw. genau genommen das System Blatt+Mundstück (das Blatt alleine kann gar nichts) hat keine Eigenfrequenz, sondern einen Bereich, in dem es schwingen kann, eine "Range", und der ist bekanntlich ziemlich umfangreich, hat die Klarinette doch gut 4 Oktaven Tonumfang.
Wie flexibel das System Blatt+Mundstück ist, wird dadurch deutlich, dass es mit etwas Übung möglich ist, nur auf dem Mundstück eine ganze Oktave zu spielen, und locker ganze Melodien in diesem Tonumfang. Das wird (mehr oder weniger) nur mit dem Ansatz bewerkstelligt. Es ist erst die Luftsäule, die den Ton genau festlegt.

Im tiefen Register ist die Kopplung wie gesagt sehr starr, und sie wird immer schwächer, je höher man kommt. Das merkt man daran, dass es im tiefen Register kaum möglich ist, den Ton stark fallen zu lassen. Beim C3 kann man je nach Blatt locker eine Quinte Glissando abwärts machen.
Bei einem zu lockeren/weichen Ansatz sinkt der Ton (anteilige Aspekte der Formung im Mund-/Rachenraum und der Atemführung lasse ich hier zur Vereinfachung mal außen vor), bei gepresstem Ansatz steigt der Ton, wobei der "Range" nach unten stets größer ist als nach oben.

Aus dem Gesagten wird deutlich, dass es viel schwieriger ist, in den hohen Lagen sauber zu intonieren als in der tiefen Lage - wie jeder Klarinettenspieler sicher selbst mehr oder weniger leidvoll schon erfahren konnte. Die hohen Lagen nehmen Ansatzfehler deutlich schneller krumm als die tiefe Lage. Statt "entscheidender" würde ich aber lieber "kritischer" oder "anspruchsvoller" schreiben.
 
  • Gefällt mir
  • Interessant
Reaktionen: 3 Benutzer
B-Greifer
B-Greifer
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
01.11.21
Beiträge
433
Kekse
2.376
@B-Greifer, du musst dich von der Vorstellung verabschieden, dass das Blatt eine eigene, feste Frequenz hat. Das Blatt, bzw. genau genommen das System Blatt+Mundstück (das Blatt alleine kann gar nichts) hat keine Eigenfrequenz, sondern einen Bereich, in dem es schwingen kann, eine "Range", und der ist bekanntlich ziemlich umfangreich, hat die Klarinette doch gut 4 Oktaven Tonumfang.
Wie flexibel das System Blatt+Mundstück ist, wird dadurch deutlich, dass es mit etwas Übung möglich ist, nur auf dem Mundstück eine ganze Oktave zu spielen, und locker ganze Melodien in diesem Tonumfang. Das wird (mehr oder weniger) nur mit dem Ansatz bewerkstelligt.
Von der Vorstellung, dass das Blatt eine feste Frequenz hat, hat mich schon dein erstes Posting geheilt.
Jetzt hab ich dank des von dir erwähnten Glissando auch ein YT-Video gefunden, auf dem man das gut hören kann (nur Mundstück und auch gesamte Klarinette).
(Gedanklich wohl zu sehr bei Klavier und Akkordeon, dachte ich vor dem Video, du meintest mit Glissando diskrete Tonsprünge.)

Es ist erst die Luftsäule, die den Ton genau festlegt.
Und diesen Teil hab ich noch nicht richtig verstanden.

Ein Spektogramm zeigte den stufenlosen Übergang zw. den Ton-Frequenzen beim Glissando. Und siehe da: Kaum seh ich ihn, meine ich ihn auch zu hören.
(Hab mich immer gewundert, warum Klarinetten bei Tonwechsel nicht "abgehackter" klingen.)

Nun frag ich mich natürlich noch, wie ein und die selbe Luftsäulenlänge bspw. benachbarte Halbtöne (und alle Töne dazwischen) möglich macht. Ich glaubte, bis auf Oberschwingungen sei die Frequenz der Schwingung durch die Luftsäulenlänge festgelegt. Anscheinend nicht.

Heißt das jetzt dass man während des Glissandos ohne Griffwechsel nur die Resonanz verliert oder inwiefern legt die Luftsäule nun den Ton fest?

Um die Quinte, die ihr Töne teilweise 'ziehen' könnt, beneiden euch sicher alle Gitarristen. ;)
 
Zuletzt bearbeitet:
LoboMix
LoboMix
Helpful & Friendly User
HFU
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
23.01.15
Beiträge
2.634
Kekse
38.232
Nun frag ich mich natürlich noch, wie ein und die selbe Luftsäulenlänge bspw. benachbarte Halbtöne (und alle Töne dazwischen) möglich macht. Ich glaubte, bis auf Oberschwingungen sei die Frequenz der Schwingung durch die Luftsäulenlänge festgelegt. Anscheinend nicht.

Heißt das jetzt dass man während des Glissandos ohne Griffwechsel nur die Resonanz verliert oder inwiefern legt die Luftsäule nun den Ton fest?
Mit dem stufenlosen Glissando auf der Klarinette ist das so eine Sache. Im oberen Register, etwa so ab F2/G2 ist ein stufenloses Glissando gut möglich, darunter oder gar im tiefen Register ist das mehr oder weniger schwierig bis sehr schwierig, bis gar nicht eigentlich möglich.
Da es aber auch im tiefen Register einen gewissen, wenn auch kleinen Ziehbereich um den gegriffenen Ton gibt, kann man mit einiger Übung und Geschick mit dem Ziehen mit dem Ansatz und dem Wechsel der Griffe/Töne, z.B., indem man eine chromatische Tonleiter spielt, ein stufenloses Glissando ziemlich gut ´vortäuschen´.
Bekannt ist das tolle Klarinettenglissando zu Beginn der "Rhapsodie in Blue" von G. Gershwin. Das wird im Abschnitt von unten bis ca. G2 mit dieser Kombi-Technik aus gegriffener chromatischer Tonleiter und Ansatz-"Schmieren" gespielt und ab ca. G2 kann man dann in Sprüngen vorgreifen, z.B. direkt von G2 auf C3 und dann schön mit dem Ansatz ziehen.
Gar nicht so einfach zu spielen, dass es so richtig als Glissando klingt.

Die Komplikation kommt eben daher, dass in unteren Bereich die Länge der Luftsäule den Ton so starr festhalten will. Man muss die Akustik regelrecht ´austricksen´.
Mit leichteren Blättern geht das einfacher, weil deren Ziehbreich größer ist. Mit einem richtig schweren Blatt kann man so ein langes Glissando praktisch vergessen, weil ein schweres Blatt in sich die Tendenz hat, stabiler auf den Griff-Frequenz zu schwingen. Auch der Glissando-Bereich in der Höhe, um den man den Ton fallen lassen kann, ist bei schweren Blätter deutlich kleiner. Andererseits kann man deshalb mit schwereren Blättern vor allem in der Höhe sicherer intonieren.

Die Eigenspannung des Blattes (sozusagen dessen "Spannkraft") spielt ohnehin bei dem Thema Intonation eine riesige Rolle. Mit einem viel zu leichten Blatt ist es oft sogar in der Tiefe kaum möglich, sauber zu intonieren, im hohen Register versagen sie dann oft ganz. Dann kommt der Spieler mit so einem "Wabbel-Blättchen" kaum über das G2/A2 hinaus.
Außerdem ist man mit zu leichten Blättern insgesamt meist (viel) zu tief (wenn das nicht mit einer kürzeren Birne ausgeglichen wird). Mit starken Blättern ist das Instrument gleich deutlich höher (sie erfordern aber mehr Übe-Aufwand, vor allem regelmäßiges Ansatz-Training).

Noch ein Wort zum Glissando:
Richtig stufenlos kann es bei den Bläsern nur die Posaune, ansonsten natürlich die Steicher (und nicht zu vergessen: das "Theremin").
 
  • Interessant
Reaktionen: 1 Benutzer
B-Greifer
B-Greifer
Registrierter Benutzer
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
01.11.21
Beiträge
433
Kekse
2.376
@LoboMix

Vielen Dank für deine Geduld und die vielen Informationen.:hat:

Vieles von dem, was du hier mitteiltest, hätte ich nicht mal fragen können, da ich's nicht mal ahnte (stufenloses Gissando, Auswirkungen Tonhöhe und Blattstärke). Hab ich wieder viel gelernt und mein Respekt vor den Fähigkeiten der Spieler dieses wohlklingenden Gerätes ist weiter gewachsen. :hail:
 
LoboMix
LoboMix
Helpful & Friendly User
HFU
Zuletzt hier
19.05.22
Registriert
23.01.15
Beiträge
2.634
Kekse
38.232
Gern geschehen! :)

Gruß, Jürgen
 
  • Gefällt mir
Reaktionen: 1 Benutzer

Ähnliche Themen


Neue Themen

Unser weiteres Online-Angebot:
Bassic.de · Deejayforum.de · Sequencer.de · Clavio.de · Guitarworld.de · Recording.de

Musiker-Board Logo
Oben