Funktion des Gleichtons; Steirische vs Heligonka bzw. Club vs Wiener Modell

von Moricasso, 24.08.20.

  1. Moricasso

    Moricasso Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.08.20   #1
    Hi,
    da ich jetzt über die Heligonkas nachgelesen habe, stellt sich mir die Frage nach der Funktion des Gleichtons.

    Heligonkas haben keinen Gleichton. Die Steirischen Harmonikas dagegen haben den Gleichton. Ansonsten sind sie sich ja sehr ähnlich.


    Die Club hat zum Glück den Gleichton. Das Wiener Modell hat den Gleichton weder beim Zweireiher noch beim Dreireiher.

    Bei der Club finde ich den Gleichton eine Erleichterung im Vergleich zum zweireihigen Wiener Modell und gleichzeitig stört er mich etwas, weil er da ja nicht hingehört und die eh schon "schräge" Logik unterbricht.

    Was ist der Gleichton?

    Eine Mögliche Antwort:

    Der 5. Ton des Tonika-Akkordes der jeweiligen Tonleiter wird für Zug und Druck auf den gleichen Knopf gelegt, damit er in beiden Richtungen zugänglich ist.

    Eine andere Mögliche Antwort:

    Der Tonikaton der 2. Reihe, den es ja nur auf Druck gibt, wird in der inneren 1. Reihe auf Zug möglich gemacht. Und zwar auf dem Knopf, der in beiden Reihen auf Zug einen sowieso rendundanten Ton hat. So muß für diesen "Luxus" nicht auf einen anderen Ton verzichtet werden.

    ---------

    Ich versuche eine Erklärung zu finden

    A)
    Welche musikalische theoretische Funktion hat der Gleichton. Beim praktischen Spielen auf der Club, wird das ganz, ganz schnell als super praktisch empfunden. Aber was ist die Theorie dahinter.

    B)
    Warum hat die Steirische Harmonika in der äußersten Reihe keinen Gleichton.
    Steirische gibt es ja von 3 Reihen und bis zu 5 Reihen. Und immer hat die äußerste Reihe keinen Gleichton. Warum?

    ----------

    Ein Wiener Modell mit 3 Reihen in z.B. G/C/F hat gar keinen Gleichton.
    Die innere Reihe ist F-Dur, die mittlere C-Dur.
    Die äußerste Reihe hat die G-Dur Tonleiter.

    Mit diesen drei Tonleitern habe ich die Töne c, f und g auf Zug und Druck.
    Also alle Tonikatöne auf Zug und Druck.

    Die 5. Töne dieser 3 Tonleitern sind c, g und h, die dann auch in beiden Balg-Richtungen vorhanden sind.

    Also warum gibt es auf der Steirischen den scheinbar "überflüssigen" Gleichton.
    Ich vermute mal, daß der Gleichton nicht wirklich überflüssig ist, sonst würde er ja nicht verbaut.
    Aber warum, wird er konsequent verbaut? Was hat er auf der Steirischen Harmonika für Vorteile?
    Grifftechnische Vorteile?
    Bringt der Gleichton irgendwas mit Akkorden in der Begleitung?
    Oder doch nur gewachsene Tradition?
    Warum gibt es den Gleichton nicht auf der äußersten Reihe bei der Steirische Harmonika?




    Also eine rein theoretische Frage. Praktisch ist es nicht wichtig, denn man lernt ja gerätespezifisch auf dem Instrument zu spielen, daß man zur Verfügung hat. Allerdings lassen sich manche ja auch ihre Geräte umstimmen. Manche Stimmen den Gleichton rein, andere raus.

    Ich weiß, keine einfache Frage.
     
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  2. albschneggle

    albschneggle Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 25.08.20   #2
    Hallo @Moricasso !
    Bei der steirischen Harmonika sind in der ersten Reihe ( wie bei anderen Harmonikas auch) auf Druck die Töne 1,3 und 5 der jeweiligen Tonleiter immer fortlaufend verbaut, auf Zug die Töne 2,4,6 und 7 . Macht ja Sinn, damit die Tonleiter komplett ist, zumindest wenn ich nur eine Reihe zum Spielen haette.
    In der zweiten (dritten, vierten, fünften) Reihe ist auf Druck ebenfalls der Dur- Akkord verbaut. Auf Zug wurde aber statt dem 6. Ton der 5. eingebaut, so dass auf Zug der Dominant- Septakkord vorhanden ist. (Den fehlenden Ton gibt's ja in der ersten Reihe schon).
    In der obersten Oktave der 2.,3.,4. Reihe wurde übrigens die Anordnung der Töne wie in der ersten Reihe beibehalten. Warum ? Keine Ahnung...:confused:
    (Inzwischen gibt es das System "ELSE", das die oberste Oktave an die anderen angeglichen hat.)

    Wenn ich auf der Steirischen ein einfaches Stück begleiten will, hab ich somit immer die passenden Töne in einer Reihe, da kann man gar nicht daneben greifen..
    (Mit Ausnahme der ersten Reihe..)
    Zum Beispiel : Zweite Reihe Druck - Tonika : c-e-g, Zweite Reihe Zug - Dominant- Septakkord : g-h-d-f, Dritte Reihe Druck: Subdominante : f-a-c
    Praktisch, oder?:)

    Dass in der ersten Reihe die ursprüngliche Tonbelegung beibehalten würde, hat, denk ich , praktische Gründe: Bei einer GCFB-Harmonika habe ich in der ersten Reihe auf Zug a-c-e-fis verbaut. Das "e" kann ich gut gebrauchen, ein "d" an dieser Stelle wäre schlichtweg überflüssig.
    Außerdem hab ich auf der ersten Reihe so auch den a-moll- Akkord liegen.
    Wäre in der ersten Reihe statt dem "e" das "d" verbaut, dann hätte ich auf der ersten Reihe auch einen Gleichton und alle Gleichtöne schön in einer Diagonale...

    Viele Grüsse, albschneggle
     
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  3. Akkordeonengel

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    Erstellt: 25.08.20   #3
    Hallo Moricasso,

    Doch auch (mindestens unsere) slowakische Heligonkas haben ein Gleichton auf Zug und Druck - sog. "stoják". Bei Herstellern kann man das gewünschte Stimmung und auch den "Stoják" wählen, wenn er es will:

    ladenieBEsAs.jpg ladenieFBEs.jpg A-D-G.jpg ladenieGCF.jpg

    gleichton.jpg

    Quelle: https://heligonka.com/heligonky/modely/elegant-3/

    Leider spiele ich nur Tastenakkordeon, daher kenne ich weitere Details nicht, aber ein "Stoják" soll das Spiel viel einfacher machen…

    Viele Grüße, Vladimir
     
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  4. Moricasso

    Moricasso Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 26.08.20   #4
    Stimmt. :great:

    Es geht also doch um Akkordspiel.
    Danke für die gute Erklärung.:D


    Das ist es, was ich meinte: manche lassen sich den Gleichton einbauen, auch wenn er ursprünglich nicht dazugehörte. Die Entwicklung geht ja weiter.

    Und damit ist ja ein Grund zum Einbau gegeben. Ohne Gleichton muß ich für z.B. G7 auf 2 Reihen verteilt greifen, bei C7 für die F-Reihe über alle 3 Reihen greifen. Sofern ich 3 Reihen habe. Darum ist beim 2-Reiher, wie bei der Club der Gleichton eine Grundlegende Erweiterung der Akkordmöglichkeit im Diskant.
    Da ist dann C7 möglich. Mit 3 Reihen kann man das c auf Zug aus der G-Dur-Reihe dazunehmen, ist wohl nicht gerade ein bequemer Griff.

    Hm. Also ist der eine Gleichton auch sehr vernünftig.

    Bedeutet Heligonka vielleicht Helikonbass?




    Interessante Seite. Danke für den Link.
    Die dort angebotenen Instrumente sind sowohl im Diskant als auch im Bass wechseltönig.
    Sie haben im Diskant die Reihen jeweils um einen Knopf erweitert, der mit zusätzlichen tiefen Tönen belegt ist. Es sind sowohl 2- als auch 3-reihige Instrumente angeboten und werden alle Heligonka genannt, soweit ich das verstehen konnte. Stimmt das so? Bei den 3-Reihigen wird in der innersten Reihe auf Wunsch der Gleichton verbaut, bei den 2-Reihigen wird das nicht angeboten.

    Die Heligonkas sind quasi Wiener Modelle mit zwei zusätzlichen tiefen Tönen auf einem Knopf pro Reihe und
    Helikonbässen und
    einem optionalen Gleichton in der innersten Reihe, bei 3 Reihern.

    Sehr schön. Eine Brücke zwischen Wiener Modell und Steirische.

    Vielen Dank Euch beiden für eure super klaren Antworten.
     
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  5. Akkordeonengel

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    Erstellt: 26.08.20   #5
    Ich denke, dass der Name "Heligonka" von dem direkt abgeleitet wird. Der Helikonbass ist ein charakteristisches Merkmal der tschechischen und slowakischen Heligonkas:
    stibitz_2000_3.jpg
    Quelle: http://harmonikamikes.cz/vyroba/

    Letztes Jahr hat ein slowakisches Folklore-Ensemble zu Weihnachten ein Konzert in unserer Pfarrkirche. Es gab ungefähr 7-8 Heligonka-Spieler + eine größere Gruppe von Sängern, alle in schönen Volkskleidungen. Als sie anfingen, ihre Heligonkas zu spielen, spürte ich "Schüttelfrost" in meinem Rücken. Ihre Bässe brüllten wunderbar und füllten den gesamten Raum der Kirche. Absolute Pracht…

    Herzliche Grüße, Vladimir
    --- Beiträge zusammengefasst, 26.08.20, Datum Originalbeitrag: 26.08.20 ---
    Ja, genau!
    --- Beiträge zusammengefasst, 26.08.20 ---
    Nicht direkt, aber sie können modifiziert werden, z.B wie folgt:
    gombiky_heligonka_c_f_l1.gif
    Quelle: https://pesnicky.orava.sk/data/stahuj/gombiky_heligonka_c_f_l1.gif
     
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  6. Frager

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    Erstellt: 27.08.20   #6
    Heligonka Stibitz–Model 2000; sehr interessanter Name.

    Auf Schweizerdeutsch heisst "stibitzen" so etwas wie unbemerkt entwenden.
    Zum Beispiel: Eine Elster "stibitzt" einen goldenen Ring. :D
    Aber auf tschechisch heisst es sicher etwas positiveres, oder? :great:
    Freundliche Grüsse von Paul Frager, der wie wild die E-Dur-Tonleiter mit Bässen übt.:m_akk:
     
  7. Akkordeonengel

    Akkordeonengel Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.08.20   #7
    Guten Abend,

    Off-Topic:
    Es scheint, dass die Vorfahren von Konstantin Stibitz (1885-1964) offensichtlich in einem anderen Job beschäftigt waren. :D Zum Glück für zukünftige Generationen und für die Geschichte der diatonischen Instrumente wurde der junge Konstantin zum HZIMM ausgebildet. In den bürgerlichen Beziehungen verwendete er tschechische Variante seines Nachnamens: "Štibic". Insgesamt kann jedoch festgestellt werden, dass die Liste der ursprünglichen Heligonka-Baumeister in der Tschechischen Republik ein buntes Mosaik von tschechischen, deutschen und polnischen Nachnamen ist:

    http://heligonka.sk/vyrobcovia#Zoznam

    Zurück zum Punkt:


    Wenn ich gute Informationen habe, gilt das Gegenteil für Heligonkas. Diese Instrumente ursprünglich haben keinen Gleichton zu enthalten, der begann schon später zu verbreiten...

    Viele Grüße, Vladimir
     
  8. 120

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    Erstellt: 30.08.20   #8
    Ich hatte mich da auch mal versehentlich mit beschäftigt. Schien mir eher theoretisch unmöglich das System. Aber die machen das ja trotzdem.
     
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