Dass Gedankengut dieser Komponisten von späteren Generationen aufgegriffen und weiterentwickelt wurde, beweist nicht deren "Modernität", sondern das veränderte historische Bewußtsein der Nachfolger, die in ihrer immer komplexer werdenden Gegenwart durch Anschluss an die Vorgängergeneration ein Mindestmaß an Kontinuität schaffen wollten.
Ob ihnen immer daran lag, "Kontinuität" zu schaffen? Gewiss mag bei dem einen oder anderen diese Motivation existiert haben.
Aber ging bzw. geht es den Komponisten nicht schlicht um die Auseinandersetzung mit dem Überkommenen, quasi das "Erforschen" des historisch überlieferten. Jedenfalls spätestens etwa seit der Zeit, als F.M. Bartholdy 1829 zum ersten mal wieder die Matthäus-Passion von J.S. Bach in der Leipziger Thomaskirche aufführte.
Vorher waren die Werke aus "alter Zeit" kaum mehr als Studienobjekte, als Material für den Kompositionsunterricht und für den interessierten Musikenthusiasten - wobei es aber vornehmlich beim Studium der Noten blieb. Zur Aufführung kam kaum jemals etwas davon. (Ich hatte das Vergnügen, im Mozart-Jubiläumsjahr 2006 bei einer Aufführung einer Bearbeitung des Händelschen Messias von Mozart mitzuwirken an der Klarinette (sic!) - Mozart hatte diese Bearbeitung im Auftrag des Baron van Swieten gemacht, die Aufführung damals war rein intern vor geladenen Gästen.)
Insofern waren die Komponisten seinerzeit ganz sicher im Großen und Ganzen über die Musik ihrer Vorgänger informiert, zumindest den prominentesten unter ihnen. Mozart hat Kontrapunkt anhand Bach´scher Fugen ´studiert´, Beethoven gewiss auch. Und wie schon erwähnt wurde, waren sie ganz sicher auch mit dem Generalbass vertraut. Dennoch gibt es weder von Mozart, Haydn oder Beethoven irgendein Manuskript mit Generalbassbezifferung (ich habe jedenfalls nie davon gehört). Da sich auch keine der drei - soweit mir bekannt - jemals in musiktheoretischer Hinsicht detaillierter geäußert oder gar so etwas wie eine Harmonielehre verfasst hat, muss es Spekulation bleiben, wie sie genau über diese Themen gedacht haben. Alles dazu muss man aus ihren Werken direkt heraus lesen und analysieren, was aber auf jeden Fall eine spannende Sache ist.
Inwieweit sich diese genannten drei der Tradition verpflichtet fühlten, kann auch nicht aus schriftlichen Quellen entnommen werden. Alle drei haben offensichtlich den Stilkanon, der sich in der Zeit, die wir heute die Frühklassik nennen und als Übergang zwischen Barock und Klassik einstufen zunächst übernommen und dann individuell weiter entwickelt. Mit
Abstand am weitesten ging für mich dabei Beethoven, der in vielerlei Hinsicht die überkommene Tonsprache aufbricht in seiner Entwicklung als Komponist und in seinen Strukturen am weitesten Türen aufstößt, durch die dann der Wind der nachfolgenden Zeit wehen kann. Dabei setzt er auch Maßstäbe und prägt wie kein zweiter die Gattungen der Sinfonie und der Klaviersonate. Zum Vergleich: Mozart hat rund 60 Sinfonien geschrieben, Haydn 108, Beethoven "nur" 9. Wer hat sich als "Titan" diesbezüglich in die Musikgeschichte eingeschrieben und die größten Fußspuren hinterlassen?
Brahms hat sehr lange gezaudert, seine erste Sinfonie zu schreiben, weil er von seinem eigenen Respekt Beethoven gegenüber so erschlagen und gehemmt war.
Man kann davon ausgehen, dass alle halbwegs bedeutenden Komponisten nach Beethoven auch mit den Werken seiner Vorgänger vertraut waren (Mendelssohn z.B. war ein sehr großer Bach-"Fan"), wie eben wie gesagt auch Beethoven usw. zu seiner Zeit mit der Tonsprache seiner (näheren) Vorgänger und Zeitgenossen. Aber viele Komponisten nach Beethoven haben sich ganz besonders intensiv eben mit seinem Schaffen auseinander gesetzt. Wobei, nebenbei gesagt, auch die Musik Beethovens nach seinem Tod erst mal einige Zeit nicht sonderlich in den Konzertprogrammen vertreten war. Listz hat seine Klavierauszüge der Sinfonien Beethovens für seine Klavier-Konzertreisen aus eben diesem Grund angefertigt, damit dessen Sinfonien wieder auf dem Podium erklingen.
Die Sinfonien haben dann aber recht bald wieder die Konzerthäuser erobert und wurden irgendwann so inflationär gespielt, dass sich z.B. Debussy über die wahre Flut vor allem deutscher Dirigenten ärgerte, die in Paris die Konzertprogramme mit Beethoven-Sinfonien regelrecht vollstopften. Wobei sich Debussy wohl vor allem über die glatt gebügelten Interpretationen ärgerte. Hier ein Zitat:
"Letzten Sonntag war das Wetter unwiderstehlich schön. Die Sonne erprobte ihre ersten Strahlen und schien jeden Versuch vereiteln zu wollen, irgendwie Musik zu hören. [...] Herr Weingärtner nutzte es, um an diesem Tage das Orchester der Concerts Lamoureux zu dirigieren. [...] Er dirigierte zuerst Beethovens Pastoralsinfonie mit der Sorgfalt eines ängstlichen Gärtners. Jede Raupe war peinlichst entfernt worden."
Allgemein darf wohl gesagt werden, dass insbesondere Beethovens Werke viele der nachfolgenden Komponisten-Generationen zu einer sehr intensiven Auseinandersetzung damit animierte. Ich würde Beethoven sozusagen als eine Art "Steinbruch" bezeichnen, aus dessen Material sich sehr viele später ´bedienten´. Er war offensichtlich in einer ganz besonderen Weise anregend, was ich auf seinen besonders kompromisslosen Kompositionsstil zurückführen möchte (als herausragende Beispiele möchte ich auch hier auf die weiter oben schon von mir verlinkten Werke verweisen). Insofern würde ich ihn auf jeden Fall als "modern" bezeichnen. Er war selbstredend ein Kind seiner Zeit und die erwähnte Bemerkung Stravinskys vom "ersten Boogie-Woogie" der Musikgeschichte hat kaum mehr als eine anekdotische Bedeutung, ebenso die paar Takte "Scott Joplin".
Aber wenn man sich die immer wieder auf die Spitze getriebenen formellen Waghalsigkeiten, die Auslotung extremer Ausdrucksbereiche und Klanglichkeiten (in Relation zur üblichen Klangsprache seiner Zeit) bei Beethoven genau anhört, dann habe ich zumindest den Eindruck, dass Beethoven als Komponist immer wieder Blicke wie aus weiter Ferne erhascht und in Töne umgesetzt hat.