[Gitarre] Ibanez JS2410 MCO

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Review zur Ibanez JS2410 MCO

Liebe Ibanez-Maniacs, Boardmitglieder und alle anderen, die durch Zufall auf dieses Review gestoßen sind. Ihr lest im Folgenden mein Review zur Ibanez JS2410, welche ich leihweise über das Wochenende bei mir hatte um kleinere Reparaturen an ihr durchzuführen. Dies habe ich zum Anlass genommen ein Review zu verfassen, da die JS-Modelle schon immer eine große Faszination auf mich ausgeübt haben.


[EINLEITUNG]

Die Geschichte der JS-Gitarren reicht weit zurück in der Historie von Ibanez. Im Jahr 1987 führte Ibanez drei neue Korpusformen ein: Power, Radius und Saber (heute als S-Serie bekannt). Mit Ausnahme der Saber-Modelle, welche mit leichten Modifikationen bis zum heutigen Tag im Katalog von Ibanez zu finden sind, war weder den Power- noch den Radius-Modellen großer Verkaufserfolg beschert. Die logische Konsequenz seitens des Herstellers Hoshino war daher, die Modelle nach einigen durchwachsenen Jahren aus der Produktion zu nehmen. Die Power-Serie starb so im Jahr 1991, die Radius-Modelle folgten drei Jahre später im Jahr 1994.

Parallel dazu, gegen Ende der 80er Jahre, war Joe Satriani gerade einer der aufstrebenden Gitarristen im Artist Roster bei Ibanez und auf der Suche nach "seinem" Signature-Instrument. Frühe Aufnahmen zeigen ihn noch mit einer weißen Power 540Pro Gitarre von Ibanez (Abb. 1-2), jedoch zog es ihn schon in dieser Zeit eher zur Korpusform der Radius-Modelle hin. Ab 1988 ist Joe Satriani offiziell Endorser von Ibanez und findet sich so auch im Katalog des gleichen Jahres wieder, der bereits ein Foto von Joe mit einem Prototypen der späteren JS-Gitarre (Abb. 3) zeigt. Als Besonderheiten sind auf diesem Bild schön die noch abgewinkelte Kopfplatte und das enge Layout der Potis zu sehen, welche später im finalen Signature-Modell abgewandelt und an Joes Vorlieben angepasst werden. Im Jahr 1990 wurde die Joe Satriani Signature Gitarre von Ibanez erstmals vorgestellt - das erste Modell war die sog. JS1-BK (Abb. 4). Im Vergleich zum ursprünglichen Radius-Modell haben die JS-Gitarren ein kräftiges Halsprofil und eine gerade Kopfplatte, wie bei Fender Stratocaster-Modellen üblich, sowie eine Pickup-Bestückung mit zwei Humbuckern anstelle einer H-S-S Konfiguration.

Abb. 1
Satriani-surfing.jpg


Abb. 2
Satriani-dreaming.jpg


Abb. 3
Joe-Satriani-JSBDG.jpg


Abb. 4
JS1_BK_1993.jpg



Wie ich oben bereits geschrieben habe, hat mich die JS-Serie schon immer fasziniert. Die extrem abgerundeten Korpuskanten, irgendwo angesiedelt zwischen Rennwagen und Lutsch-Bonbon, verleihen der Gitarre das gewisse Etwas und heben sie aus der Masse der Gitarrenmodelle heraus. Ich tastete mich daher an die Welt der JS-Modelle ran und kaufte mir zuerst eine günstige JS100-AB aus koreanischer Fertigung. Die Gitarre war überraschend gut verarbeitet, hatte einen recht kräftigen Hals und kam leider klanglich sehr dünn daher. Insgesamt kein schlechtes Instrument, aber auch nichts Besonderes. Daher musste die Gitarre irgendwann gehen und eine JS1000-BTB kam ins Haus. Halleluja - das waren schon Welten, die zwischen der japanischen Dame und ihrer Schwester aus koreanischer Fertigung lagen. Die vorher noch kritisierte klangliche Magerheit wich einem schön definiertem, klaren Ton - ideal für Sololinien und instrumentale Musik. Einziges Manko: In einem Top40- und/oder Rock-Kontext passte die JS nie so richtig. Egal ob mit Marshall, Mesa Rect-o-verb oder Laney GH - klanglich fehlte mir immer noch ein Quäntchen, der Ton war zu wenig brillant, zu mittig und insgesamt unaufgeregt durchsetzungsschwach im Bandgefüge. Hinzu kam, dass ich normalerweise eher dünnere Hälse bevorzugte und mir der "Kampf" mit dem Fender-esken Halsprofil einfach nicht zusagte. Damit schloss sich auch das Kapitel der JS1000 nach einigen Monaten. Bis jetzt ...


[REVIEW]

Bevor wir in die Tiefe gehen, vorab die Specs, damit die Gitarre konstruktionsmäßig eingeordnet werden kann:

Neck: JS-Profil, dreiteilig aus Ahorn (Seiten) und Bubinga (Mittelstreifen), geschraubt
Body: Erle
Griffbrett: Palisander mit Abalone Dot-Inlays
Frets: 24 frets, 6105 wire w/Prestige fret edge treatment
Bridge: Edge Bridge
Neck PU: DiMarzio Satch Track (Passiv/Keramik-Magnete)
Bridge PU: DiMarzio Mo' Joe (Passiv/Alnico-Magnete)
Hardware: Chrome
Neupreis: ca. 2.400 Euro



Soviel zu den nackten Zahlen und Daten. Nachdem ich den Koffer geöffnet und die JS herausgeholt habe, bemerke ich die erste angenehme Überraschung: So leicht hätte ich die JS gar nicht erwartet. Ziemlich genau 3,5 Kilo bringt Satrianis Geschoss auf die Waage. In Anbetracht des "neuen" Holzes für den Korpus, der erstmalig für eine JS aus Erle (Alder) und nicht aus Linde (Basswood) gefertigt wurde, hätte ich doch einige Gramm mehr erwartet. Klasse! Die Lackierung der Gitarre wurde glatt und makellos aufgetragen - quasi wie ein Babypopo - und schimmert bei direktem Lichteinfall sogar in einer schicken Mehrfarbpalette (Abb. 5). Die Farbe Muscle Car Orange (MCO) ist wie alles im Leben Geschmacksache. Mir gefällt der knallige Farbton sehr gut, die einigermaßen farbgleichen Pickups fügen sich harmonisch in das Gesamtbild ein (vgl. Abb. 6, 7). Die Gitarre sitzt zudem wunderbar ausgewogen auf dem Oberschenkel und hängt perfekt am Gurt - von Kopflastigkeit keine Spur. Insgesamt ist die Ergonomie der Gitarre überragend.

Auch die Verarbeitung des Holzes gibt keinerlei Anlass zur Kritik. Im Gegenteil, der dreiteilige Hals aus Ahorn und Bubinga sieht sehr edel aus und bietet mit seinem Satin-Finish ein sehr angenehmes Griffgefühl. Wie schon bei früheren Inkarnationen der JS-Serie ist auch der Hals der JS2410 definitiv kein Shredneck in der Dicke bzw. Dünne eines Wizard-Profils. Stattdessen bewegen wir uns eher im Bereich einer guten Vintage-Strat, d. h. ein rundes C-Profil, welches aber manchmal auch erobert werden will. Die Bünde sind schmal und mittelhoch - auch hier erkenne ich Parallelen zu vielen Strats. Carlos Santana hat mal in einem Interview gesagt, mit einer Stratocaster müsse man ab und an kämpfen, um ihr die gewünschten Töne zu entlocken. Dieses Zitat kam mir beim Spielen der JS immer mal in den Sinn. Dabei ist die Aussage nicht falsch zu verstehen, denn der Hals an sich ist makellos. Nur wer ausschließlich die klassischen Ibanez-Halsprofile für Flitzefinger kennt, wird bei der Tuchfühlung mit einer JS erst einmal überrascht sein, wie sehr "vintage" das Halsprofil ist. Der Zugang zu den obersten Frets ist hingegen wie bei fast allen Ibanez-Modellen nahezu ungehindert möglich. Die klassische, nicht abgerundete Verbindung zwischen Hals und Korpus (sog. Tilt-Joint) zieht Joe Satriani den komfortableren, abgerundeten Verbindungen neuerer Zeit (sog. All-Access-Neck-Joint) vor. Nun, wenn's dem Meister gefällt ... wer wird sich da beschweren.

Abb. 5 - 10



Unverstärkt resoniert die JS2410 schon sehr angenehm. Ich habe mich dabei ertappt schon ohne Amp länger als üblich auf der Gitarre zu spielen. Das Locking-System erweist sich erfreulicherweise nicht als der zu befürchtende Sustain-Killer. Stattdessen schwingt die Gitarre von Kopf bis Fuß angenehm durch. Der um zwei Bünde verlängerte Hals ist durchweg angenehm zu bespielen. Der Übergang von 22 auf 24 Bünde ist natürlich spürbar, aber spielt nach einer kurzen Eingewöhnungsphase eine untergeordnete Rolle. Die JS tönt insgesamt schon "unplugged" sehr verheißungsvoll! Am Amp klingt die JS erst einmal ungewohnt spitz. Na klar! Wir haben hier diesmal Erle statt Linde unter der orange-farbenen Lackierung. Also den EQ des Amps ein wenig nachjustiert und erst einmal die klanglichen Facetten im Clean-Kanal durchforstet. Ein schöner, runder Klang erwartete mich. Das Klangbild ist angenehm differenziert, nur die Diskantsaiten sind mir einen Tick zu schrill im Klangbild. (Da es sich um ein Leihinstrument handelt, habe ich die Höhe der PUs aber unangetastet gelassen. Ein Nachjustieren hätte der Dominanz der drei hohen Saiten sicher Abhilfe geschaffen.) Besonders gut gefällt mir der Hals-PU, sowohl als reiner Humbucker als auch mit Coilsplit via Push-Poti. Das perlt alles schön, hat genügend Dynamik um lammfromm oder forsch zu klingen und ermöglicht alle Stilistiken von Jazz, Blues bis Pop und Rock.

In crunchigen Settings zeigt die JS dann, was sie kann. Sehr schön rund und doch ausreichend brillant klingt sie, hat dabei aber genug Bassanteil um nicht zu schrill zu tönen. Es ist überraschend wie gut die Auflösung der einzelnen Saiten ist - wohlgemerkt, obwohl der Grad an Zerre schon auf mittlerem Niveau ist. Da kann man nicht meckern! Der Erle-Korpus verleiht der Gitarre eine Ecke mehr mehr Druck und Brillanz als bei den JS-Schwestern aus Basswood. Trotzdem fehlt auch der "Growl" nicht, den es für Classic Rock braucht. Insgesamt drängt sich mir schnell der Eindruck auf, dass ich hier auch in einer Band-Situation besser aufgehoben wäre als mit meiner alten JS1000. Die JS2410 ist klanglich einfach "kompletter" als frühere JS-Modelle. Chapeau!

In High-Gain-Settings offenbart sich dann, warum die JS bei einigen Gitarristen als Instrumental-Gitarre verrufen ist. Hier finde ich interessanterweise gar nicht den Klang als bemängelnswert oder gar zu durchsetzungsschwach. Den nötigen Punch für Palm-Muting und Downstoke-Passagen würde man mit dem Bridge-Humbucker in Kombination mit einem guten Verzerrer sicher bewerkstelligen können. Es ist eher der haptische Eindruck, der mir die JS in einen Metal-Kontext einfach nicht gut aufgehoben erscheinen lässt. Vereinfacht gesagt: Der Hals taugt mir nicht für Metal. Aber gut, auf einer JazzBox wird man auch keinen Black Metal spielen, insofern ist das der JS aus meiner Sicht nicht anzukreiden. Das, was man von ihr erwarten würde, macht die Gitarre in einer bestechenden Qualität. In den Bereichen Rock, Pop, Funk und Blues kann man mit der JS2410 alle Register ziehen, ohne dass die Gitarre der musikalische Flaschenhals sein wird.

In Ermangelung eines gescheiten Recording-Setups noch ein paar spontane Aufnahmen mit der Webcam. Leider ist die Qualität erwartungsgemäß recht bescheiden, aber zumindest kommen die Lautstärke-mäßigen und klanglichen Verhältnisse zwischen den einzelnen Pickups einigermaßen rüber. Die High-Gain-Aufnahmen waren leider nicht zu gebrauchen, daher vornehmlich cleane und angecrunchte Sounds.




[FAZIT]

Insgesamt hat mich die JS2410 in allen Bereichen überzeugt. Die Ergonomie ist klasse, der Sound in fast allen Stilistiken herausragend, die Gitarre spielt sich wie Butter und das alles kommt verpackt in einem rattenscharfen Paket, das wie ein Rennwagen daherkommt. Es war ein interessanter und im Ergebnis sehr lohnenswerter Schritt von Joe Satriani auf Erle statt Linde zu setzen. Die Pickup-Konfiguration in Verbindung mit der Erweiterung auf 24 Bünde ist der nächste Schritt in der Evolution der JS-Serie. Bravo Ibanez! Jetzt frage ich mich nur, was denn als nächstes von Herrn Satriani kommt ... vielleicht die JS mit drei Singlecoils von der "Experience Hendrix" Tour? Schön wär's!


<< Ich freue mich über Euer Feedback und erkläre die Diskussion für eröffnet :great: >>
 
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Sehr schönes Review! Viele Dank dafür.

Jetzt frage ich mich nur, was denn als nächstes von Herrn Satriani kommt ... vielleicht die JS mit drei Singlecoils von der "Experience Hendrix" Tour? Schön wär's!



Bei einem Treffen (genau heute vor einem Jahr :D siehe hier ) sagt er noch sie wären an der Entwicklung dieser Gitarre zum Signaturemodell, sollte angeblich zur folgenden NAMM kommen...die NAMM war, die Gitarre leider nicht :( Aber wer weiß, vielleicht tut sich da ja noch was ;)
 
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Sehr schönes Review - sogar mit einem kurzen historischen Überblick; gefällt mir! Kleine Korrektur: Das in Abb. 4 gezeigte JS1BK-Modell ist kein 1990er-Debüt-Jahrgang - die HSH-Variante gab es nur 1992..1993.
 
Hind
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Danke für den Hinweis, Oli. So ist es korrekt, s. u.:

1990 - 1991

images



1992 - 1993

JS1_BK_1993.jpg
 
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Die nächste Inkarnation der JS24XX steht vielleicht vor der Tür!?

Auf der aktuellen Tour spielt Joe auf jeden Fall eine rattenscharf aussehende JS mit einem Sustainer am Hals, silberfarbenem DiMarzio Mo'Joe an der Bridge, verpackt in einem schicken lila-farbenen Finish. :great:

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Ergänzend zu den Farbvariationen der JS24XX anbei ein paar der nachfolgend erschienenen tollen Muscle Car Farben sowie eine hochspekulative Ergänzung. ;)

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