[Review] Nord Electro 3 SeventyThree

andi85

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- Hersteller: Nord Keyboards
- Typ: Electro 3 Seventy-Three
- Klasse (Unter-/ Mittel-/ Oberklasse): klassenlos!
- Preis: €1699




1) Klang
a) Akustischer Flügelklang - gut bis sehr gut

Nachdem die Akustikpianos des Vorgängers nie mehr als eine kleine Zugabe waren, legt der Electro 3 mit der Nord Piano Library v5 ordentlich nach. Auch wenn einige Feinheiten der aktuellen Sounds mit dem NE3 nicht umzusetzen sind (XL-Resonanzen, Halbpedal, long release), sie machen richtig Freude, klingen natürlich, charaktervoll und lebendig und sind im Rahmen des Möglichen ganz gut auf die Tastatur abgestimmt. Sehr erfreulich finde ich, dass Nord in den letzten Jahren sein Spektrum deutlich ausgeweitet hat, was in einer großen Auswahl resultiert, die gerade bei den Klavieren teils auch etwas abseits der allgegenwärtigen Standards liegt.
Für Einsätze im Studio könnte man sich direkt überlegen, den NE3 über eine Hammermechanik angesteuert als Klanglieferant für Klavierklänge zu verwenden - sofern die technischen Einschränkungen hinnehmbar sind. In Sachen Charakter und Lebendigkeit sind gerade die jüngeren Nord-Sounds meiner Meinung nach eine Klasse für sich.


b) Vintage-Sounds - sehr gut
Traditionell ist die Vintage-Abteilung Kaufgrund Nummer 1 für den Nord Electro - daran hat sich bei der dritten Auflage nichts geändert.

Von den Rhodes-Sounds war ich zunächst etwas enttäuscht, da sie mich über Kopfhörer zunächst stark an meinen alten NE2 erinnerten, der z.B. gegen mein Yamaha CP5 keinen Stich mehr machte. Bei genauerer Beschäftigung wird aber deutlich, dass sie an entscheidender Stelle erheblich verbessert wurden und nun endlich eine tatsächliche release-Phase mit entsprechendem Dämpfergeräusch haben. Dadurch klingt alles Gespielte auf Anhieb präziser und definierter - sehr gut! Außerdem hatte ich im Direktvergleich den Eindruck, dass die Tonqualität beim Neuen um einiges besser ist.
Schön ist wieder die Auswahl an verschiedenen Samples, wobei zumindest bei den älteren Sounds mein persönliches Wunsch-Rhodes nicht dabei ist. Am ehesten bin ich mit dem eher basslastigen 78er MkI zufrieden, wobei mir das im Diskant doch wieder zu klimperig und glockig intoniert ist. Der Rest der älteren Samples sagt mir nicht so recht zu, was nicht heißen soll, dass sie schlecht sind, sondern nur im Grundklang meinen Geschmack nicht ganz treffen. Die beiden neuen "Premium-Samples" sind schön und lebendig gemacht, allerdings habe ich für ein superglockiges Dyno-Rhodes überhaupt keine Verwendung. Das 67er Sparkletop macht eine Menge Spaß beim Spielen, ist sehr detailliert und hat eine Menge Charakter - und ist daher mein derzeitiger Lieblingssound. Im Ensemble funktioniert das 78er MkI allerdings doch noch ein bisschen besser, da die Töne stabiler ausklingen. Vielleicht kommt ja mal wieder ein neues Sample von einem späteren MkI oder MkII nach … bis dahin bin ich mit dem 78er und dem 67er gut versorgt.
Aber das ist Kritik auf hohem Niveau - und vieles, was beim aufmerksamen Zuhören über Kopfhörer stört, ist im Bandgefüge irrelevant. So war das schon beim Vorgänger: Die Klänge funktionieren live und mit ein wenig Ampsimulation einfach ungemein gut.

Beim Wurlitzer gibt es keine Auswahl, auch wenn ein röhrenbetriebenes 120 vielleicht nett gewesen wäre - aber das ebenfalls verbesserte 200A gefällt mir nach wie vor sehr gut. Mich freut ganz besonders, dass das Wurlitzer nicht mehr so "giftig" auf das Spiel reagiert wie im Vorgänger. Insgesamt also eine runde Sache.

Das Clavinet hat in der aktuellen Fassung endlich Dämpfergeräusche bekommen, außerdem lassen sich nun auch verschiedene Filtereinstellungen wählen. Ich fand das alte schon ziemlich gut und bin mit diesem hier restlos zufrieden.

Bei den Electric Grands beschränkt sich Nord traditionell nicht auf das allgegenwärtige Yamaha CP80 sondern bietet auch einen mit CP80-Pickups nachgerüsteten Gerbstädt-Flügel an. So rechte Verwendung habe ich für beide Sounds nicht, aber insbesondere den Gerbstädt mit den leichten Gehäuseresonanzen finde ich schon richtig fein.

Die B3-Simulation ist in Prinzip eine in einigen Punkten verbesserte Nord C1, das heißt eine der besten Nachbildung zur Zeit der Markteinführung. Schön ist, dass Nord hier den verstellbaren Keyclick und den Drawbar Cancel, die leider bei der C1 vergessen wurden, wieder eingeführt hat und gleichzeitig das ohnehin schon sehr gut simulierte Leslie weiter verbessert hat. Nett ist auch der Stop-Modus für die Lesliesimulation, der in Anlehnung an frühe Leslies zwischen "tremolo" und "stop" schaltet.
Wer mit den LED-Riegeln zurecht kommt, bekommt mit dem Electro 3 also einen sehr guten Hammond-Ersatz, der sich bei Bedarf auch leicht um ein zusätzliches Manual erweitern lässt. Pedalbass geht allerdings nicht.

Vox und Farfisa gibt es auch - die klingen gut, interessieren mich aber nur am Rande.


c) Synth-Sounds und Sonstiges - umfangreich und gut
Nords Sample Library wächst und wächst - geboten ist eine stattliche Auswahl verschiedenster Klänge, von denen ich vor allem die flächigen, also Mellotron, Chamberlin und Orchester, eine ganz sinnvolle Ergänzung zu den Standard-Klängen finde. Und das gerade weil sie eine deutlich andere klangliche Handschrift als die üblichen Stagepiano- und Workstation-Sounds haben. Für die Synthi-Sachen habe ich normalerweise keine Verwendung - für mich also eher weniger interessant.


2) Tastatur und Spielgefühl - sehr gut (im Rahmen des Möglichen)
Die Tastatur ist beim normalen Electro nach wie vor ein Kompromiss. Dank der guten Abstimmung lässt sich die Pianosektion doch ganz ordentlich damit bedienen, ohne dass die Tastatur orgeltypischen Spieltechniken im Weg stünde. Für die Orgeln ist die Tastatur zwar ein wenig straff, doch dank Waterfall-Form und einem zweiten, höheren Auslösepunkt funktioniert sie dennoch zur Zufriedenheit.
Zumindest für die Pianosektion lässt sich aber erst durch die Ansteuerung über eine ordentliche Hammermechanik die Dynamikkurve so richtig ausnutzen. Über mein CP5 gespielt, blühen die Klänge erst richtig auf. Ausprobieren lohnt sich also, selbst wenn die Abstimmung nicht ganz perfekt gelingt, wiegt die Hammermechanik das meiner Meinung nach auf.
Ist der NE3 als kleines universelles Live-Keyboard im Einsatz, reicht die Tastatur aber auch so ganz gut aus - und über den Rest trösten die 9kg Gewicht locker hinweg. Besondere Eignung für pianistische Ruhmestaten wird vom Electro sicher niemand erwarten.


3) Technisches
a) Effekte - grundsätzlich gut, aber mit unverständlichen Schwächen

Die üblichen E-Piano-typischen Effekte sind in guter Qualität vorhanden. Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Ersatz des Reglers für die Effekttiefe mit drei Voreinstellungen. Die drei Einstellungen sind immerhin recht sinnvoll gewählt, so dass mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas Passendes dabei ist.
Sehr erfreulich ist, dass das Angebot um Verstärkersimulationen, Kompressor und Hall erweitert wurde. Von den virtuellen Amps gefällt mir über Kopfhörer aber eigentlich nur der Twin - der ist dafür aber richtig schön geworden. Der JC klingt gepresst und schluckt völlig unverständlicherweise Pegel, während der Combo wie aus einem Schuhkarton klingt. Live ist der JC zumindest verwendbar, hat aber mit einem gut mikrofonierten guten Exemplar meiner Meinung nach wenig zu tun. Meinen 120er erkenne ich da jedenfalls nicht wieder, das konnte mein alter POD 2.0 schon besser! Außerdem ist der Pegelunterschied gerade live richtig, richtig ärgerlich. Warum nur?
Der Kompressor ist dafür einfach, aber wirkungsvoll. Genau das, was man live gut brauchen kann. Danke! Ebenso praktisch ist, dass der 3Band-EQ mit schwenkbaren Mitten nun uneingeschränkt für alle Klänge zur Verfügung steht.
Die verschiedenen Halltypen mit regelbarem Anteil sind ebenfalls schnell und einfach abzustimmen. Dass bei Verwendung des Leslies aber der Hall vor dem Leslie liegt, ist völliger Blödsinn, und ich verstehe nicht, dass so etwas ausgerechnet von Nord kommt. Um die Orgel mit ein wenig Hall zu spielen, müsste man konsequenterweise schon wieder ein extra Gerät mitnehmen. Ebenso, wenn man E-Pianos mit Delay spielen möchte - was ja nicht völlig abwegig ist -, denn einen Delay-Effekt gibt es nicht. Was war denn da los in Stockholm?

b) Soundschrauberei
Das Prinzip dürfte ja bekannt sein: Die Piano-Samples und die Orgel lassen sich nicht verändern, dafür frei mit Effekten belegen. Für die Samplesektion steht noch ein eigener Sampleeditor bereit, außerdem sind sie ebenfalls frei mit Effekten belegbar.

c) Bedienung - sehr gut
Wenn auch die genial-simple Bedienung des Vorgängers nicht ganz erreicht wird, der geschätzt doppelte Funktionsumfang ist sinnvoll organisiert und einfach zu bedienen. Dank der aufgedruckten Liste muss sich auch niemand die kryptischen Kürzel für Parameter im Display merken.
Den einzigen wirklichen Rückschritt finde ich die Verwaltung der Presets. Vier Achtergruppen finde ich übersichtlicher als zwei Listen mit je 64 Plätzen. Aber ich werde mich dran gewöhnen, glaube ich.
Ziemlich überraschend ist die fehlende Verstellung für die Anschlagsdynamik. Ich bin allerdings mit der Werkseinstellung so zufrieden, dass ich diese sonst eigentlich selbstverständliche Funktion nicht vermisse.

d) MIDI-Kapazitäten - quasi nicht vorhanden
MIDI In und MIDI Out sind da und die Drawbars von Ocean Beach können angeschlossen werden. Das wars!


4) Sonstiges
Über Gewicht, Transportabilität, Optik, Zuverlässigkeit etc. braucht man bei Nord ja kaum noch Worte zu verlieren. Mein schon gebraucht gekaufter Electro 2 war auch 4 Jahre später noch top in Schuss, meine C1 habe ich seit 3 Jahren - bisher gab es nie ein Problem. Kleiner und leichter können derartig solide Instrumente ohnehin kaum noch sein.


5) Fazit
Auch wenn mich nicht jedes Detail am Nord Electro 3 überzeugt, ich bin dennoch sehr zufrieden und glücklich mit meiner Wahl. Die Entscheidung, vom NE2 zu wechseln, war genau richtig. Mag sein, dass das ursprüngliche Konzept durch die Vielzahl von Erweiterungen aufgeweicht wurde, ich bin aber froh um jede einzelne davon. Mit den aktuellen Akustikpianos, die ja mittlerweile von Nord richtig zelebriert werden, taugt der Electro nun auch als kleiner, leichter Ersatz für ein "richtiges" Stagepiano oder als Klanglieferant fürs Studio, während ihn die Sample-Sektion nochmals flexibler macht und für manche Situationen das Mitnehmen eines extra Keyboards überflüssig machen kann. Die ohnehin schon guten Sounds des Vorgängers haben noch eine ganze Ecke zugelegt und sind nun noch besser spiel- und abstimmbar.
Diese beachtliche Leistung erzeugt allerdings auch eine gewisse Fallhöhe. Umso ärgerlicher ist es, wenn der Hersteller, der mit dem ersten Electro den japanischen Hammond-Klonen richtig Dampf gemacht hatte, Leslie und Hall nicht in der "richtigen", d.h. für die meisten Zwecke sinnvollen, Reihenfolge hinbekommt. Genauso ärgerlich ist es, dass zwei von drei Verstärkersimulationen von einem ungleich älteren Multieffektgerät schlicht und einfach geplättet werden und ein Delay-Effekt vollständig fehlt.
Über die fehlende Verstellung der Anschlagsdynamik - eigentlich ein Unding - kann ich mich allerdings nicht ärgern. Die passt für mich einfach so wie sie ist.

Zum Schluss sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass es sich absolut lohnt, mal einen richtigen Gitarrenverstärker mit dem Nord Electro zu probieren. Ich bin vor einiger Zeit mal zufällig an einen alten Fender Vibro Champ gekommen und der setzt den ohnehin sehr schönen E-Pianos noch die Krone auf. Solange nur die E-Pianos gebraucht werden, ist das auch ein sehr transportfreundliches und traumhaft klingendes Setup für Proben und kleine, nicht zu laute Auftritte.

a) Bühnentauglichkeit
100%, mehr geht einfach nicht. Höchstens noch XLR-Ausgänge und ein Standard-Kaltgerätekabel.
b) Wohnzimmertauglichkeit
Geschmackssache.
c) Preis-Leistungs-Verhältnis
Direkt günstig oder preiswert finde ich bei Nord schön langsam gar nichts mehr. Mit jedem Entwicklungssprung folgt ein - meist ordentlicher - Preissprung. Immerhin ist der normale Electro noch halbwegs auf dem Boden geblieben.
d) absolut subjektive, persönliche Endwertung
Trotz aller, teils harter Kritik: Ich mag ihn und ich würde ihn jederzeit wieder kaufen.
 
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