[Review] Faith Naked Neptune

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Ich war in den letzten Jahr extrem wenig hier im Musiker-Board unterwegs - ich weiß selbst nicht so recht, warum eigentlich. Da ich aber trotzdem immer ganz dreist am Weihnachtsmann-Gewinnspiel teilnehme, dachte ich mir, ich gebe dieses Jahr auch mal wieder was zurück und verfasse ein Review.
Es handelt sich hierbei zwar um keine für mich neue Gitarre, sondern eine, die ich bereits seit 6 Jahren besitze, dadurch kann ich aber natürlich eine sehr differenzierte Meinung abgeben. Gekauft hatte ich die Gitarre damals, weil mich neben den Dreadnoughts, die ich besessen hatte, auch mal eine andere Korpusform gereizt hat.

Einleitung - Was ist die Faith Neptune und warum ist sie nackt?
Faith ist ist eine "kleine" englische Firma rund um den Luthier Patrick James Eggle. Die günstigeren Modelle, so wie meine Faith Naked Neptune (FKN im folgenden), werden in Indonesien gefertigt. Ob es wie bei meiner Freshman Gitarre, die ebenfalls Übersee produziert wurde, aber dann in England das finale Setup bekommt, ist, kann ich nicht sagen.
Auf jeden Fall ist die FKN eine vollmassive Gitarre, die durch die günstige Fertigung damals schlappe 400 Euro gekostet hat. Mittlerweile sind die aktuellen FKN Modelle teurer, dafür werden aber jetzt auch teils etwas hochwertigere Materialien verwendet (Ebenholz statt Palisander, dazu später mehr) und ein Gigbag wird beigelegt.

Warum ist die Gitarre also nackt? Das bedeutet nichts anderes, dass auf jegliches Bling-Bling verzichtet wurde - fast. Die Gitarre hat also genau ein einziges Binding und dieses ist am Hals in dezentem Schwarz zu finden. Abseits davon erhält man das pure Holz mit einer dünnen Samt-Lackierung. Keine Bindings am Korpus, ein schlichter Abalone-Ring, ja nicht mal mit einem Pickguard darf sich die arme Gitarre ein wenig bedecken. Auch Bundmarkierungen sucht man, bis auf ein stilisiertes "F" am 12. Bund, vergebens.

Dennoch haben sich die ganzen Sparereien am Ende natürlich trotzdem gelohnt. Man erhält hier immer eine Gitarre mit:
- massiver Engelmann-Fichtendecke (Engelmann-Decken sind ja wohl massiv vom "aussterben" bedroht, wenn man Taylor vertrauen will)
- massivem indonesischer Mahagoni für die Zargen und den Boden
abseits davon recht Standard für die Preisklasse
- einen dreiteiligen Mahagoni-Hals
- in meinem(!) Fall ein Griffbrett und einen Steg aus Palisander, mittlerweile setzt Faith hier indonesisches Ebenholz ein
- No-Name geschlossene Stimmmechaniken, ich habe diese mittlerweile nach einem Sturz der Gitarre, bei dem eine Mechanik abgebrochen ist, gegen Grover Rotomatics getauscht
-NuBone (sieht aus wie Plastik, hat aber wohl die Eigenschaften von Knochen / TUSQ) Sattel und Stegeinlage
-keine Elektronik
-Ebenholz Pins

Bauweise und Verarbeitung
Eine Besonderheit der Gitarre ist die Bauweise. Das fängt schon bei der Form an, denn die Neptune-Reihe von Faith sind sogenannte "Baby Jumbos". Ich persönlich würde die Korpusform als eine 0000 bezeichnen, also etwas größer als eine OM/000-Gitarre. Die Größe ist damit ungefähr auf dem Niveau einer Dreadnought, sie ist also mehr oder weniger genauso breit und genauso hoch. Einen flachen, schmalen Korpus einer 000 darf man hier definitiv nicht erwarten.

Weiter geht es mit dem Bracing. Hier hat Patrick James Eggle seine Finger im Spiel und ein interessantes Bracing entworfen. Die Decke besitzt im Bereich der Basssaiten ein Scalloped Bracing, im Bereich der hohen Saiten wird jedoch ein Non-Scalloped Bracing genutzt. Laut Faith soll das dazu führen, dass der Bassbereich verstärkt und vollmundig klingt, während die hohen Töne klar und definiert bleiben. Ich kann nach 6 Jahren und vielen, vielen getesteten Gitarre sagen, dass hier das Ziel durchaus erreicht wurde, dazu aber im Sound-Teil mehr.

Die Verarbeitung war vom ersten Tag an durchaus makellos und erstaunlich gut für den Preis. Klar, es fehlen jegliche Bindings und ein Hochglanzlack, Lacknasen oder unsaubere Bindings wird man hier also von Grund auf nicht finden. Dennoch sind die Bundkanten schön abgerichtet und haben auch nach 6 Jahren dauerspielen keine Macken abbekommen, etwaige Schläge und Stürze hat die Gitarre ebenfalls gut ausgehalten, die Saitenlage war ab Werk schon schön niedrig (bin bekennender Niedriglagen-Fan, anderen wäre die Saitenlage mit ca. 2 - 2,2 mm auf der tiefen E-Saite evtl. zu niedrig).

Einzig die Stimmmechaniken waren Mist. Die G-Saite hat vom ersten Tag an ständig geklemmt, was oftmals zu einer reißenden Saite geführt hat, weil man ruckartig hoch- und runterstimmt. Ich habe jetzt, wie oben geschrieben, Grover Rotomatics aufgezogen und das war definitiv ein großes und spürbares Update. Ich kann also nur empfehlen (wenn Faith hier nicht aufgeholt hat) die Mechaniken zeitnah nach Kauf zu wechseln.

Was sich mittlerweile auch bemerkbar macht, ist der Samtlack. Der Hals schimmert jetzt etwas "fettig" und ist nicht mehr ganz so samtig glatt, wie er anfangs war. Auch dort, wo normalerweise das Pickguard sitzt, ist die Stelle mittlerweile durch regen Finger- und Plektrengebrauch ordentlich abgerockt. Solange sie aber nicht aussieht, wie die Gitarre von Willie Nelson, ist aber noch alles in Ordnung ;-)

Sound
Wie klingt sie nun also, die FKN? Sehr gut. Fertig.
Nein, natürlich Scherz beiseite, ein wenig mehr ins Detail gehe ich schon.

Was mir allem voran an dieser Gitarre auffällt ist wirklich, wie extrem definiert und klar die hohen Saiten hier rüberkommen. Mir ist das teilweise fast schon zu stark, weil sich die hohen Saiten regelrecht durch die tiefen Brummer durchbeißen. Das hat in bestimmten Fingerstyle-Stücken einen sehr tollen Effekt, weil hier kristallklar die Höhen durchkommen, allerdings neigen die Höhen dadurch schnell dazu, ein wenig künstlich-metallisch zu wirken. Wenn ich hier z.B. eine von mir getestete Eastman E10OM-TC oder eine Martin D-15M in den Vergleich ziehe, wirken beide irgendwie über das gesamte Frequenzspektrum etwas ausgeglichener. Hier können aber im Einzelfall eben die hohen Töne etwas untergehen. Das wirkt homogener, wer aber die Gitarre wirklich singen lassen will, findet mit der Faith auf jeden Fall seinen Partner. Der Bassbereich hingegen ist schön aufgeräumt. Der Bass ist knackig, holzig, nie schlabbrig. Auch D- und C-Tunings kommen hier wirklich gut zur Geltung, weil ordentlich Fundament vorherrscht. In offenen Tunings und im Fingerstyle spielt die Gitarre sowieso ihre absoluten Stärken aus. Bei Stücken von Andy McKee, Don Ross, John Renbourn oder Al Petteway ist jede Note definiert, perkussive Elemente (z.B. "Thumb Slaps") werden sowohl von der Decke, als auch von den Saiten dankend aufgenommen, die Decke hält auch diversen Trommeleinlagen stand und keine Note überlappt übermäßig die andere. Einzig der 43mm breite Hals stört etwas, hier hätte ich mir definitiv 44 oder 44,5mm gewünscht.

Im Strumming schlägt sich die Gitarre, eher untypisch für eine Jumbo, auch wenn es nur eine Baby Jumbo ist, eher schlecht. Der Klang ist durch die Engelmann-Fichte und das Bracing allgemein sehr hell und eher mäßig warm, im Strumming mit einem Plektrum wirkt die Gitarre meines Erachtens dadurch sehr aggressiv und zu obertonlastig. Ein Vorteil dessen ist natürlich, dass sie sich gegen andere Instrumente gut durchsetzen kann und auch dank des größeren Korpus im Vergleich zu einer 000/OM ordentlich Lautstärke abrufen kann. Schön ist auch, dass Strumming mit den Fingern nicht so matscht und man sich oftmals eigentlich das Plek sparen kann.

Aber genug der Worte, hört einfach selbst rein. Ich habe hier ein älteres Video von mir, ich hoffe, die Soundqualität ist halbwegs in Ordnung.


Fazit und Pro & Kontra
Alles in allem habe ich den Kauf der Faith nicht bereut. Ich kannte die Firma nicht, bin aber froh, ihr mein Vertrauen geschenkt zu haben. Ich spiele die Gitarre jetzt seit 6 Jahren, zwar nicht ausschließlich, aber oft und sehr gern. Sie ist durch die Korpusform mal etwas anderes und ich habe bisher auch wenig vergleichbares gefunden. 000-Modelle sind im Vergleich klein, zierlich und zaghaft, Dreadnoughts dafür wieder etwas lauter, voller mit einer wenigen guten Ansprache, was Fingerstyle betrifft. Die FKN setzt sich irgendwo angenehm dazwischen. Etwas schade ist wie gesagt, dass die Werksmechaniken ziemlicher Mist sind, die Gitarre etwas dröge aussieht und dass eben die hohen Saiten teilweise zu aggressiv und metallisch daher kommen.

Ich selbst bin und bleibe aber ein Dreadnought-Freund in allen Belangen. Ich mag den ausgeglichenen und vollen, warmen Frequenzgang von Dreadnoughts und ich mag ihre Vielseitigkeit. Speziell die Neptune ist aber ein schöner Lückenfüller zwischen den üblichen Korpusformen und -größen.

Wenn ich eine Bewertung abgeben müsste, wäre die Gitarre eine solide 4/5.

Pro
+durch Verzicht auf Bindings bekommt man hochwertigere Vollhölzer zu einem guten Preis
+gute Bespielbarkeit ab Werk
+tolle Gesamtverarbeitung
+Test der Zeit bestanden - die Gitarre ist mir runtergefallen, wurde umgestoßen, hat etwaige Dings und Dongs abbekommen und hält wie ein Panzer
+insgesamt toller Sound für Fingerstyle, mit kleinen Abzügen im Strumming

Kontra
-Stimmmechaniken sind Mist, diese hätte ich schon eher austauschen müssen
-die Gitarre sieht allgemein einfach langweilig aus
-die hohen Saiten wirken teils metallisch

Anbei noch ein paar Bilder zum Abschluss :)
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