Ich denke das gerne in Räumen:
Hinterer/unterer Raum = Laryngopharynx
Mittlerer Raum = Nasopharynx
Vorderer Raum = Maske und vorderer Mund
Der Hauptresonator wandert auf höheren Tönen weiter nach vorne oben, d.h.
- In der absoluten Tiefe (Pulsfunktion bis C, ist der hintere Raum geweitet, der mittlere und vordere verengt)
- In der Bruststimme sind die Räume relativ gleichmäßig geöffnet (C-gis)
- Am Beginn des Passaggio (etwa ab gis) verenge ich den hinteren Raum (Zunge geht hinten stärker in Richtung Rachenwand)
- In der Mitte des Passaggio (etwa bei dis) ist der hintere Raum maximal verengt, und ich beginne ich mit der Verengung des mittleren Raumes (d.h. Zungenrücken geht nach oben, Gaumenbögen werden eng gestellt)
- Beim Übergang in die Kopfstimme (etwa bei ais') ist dann auch der mittlere Raum maximal verengt. Hier beginnt dann auch die Weitung des vorderen Raumes (Mund auf, Klangformung mehr Richtung "a")
- Bei ais'' ist meine Range schlicht und einfach zu Ende, weil ich nicht mehr weiter Tilten kann.
Zur Klangformung (runderer, vollerer Klang) senke ich zur Höhe hin zusätzlich den Kehlkopf und hebe das Gaumensegel. Das ist rein technisch gesehen aber nicht zwingend notwendig.
So gesehen gehe ich in der Mitte des Passagio in die "pharyngeal" Resonance. Die bezeichnet sozusagen den "Wendepunkt", in der langsam von Mischresonanz auf Kopresonanz umgeschaltet wird. Kenshi hat das mal als "Weiche" bezeichnet, an der man sich entscheiden muss, ob man beltet (= möglichst lange einen weiten Pharynx erhält) oder in die Kopfstimme geht (Pharynx verengt). Das würde ich auch so sehen. Das mit dem Belten ist im klassischen Gesang (wir sind ja hier im Klassik-Forum) natürlich nur eine Option für Männer.
Deine Beschreibung finde ich sehr treffend und absolut brauchbar. Genauso fühlt es sich an: wo die Resonanz am stärksten ist, fühlt man die viel zitierte "Weite" (hintere, vorder, untere, obere).
Diese "Weite" scheint ein unter Sängern allgemein akzeptierter Begriff zu sein, obwohl das Formant-Tuning keineswegs allein über eine Volumenmanipulation der Resonanzräume (Höhe des Kehlkopfes, Position des Gaumensegels) sondern in viel größerem Maße über die millimetergenaue Anpassung der Engstellen zwischen den Resonanzräumen erfolgt.
Über die Rolle dieser "Engstellen" bzw. Öffnungsweiten von Hohlraum-Resonatoren und ihren entscheidenden Einfluss auf die Resonanzfrequenz kann man hier Interessantes lesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Helmholtz-Resonator
Der Wechsel vom Zungen-'e' zum Zungen-'i' z.B. wird zum überwiegenden Teil vom Abstand des Zungenrückens zum harten Gaumen bestimmt und nicht von einer nennenswerten Volumenänderung der Resonanzräume.
Die Änderung der Querschnittsfläche der Engstellen ist weitaus mächtiger als die Volumenänderung, den 1. ist sie kleiner und damit durch Muskeltätigkeit prozentual viel variabler als das Resonanzvolumen und 2. ist die Resonanzfrequenz proportional zum Quadrat der Querschnittsfläche, zum Resonanzvolumen nur einfach proportional.
Es gibt im Stimmapparat insgesamt 5 manipulierbare Engstellen:
1. Abstand Kehldeckel zur Rachenrückwand (Bestandteil derTwanger-Funktion)
2. Abstand der Gaumenbögen zueinander
3. Abstand Gaumensegel zur Rachenrückwand
4. Abstand Zungenrücken zum Gaumen (ng-Position)
5. Die Mundöffnung
Wenn die anderen beiden Voraussetzungen Atmung und Stimmbandmechanismus bereits gut trainiert sind, ist eine möglichst differenzierte Kontrolle über die Muskeln, die diese Engstellen steuern, der Schlüssel zu einer tragfähigen resonanten Stimme über den gesamten Stimmumfang.
Für die Bruststimme liegt dabei der Focus auf 4.+5. für die Kopfstimme auf 1.+2.. Engstelle 3. ist in allen Lagen wichtig und steuert den Grad der Nasalität.
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