Cryin' Eagle
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Ich habe in den letzten Tagen ein bisschen über meine Anschaffungen aus dem letzten Jahr reflektiert. Dabei kam mir der Gedanke mal wieder ein Review zu verfassen. Ich habe mich für meine Collings 290 S entschieden - ein Keeper, der seit knapp 6 Monaten bei mir ist.
Collings 290 S (2012) - Faded Crimson
Hintergrund
Ich habe zur Collings 290 Modellreihe aus zwei Gründen gefunden: Zum einen auf der Suche nach einer klassischen Gibson Les Paul Junior Alternative, zum anderen war eine 290 DC S vor vielen Jahren mein erster Berührungspunkt mit den E-Gitarren von Collings. Damals habe ich zusammen mit meiner Frau einen Gitarrenladen (Gryphon Stringed Instruments) in Palo Alto, Kalifornien, erkundet. Zum Kauf kam es damals nicht, aber ich war nachhaltig beeindruckt, und meiner Frau haben die Gitarren auch gefallen - sowohl Ton als auch Optik. Sie wollte damals sogar sofort eine mitnehmen.
Viele Jahre später ist mir dann auf dem Gebrauchtmarkt die hier vorgestellte 290 S zugelaufen. Der Vorbesitzer hat sich auf meine “Want to Buy” Anzeige im TGP Forum gemeldet und so kam sie dann innerhalb weniger Tage aus Washington zu mir nach Kalifornien. Von ihm habe ich später auch meine Nik Huber Piet gekauft; sein bester Kumpel hat zwischen diesen beiden Transaktionen meine Korina Junior von Brown Bear Guitars erworben. Die Welt ist manchmal schon sehr klein und im letzten Jahr sind durch meine Gitarren Kauf-& Verkaufsaktionen ein paar interessante Bekanntschaften entstanden.
Jetzt aber zurück zu meiner 290 S: Eigentlich wollte ich eine 290 DC S mit einer einteiligen Brücke, habe aber auf dem Gebrauchtmarkt damals keine ausfindig machen können. Innerhalb der 290 Modellreihe gibt es zwei Single Cuts (290 und 290 S) und zwei Double Cuts (290 DC und 290 DC S). Die S-Modelle zeichnen sich durch einen einzelnen P90 Tonabnehmer am Steg aus; die anderen Modelle haben einen zusätzlichen P90 am Hals. Humbucker sind als Option möglich - sieht man aber eher selten. Der Optionskatalog ist groß und man kann sich bei der Hardware beliebig austoben (versch. Brücken, unterschiedlichste Tonabnehmer, Inlays, Halsprofil, unendlicher Farbkatalog, Aging aber kein Relicing). Je nachdem wie umfangreich man den Optionskatalog bemüht, landet man in den USA aktuell bei einem Neupreis zwischen $5.000-6.750 - wir befinden uns also, wie bei Collings zu erwarten, solide im Boutique-Sektor.
Potentielle Alternativen und preisliche Einordnung
Der erste Blick geht natürlich zu Gibson und hier bewegt man sich bei den vergleichbaren Angeboten aus dem Custom Shop in einem ähnlichen Preisrahmen. Die “einfachsten” VOS Modelle gibt es etwas günstiger (~$4k), während eine Murphy Lab sogar das obere Collings Preisspektrum deutlich sprengen kann (~$8k für eine Heavy Aged). Ich persönlich kann mich mit neuen Gibsons nicht identifizieren und habe deren aktuelle Modelle deshalb nicht in Erwägung gezogen. Ein Vintage Player wäre aber ggf. interessant … Zukunftsmusik.
Mein erster Blick nach Alternativen hat deshalb zu Heritage Guitars geführt. Hier gibt es mit der H-137 aus der Custom Shop Core Collection eine interessante Single Cut Junior und man ist je nach Variante mit $3.500-4.200 dabei. Eine Double Cut gibt es aber leider nicht und ich konnte die H-137 auch bei keinem meiner lokalen Händler finden, um sie mal zu testen.
Würde ich noch in Deutschland wohnen, hätte ich vermutlich auch Gerhard Schwarz in Erwägung gezogen. Seine Cellar I startet bei 3.800 Euro und für die Cellar II ruft er ab 4.900 Euro auf. Eine Nik Huber Krautster ist für mich keine Alternative zur Junior, aber geht in eine ähnliche Richtung und kostet in ihrer Basiskonfiguration aktuell etwa 4.300 Euro. Das gibt uns zumindest mal eine grobe Referenz für die Preise beim Gitarrenbauer.
Interessante und günstigere Alternativen gibt es natürlich reichlich, z.B. bei Gibson außerhalb des Custom Shops, oder auch bei Eastman - in beiden Fällen ist man wohl so ab ~$1.5k dabei. In dieser Preisklasse gibt es auch noch weitere Optionen, und die üblichen Verdächtigen können bei Bedarf auch günstiger.
Ich hatte mich am Ende aus verschiedenen Gründen auf eine gebrauchte Collings eingeschossen und bin dabei preislich auch ganz gut gefahren (etwa 45% vom aktuell untersten Neupreis; oder etwa 50% von einer Gibson Custom Shop VOS). Sie ist jetzt seit knapp einem halben Jahr bei mir, hat sich fest etabliert und gefällt mir mittlerweile auch ebenso gut wie eine Double Cut.
Sorry, die meisten Preise sind in USD, aber es geht hier ja auch nur um eine grobe Einordnung.
Specs meiner Collings 290 S
Hier ist es wichtig hervorzuheben, dass die Mensur der 290 Modellreihe (24 7/8") nicht der klassischen Gibson Mensur (24 3/4") entspricht. Für den absoluten Junior Puristen ist eine 290 also vermutlich nichts.
Aus dem Spec Sheet meiner 290 S kopiert und auf die relevanten Dinge reduziert:
Hervorzuheben ist noch, dass Collings Gitarren in einem wirklich herausragenden Koffer von Ameritage geliefert werden. Ich habe bisher keinen besseren Koffer direkt vom Hersteller gesehen:
Verarbeitung und Qualität
Hier spricht einfach sehr vieles für Collings. Die Verarbeitung ist perfekt und bei der Qualität der verwendeten Materialien werden keine Abstriche gemacht. Die eigentliche Konkurrenz sind für mich individuelle Gitarrenbauer, aber deren Gitarren kann man vor dem Kauf selten anspielen.
Jetzt ist diese Gitarre natürlich schon ein paar Jahre alt, wurde ordentlich gespielt, und entsprechend kann ich den Auslieferungszustand nicht beurteilen. Ich habe in meiner unmittelbaren Umgebung allerdings zwei Collings Händler und mich im vergangenen Jahr durch einen Großteil der Collings Produktpalette gespielt - bisher ist mir jede neue Collings als makellos aufgefallen. Nach meinem Empfinden kann man eine Collings E-Gitarre blind kaufen, was ich bisher auch 3x gemacht habe (neben dieser 290 S auch eine I-30 LC und eine I-35 LC Vintage … ja, Fanboy).
Spielgefühl
Sie hängt mit einem Gewicht von 3360 Gramm bequem am Gurt und balanciert im Sitzen ausgewogen auf meinem Bein. Außerdem hat ihr Rücken angenehme Konturen; das hätte Collings aus meiner Sicht konsequenterweise auch gerne noch um die Armauflage erweitern dürfen. Dafür sind aber alle Kanten schön abgerundet. Sie spielt sich mühelos für längere Zeit - das kann man sich nicht viel besser wünschen. Auf diesem Bild bekommt man einen guten Eindruck wie die Konturen verlaufen:
Ich habe aktuell D'Addario XS 10-46 Saiten aufgezogen. Ab Werk kommt sie mit NYXL 10-46. In der Regel bevorzuge ich einen 10-46er Satz auf Gitarren mit klassischer Fender Mensur, und auf Gitarren mit klassischer Gibson Mensur verwende ich entweder 11-49 oder 11-52. Auf meiner 290 S mit ihrer “Hybrid-Mensur” fühlt sich der 10-46 Saitensatz für mich richtig an.
An die Wraparound Brücke habe ich mich schnell gewöhnt. Am Anfang fühlte sie sich etwas schmal an und ich habe kurzzeitig überlegt, sie durch eine etwas breitere und kompensierte Brücke zu ersetzen. Diese Gedanken sind allerdings nach wenigen Wochen verflogen.
Sound
Meine Erwartungshaltung ist bei so einer Konstruktion, dass die Gitarre bereits unverstärkt resonant und laut ist. Diese Erwartung wird voll und ganz erfüllt. Sie klingt dabei ausgewogen mit toller Saitentrennung, spricht sehr schnell an und ist fast schon Tele-"drahtig". Es macht Spaß, sie unplugged zu spielen, z.B. wenn man mal abends ruhig sein muss.
Am Verstärker bin ich von ihrer Flexibilität begeistert. Für mich ist das meine erste Gitarre mit einem einzigen Tonabnehmer am Hals und ich hätte nicht gedacht, dass sie mir trotzdem so viele Optionen bieten wird. Volume und Tone Regler arbeiten astrein mit dem P90 zusammen. Ob das fehlende Magnetfeld vom Hals Tonabnehmer einen Unterschied macht, wage ich nicht zu beurteilen - aber Meinungen gibt es dazu im Netz bei Bedarf ja reichlich. Klingen tut sie auf jeden Fall, wie ich es mir von einer modernen Interpretation einer Junior erhofft habe. Warme cleans für klassischen Jazz, viel Dynamik für angezerrten Blues, aber bei Bedarf auch viel Biss und auf die Fresse für durchsetzungsfähigen Hard Rock - alles kein Problem. Ich spiele sie zu 90% leicht angezerrt, so dass ich mit etwas Reduktion am Volume Regler clean bin.
Letztes Jahr habe ich nach langer Abstinenz wieder mit Unterricht angefangen und meine 290 S ist die Gitarre, die ich am häufigsten dafür mitnehme. Mein Gitarrenlehrer hat ein Verkaufsverbot für sie ausgesprochen - sie überzeugt also nicht nur mich.
Preis-Leistung
Schwierig. Meiner Meinung nach ist der Neupreis für eine eigentlich simple Junior sportlich, aber im Vergleich zu den Mitbewerbern auch nicht abgehoben. Wenn man eine “top of the line” Junior-Style Gitarre haben möchte, die in einem Hochlohnland gebaut wird, bewegt man sich einfach in diesem Preisbereich.
Was bekommt man dafür bei Collings? Beste Materialien, einen umfangreichen Optionskatalog und perfekte Verarbeitung mit einer high-gloss oder optional auch gealterten (kein Relic!) Nitrolackierung. Die Gitarren werden von einem kleinen Team gebaut und sind über ein überschaubares Händlernetzwerk verfügbar. Letzteres ist natürlich ein großer Vorteil gegenüber den individuellen Gitarrenbauern, wenn man die Gitarre vor dem Kauf ausprobieren möchte.
Es gibt einen stabilen Gebrauchtmarkt, auf dem man mit etwas Geduld dann sehr viel Gitarre für einen guten Preis bekommen kann. Diesen Weg bin ich gegangen und für mich ist v.a. hier das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr gut.
Fazit
Wenn meine 290 S morgen geklaut werden würde, würde ich mich sofort auf die Suche nach einer Neuen machen. Es ist eine tolle Gitarre, die viel Raum abdeckt und vielleicht auch etwas mehr Individualität ausstrahlt als eine gewöhnliche Junior.
Wenn man auf der Suche nach einer Boutique Junior-Style ist und den Gang zum Gitarrenbauer scheut, lohnt es sich meiner Meinung nach, sich mit der 290 Modellreihe von Collings auseinanderzusetzen. Der Kundentyp, der bei einer Strat/Tele zu Tom Anderson oder Suhr gravitiert, wird auf der Suche nach einer Gibson Alternative bei Collings vermutlich sehr glücklich - sie bauen auch schöne LP/ES-335/ES-330/etc.-inspirierte Gitarren.
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Collings 290 S (2012) - Faded Crimson
Hintergrund
Ich habe zur Collings 290 Modellreihe aus zwei Gründen gefunden: Zum einen auf der Suche nach einer klassischen Gibson Les Paul Junior Alternative, zum anderen war eine 290 DC S vor vielen Jahren mein erster Berührungspunkt mit den E-Gitarren von Collings. Damals habe ich zusammen mit meiner Frau einen Gitarrenladen (Gryphon Stringed Instruments) in Palo Alto, Kalifornien, erkundet. Zum Kauf kam es damals nicht, aber ich war nachhaltig beeindruckt, und meiner Frau haben die Gitarren auch gefallen - sowohl Ton als auch Optik. Sie wollte damals sogar sofort eine mitnehmen.
Viele Jahre später ist mir dann auf dem Gebrauchtmarkt die hier vorgestellte 290 S zugelaufen. Der Vorbesitzer hat sich auf meine “Want to Buy” Anzeige im TGP Forum gemeldet und so kam sie dann innerhalb weniger Tage aus Washington zu mir nach Kalifornien. Von ihm habe ich später auch meine Nik Huber Piet gekauft; sein bester Kumpel hat zwischen diesen beiden Transaktionen meine Korina Junior von Brown Bear Guitars erworben. Die Welt ist manchmal schon sehr klein und im letzten Jahr sind durch meine Gitarren Kauf-& Verkaufsaktionen ein paar interessante Bekanntschaften entstanden.
Jetzt aber zurück zu meiner 290 S: Eigentlich wollte ich eine 290 DC S mit einer einteiligen Brücke, habe aber auf dem Gebrauchtmarkt damals keine ausfindig machen können. Innerhalb der 290 Modellreihe gibt es zwei Single Cuts (290 und 290 S) und zwei Double Cuts (290 DC und 290 DC S). Die S-Modelle zeichnen sich durch einen einzelnen P90 Tonabnehmer am Steg aus; die anderen Modelle haben einen zusätzlichen P90 am Hals. Humbucker sind als Option möglich - sieht man aber eher selten. Der Optionskatalog ist groß und man kann sich bei der Hardware beliebig austoben (versch. Brücken, unterschiedlichste Tonabnehmer, Inlays, Halsprofil, unendlicher Farbkatalog, Aging aber kein Relicing). Je nachdem wie umfangreich man den Optionskatalog bemüht, landet man in den USA aktuell bei einem Neupreis zwischen $5.000-6.750 - wir befinden uns also, wie bei Collings zu erwarten, solide im Boutique-Sektor.
Potentielle Alternativen und preisliche Einordnung
Der erste Blick geht natürlich zu Gibson und hier bewegt man sich bei den vergleichbaren Angeboten aus dem Custom Shop in einem ähnlichen Preisrahmen. Die “einfachsten” VOS Modelle gibt es etwas günstiger (~$4k), während eine Murphy Lab sogar das obere Collings Preisspektrum deutlich sprengen kann (~$8k für eine Heavy Aged). Ich persönlich kann mich mit neuen Gibsons nicht identifizieren und habe deren aktuelle Modelle deshalb nicht in Erwägung gezogen. Ein Vintage Player wäre aber ggf. interessant … Zukunftsmusik.
Mein erster Blick nach Alternativen hat deshalb zu Heritage Guitars geführt. Hier gibt es mit der H-137 aus der Custom Shop Core Collection eine interessante Single Cut Junior und man ist je nach Variante mit $3.500-4.200 dabei. Eine Double Cut gibt es aber leider nicht und ich konnte die H-137 auch bei keinem meiner lokalen Händler finden, um sie mal zu testen.
Würde ich noch in Deutschland wohnen, hätte ich vermutlich auch Gerhard Schwarz in Erwägung gezogen. Seine Cellar I startet bei 3.800 Euro und für die Cellar II ruft er ab 4.900 Euro auf. Eine Nik Huber Krautster ist für mich keine Alternative zur Junior, aber geht in eine ähnliche Richtung und kostet in ihrer Basiskonfiguration aktuell etwa 4.300 Euro. Das gibt uns zumindest mal eine grobe Referenz für die Preise beim Gitarrenbauer.
Interessante und günstigere Alternativen gibt es natürlich reichlich, z.B. bei Gibson außerhalb des Custom Shops, oder auch bei Eastman - in beiden Fällen ist man wohl so ab ~$1.5k dabei. In dieser Preisklasse gibt es auch noch weitere Optionen, und die üblichen Verdächtigen können bei Bedarf auch günstiger.
Ich hatte mich am Ende aus verschiedenen Gründen auf eine gebrauchte Collings eingeschossen und bin dabei preislich auch ganz gut gefahren (etwa 45% vom aktuell untersten Neupreis; oder etwa 50% von einer Gibson Custom Shop VOS). Sie ist jetzt seit knapp einem halben Jahr bei mir, hat sich fest etabliert und gefällt mir mittlerweile auch ebenso gut wie eine Double Cut.
Sorry, die meisten Preise sind in USD, aber es geht hier ja auch nur um eine grobe Einordnung.
Specs meiner Collings 290 S
Hier ist es wichtig hervorzuheben, dass die Mensur der 290 Modellreihe (24 7/8") nicht der klassischen Gibson Mensur (24 3/4") entspricht. Für den absoluten Junior Puristen ist eine 290 also vermutlich nichts.
Aus dem Spec Sheet meiner 290 S kopiert und auf die relevanten Dinge reduziert:
- Body and Neck: Honduran Mahogany
- Fingerboard: Rosewood
- Neck Joint: Extra long mortise & tenon
- Fingerboard Radius: 12”
- Nut: 1 11/16”
- Scale Length: 24 7/8"
- Bridge: Collings Wraparound
- Pickups: Lollar P90 Overwound (den hat der Vorbesitzer allerdings durch einen noiseless McNelly V2 Stagger Swagger ausgetauscht.
- Pots/Caps: CTS 500K / Jupiter Vintage Yellow
- Finish: 1959 Faded Crimson; high gloss nitrocellulose lacquer
Hervorzuheben ist noch, dass Collings Gitarren in einem wirklich herausragenden Koffer von Ameritage geliefert werden. Ich habe bisher keinen besseren Koffer direkt vom Hersteller gesehen:
Verarbeitung und Qualität
Hier spricht einfach sehr vieles für Collings. Die Verarbeitung ist perfekt und bei der Qualität der verwendeten Materialien werden keine Abstriche gemacht. Die eigentliche Konkurrenz sind für mich individuelle Gitarrenbauer, aber deren Gitarren kann man vor dem Kauf selten anspielen.
Jetzt ist diese Gitarre natürlich schon ein paar Jahre alt, wurde ordentlich gespielt, und entsprechend kann ich den Auslieferungszustand nicht beurteilen. Ich habe in meiner unmittelbaren Umgebung allerdings zwei Collings Händler und mich im vergangenen Jahr durch einen Großteil der Collings Produktpalette gespielt - bisher ist mir jede neue Collings als makellos aufgefallen. Nach meinem Empfinden kann man eine Collings E-Gitarre blind kaufen, was ich bisher auch 3x gemacht habe (neben dieser 290 S auch eine I-30 LC und eine I-35 LC Vintage … ja, Fanboy).
Spielgefühl
Sie hängt mit einem Gewicht von 3360 Gramm bequem am Gurt und balanciert im Sitzen ausgewogen auf meinem Bein. Außerdem hat ihr Rücken angenehme Konturen; das hätte Collings aus meiner Sicht konsequenterweise auch gerne noch um die Armauflage erweitern dürfen. Dafür sind aber alle Kanten schön abgerundet. Sie spielt sich mühelos für längere Zeit - das kann man sich nicht viel besser wünschen. Auf diesem Bild bekommt man einen guten Eindruck wie die Konturen verlaufen:
Ich habe aktuell D'Addario XS 10-46 Saiten aufgezogen. Ab Werk kommt sie mit NYXL 10-46. In der Regel bevorzuge ich einen 10-46er Satz auf Gitarren mit klassischer Fender Mensur, und auf Gitarren mit klassischer Gibson Mensur verwende ich entweder 11-49 oder 11-52. Auf meiner 290 S mit ihrer “Hybrid-Mensur” fühlt sich der 10-46 Saitensatz für mich richtig an.
An die Wraparound Brücke habe ich mich schnell gewöhnt. Am Anfang fühlte sie sich etwas schmal an und ich habe kurzzeitig überlegt, sie durch eine etwas breitere und kompensierte Brücke zu ersetzen. Diese Gedanken sind allerdings nach wenigen Wochen verflogen.
Sound
Meine Erwartungshaltung ist bei so einer Konstruktion, dass die Gitarre bereits unverstärkt resonant und laut ist. Diese Erwartung wird voll und ganz erfüllt. Sie klingt dabei ausgewogen mit toller Saitentrennung, spricht sehr schnell an und ist fast schon Tele-"drahtig". Es macht Spaß, sie unplugged zu spielen, z.B. wenn man mal abends ruhig sein muss.
Am Verstärker bin ich von ihrer Flexibilität begeistert. Für mich ist das meine erste Gitarre mit einem einzigen Tonabnehmer am Hals und ich hätte nicht gedacht, dass sie mir trotzdem so viele Optionen bieten wird. Volume und Tone Regler arbeiten astrein mit dem P90 zusammen. Ob das fehlende Magnetfeld vom Hals Tonabnehmer einen Unterschied macht, wage ich nicht zu beurteilen - aber Meinungen gibt es dazu im Netz bei Bedarf ja reichlich. Klingen tut sie auf jeden Fall, wie ich es mir von einer modernen Interpretation einer Junior erhofft habe. Warme cleans für klassischen Jazz, viel Dynamik für angezerrten Blues, aber bei Bedarf auch viel Biss und auf die Fresse für durchsetzungsfähigen Hard Rock - alles kein Problem. Ich spiele sie zu 90% leicht angezerrt, so dass ich mit etwas Reduktion am Volume Regler clean bin.
Letztes Jahr habe ich nach langer Abstinenz wieder mit Unterricht angefangen und meine 290 S ist die Gitarre, die ich am häufigsten dafür mitnehme. Mein Gitarrenlehrer hat ein Verkaufsverbot für sie ausgesprochen - sie überzeugt also nicht nur mich.
Preis-Leistung
Schwierig. Meiner Meinung nach ist der Neupreis für eine eigentlich simple Junior sportlich, aber im Vergleich zu den Mitbewerbern auch nicht abgehoben. Wenn man eine “top of the line” Junior-Style Gitarre haben möchte, die in einem Hochlohnland gebaut wird, bewegt man sich einfach in diesem Preisbereich.
Was bekommt man dafür bei Collings? Beste Materialien, einen umfangreichen Optionskatalog und perfekte Verarbeitung mit einer high-gloss oder optional auch gealterten (kein Relic!) Nitrolackierung. Die Gitarren werden von einem kleinen Team gebaut und sind über ein überschaubares Händlernetzwerk verfügbar. Letzteres ist natürlich ein großer Vorteil gegenüber den individuellen Gitarrenbauern, wenn man die Gitarre vor dem Kauf ausprobieren möchte.
Es gibt einen stabilen Gebrauchtmarkt, auf dem man mit etwas Geduld dann sehr viel Gitarre für einen guten Preis bekommen kann. Diesen Weg bin ich gegangen und für mich ist v.a. hier das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr gut.
Fazit
Wenn meine 290 S morgen geklaut werden würde, würde ich mich sofort auf die Suche nach einer Neuen machen. Es ist eine tolle Gitarre, die viel Raum abdeckt und vielleicht auch etwas mehr Individualität ausstrahlt als eine gewöhnliche Junior.
Wenn man auf der Suche nach einer Boutique Junior-Style ist und den Gang zum Gitarrenbauer scheut, lohnt es sich meiner Meinung nach, sich mit der 290 Modellreihe von Collings auseinanderzusetzen. Der Kundentyp, der bei einer Strat/Tele zu Tom Anderson oder Suhr gravitiert, wird auf der Suche nach einer Gibson Alternative bei Collings vermutlich sehr glücklich - sie bauen auch schöne LP/ES-335/ES-330/etc.-inspirierte Gitarren.
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