Täuscht mich mein musikhistorisches Gedächtnis (bin leider erst seit Mitte der 2000er "im Biz" ;-) ) oder gab es früher im "Kleinamp"-Sektor auch mal bessere Treffer?
Wenn ich jetzt allein schon die Mitt-2000er Anfängercombos von H&K und Marshall (MG 1. Serie, H&K Edition Blue/Blonde) mit den 90ern (Attax, 1. Serie Valvestate) vergleiche schneiden doch auch in der allgemeinen Meinung letztere viel besser ab.
Da ist was dran. Der Marshall Valvestate hat sich damals verkauft wie geschnitten Brot. Der 8080 soll sogar einer von Jim Marshalls Lieblingen gewesen sein, weil er so oft über den Ladentisch ging. Das 8100-Top haben sogar "bekannte" Bands (Death, Life Of Agony, Prong usw.) gespielt. Ein Grund war natürlich, dass man mit dem Valvestate den damals angesagten Scoop-Sound hinbekommen hat, Contour-Regler sei Dank. Aber auch rockige Sachen klingen ganz ordentlich. Die zweite Generation war auch noch ganz gut (VSxxx), aber die 3. Generation mit dem Namen AVT 2000 war dann ein Rohrkrepierer. Schwachpunkt ist bei diesen Amps meiner Meinung nach aber neben den "Kinderkrankheiten" der 1. Generationen der Lautsprecher gewesen. Die großen Bands haben die Valvestates an einer 1960 gespielt und das ist schon etwas anderes als die pappigen Valvestate-Boxen oder die intern verbauten Speaker (der 8080 hatte aber glaube ich einen G12T an Bord).
Die 1. Genration der Valvestates bzw. der 8100 hat heute immer noch einen kleinen Kultstatus.
Die Alternative war damals entweder der Peavey Bandit, den aber keiner hatte, den ich kannte, weil einfach alle Marshall spielen wollten und natürlich die Attax-Serie von Hughes & Kettner. Ich kenne nur die 2. Generation mit dem silbernen Panel, aber schlecht verarbeitet war die auf keinen Fall. Einzig der Sound war etwas "beliebig" und "charakterlos".
Irgendwann hat Marshall dann angefangen, eine Serie unter den Valvestates zu etablieren. In den frühen 90ern wurden die "Billig-Marshalls" unter dem Park-Label vermarktet. Man erkannte zwar den großen Bruder am Design, aber es stand halt nicht Marshall drauf. Dann kamen irgendwann die MGs raus. Diesmal komplett ohne "Marketing-Röhre", die bei den Valvestates auch nicht so viel zu tun hatte (wurde nicht zur Verzerrung genutzt, sondern um das Signal "abzurunden"). Dafür mit typischen Übungsampfeatures wie CD-Eingang und Kopfhörerausgang. Abgerundet wurde das Featureboquet durch ein paar digitale Effekte. Also irgendwie eine Mischung aus Transistor-Rasierapparat und den damals langsam in Mode kommenden Modellingamps. Meiner Meinung nach hat Marshall mit jeder Generation etwas an Qualität eingebüßt. Die ersten Valvestates waren noch "Made in England" und man erkannte, dass sie die kleinen Brüder der großen Vollröhrenamps waren. Die MGs, die ja mehr oder weniger Nachfolger der Park-Sägen waren, wirkten optisch und haptisch einfach "billiger". Dafür gab es dann im Laufe der Jahre als "Lückenfüller" so etwas wie die Haze-Serie. Vielleicht auch ein Probelauf für die großflächige Produktion in Übersee.
Wenn man noch weiter zurück geht, in die 80er, dann wird man irgendwann auf die Lead MOSFET-Serie stoßen. Das waren damals die ersten Transistoramps von Marshall, die vom Sound her an den JCM 800 angelehnt waren. Die sollen sogar gut gewesen sein. Ich kenne den damaligen Preis nicht und glaube auch nicht, dass sie wirklich günstig waren, aber als Einstiegsmodell waren sie dann wohl doch schon ein paar Nummern besser als die MGs. Marshall hat meiner Meinung nach mit den MGs bewusst "schlecht" klingende Amps gebaut. Das sie auch bessere Transistorkisten bauen können, haben sie bewiesen.
Ich würde einem Anfänger auch eher zu einem gebrauchten Amp raten. Da gibt es bei wenig Budget einfach die bessere Auswahl. Mittlerweile scheint die Auswahl im Einsteigersegment aber höherwertiger zu sein als noch vor 10 Jahren. Ein paar Euro muss man aber schon auf den Tisch legen, um etwas zu bekommen, was auch noch Spaß macht und nicht gleich in der Ecke landet.