Notation Akkordeon Bassstimme


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Hallo Forum,

habe zwei Screenshots aus "Bekannt Beliebt Begehrt" Band 3 "Berühmtes Menuett aus dem Quintett op. 11" beigefügt. Habe hierzu drei Fragen bezüglich der Notation der Bassstimme:
1.) Warum ist beim d7 nur das fis und c (3. und 7. Stufe) notert während bei a7 g,a und c (1., 3. und 7. Stufe) notiert sind.
2.) Warum sind die G einmal als "hohes G" und einmal als "tiefes G" notiert? Muss oder kann ich die Noten unterschiedlich spielen oder richtet sich das an Leute die einen Konverter haben?
3.) In den folgenden Takten steht unter den Noten Gg. Ich interpretiere das so, dass ich hier den Baßton G und den g-Dur Akkord gleichzeitig spielen soll. Das kann man aber nicht an den Noten erkennen, oder doch?

Gruß Helmut
 
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Hallo Squeezeboxer,

wie man den Bass beim Akkordeon notiert, da gibts viele verschiedene Varianten. Kommt daher dass die Töne ja per Knopf festgelegt sind und dann anders als beim Klavier nicht mehr zusammengesetzt werden müssen.
Aus dem ergeben sich dann Vereinfachungen in der Notation... und das kann man unterschiedlich ausdeuten und unterschiedlich weit treiben.

In deinem ersten Beispiel wird noch relativ nahe an der vollständigen Notation geschrieben - bzw. die könnte man so vermutlich am Klavier einwandfrei spielen - auch beim Klavier werden oft nicht die vollständigen Akkorde gespielt sondern nur die wichtigsten Töne davon (Terz und Septime). Zum anderen ist diese Notation leicht lesbar. Würde man bei dem d7 die Terz mitnotieren dann könnte man das leicht mir dem normalen Dur Akkord verwechseln. Beim A7 ist in der Schreibweise sofort erkennbar dass es ein Septimeakkord ist (falls ein Akkordeonspieler tatsächlich nach den Noten spielt und nicht wie die allermeisten nur nach den Buchstaben die drunterstehen)

Beim zweiten Beispiel ist schon deutlich mehr vereinfacht. Da werden die Grundbässe so geschrieben wie se am Akkordeon klingen - tief . Und die Akkordbässe klingen beim Akkordeon auch hoch - also wird stelltvertretend für den ganzen Akkord nur eine hohe Note reingeschrieben
Und die Buchstaben stehen großer Buchstabe = Grundbass, kleiner Buchstabe = Akkordbass. großer und kleiner Buchstabe beieinander = beides gleichzeitig dücken.

Und über die beiden Beispiele hinaus gibts noch viele Varianten an Schreibweisen. Meist wirds klar, wie s gemeint ist, wenn man sich den Notentext n bissl anschaut. Manchmal ist auch n bissl ausprobieren angesagt was besser klingt.
 
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Beim zweiten Beispiel ist schon deutlcih mehr vereinfacht. Da werden die Grundbässe so geschrieben wie se am Akkordeon klingen - tief . Und die Akkordbässe klingen beim Akkordeon auch hoch - also wird stelltvertretwend für den ganzen Akkord nur eine hohe Note reingeschrieben
das ist gerne in modernerer Literatur der Fall. Vom Notenbild her und wenn ich das OP richtig interpretiere, sind aber beide Notenbeispiele aus dem gleichen Stück. Und innerhalb eines Stücks wechselt die Akkordschreibweise normalerweise nicht. Von daher tippe ich darauf, dass sowohl die Schreibweise der Akkorde als auch der Bässe auf Pianisten gemünzt ist (oder Melodiebassspieler). Beim Akkordeon liegen alle Grundbässe innerhalb einer einzigen Oktave, da kann der Noteur Oktavsprünge schreiben, so viele er will.
 
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Beim Akkordeon liegen alle Grundbässe innerhalb einer einzigen Oktave, da kann der Noteur Oktavsprünge schreiben, so viele er will.

Das ist ein interessanter Punkt!
Und wie immer gilt: Keine Regel ohne Ausnahme.

Als ich mich früher in die akkordeonspezifischen Schreibweisen einarbeiten wollte, habe ich nach allen möglichen Notationsvarianten gesucht und alles gelesen, was ich zum Thema finden konnte.

Quintessenz bzw. "Alte Schule" ist:


Notation von Einzelbass-Tönen für MII (Stradella/Standard-Bass)

Da das Stradella-System ja nur über einen Tonumfang von einer Oktave verfügt, werden Basstöne grundsätzlich innerhalb dieser einen Oktave notiert (wie @lil es ja beschrieben hat).
Der "Oktavknick" kann ja bei jedem Akkordeon woanders sein, teilweise brechen die Chöre auch an unterschiedlichen Stellen, um diesen "Knick" zu verschleiern.
  • Standard-Annahme: Tiefster Basston ist E. So notiert man gewöhlich, auch wenn das konkrete Instrument vielleicht G als tiefsten Basston hat.
  • "Merkregel": Alle Noten von der mittleren Linie an abwärts sind Einzelbass-Töne (im Gegensatz zu den Akkordknöpfen).
So, jetzt kommt die große Ausnahme:
Manchmal (außerhalb von "Hum-Ta-Ta") spielt der Bass auch mal kleine melodische Passagen, das geht ja auch im Stradella-System.

Und da gilt für die Notation nach den Regeln der Kunst
  • Bei melodischen Passagen zählt die musikalische Idee, d. h. da werden die Stradella-Grenzen notationstechnisch einfach ignoriert und die Stimme kann auch mal unter das E oder über das D laufen.
Wenn man Akkorde "altmodisch" mehrstimmig ausnotiert, gibt es auch kein Unterscheidungsproblem.
Ich glaube, in Helmuts zweitem Beispiel mit den Oktavsprüngen ist das so ein Sonderfall.
Diese Notenausgabe halte ich aber trotzdem für katastrophal, schon wegen der komplett weggelassenen Akkordtöne, falls mal zufällig gleichzeitig Bass und gleichnamiger (Dur-)Akkord gespielt werden sollen. Das halte ich für verschleiernden Murks und man kann sich's ja auch zu einfach machen.


1.) Warum ist beim d7 nur das fis und c (3. und 7. Stufe) notert während bei a7 g,a und c (1., 3. und 7. Stufe) notiert sind.
Das ist in der Tat ungewöhnlich.
Es war zwar früher oft üblich, nur die zwei "nötigen" Akkordtöne zu schreiben, aber eine Mischung aus zwei- und dreistimmigen Akkorden ist mir auch noch nicht untergekommen.
  • Bei Dur- oder Moll-Akkord reichen Grundton und Terz
    Im Boccherini-Beispiel ist deshalb G-Dur ("g") schlicht als g und h geschrieben.
  • bei Septakkorden ist natürlich die Septime wichtig (sonst wär's ja kein Septakkord) und als zweite Wahl noch die große Terz, denn die bestimmt über Dur oder Moll, Grundton ist nicht so wichtig.
    Im Boccherini-Beispiel ist einerseits "d7" als fis und c geschrieben, aber warum der "a7" dann plötzlich auch den Grundton enthält, ist nur schwammig zu erklären, siehe nächsten Abschnitt
  • Vermindert möche ich mich jetzt nicht äußern, weil ich diesen Ausgaben alles zutrauen würde und mir keine Raterei erlauben möchte.
Warum "d7" zweistimmig und "a7" dreistimmig?
Das halte ich schon für ein wenig unglücklich, liegt aber in der Lesbarkeit/Erkennbarkeit begründet.
In welcher Umkehrung ein Akkord notiert wird, hängt ja alleine davon ab, wie sich die Einzeltönen auf die Stradella-Oktave verteilten. Manche Akkorde (z. B. G-Dur) stehen dann immer in Grundstellung (Grundton unten), weil die beim E beginnende Norm-Stradella-Oktave die Töne eben in dieser Reihenfolge enthält.
Beim A-Moll hingegen wäre das E (die Terz) der tiefste Norm-Stradella-Ton und deshalb steht "am" dann in der zweiten Umkehrung (also mit der Terz als tiefsten Ton).

Zurück zur Frage: Beim "d7" ist die Septime (das c) der höhere Ton und die Terz (das fis) der tiefere Ton.
Das wurde als "gut als Septakkord erkennbar" eingestuft und deshalb zweistimmig notiert.
Beim "a7" hingegen kommt die Septime (das g) unten zu liegen und die Akkord-Terz cis liegt darüber.
Um dort Missverständnisse zu vermeiden, wurde lieber der Grundton a doch noch dazugeschrieben.

Sehr schwammig, nicht komplett nachvollziehbar, eher unglücklich.

Nicht ohne Grund hat sich am Ende die grundsätzlich vollständige Schreibweise mit 3 Tönen oder ("modern") grundsätzlich nur den Grundton mit Buchstaben "M" oder nix für Major/Dur, "m" für Minor/Moll, "7" für Septakkord und "dim"/"d"/"°"... für den verminderten Septakkord eingebürgert.



3.) In den folgenden Takten steht unter den Noten Gg. Ich interpretiere das so, dass ich hier den Baßton G und den g-Dur Akkord gleichzeitig spielen soll. Das kann man aber nicht an den Noten erkennen, oder doch?
Ja, so muss es wohl gemeint sein.
Und nein, an den Noten kann man das nicht erkennen. Das ist aber Murks!


2.) Warum sind die G einmal als "hohes G" und einmal als "tiefes G" notiert? Muss oder kann ich die Noten unterschiedlich spielen oder richtet sich das an Leute die einen Konverter haben?
Nein, Konverter brauchst Du nicht, das ist sicher ein Fall der von mir erwähnten "Melodie"-Ausnahme bei Einzelbass-Tönen. Oktavsprünge im Bass waren ja sehr beliebt und häufig, dann notiert man das unter Umständen auch einfach mal so, auch wenn dann tatsächlich zweimal der gleiche Ton (das eine G, das man eben hat) gespielt wird.
Aber denke Dir den ersten hoch, den zweiten tief, das wirkt Wunder! ;)
[Edit:] Oder es ist ein Druckfehler und statt des "G" mit der hohen Note wäre ein "g" (also der Akkord alleine) gemeint. Fehler schleichen sind überall ein und die redundante altmodische Schreibweise hätte dabei geholfen, zu erkennen, was gemeint war.

Viele Grüße
Torsten
 
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Ja, vielen Dank erst mal für die hilfreichen Antworten. Ich habe gerade mal nachgesehen, ob innerhalb eines Bandes die Schreibweise der Akkorde konsistent ist, dann könnte ich mir das so erklären, dass man an der optischen Erscheinung bereits den Akkord erkennt, aber was soll ich sagen die Akkorde sind in verschiedenen Stücken unterschiedlich notiert :(. Da unter den Noten die Akkorde auch in Buchstaben stehen ist alles kein Problem und eindeutig. Wenn das nicht der Fall wäre, dann ist schon ein bisschen Theoriekenntnis erforderlich, um mal aus 2 und mal aus 3 Tönen, die mal invertiert und mal in Terzen geschichtet notiert sind den richtigen Akkord zu erkennen.

Habe aber noch ein interesantes Notenbeispiel. Bourrasque von Michel Peguri. Der Basslauf im 3 Takt der letzten Zeile: Unter den Noten ist G, h, C notiert. In den Noten steht aber G, Fis, E. Was würded Ihr hier mit dem MII spielen?
 

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Unter den Noten ist G, h, C notiert. In den Noten steht aber G, Fis, E. Was würded Ihr hier mit dem MII spielen?

Entweder spielst Du den Basslauf mit den Grundbässen oder die Akkordbegleitung. Such Dir aus, was Du spieltechnisch besser hinbekommst bzw. was für Dich besser klingt. Beides sollte passen.

Theoriekenntnis erforderlich, um mal aus 2 und mal aus 3 Tönen, die mal invertiert und mal in Terzen geschichtet notiert sind den richtigen Akkord zu erkennen.

Generell finde ich es hilfreich, wenn man sich nicht nur auf die Buchstaben verlässt und sich musiktheoretische Kenntnisse aneignet. Akkordumkehrungen sind kein Hexenwerk, und ich persönlich lese lieber komplett ausnotierte Akkorde statt irgendeiner vereinfachten Notation.
 
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Ich habe gerade mal nachgesehen, ob innerhalb eines Bandes die Schreibweise der Akkorde konsistent ist, dann könnte ich mir das so erklären, dass man an der optischen Erscheinung bereits den Akkord erkennt, aber was soll ich sagen die Akkorde sind in verschiedenen Stücken unterschiedlich notiert :(.

Ja, das habe ich auch getan (anhand der Vorschau-Beispiele, die für die ganze Reihe beispielsweise bei https://www.stretta-music.de/ zu finden sind).


Erkenntnis: Ich nehme den "Murks" zurück! :redface:

Ich habe mich neben den konkreten Notenbeispielen auch (besser spät als nie) über den Urheber Herwig Peychär informiert. Das war vor meiner Zeit, aber er war ohne Zweifel ein herausragender Akkordeonist und auch Konzertpianist.
Man kann also getrost unterstellen, wer wusste genau, was er tat und es handelt sich keineswegs um Nachlässigkeit bei den "uneinheitlichen" Schreibweisen.

Was steckt wahrscheinlich dahinter?
So genial Stradella auf der einen Seite auch sein mag, haben Akkordeonisten immer unter der Beschränktheit gelitten und zu akademischen Weihen konnte das Instrument erst gelangen, als MIII (der Melodiebass) eingeführt wurde.

Außerdem klingt jedes Instrument anders:
  • Ausgewogenheit zwischen Diskant und Bass (ein bekanntes Problem)
  • Unterschiedliche Stradella-Oktavknickstellen
  • Unterschiedliche Registrierungen
Peychär hatte also insgesamt ein musikalischen Ideal vor Augen/Ohren, das er genau so in den Noten aufgeschrieben hat.
Wie sich das konkret mit den jeweils zur Verfügung stehenden Instrumenten umsetzen lässt (das konkrete Klang-Ergebnis), hängt tatsächlich vom Instrument ab.
Das bedeutet, es gibt nicht einmal immer eindeutige Antworten, wie eine mehrdeutige Stelle zu spielen sei:
  • Der schon von mir erwähnte Oktavsprung im Bass, der ja u. a. im Barock sehr beliebt war, lässt sich eventuell umsetzen, wenn man, statt den selben Stradella-Basston zu wiederholen, einfach den passenden Akkord spielt. Dann bewegt sich auch merklich "was nach oben" und die paar Zusatztöne, die man eigentlich nicht gebraucht hätte, stören eventuell kaum.
  • Ein kräftiger Bass (nur ein Basston notiert) kann unter Umständen durch den passenden Akkord dazu noch stärker betont werden. Oder auch nicht, wenn das auf dem Instrument übertrieben klingt.
  • Akkorde werden verschiedenst geschrieben, wie beim Klavier ja auch. So, wie es in den Noten steht, würde es reichen, aber man hat ja nun mal nur die festgelegten Akkord-Voicings pro Knopf, die auch noch von Instrument zu Instrument in verschiedenen Umkehrungen erklingen können.
  • Teilweise ist sogar bei "Hum-Ta-Ta" Bass-Akkord-Mustern der Bass "unnötig" hoch notiert, wenn es ihm musikalisch angezeigt vorkam.
Also: Versuch es so zu spielen, dass es dem, was in den Noten steht, auf Deinem Instrument möglichst nahekommt.
Hilfestellung hierzu geben die Buchstabenbezeichnungen.



Neues Notenbeispiel: Michel Peguri, "Bourrasque"

Habe aber noch ein interesantes Notenbeispiel. Bourrasque von Michel Peguri. Der Basslauf im 3 Takt der letzten Zeile: Unter den Noten ist G, h, C notiert. In den Noten steht aber G, Fis, E. Was würded Ihr hier mit dem MII spielen?

@Wil_Riker hat es ja schon erklärt.
Generell neigen die Franzosen dazu, die Gesamtharmonien (also nicht einzelne Basstöne oder Akkorde) zu bezeichnen. Üblicherweise in ihrer Sprache (also Solfège: Do, Ré, Mi, Fa, ...), aber das ist hier wohl anders.
Aber an den vereinzelten Zusätzen wie "m" für Moll oder "7" für Septakkord wird klar, dass Harmonien gemeint sind.
Ich schreibe jetzt bewusst "Harmonien" und nicht Akkorde, weil z. B. beim Tonartwechsel "G" schon da steht, obwohl der "Akkordknopf" noch überhaupt nicht gedrückt ist.

Das D ganz am Anfang ist die zugrundeliegende D-Dur-Harmonie - der Bass spielt einen gebrochenen D-Dur-Akkord abwärts (d a fis D), wohlgemerkt wieder ohne sich um die Stradella-Grenzen zu scheren.

Es ist, also ob bei einem Song "Gitarrenakkorde" drüberstehen - sie sagen nur etwas über die Harmonie aus, nicht darüber, was die Instrumente jetzt konkret spielen.



Musterbeispiel: Curt Mahr

Der wahrscheinlich allen (besser als mir) bekannte Curt Mahr hat sich in allem, was ich von ihm gesehen habe, vorbildlich an die "offiziellen Hohner-Richtlinien" gehalten.
Akkorde sind grundsätzlich dreistimmig (wie sie ja auch klingen) in der Standard-Stradella-Oktave notiert.

Meiner Meinung nach liefert das gute Beispiele zu den schulmäßigen "Regeln der Kunst" - das ist eine hervorragende Ausgangsbasis und mit etwas ab- und zugeben kommt man auch mit ziemlich allem anderen klar.


Ich habe von Vorbewohnern ein altes Akkordeon-Notenheftchen "Das goldenene Tanzalbum" als quasi Sonderausgabe zu den "Deutschen Schlagerfestpielen 1965" sozusagen geerbt und nun aus diesem Anlass herausgekramt.

Auszug aus "Das 5. Rad am Wagen" von Christian Bruhns (bekannt aus Film und Fernsehen, äh, also vor allem der Bruhns):

bruhns-1.png

Ein bekanntes musikalisches Klischee, dass der Bass von der Tonika "die Tonleiter hoch" zur Subdominante wandert (hier kommt er noch nicht ganz an), aber man sieht, dass das E aus diesem Grund schamlos eine Oktave höher als normal notiert ist.
Weil ein abrupter Sprung nach unten ziemlich unnatürlich wäre.

Im selben Stück kommt später ein Walking-Bass-Teil, in dem man die Sprengung der Oktavgrenzen zugunsten der beabsichtigten (!) melodischen Linie sehr schön sehen kann:

bruhns-2.png



Wem das zu schwer ist, der darf auch die einfachere "normale" Stradella-Begleitung spielen, die in kursiven Buchstaben darüber steht.
Nicht zu sehen ist, dass vor diesen kursiven Buchstaben am Anfang der Passage "ossia:" steht - so nennt man alternativ zu spielende Noten.


Ein Bauchweh-Beispiel habe ich aber auch gefunden:

Bei "Fräulein Wunderbar" (jetzt lacht nicht, es geht ja nur um die Notenbeispiele!) gibt es eine Stelle, in der der Bass musikalisch gesehen (also in den Noten) ein Es spielt, der Buchstabe darunter jedoch widersprüchlich ein Dis anzeigt:

wunderbar-enh.png


Das macht mir schon beim Ansehen Bauchschmerzen, ist aber die pragmatische Möglichkeit, einen Hinweis darauf zu geben, welchen Knopf man benutzen soll (eben den gleichkingenden Dis-Terzbass statt des abgelegenen "offiziellen" Es-Knopfes).
Ich hatte mich immer gefragt, wie man so eine Situation notationstechnisch handhabt und wollte eigentlich in den letzten Tagen eine diesbezügliche Frage an die Akkordeon-Experten hier richten. Diese Frage hat mir gerade Curt Mahr persönlich beantwortet. Wieder was gelernt! :great:


In eigener Sache

Die Vielfalt der existierenden Noten interpretieren zu können ist ja eine Sache. Eine ganz andere Sache allerdings ist es, bewusst entscheiden zu müssen, wie man etwas am besten schreiben sollte, wenn man Eigenes zu Papier bringt. Seien es jetzt Kompositionen oder Arrangements.

Hier geht es um den Versuch, "Power Chords" mit Stradella-Bass zu spielen (für Bernnts "blues-zu-Fuß-Thread").
Power Chords sind ja terzlose Akkorde, die nur aus Grundton und Quinte bestehen. Dank Stradella liegen ja die beiden gemeinsam zu spielenden Einzelbass-Töne immer direkt nebeneinander.
Nur dummerweise gibt es den blöden Knick, so dass nie alle Power Chords als Quinte gespielt werden können, sondern manche immer als Quarte klingen und auch der Grundton leider nicht unten ist.

Was tun?
Trotzdem bzw. genau deshalb habe ich die klingende Idealvorstellung notiert, auch wenn das auf keinem Standardbass-Akkordeon der Welt so zu spielen ist:

powerchord-stradella-notation.png



Mir war, wenn schon die tatsächlich klingenden Töne "nicht stimmen", aber extrem wichtig, dass die Buchstaben wenigstens in der richtigen Reihenfolge stehen (Grundton muss der untere von beiden sein, alles andere wäre irreführend). Und es war mit wichtig, dass die oben/unten-Anordnung der Buchstaben mit den konkret geschriebenen Noten übereinstimmt.


Bei Kombination von Akkorden jedoch ist die "Reihenfolge" relativ egal bzw. durch die Verschmelzung der Noten ohnehin nicht zu erkennen:

Im folgenden (endlich abschließenden) Beispiel sieht man zuerst einen Am7-Akkord, der aus den Akkorden am und c zusammengesetzt wird. Im Notenbild kommt durch den zusätzlichen c-Akkordknopf allerdings nur ein einziger Notenkopf hinzu, nämlich das g, weil die Töne c und e ja bereits im am-Akkord vorhanden sind.
Beim Gmaj9 kommen zwar zwei Töne hinzu, aber dennoch sind in dem Notenkopfhaufen keine Einzelakkorde erkennbar und die Sortierreihenfolge spielt keine Rolle.

Der dritte Fall mit Gmaj7 allerdings bereitet mir Kopfzerbrechen, denn neben er ersten ("normalen") Spielweise kann es auch bequem sein, statt des Grundbass-G ein Terzbass-Fisis (also auch ein klingendes G) vom Rande des Stradella-Feldes zu benutzen.
Wenn man das nicht dem Spieler überlassen will und, statt einfach G zu schreiben, tatsächlich Fisis ausbuchstabiert, hat man die Wahl, die "korrekte" Bassnote G zu schreiben oder das tatsächlich gegriffene Fisis, was aber mehr als verwirrend und irreführend wäre (die drei letzten Beispiele):


stradella-kombi-akkorde.png


Dank Curt Mahrs Beispiel habe ich nun gelernt, dass es offenbar üblich ist, in solchen Fällen durchaus Widersprüche zwischen Note und Buchstabenbezeichnung zu akzeptieren, getreu dem Grundsatz: Noten sind musikalischer Inhalt, Buchstaben sind konkrete Griff-Anweisungen.
Also so ein bisschen "Griffschrift" oder Tabulatur beim chromatischen Akkordeon.
Die mittlere Gmaj7-Schreibweise wäre also das Mittel der Wahl, wenn man wirklich den Fisis-Terzbass benutzen soll.
Auch, wenn es übertrieben scheint und viele das Fisis am Stradella-Rand wieder G nennen, bin ich der Meinung, dass die konsequente Fortführung des Quintenzirkels (auch mit Doppel-Bes, Doppel-Kreuzen und Ces/Fes etc.) sinnvoll ist, weil erst dann eine wirklich eindeutige Buchstaben-Knopf-Zuordnung möglich ist. Beispielsweise ein Grundbass-E gäbe sonst ja eigentlich zweimal. Wenn man dann argumentiert "die liegen aber so weit auseinander, da ist doch klar, was gemeint ist, könnte man auch gleich die Terzbass-Unterstreicherei seinlassen.

So, nun aber endlich Schluss!

Viele Grüße
Torsten
 
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Uff...
Erstmal Respekt vor der ganzen Analysirerei!
Bei all den Beispielen wird überdeutlich, dass die Arragements für M2 Akkordeons durch ihre missverständliche Uneindeutigkeit oftmals (vor allem frühere Werke) total für die Füße sind.

Man muss sich klarmachen, welche Töne auf dem M2 klingen und diese auch für das Stück so notieren, dass sie eindeutig les- und umsetzbar sind.

Da es diverse Umkehrungen und auch Mehrstimmigkeiten bei den Akkorden gibt, macht es keinen Sinn, die einzelnen Noten auszuschreiben. Es würde die bloße Angabe des Knopfes genügen. Bsp. ein d mit nem - oder m als Zusatz bedeutet den Knopf „d-Moll“. Fertig. Die Einzelbässe werden wie gewöhnlich notiert mit dem Hinweis, ob Grundbass oder Terzbass gemeint ist. (Terzbass z. B. Umkreist, unterstrichen etc. Marocco hat da ein kleines Quadrat z. B. Genutzt)

Der Arrangeur sollte sich im Klaren sein, wie ein M2 klingt und dahingehend notieren und zwar eindeutig.

Im Jazz wird beispielsweise oft gar kein Bass groß notiert, sondern die Harmonie im ganzen in der Akkordschreibweise und der Akkordeonist weiß, wie er sie erzeugt und rhythmisch darstellt. Wobei es auch da durcharrangierte Bassnoten gibt. Ähnlich wie Begleitakkorden für Gitarre, die der Gitarrist gemäß seiner Fertigkeiten umzusetzen weiß.

Was auch zu bedenken ist: Das M2 ist in der Regel mehrchörig.
Deshalb kann ein Powerchord nicht eindeutig Quinte oder Quarte sein, sondern beides gleichzeitig. Denn es klingt ja auch die Oktave darunter bzw darüber mit. Das macht Oktavknicke quasi unhörbar. Ebenso bei Akkorden.
Nur melodische Passagen verfälschen natürlich, wenn eine stetige Abwärtsfolge plötzlich insgesamt höher klingt.

Unterm Strich muss man sich bei nicht eindeutigen Arragements tatsächlich die reale Griffweise teilweise selbst erarbeiten.
Es ist tatsächlich praktikabel, Töne auch enharmonisch anders zu denken / schreiben als sie harmonisch Sinn machen, weil der real richtig klingende Knopf „dis“ z b eben auf der Terzreihe günstiger liegt als das „es“ auf der Grundbassreihe.
Insofern weicht eine praktikable Notenschrift des M2 Systems oft von dem normalen Arragement ab.
Zumindest sollte es das, um dem Spieler das Leben einfacher zu machen:)
 
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