Unterrichtskonzeption für Schüler mit Down-Syndrom

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Hallo :)

Ich bin mir nicht sicher, ob ich in diesem Unterforum richtig bin - falls nicht, gerne verschieben :).
Ich soll einem jungen Mann mit Down-Syndrom Schlagzeugunterricht erteilen. Ich unterrichte seit einigen Jahren nebenberuflich, aber das ist eine neue Erfahrung für mich und ich bin mir ein bisschen unsicher, wie ich das Ganze anpacken soll und dachte, dass mir ja vielleicht hier im Forum jemand ein paar Tipps geben könnte :). Von der Mutter des Schülers habe ich erfahren, dass er seit 1-2 Jahren Schlagzeug spielt und bisher alles über "Vorspielen - Nachspielen" lief. Mit Noten ist also nicht viel, bzw. nichts. Übermorgen wird die erste Unterrichtstunde stattfinden. Normalerweise starte ich meine Unterrichtsstunden mit 10-15 Minuten Snare-Drum. Ohne Noten wird das freilich schon mal schwierig. Meine Ideen für Freitag bisher (ungeordnet): "We will rock you", Viertel-Groove-Variationen, Achtel-Groove-Variationen, "Seven Nation Army".....??
Falls jemand hier einschlägige Erfahrungen sammeln konnte, würde ich mich über ein paar hilfreiche Tipps sehr freuen :)!

Grüße!!
Philipp
 
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derMArk
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Je nach Ausprägung des Syndroms ist sicherlich ein anderes Vorgehen angemessen.

Vor- und Nachspielen, also Sehen und Verstehen, ist sicherlich gut. Sofern es zugelassen wird evtl. Hand und Bein erst einmal führen, um den Einstieg zu erleichtern. Ansonsten evtl. bei nicht ganz so starker Ausprägung bunte Punkte auf eine Linie malen. Als Beispiel: Blau für rechtes Bein, rot für rechte Hand. Bei we will rock you also dann, Blau - blau - rot. Vielleicht fällt es dem ein oder anderen mit dieser Visualisierung leichter.

Aber ich pike mal @Limerick an. :hi5:
 
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Christian_Hofmann
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Ich finde es gut das du dich auf das Experiment einlassen willst. Ich selbst kenne viele Musiker die eine "Behinderung" haben und trotzdem sehr gut sind in dem was sie machen. Ich selbst habe auch einen atypischen Autismus. Im Prinzip musst du dir nur eine Sache vor Augen halten, jemand der z.B ein Down-Syndrom hat wird Dinge anders lernen oder wahrnehmen wie du. Lernkonzepte sind ja auf den Schüler zugeschnitten der einer festgelegten Norm entspricht. Du solltest also wenn dein Schüler von der Norm abweicht auch dein Konzept abweichen lassen.

Ich denke da an mich selber. Du kannst mir drei Stunden etwas über Theorie erklären und ich werde mit jedem Wort weniger nachvollziehen können da es immer komplexer wird. Wenn ich nun mit der Aufgabe am Instrument sitze und mich selber damit befasse also auch mal es genau so mache wie man es nicht machen soll, dann lerne ich daraus warum es so ist auf meine Art.

Als kleiner Tipp, wenn er bei dir ist, dann sei ganz locker, vielleicht lässt du dir erst einmal etwas von ihm vorspielen um zu sehen was er kann. Das was er kann könntest du dann die ersten Male aufgreifen und mit ihm daran arbeiten und nebenbei immer mal kleinere Basics einfließen lassen. Es kann nämlich sein wenn du ihn einfach eine Woche lang einen Takt üben lässt die Lust schnell schwindet.

Und selbst wenn er es nicht schafft ein Profi am Schlagzeug zu werden, dann reicht es ihm vielleicht sogar schon etwas spielen zu können bzw. einfach Spaß am spielen zu haben. Du solltest daher herausfinden was er eigentlich erreichen/können will. Dabei muss ja die Professionalität nicht immer das Ziel sein.

EDIT:
Vielleicht ganz nützlich https://www.ndr.de/ratgeber/gesundh...der-Menschen-mit-Downsyndrom,trisomie126.html
 
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Limerick
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Hallo Philipp

Das klingt mega spannend - aber zugleich auch herausfordernd. :)

Zu erst aber mal:
Aber ich pike mal @Limerick an. :hi5:
... danke Mark für die Vorschuss-Lorbeeren, allerdings möchte ich anmerken, dass ich a) nie Schlagzeug unterrichtet habe (nur immer gespielt ;)) und b) im therapeutischen Kontext nicht mit Menschen mit Down-Syndrom oder Autismus gearbeitet habe/arbeite.

@Philipp:
Den Beitrag von @Christian_Hofmann solltest Du Dir unbedingt zu Herzen nehmen und wenn Du magst, darfst Du hier gerne auch über die Fortschritte bei Deinem Experiment berichten. Ich persönlich fände es interessant und denke, das wäre für viele hier ebenfalls ein interessanter und lehrreicher Einblick.

Von meiner Warte aus hätte ich lediglich hinzugefügt, dass die "Modalität", wie Du Deinem Schüler den Stoff vermitteln magst, sicherlich zentral wird. Konkret: Über Spass/Freude oder auch an spielerischen Aufgaben wird er sicherlich mehr lernen als über Disziplin, wo sich unsereins besser mit Unterlagen/Stoff beschäftigen kann, die keinen Spass machen. Das wird bei ihm ziemlich sicher nicht funktionieren. Will heissen: Spielerisch lernen und wie es bereits gesagt wurde, darauf achten, was bei ihm funktioniert oder was er Dir von sich aus zeigt. Er spielt ja doch schon eine Zeit lang, von daher scheint es für ihn einen gangbaren Weg zu geben. Der Hinweis von @derMArk mit den farbigen Punkten ist ebenfalls nicht verkehrt: Die Lehrmittel wirst Du sicherlich auf seine Bedürfnisse anpassen müssen - gleiches gilt im Übrigen auch für die Kommunikation zwischen Dir und ihm. Aus therapeutischer Sicht bin ich überzeugt, dass ihm die Musik - solltest Du ihm den Stoff bedarfsgerecht vermitteln können - enorm viel gibt und ihn auch weiterbringt. Von daher: The pressure is on! ;)

Alles Liebe,

Lim
 
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WilliamBasie
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Meine Frau hatte auch Kinder mit Down-S im Unterricht - gibt verschiedene Ausprägungen.
Bei den meisten fehlt es nicht am Intelekt, wenn dann eher an physischen Möglichkeiten.

Das Hauptproblem ist, daß viele Kinder "verzogen" sind und immer diese "Behinderten"-Karte spielen, wenn sie etwas nicht wollen.
Da gibts dann zwei Möglichkeiten: Man spielt mit oder man stellt sich behutsam quer und versucht sie auf einen anderen Weg zu bringen.
 
Salty
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Das Hauptproblem ist, daß viele Kinder "verzogen" sind und immer diese "Behinderten"-Karte spielen, wenn sie etwas nicht wollen.
Da gibts dann zwei Möglichkeiten: Man spielt mit oder man stellt sich behutsam quer und versucht sie auf einen anderen Weg zu bringen.
Sorry das ist verallgemeinernder Schwachsinn.Inhaltlich geh ich da jetzt mal nicht drauf ein.


Ich mache seit 22 Jahren mit Menschen mit Behinderung Musik und Theater.
Der wichtigste Tipp wäre meiner Ansicht nach.

Frag deinen Schüler erstmal was er sich wünscht.
Er spielt bereits zwei Jahre?
Lass dir zeigen was er mag , was er spielen will. Spielt gemeinsam
Kurz lernt euch kennen geht in Beziehung und erarbeitet euch wie ihr gut funktioniert.
Im Prinzip wie bei jedem Schüler auch. Du wirst dann merken was erwünscht ist und was nicht.

Die dann aufkommenden Didaktischen und Methodischen
Fragen können wir ja dann hier gerne weiter diskutieren und vielleicht sogar klären.

Aber nun erstmal
Viel Spaß
 
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WilliamBasie
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aha!
und wie bringst Du ein Theaterstück auf die Bühne, bei dem jeder Teilnehmer Textbausteine nach Belieben aus anderen Werken nimmt?

Sobald irgendwas gemeinsames erarbeiten werden soll, gibt es Regeln. Punkt!
Es ist die Kunst des Lehrers das integrativ zu managen - das hat nicht mal was mit Zwang, Bevormundung, etc. zu tun, sondern mit Überzeugung, Motivation, Vorleben.

Oft bleibt der Weg das Ziel, aber alles schleifen lassen und "Wünsche erfüllen" ist kein Weg, der weiterbringt.
 
Salty
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Das Hauptproblem ist, daß viele Kinder "verzogen" sind und immer diese "Behinderten"-Karte spielen, wenn sie etwas nicht wollen.

und wie bringst Du ein Theaterstück auf die Bühne, bei dem jeder Teilnehmer Textbausteine nach Belieben aus anderen Werken nimmt?


Sorry, werde ich mit dir hier nicht Diskutieren. Das ist eine Haltungsfrage.
Zu genannten Projekten kam ich über meine Arbeit mit Schlingensief.
Seither betreibe ich dies erfolgreich weiter und wir haben hier einiges auf die Beine gestellt. Bin ausgebildeter Theaterpädagoge und Soziologe.Lebe allerdings primär von meiner Musik und Kunst unabhängig dieser Projekt.
Ich werde mich hier nicht rechtfertigen.
Allerdings deine zutiefst falsche Aussage kann ich so nicht stehen lassen. Solltest du nicht vom Fach sein kann ich es dir nachsehen, wenn doch empfehle ich dringend einen Haltungs- / Jobwechsel.

Jetzt wieder zurück zum Kernthema
 
stuckl
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TaKeTiNa würde ich noch empfehlen, rhythmische Körperarbeit.

Body Percussion, beides mit einfließen lassen, da man erst einmal ohne Instrument, außer Körper, arbeitet.
 
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Irsmaier
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Gestern war die erste Unterrichtsstunde und ich berichte gerne von meinen ersten Eindrücken und Erfahrungen:
Eigentlich läuft alles über Vorspielen/Nachspielen. Ich hab einfach mal ein paar Songs aufgelegt (We will rock you, Seven Nation Army, Zombie) und dann haben wir drauflos gespielt. Er erfasst die Grundgrooves recht schnell und hat ein Rhythmusgefühl, das mich durchaus erstaunt hat. Es hat ihm auch überhaupt keine Probleme bereitet, das Tempo der Aufnahmen zu halten. Wenn er falsch bzw. nicht ganz richtig spielt, verdeutliche ich ihm den Unterschied zwischen seinem und meinem Spiel, verbunden mit viel Gestik und Mimik. Verbale Kommunikation war recht einseitig, da ich ihn überhaupt nicht verstehe. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das mit der Zeit besser wird. In jedem Fall scheint er mir Spaß gehabt zu haben; wenn er die Songs kannte, hat er mich immer ganz glücklich angestrahlt und sofort ganz motiviert losgelegt :) :).
Fazit: Für mich eine sehr positive Erfahrung und ich bin sehr gespannt, was da noch kommt :).
 
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nasi_goreng
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Sehr interessanter Thread!:great:
 
Salty
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Klasse, einfach drauf los, viel Spaß
 
Nonickatall
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Klingt so, als ob du hier eine besondere Aufgabe erhalten hast. :)

Einfach mal den Kopf weglassen und nicht ständig überlegen, was der Schüler braucht und welche Übungen man jetzt machen muss.

Sondern einfach mal mit dem Bauch agieren, Musik machen, dem Jungen ein paar schöne Momente schenken und versuchen das zu spielen, was seinem spielerischem Niveau entspricht, ihn aber anregt, verleitet und damit weiter bringt.

So einen Unterricht hätte ich mir als Nichtbehinderter übrigens auch gewünscht. Ich hatte meistens Lehrer, die gar nicht zugehört haben, sondern immer nur versucht habe ihr Schulungsschema los zu werden. Was natürlich auch der 45 Minuten Regelzeit geschuldet ist. Ich finde sowieso, man sollte immer min. vier Stunden Unterricht machen, dabei spielen, über Musik reden, und passenden Übungen entwickeln.
Aber das ist natürlich oft nicht möglich. Leider.

LG
Ralf
 
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Das Sprechen zu verstehen kommt mit der Zeit und ist auch wichtig. Vielleicht mal versuchen mit Klick zu arbeiten und ihm erklären das er damit den Takt halten kann. Tatsächlich würde ich wohl auch mal einfach(e) Noten vorlegen von Dingen die er kennt um einen Bezug herzustellen.
Ist sehr spannend das Thema. Ich arbeite mit Menschen mit Behinderung hauptberuflich. Wir digitalisieren Akten (PC, Scanner usw) was natürlich auch Vorgaben vom Kunden hat. Daher mein Gedanke es auch mit Klick und Noten zu versuchen, eben Sanft und nicht zu früh. Wenn das verstanden wurde "warum" dann ist das ein Monsterschritt.

Viele Grüße
Ivo
 
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Gestern war die erste Unterrichtsstunde und ich berichte gerne von meinen ersten Eindrücken und Erfahrungen:
Eigentlich läuft alles über Vorspielen/Nachspielen. Ich hab einfach mal ein paar Songs aufgelegt (We will rock you, Seven Nation Army, Zombie) und dann haben wir drauflos gespielt. Er erfasst die Grundgrooves recht schnell und hat ein Rhythmusgefühl, das mich durchaus erstaunt hat. Es hat ihm auch überhaupt keine Probleme bereitet, das Tempo der Aufnahmen zu halten. Wenn er falsch bzw. nicht ganz richtig spielt, verdeutliche ich ihm den Unterschied zwischen seinem und meinem Spiel, verbunden mit viel Gestik und Mimik. Verbale Kommunikation war recht einseitig, da ich ihn überhaupt nicht verstehe. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das mit der Zeit besser wird. In jedem Fall scheint er mir Spaß gehabt zu haben; wenn er die Songs kannte, hat er mich immer ganz glücklich angestrahlt und sofort ganz motiviert losgelegt :) :).
Fazit: Für mich eine sehr positive Erfahrung und ich bin sehr gespannt, was da noch kommt :).
Moin .-)

Ich finde es Klasse, das Du dich auf die Sache eingelassen hast !!

Ich habe selber einen Sohn mit DS (12), der sich nun auch langsam für Synths / Rhodes interessiert und sich ab und zu mal ans Piano setzt oder am Reface CS Sounds schraubt.

Das mit dem recht guten Rhytmusgefühl kann ich bestätigen, das ist, was ich so aus DS-Selbsthilfegruppen höre, offenbar bei DS oft so.

Das mit der Kommunikation ist je nach Ausprägung immer ein Thema, unserern Sohn versteht ausser uns auch kaum jemand. Weisst Du, ob Dein Schüler da evtl. Hilftmittel im Alltag nutzt (Talker, Metacom-Symbole)? Evtl. kannst Du das ja im Unterricht einbinden...

Habe Geduld, was die Fortschritte angeht. Es dauert bei DS viel länger, bis sich etwas 'verfestigt' hat, sei es motorische Abläufe als auch von Intellekt her.

Grüsse von Jens .-)
 
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