Machen wir uns nicht irgendetwas vor? Brauchen wir wirklich die teuersten Edelteile mit den feinsten (von Mdme Ibarra) "handgewickelte" Tonabnehmer?
Viele sogar 100€ Klampfen und Bässe haben heute eine derartig gute Qualität und die Verstärkertechnologie ist einstweilen so gut geworden, dass es heute eigentlich wurscht ist, mit welcher Preisklasse man spielt
Was sind eure Erfahrungen mit billig vs sündteuer?
Diese Fragen klingen zwar ähnlich, sind aus meiner Sicht aber keineswegs gleich zu beantworten.
"Brauchen" im objektiven Sinne tut man erst mal gar nichts bestimmtes, was die
E-Gitarre* betrifft, außer einem Amp, ein Kabel und ein bespielbares Instrument, das im Rahmen des möglichen bundrein ist, ordentlich eingestellt ist und nicht zu viele Störgeräusche einfängt. Also klar, schon gar keine Edel-PUs. Die Frage ist also eher, was man als Spieler zum Wohlfühlen braucht, um die Musik aus dem eigenen Kopf als realen Klang hervorzubringen. Ich sage bewusst "zum Wohlfühlen", womit schon klar sein sollte, dass es dafür eben keinen objektiven Maßstab geben kann. Da Musik nun mal eine Sache der individuellen Kreativität ist, kann es da gar kein "
wir brauchen" geben, weil sowohl die unterschiedlichen Musikstile als auch die individuellen körperlichen Eigenschaften und Soundvorstellungen jeweils andere Insrtumente erfordern.
So mancher braucht dafür ein Instrument, auf dem ich selbst keinen geraden Ton spielen könnte, wie z.B. SRVs Masocaster mit Abschleppseilen oder eine Jazzbox mit Flatwounds.
Deine zweite Bemerkung zielt wiederum nicht auf den Spieler, sondern auf den Zuhörer. In diesem Sinne ist es sicher richtig: Die Tools zur Verstärkung und Klangbearbeitung sind heute so mächtig, dass man mit einer 100 €-Billigklampfe auch Sounds himbekommt, die auf einer Topproduktion nicht negativ auffallen werden. Früher hätte ich noch gesagt: Na ja, zumindest sollte man die richtige Sorte PU haben, als SC, HB in PAF oder High Output, Filter'Tron, P-90 - aber selbst das kann man heute zur Not ganz gut hinbiegen. Ob das dem Spieler hinterher auch beim Einspielen Spaß gemacht hat, und wie inspiriert dann das Ergebnis war, ist aber eine ganz andere Frage.
Das verlinkte Video zeigt aus meiner Sicht genau das: Danish Pete spielt auf beiden Gitarren gut, es klingt auf der Squier auch erstmal richtig gut - solange man keinen direkten Vergleich hat... Für mich hat der Sound der CS-
Fender* dann doch ein ganz andere Tiefe und ja, Schönheit. Jedenfalls wenn ich es auf einigermaßen guten Boxen mit etwas gehobener Lautstärke höre. Auf dem Handy so nebenbei ist das auch für mich schnuppe, aber unter guten Hörbedingungen im direkten Vergleich sollte eigentlich jeder Gitarrist den Unterschied hören.
Ich habe mir das Video ein paar mal angehört, ist ja nicht sehr lang. Und dann habe ich mir in einem weiteren Durchlauf mal nur den Pete angesehen. Der ganze Körper entspannt sich, die Mundpartie wechselt von angespannter Konzentration bei der Squier nach den ersten Tönen auf der CS zu einem seligen Lächeln...
Zu Frage drei:
Ja, es gibt heute schon sehr günstig wirklich ordentliche Gitarren, das sehe ich auch so. Trotzdem ist der Unterschied billig/teuer für mich mindestens bis in die Bereiche der gehobenen Serienmodelle eigentlich immer noch deutlich spürbar. Dinge wie eine gute Abrichtung und Politur der Bünde, abgerundete Griffbrettkanten und ein gut gekerbter (d.h. nicht mit viel Sicherheitsmarge zu hoch belassener) Sattel kosten Zeit und Handarbeit. Und genau das macht mMn den Unterschied zwischen einer
Harley Benton* und einer
Fender* American Pro II aus.
Das und natürlich die Hardware. Enorm wichtig für den Ton, und im Einkauf halt auch nicht so günstig - also gibts bei einer 100 €-Strat nur ein billgst gefertigtes Guss-Trem, das sch... klingt. Meine günstigen Gitarren wurden von mir fast alle so aufgerüstet, dass sie sich nicht mehr so anfühlen und anhören - nur sind sie danach halt auch nicht mehr wirklich billig. Die neueren Harley Bentons, wie Fusion oder ST-Modern Plus und die Preisklasse ab 350 € sind für mich in etwa die Grenze, wo es schon gute Gitarren gibt, und in die man auch sinnvoll noch etwas nach persönlichem Geschmack investieren kann.
Von daher sehe ich nach unten immer noch eine gewisse Grenze, bis zu der nichts gebaut wird, was ich wirklich als klangschönes Instrument sehe, das ich einfach gerne in die Hand nehmen würde. Die ganz großen Baustellen sind nicht mehr so präsent, sprich die Bundierung ist heute normalerweise ausreichend gut, weil die Kopierfräsen immer besser werden und sich wohl die Ausbildung der Arbeiter durch den harten Wettbewerb auch verbessert hat. Aber halt nur "ausreichend".
Letzter Punkt: das leidige Holz. Ich hatte bis heute keine Strat aus Pappel in der Hand, die mich klanglich wirklich begeistert hätte. HB rein, heiße PUs, das können die oft richtig gut, aber einen Sound wie die CS-Fender im Video oben? Nee, und da helfen auch die besten PUs nix. Linde ist so ein Grenzfall (z.B. hatte ich schon ein paar echte Gute Premium AZ in der Hand), aber Erle ist für meinen Geschmack sozusagen treffsicherer. Scheint aber im Einkauf ein bissl teurer zu sein, jedenfalls ist sie in der ganz unteren Preisklasse immer noch wenig vertreten.
Wers anders sieht: bitte, niemand muss das so hören oder mir glauben. Meine Erfahrung ist eben diese, und mir macht es die Suche nach einer Gitarre leichter, nach Hölzern ein bisschen vorzusortieren.
Wenn man jetzt den Vergleich zu teuren und dann wieder zu "superteuren" Gitarren weiter ausdehnen will: Was den Bereich jenseits von PRS Core, Ibanez und FGN Japan, Fender American Pro II und Gibson USA angeht, gibt es klanglich und in der Spielbarkeit aus meiner Sicht nur noch wenig zu verbessern. Alles ist für mich etwas feiner und edler, auch nochmal gegenüber der 1.200 €-Klasse aus Indonesien und Korea. Da ist für mich persönlich tatsächlich so etwa das Ende der Fahnenstange. Jedes
weitere bisschen Qualität ist für mich dann aber 1. vor allem Individualisierung und 2. überproportional teuer. Und mein persönliches Spielgefühl treffen diese superteuren CS-, Private Stock usw.-Instrumente nicht wirklich öfter als die besagte "normale" Oberklasse.
Und dann gibt es natürlich noch die Schnäppchen - qualitative Ausreißer nach oben zum echt günstigen Preis, die einem einfach sofort liegen, und "zufällig" sehr gut verarbeitet aus der Fabrik kamen. Bei mir sind das vor allem zwei Gitarren, an denen ich auch kaum was ändern musste: meine Gretsch Electromatic Jet, die auch wirklich gute PUs hat (wenn sie auch etwas
anders klingen als US-Filter'Trons, aber mMn eben nicht
schlechter), und eine D'Angelico Premier Mini DC der neuen Serie, bei der mir auch die Supro Bolt-HB sehr gut gefallen. Besonders erfreulich, weil PUs tauschen bei einer Semi echte eine Strafarbeit ist... Beide waren jedenfalls ab Werk schon 1a zu bespielen, auch wenn ich routinemäßig noch ein bisschen den Sattel nachgekerbt habe, was die Saitenlage noch weiter reduzieren ließ. Dass die Bundierung das schnarrfrei hergegeben hat, ist ein Zeichen für die sorgfältige Verarbeitung. Ich muss dazu sagen, dass ich die D'Angelico zwar für um die 450 € bekommen habe, sie neu aber schon um die 800 E kostet. Trotzdem finde ich die Verarbeitung absolut top und ohne weiteres vergleichbar mit Gitarren aus Japan oder USA. Einzige ausnahme sind die kleinen Potis, aber hören tut man die ja nun nicht und bisher tun sie klaglos ihren Dienst und sind auch gleichmäßig zu regeln.
Gruß, bagotrix