FĂĽr mich als textenden Menschen stellen sich gerade ein paar Fragen, vor allem, was den Prozess des Schreibens angeht. Und es geht um eine Sorge, die ich habe und die damit einhergeht.
Es fängt ja meist mit einem Thema an, auf das ich stoße oder eine Zeile oder ein Schlagwort, was mir in den Sinn kommt. In wenigen Fällen recherchiere ich tatsächlich in einem wissenschaftlichen oder journalistischen Sinne - eher merke ich, dass ich sozusagen unbewußt sammele. Ist eher so wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird und von dort aus Wellen bildet. Meine Aufmerksamkeit fängt an, um das Thema zu kreisen, bezieht die Welt drumrum ein und meine Eindrücke und Erinnerungen erlangen Bedeutung. Das geht komplett einher mit Gefühlen - irgendetwas hat ja in mir eine Resonanz ausgelöst - also hat der Anstoß, um den es im Text geht, immer mit zwei Polen zu tun: mit mir und mit der Welt.
In der Phase des bewußen Textens sind sowohl thematische wie sprachliche oder bildliche Assoziationen eingeschlossen als auch inhaltliche Aussagen, Fakten, Überzeugungen, Haltungen, Werte, Gefühle. Ich kann das höchstens analytisch trennen. Zudem spielen noch viele Überlegungen eine Rolle, die vom Thema selbst unterschieden sind und mehr mit der Darstellung des Themas zu tun haben, also so etwas wie Erzählperspektive, Reim, Fremdsprache oder Deutsch, Aufbau, Anleihen an Genres oder bestimmte Formen und ähnliches. Für mich ist das aber ein Prozess, der all dies einschließt und der sich von Text zu Text vielleicht eher in Nuancen oder Anteilen oder der Entstehung unterscheidet, aber nicht qualitativ.
Natürlich kann ich einen bei einer KI angefragten Text als Vorlag benutzen. Ich glaube nur, die Vorstellung: da braucht es nur noch ein paar Tupfer hier und da bzw. es gehe darum, etwas, was dann noch fehlt, was der KI-Text nicht liefert, zu ergänzen - bestimmte sprachliche Wendungen, den ein oder anderen interessanten Einfall, zwei oder drei geänderte Reime etc. - greift zu kurz. Irgendwie muss ein Text komplett durch mich gegangen sein und es geht darum, den Wiederhall in mir in Worte zu fassen. Das ist qualitativ etwas anderes als "einen Text über Alkohol" zu schreiben im Sinne einer Hausarbeit oder eines Besinnungsaufsatzes.
Und darin liegt fĂĽr mich der Unterschied.
MIr ist bewußt, dass diese Erwartung an einen Text meine Erwartung an einen Text ist und nicht von allen geteilt werden muss. Mir ist auch bewußt, dass die meisten Texte sich auf einem Niveau von "ein Text über xyz schreiben" im Sinne einer Hausarbeit oder eines Besinnungsaufsatzes bewegt. Und mir ist auch bewußt, dass der Fakt, dass ein Thema durch eine/n Autor*in gegangen ist, nicht automatisch bedeutet, dass dieser Text dann eine besondere Qualität hat oder besonders individuell oder literarisch interessant ist.
Dennoch werden auch - und das sollte man sich vielleicht stärker bewußt machen - in trivialen bzw. gängigen songtexten oder bei Musik, wo der Text keine besondere Rolle spielt, Aussagen, Bilder, Werte, Gefühle etc. transportiert. Es ist einfach immer und in jedem Fall eine Aussage, eine Schilderung, ein Ausdruck der Welt und des/der Protagonisten/in. Jeder schlichte "boy meets girl"-Text sagt etwas aus, wie Menschen sich zueinander verhalten, sagt etwas aus über Rollenklischees und ob diese erfüllt werden oder nicht, sagt etwas über Gefühle aus etc. Und das erreicht zuverlässig die Ohren der Menschen. Man kann schlicht nicht nicht zuhören - genau so wie man nicht nicht kommunizieren kann. Man hört nicht über einen Text hinweg (jetzt mal vorausgesetzt, man versteht die Sprache) - der Text wird einfach unter "ach so - ist ja normal" eingestuft und ist damit aber eine Bestätigung dessen, "was normal ist". Natürlich muss man einem Text nicht eine besondere Aufmerksamkeit schenken - es geht aber darum, dass jeder Text, den man hört, eine bestimmte Wahrnehmungsschwelle erreicht. So ähnlich wie man bei einer Busfahrt Werbeplakate wahrnimmt - man tut es, ohne dass man ihnen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Sie werden gleichwohl wahrgenommen und in eine bestimmte Schublade gesteckt.
Alles, was ausschließlich aus dem Bestehenden schöpft, bestätigt das Bestehende. Das ist die normative Kraft des Faktischen.
Und zu dem, was nur aus dem Bestehenden schöpft, gehört KI - jedenfalls der Generation, die wir gerade vor uns haben.
Die Welt wird aufgefüllt mit Bestehendem. In einem immer höheren Maße.
Genau das läuft dem evolutionären Prozess entgegen und läßt eine wesentliche menschliche Fähigkeit ungenutzt: die der Inspiration, der Erfindung, des Spielens, des Visionären.
DAS ist es, was mir Sorgen macht.
x-Riff