Was kennzeichnet den Bebop?

von Harrisson, 24.02.12.

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  1. Harrisson

    Harrisson Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.02.12   #1
    Bislang habe ich immer gedacht, das wesentliche Kennzeichen des Bebop sei das Einbeziehen der Tensions 9, 11 und 13 innerhalb einer Improvisation. Vor dem Bebop, im Swing, so glaubte ich, hat man die Akkordbrechungen nur hoch bis zu Septime gespielt. Jetzt habe ich mir die Transkriptionen in Charlie Parkers Omnibook genauer angesehen, aber ich kann den bevorzugten Gebrauch der Tensions nicht entdecken. Klar spielt Parker mal eine 9, aber in erste Linie bleibt er bei den unteren Akkordtönen. Und die sagenumwobene #11 kann ich in Parkers Improvisationen als zentralen Ton über einen Dominantseptakkord erst gar nicht entdecken.
    Wie seht ihr das? Was sind für euch die stilbildenden Elemente in einem Bebop-Solo?
     
  2. Rolling Stone

    Rolling Stone Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 24.02.12   #2
    Hallo! :)

    Hier einmal mein seeehr begrenztes Wissen über den BeBop:

    1.
    In den 40er Jahren mit der Entwicklung des BeBop entwickelte sich der heute bekannte Modern Jazz.

    2.
    Mit dem Bebop verabschiedet sich der Jazz als Unterhaltungsmusik und wird nach und nach zur Kunstmusik stilisiert.

    3. Soweit zur kurzen geschichte nun zu den Merkmalen:

    Stilistisch für den BeBop sind schnelle Tempi und lange Achtellinien (weshalb es für manche auch "hektisch" klingt, wer meint -.-)
    Stilprägend ist auch die b5 bzw. #4 bzw. #11, welche, richtig eingesetzt, lange und schier endlose Achtel-Läufe ermöglicht, eben typisch BeBop.
    m.M.n. ist der BeBop auch der Beginn der systematischen chromatisierung des Jazz.
    Irgendwo hab ich mal gehört, dass im BeBop jeder Akkordton erhöht oder erniedrigt werden kann, bin mir dabei aber nich mehr genau sicher...
    Allgemein habe ich den Eindruck, dass die Phrasierung auch ein sehr wesentlicher Teil des BeBop ist.
    Natürlich hebt sich auch die Harmonik stark vom Swing ab, sie ist deutlich komplizierter geworden.

    Bez. der Tensions: Eig. werden im BeBop schon zunehmend Tensions als Ziel- und melodietöne verwendet. Werde vl. heute noch einige einschlägige Bücher durchforsten um ein paar gute Beispiele zu finden. ;)


    Auf die Frage was sind für euch die prägenden Stilmittel des BeBop:

    hmmm, ich weiß nicht, aber iwie hab ich das Gefühl, gerade beim Bebop kommt es ungemein auf den Solisten an.
    Jeder der sich mal am BeBop probiert hat, so glaub ich zumindest, wird verspühren, dass es sich trotz aller eingebauten Merkmale die man so aus der Literatur lernt iwie nicht nach BeBop anhört, vl. schon, aber es fehlt iwie das typische BeBop-Feeling ...

    Tja, das waren so meine bescheidenen Erfahrungen und Gedanken zum BeBop!


    Ich hoffe, es hat die ein wenig geholfen! :)
    Grüße
     
  3. turko

    turko Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 24.02.12   #3
    Just my 2 cents .... (nach einmaligem und kurzem Nachdenken):

    Melodie:

    - Schnelle Achtellinien
    - viele chromatische Töne als Verbindungstöne, die einfach rhythmisch benötigt werden . Bebopscala.
    - Intensive („hot“) Phrasierung
    - Oft Unisonospiel beim Vorstellen der Themen
    - Zieltöne sind vermehrt Tensions
    - Bei der Konzeption eines Solos steht der harmonische Aspekt im Vordergrund (im Ggs zur folgenden Cool-Aera)

    Harmonie:

    - Schnelle harmonische Rhythmen - rasche Akkordabfolgen
    - Reharmonisierung von „konventionellen“ Songs durch Einschieben von Zwischendominanten, II-V-Verbingungen als deren Vorbereitungen, Tritonussubs, ...
    - Öfter ein Weggehen vom typischen bluesigen Sound ... ist jedoch stark Interpreten-abhängig ...

    Rhythmus:

    - Schnelle Tempi
    - Relativ gleichmäßiger Beat auf ALLE 4 Viertel (Im Gegensatz zum Two-Beat-Jazz)
    - Viele Synkopen, die in den Melodien bewußt gesetzt werden, z. B. auch für Zieltöne ..


    Thomas
     
  4. Ploppy8

    Ploppy8 Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 25.02.12   #4
    "Parker was a leading figure in the development of bebop, a form of jazz characterized by fast tempos, virtuoso technique, and improvisation. His innovative approach to music exercised enormous influence on his contemporaries. Parker introduced revolutionary harmonic ideas, including rapidly passing chords, new variants of altered chords and chord substitutions. His tone ranged from clean and penetrating to sweet and somber. Many Parker recordings demonstrate virtuosic technique and complex melodic lines, fusing jazz with other musical genres, including blues, Latin and classical."
    Aber leider wurde der "Bird" nur 34 Jahre alt , nicht alles im Leben Charlie Parkers verlief nach "Real Book Standards" ,
    so muss man die Musik Parkers eben auch verstehen , da währe sicher noch vieles weiterzuentwickeln gewesen , genauso wie bei Mozart


    a
     
  5. Harrisson

    Harrisson Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 25.02.12   #5
    Hallo Leute,

    viele Dank für eure Antworten.

    @Rolling Stone
    Die #11 finde ich ja gerade kaum. Nehmen wir das Omnibook mal als Bibel des Bebop-Stils – ich habe im ganzen Omnibook gefühlt drei #11 entdeckt.


    Das finde ich das faszinierende an den Parker-Solos. Wenn ich die nachspiele – und ich verfüge sicher nicht über eine gute Technik und viel Feeling – klingen die trotzdem immer gut, eben nach Bebop. Und selbst wenn man diese Linien zum Beispiel in einem funkigen Stück spielt, klingt das auch super. Aber warum?

    @turko
    Danke für die Zusammenstellung. Du hast die Jazzgeschichte ja super parat im Kopf.

    @Ploppy8
    Das sind die allgemeinen Beschreibungen, die ich schon so oft gelesen habe. Sie sind ja nicht falsch, geben aber nicht den Kern des Bebops wider, den ich suche.

    -----
    Vielleicht stelle ich meine Frage noch einmal anders herum: Ist es möglich, ein Bebop-Solo im Stile Parkers zu komponieren? Wenn man das kann, kennt man auch die Techniken, die er einsetzt. Wenn ich die Techniken kenne, kann ich sie auflisten, beschreiben und somit den Bebop mit Noten definieren.
     
  6. turko

    turko Helpful & Friendly User HFU

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    Erstellt: 25.02.12   #6
    Meiner Meinung nach ist das sicher möglich! Aber die Phrasierungsweise Parkers und das rhythmische Microtiming, das kann man nicht komponieren. Das ist zu sehr mit der Person Parker verbunden ... Dazu eine kleine Episode aus meiner Jugend:

    Als mein erster Einstieg in dieses Thema habe ich vor Jahren das Parker Songbook genommen, und die Solos daraus nachgespielt ... auf dem Klavier (ich bin kein Bläser). Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß vieles von dieser Musik absolut lanweilig, an den Haaren herbeigezogen, sogar lächerlich klingt, wenn man es im halben Tempo und auf dem Klavier spielt. Im Gegensatz zu einer z. B. Bach-Fuge, die ihre prinzipielle Klasse bei jedem Tempo und mit jedem Instrument gespielt, behält, ist diese Musik doch sehr stark personalisiert und vom persönlichen Ausdruck abhängig ... eben JAZZ ... :)

    Die Tonauswahl ist noch das, was man am ehesten kopieren/komponieren kann ...

    Thomas
     
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  7. MathiasL

    MathiasL HCA Harmonielehre HCA

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    Erstellt: 26.02.12   #7
    Hallo Harrison!

    Da sind Dir einige Tensions durch die Lappen gegangen.

    Ich habe vier Parker Soli aus dem Omnibook mal durchgesehen. Unter der Prämisse, dass 1) Parkersoli höchst charakteristisch für den Bebop sind, und 2) die Transkriptionen stimmen, habe ich folgende Tensions und Anzahl gefunden:

    1) Confirmation:
    9: 12x
    11: 2x
    #11: 3x
    13: 4x
    b9: 9x
    #9: 2x
    b13: 3x

    2) Mosse the Mooche (1 Chorus) :
    9: 2x
    11: -
    #11: 1x
    13: 2x
    b9: 2x
    #9: 2x
    b13: -

    3) Ornithology (1 Chorus) :
    9: 3x
    11: -
    #11: 1x
    13: 3x
    b9:5x
    #9: -
    b13: 1x

    4) Anthropology:
    9: 17x
    11: 5x
    #11: 4x
    13: 4x
    b9: 10x
    #9: 2x
    b13: 6x


    ( Confirmation und Anthropology mehr als ein Chorus)

    Ich habe nur die Tensions gezählt, die mir eindeutig schienen; also entsprechend rhythmisch platziert, und nicht als Skalen bzw. Durchgangston zu verstehen.
    Sicherlich wimmelt es nicht von Tensions, wenn man die gefundene Anzahl in Bezug zur gesamten Tonmenge der Soli setzt. Dennoch ist klar zu erkennen, dass etwas harmonisch Neues passiert. Ich denke, wenn man wie folgt formuliert, trifft man den Aspekt der Tensions im Bebop recht gut: Die Bebopper begannen die Welt der Tensions für sich zu
    entdecken.

    Grüße!
     
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  8. Claus

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    Erstellt: 26.02.12   #8
    Jamey Aebersold beschreibt im Omnibook - Introduction folgendes:
    "Blues make up the largest portion of this book. Rhythm changes come next...
    ...Remember, each chord symbol represents a series of tones called a scale. Older musicians used to improvise mainly on chord tones; Charlie Parker was one of the first to broaden that to include scales and substitute scales...
    ...Bird loved to use the b9 over Dom. 7th chord/scale. The Blues scale and its accompanying licks was an important part of his music, even when playing songs other than blues!"
    Jamey Aebersold, Charlie Parker Omnibook, Atlantic Music Corp., 1978

    Ein schöner Blog zum Thema bzw. eine wahre Fundgrube ist das "Bebop Cookbok":
    http://www.jkchang.com/2008/01/04/bebop-cookbook/

    Preiswert und mit dem Background jahrzehntelanger Forschung zum Thema geschrieben ist ein Standardwerk von Thomas Owens: Bebop, The Music and its Players.
    Owens verfasste vermutlich die erste musikwissenschaftliche Dissertation über die musikalische Sprache Charlie Parkers: Thomas Owens, "Charlie Parker: Techniques of Improvisation," 2 Vols. Ph.D. dissertation, University of California-Los Angeles, 1974

    Ebenfalls von Interesse ist dazu möglicherweise auch eine Dissertation zur frühen musikalischen Sprache von Stan Getz, in der dessen Fusion von Ideen des Swing mit denen des Bebop untersucht wird.
    http://www.ideals.illinois.edu/bitstream/handle/2142/14546/Wolfe_Marcus.pdf

    Gerade entdeckt: http://www.crj-online.org/v1/CRJ-JazzTransformations.php
     
  9. Harrisson

    Harrisson Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.02.12   #9
    Hallo MathiasL und zonquer,

    vielen Dank für eure Mühe. Jetzt ist mir schon einiges viel klarer geworden. Die Links sind auch superinteressant, das wird mich weiterbringen, da gibt es noch einiges zu entdecken.
     
  10. Claus

    Claus MOD Brass&Keys - HCA Tp Moderator HCA

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    Erstellt: 27.02.12   #10
    Was mich betrifft - lebenslang :D
    Da ist es doch gut, dass es seit Jahrzehnten Spaß macht.
     
  11. froo

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    Erstellt: 02.05.12   #11
    Das wichtigste Merkmal für Bebop ist das die Akkorde ausgespielt wurden. Wenn man Bebop soli analysiert wird man feststellen das auf den On Beats meistens oder zumindest signifikant Akkordtöne zu finden sind. Der Solist spielt die Changes wie man so schön sagt. Man kann die Akkordwechsel hören ohne das dazu unbedingt eine Rhythmusgruppe notwendig ist. Deshalb wurde das ganze dann auch harmonisch komplexer. Mehr Akkorde und schnellere Tempi was mehr Akkordwechsel bedeutet um es interessant zu halten.

    Was hier angesprochen wurde an Phrasierung und 'feeling' findet man auch schon vor der Zeit des bebop. Also die typische offbeat phrasierung (offbeats werden betont) und solche Sachen gab es beim herkömmlichen swing auch schon.
     
  12. turko

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    Erstellt: 02.05.12   #12
    Das gilt aber mMn für JEDEN (guten !) Solisten in jedem Stil (außer Free) ?!

    Thomas
     
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