Das Schild

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hobz biz-zejt

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Es gibt diesen Gedanken, dass man einen Text oder ein Lied toll findet und dann sagt, "das hätte ich gern selber so geschrieben" oder "sowas würde ich gern mal hinkriegen".

Der folgende Text ist anders.
Er ist so, wie ich Texte eigentlich eher nicht so gut find: Etwas lang, ein bisschen schwatzig, ein paar sprachliche Extrarunden drehend, am Schluss knapp an der Grenze zum "billig" sein.

Trotzdem stolpere ich immer wieder drüber, lese ihn und stelle fest, dass ich ihn sehr mag.

Dafür mag es unterschiedliche Gründe geben:
Von Anfang an hatte ich einen eingängigen und natürlichen Fluss im Ohr, so dass ich die ganze Geschichte trotz ihrer Länge mir gern selber gedanklich vortrage.
Ebenfalls ganz am Anfang gab es diesen Moment, wo ich als Auslöser wirklich dieses Schild vor Auge hatte und aus einem ersten Gedanken dann sehr schnell eine Geschichte entstand und ich deswegen sehr konkrete Bilder zu den Textzeilen im Kopf hab.

Mich interessiert, wie es auf andere wirkt.
Kommt das, was ich versucht hab zu beschreiben, warum es für mich funktioniert, auch für andere rüber?
Oder eben nicht. Dann wär es ein Stück, das in meiner Welt seinen Platz hat, wenn es daraus heraustritt, aber verliert, was einerseits schade, auf eine eigene Art aber auch wieder faszinierend wäre.

Soweit zur Vorrede, hier also der Text...



Das Schild

Sein Schild hing leicht schräg
und war doch vorher nie so
weil er Dinge stets sah
und gerade zog
und es nie hätt geschafft
einfach weiterzugehen
und den Makel von irgendwas
nicht zu erspähen

Allen anderen war klar
dass irgendwas anders war
vielleicht anders gemacht
vielleicht anders geputzt
vielleicht von der Putzfrau
was anderes benutzt
Doch wahrscheinlich doch nichts
was bedeutsam war
und ganz sicher nicht das
wovon man morgen noch sprach

In der Luft lag ein Duft
als wär anders geputzt

Weit hinten im Garten
lag seine Lieblingshecke
Dort sah man am Abend
ihn manchmal sich strecken
Versteckt vor den Blicken
entspannt und ihn Ruh
öffnete kurz sich die Tür
und ging dann schnell wieder zu

Jetzt blieb er aus
und das Schild wie es war
und anders als sonst
und auch sonst sonderbar
war ein Zweig jener Hecke
ihrer Form entkommen
und länger als sonst
wurde nichts unternommen
Kein ordnender Geist
lief mit strammem Schritt
Keine Hand griff zur Schere
für den akkuraten Schnitt

Und spätestens da
wurde mehr und mehr klar
dass irgendwas anders war
weil es ganz anders war
nicht nur anders gemacht
oder anders geputzt
in der Luft lag ein Duft wie abgenutzt

Irgendwann kam Gewitter
und ein Wind zog durchs Haus
und das Schild hing nicht schräg nur
sondern sprang ganz heraus
aus dem Rahmen zu Boden
und dann lag es da
Jemand wagte zu klopfen
weil den Grund er nun sah
Wie war noch der Name?
Ach, da stand er ja

Doch eine Antwort blieb aus
selbst nach Drängen und Fragen
Und so wurde entschieden
nach Tagen des Tagens
das Schild zu nehmen
und wieder aufzuhängen
Akkurat gerade
wie es sich gehörte
wie es vorher stets war
und endlich niemand mehr störte

In der Luft lag ein Duft
wie ganz leicht verschmutzt
vielleicht anders gemacht
vielleicht anders geputzt
vielleicht von der Putzfrau was anderes benutzt
Doch wahrscheinlich doch nichts
was bedeutsam war
Und ganz sicher nicht das
wovon man morgen noch sprach
 
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Ich sehe viele schöne ,teils sehr peotische Ecken, die mich schmunzeln lassen. Klasse!
Mir fehlen allerdings das Thema sowie Intention (Botschaft) gänzlich. Als reine Prosa kein Thema.
Als (klassischer) Song eher schwierig. Keine Kapitel (Strophen), kein emotionaler Kern (Chorus, Hook), keine Intention, keine Botschaft.
Ich kann mir das musikalisch aber gut iim Kontext einer schwebenden, strukturlosen Musik vorstellen, wie eine Art Gedanken-/Fantasiereise. Ist doch ein schöner, etwas zielloser Text.
Gruß
Micha
 
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Starker Text. Das da keine Geschichte erzählt wird, finde ich nicht. Natürlich kann man dazu eine musikalische Begleitung basteln, und ich hab das Gefühl, diese dürfte sich dann von gängiger Struktur absetzen. Das sollte man angehen!
 
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Starker Text. Das da keine Geschichte erzählt wird, finde ich nicht.
Findest Du nicht. Kannst Du mir die Geschichte einmal darlegen? Das was faktisch erzählt wird. Worum es ganz offensichtlich geht.
Der Text arbeitet für mich durchgängig mit (poetischen) Andeutungen, ist also Projektionsfläche. Da kann dann jeder drin lesen, was er mag.
Eine greifbare Story erschließt sich mir jedoch nicht. Oder ich bin verpeilt.
 
Naja, greifbare Story. Muss ja kein Roman erzählt werden in einem Song.
Für mein Verständnis geht es um einen Menschen, der stets präsent, und doch irgendwie unsichtbar ist (war). Dessen Handeln einem auffällt, in diesem Fall eine penible Akkuratesse, oder auch Kleinlichkeit, welche die Beobachter so nicht an den Tag legen. Im Text geht es nun darum, daß dem Umfeld dieses Menschen dessen Abwesenheit erst durch die ausbleibende "Ordnung" bewusst wird.

Ich bin selbst nun absolut kein Profi, wenn es um Prosa, Lyrik und so weiter geht. Textanalyse habe ich schon in der Schule nicht leiden können, da sie jedem Satz dessen Zauber beraubte.
Mich erinnert der Text mit seinem banal wirkenden Inhalt in der Wirkung ein wenig an Raymond Carver und seine bildlichen Alltagsbeschreibungen. Der Text spricht mich halt an, ich habe Bilder im Kopf. Selbst wenn ich daneben liege und @hobz biz-zejt etwas ganz anderes meinte, ist es doch in Ordnung. Jedenfalls gibt's zahlreiche Welthits, deren Lyrics für mich viel weniger Sinn ergeben....
 
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Alles gut. Solche Texte funktionieren bestens. Ich hatte das nie moniert, nur in einem bestimmten zusammanhang (klass. Song) unter funktionellen Aspekten in Frage gestellt.
 
@Vocal Voyage
Du beobachtest, dass dem Text keine "Botschaft" innewohne. Unabhängig davon, ob ich deine Beobachtung teile oder nicht, möchte ich dich fragen, warum du es für notwendig hältst, dass ein Text eine Botschaft habe.
 
Ich musste den 3x lesen :D Krasser Text, der immer wieder besser wird, je öfter ich den lese. Ich finde den sogar etwas unheimlich. Regt zum Nachdenken an....um was geht es da? Was will mir der Text sagen? Ist jemand verschwunden? Wird das Verschwinden ignoriert von anderen Menschen? Ist das sogar egal?
Toll.
 
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In diesem Forum erwarte ich eigentlich Songtexte. Also Texte, die versuchen, gemeinsam mit einer Musik, Vers für Vers eine berührende Einheit zu bilden. Eine schwierige Aufgabe!

Für mich setzt sie voraus, dass meine Innenwelt HIER sofort beginnt, zunächst fast unbemerkt, , die Worte mit musikalischen Motiven zu verbinden. Diese Motive haben jeweils Anfang und Ende.
Und dazu meistens noch einen Refrain, der mir hilft, Sound und Rhythmus eines Textes rechtzeitig zu erahnen.

Derart musikalisch reagiere ich nicht auf Prosa. Deren Sätze sind sehr locker verbunden, eignen sich nur sehr selten, in mir Musik auszulösen.

Anders Liedverse, die fast immer durch Reime oder andere Phonologie mehr oder weniger stark miteinander verbunden sind. Mein Innenleben reagiert auf diese Verbindungen komponierend. Und falls nicht, steigt es aus diesem Forum aus. Das bedeutet keine Missachtung. Es gleicht eher einem Einkauf, wo ich, meistens in Eile, halt selten stehen bleibe!

Wie jeder andere Käufer habe ich einen eigenen Geschmack. Und in diesem Falle sehe ich beim Bäcker plötzlich Schuhe im Regal. Sorry, lieber hobz biz-zejt. 😉
 
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  • #10
@Vocal Voyage
Du beobachtest, dass dem Text keine "Botschaft" innewohne. Unabhängig davon, ob ich deine Beobachtung teile oder nicht, möchte ich dich fragen, warum du es für notwendig hältst, dass ein Text eine Botschaft habe.
Den Grund hatte ich mitgeliefert. Und er war auf das Thema klassischer Songtext bezogen bzw. reduziert.
Les Dir meine Einlassungen bitte nochmal ganz und in Ruhe durch, vor allem die erste.
Viele Grüße
MIcha
 
  • #11
Für mich ein Text zwischen Romantik und subtilem Horror in der Richtung Edgar Allen Poe.

An winzigen Änderungen scheint etwas auf, das selbst nicht erklärt oder aufgelöst wird - dadurch entsteht für mich der Reiz des selbst fast unscheinbaren, langsamen Textes.

Kann mir eine Umsetzung als Ballade vorstellen oder eine musikalisch untermalte Erzählung oder eine Form, in der ein instrumentelles Stück einen Text illustriert - ähnlich wie dies ein Bild könnte.

Ein Text braucht für mich keine Botschaft zu haben - er kann, aber muss nicht.

x-Riff
 
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  • #12
@Vocal Voyage

Hey, Micha
Tatsächlich habe ich beim Lesen deiner Originalantwort einen Denk-/Lesefehler gemacht. Du schriebst "Als Prosa [ist das gut,] kein Thema" und ich las "Als Prosa [hat der Text] kein Thema."


Trotzdem stolper ich über "Als Song eher schwierig [... weil] keine Intention, keine klare Botschaft." Das scheint zu beinhalten, dass für dich ein Songtext, damit er funktioniert, so etwas wie eine Botschaft haben müsse und dazu würde mich ganz im Ernst deine Meinung interessieren. 👍🏼
 
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  • #13
Der Text erinnert mich an Die Fahrt zum Leuchtturm von Virginia Woolfe. Speziell an die Passage, in der sie die vergehende Zeit anhand des allmählichen Verfalls eines Hauses beschreibt.

Ich denke, da kann man ein sehr poetisches Lied mit viel Tiefgang daraus machen.
 
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  • #14
@Vocal Voyage

Hey, Micha
Tatsächlich habe ich beim Lesen deiner Originalantwort einen Denk-/Lesefehler gemacht. Du schriebst "Als Prosa [ist das gut,] kein Thema" und ich las "Als Prosa [hat der Text] kein Thema."
Trotzdem stolper ich über "Als Song eher schwierig [... weil] keine Intention, keine klare Botschaft." Das scheint zu beinhalten, dass für dich ein Songtext, damit er funktioniert, so etwas wie eine Botschaft haben müsse und dazu würde mich ganz im Ernst deine Meinung interessieren. 👍🏼
Hi Janek
ja gerne. Es gibt Fachliteratur zum Thema Songwriting, sowie einen YT-Kanal, den ich Dir dbzgl. ans Herz legen möchte. https://www.youtube.com/@andreastolpe
Ich habe mich zunächst mit den relevanten Büchern zum Thema Songwriting beschäftigt, und mich dann noch mit einer Dissertation zum Thema "Was macht einen Hit zum Hit" (frei übersetzt) auseinandergesetzt.... die war nicht so spannend, weil ich nie 'nen Hit schreiben wollte.
Dann habe ich den Kanal von Andrea Stolpe entdeckt, der den fehlenden Baustein "Musik" ins Songwriting integriert. Hier gibt es ebenso einfache Regeln, die einem das Leben leicht machen, wenn man sie kennt.
Ich finde, sie erklärt alles ganz wunderbar! Die Bücher waren schon klasse, haben aber keine musikaliksche Verbindung geschaffen. A. Stolpe war aber der entscheidende Schlüssel Ist gerade mal 2 oder 3 Wochen her.
Ich freue mich über die Möglichkeiten, die ich jetzt habe, und auf all das, was jetzt kommen kann :)

Zurück zu Deiner Frage. Und ich möchte weg vom Wort "Meinung". Es gibt nämlich Regeln. Hör Dir mal ganz bewusst Songs an. Analysiere Struktur, musik und Texte. Sie Songs unterliegen zu 90% oder mehr bestimmten Mustern. Musikalisch wie textlich. Was ich ansprach, ist eines der grundlegendsten Muster. Die Verse haben 'ne Fnktion, der Refrain 'ne andere, dann hätten wir noch die Hook und die Bridge, meinetwegen noch Intro und Outro. Alle Teile unterliegen musikalischen und textlichen Mustern. Wer sie kennt, hat es deutlich leichter.

Songs brauchen auf jeden Fall EINE und nur EINE klare Botschaft! Es geht im Kern sogar nur um ein zentrfales Gefühl. Das entfalte sich im Refrain. Verse können Scheiße sein, wenn der Refrain (der große Mitsingteil) ins Herz trifft. Und das kann man steuern.

Wegen der EINEN klaren zentralen Botschaft...
Du kannst bspw. aus dem Song "Ohne Dich", der hier parallel diskutiert wird, 20 weitere, und sehr unterschiedliche Songs schreiben, über exakt dieselbe Situation. Kannst die Erzählperspektive ändern, den Protagonisten, den Zeitpunkt des Geschehens, die Ansprache an den Hörer (man kann ihn auf "Du" umstellen), den Fokus ändern, das Gefühl - und und und. Die Möglichkeiten sind imens, wenn man den Fokus, das zentrale Thema aus einem etwas anderen Blíckwinkel betrachtet. Da kommt mir gerade de Idee, dass der Text aus der Sicht des verstorbenen Parners geschrieben sein könnte :-D Und vllt. kommt am Ende noch eine überrachsende Wendung (das wäre dann eine typ. Bridge (=Wendung, neuer Aspekt usw.)), dass plötzlich klar wird, dass ER SELBST sich das alles nur vorstellt, was sie wohl auf der Wolke denken würde, usw. ... die Gedanken also dem Reich seiner Fantasie stammen (Grusel beendet ;-) ). Schöner Ansatz, lege ich mir mal auf Wiedervorlage :cool:

Viele Grüße
Micha

PS: ich mag auch so Prosa-Produktionen, die völlig frei und ohne LInie sind.
Ist nur 'ne andere Sorte. Alles was zählst ist, dass Du jemanden irgendwie berührst. Musik / Texte sind da nur ein Transponder.
 
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  • #15
Ich habe den Text jetzt sicher schon fünfmal gelesen, daraus lässt sich wohl ableiten, dass er mir sehr gefällt. Ich bin da bei @HerzMusik und @x-Riff und interpretiere daraus eine Geschichte um einen Menschen, der nicht mehr da ist, und sein Verschwinden oder wahrscheinliches Ableben wird trotz deutlicher Anzeichen und sogar einem sich verstärkendem Geruch aus seiner Wohnung von allen ignoriert. Das ist sehr subtil beschrieben und lässt sich vielleicht auch noch anders verstehen.

Eine "Botschaft" lässt sich, wenn man sie braucht, dadurch auch herleiten: kümmert euch um eure Mitmenschen. Ich halte es aber jetzt auch nicht für ein Qualitätsmerkmal eines Texts, ob er eine Botschaft hat oder nicht. Ich empfinde im Gegenteil manche Texte, die primär um die Vermittlung einer Botschaft kreisen, als wenig inspirierend und eher uninteressant. "If you want a message, call Western Union" - ich dachte eigentlich, es sei von Bob Dylan, ist aber wohl Allgemeingut. Text- und Kompositionsregeln mögen bei der Erstellung hilfreich sein. Aber bei vorhandenem Werken muss man diese meiner Meinung nach nicht unter eine Schablone legen und danach beurteilen, ob sie da reinpassen.
 
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  • Ersteller
  • #16
Danke für alle Kommentare so weit.
Ich war lang umschlüssig, wo ich selber kommentieren sollte, fang aber mal an mit ein paar Gedanken zur Gestaltung von Texten.

@Vocal Voyage hat ausführlich geschrieben über mögliche Regeln. Da war ich gleich hellhörig und interessiert.

Die für mich zentrale Aussage lautet "Songs brauchen auf jeden Fall EINE und nur EINE klare Botschaft! Es geht im Kern sogar nur um ein zentrales Gefühl."

Die Festlegung auf die Zahl 1 macht für mich Sinn, speziell in einem Lehrbuch, wo man erste Orientierung geben will.

Mögliche andere Ansätze könnten schließlich auch sein, so zu schreiben, dass man auf überhaupt keinen irgendwie klar benennbaren Punkt kommt, oder - gegenteilig dazu - alles und nichts durcheinander zu werfen und damit praktisch Unmengen an unterschiedlichen Themen miteinander zu verquirlen. Das wäre alles eher schlecht, die Zahl 1 von daher schon eine gute Wahl.

Die "KLARE Botschaft" lässt mich an die Geschichte von der Hummel denken, die eigentlich nicht fliegen kann, es nur noch nicht weiß.

So viele Stücke haben keine klare Botschaft, eher das Gegenteil, und wurden trotzdem erfolgreich:
"Stairway to heaven", "Hotel California", "Bohemian Rhapsody", "Smells Like Teen Spirit".

Vielleicht ist es aber erfolgsversprechender, mit Klarheit zu starten und dann kreativ zu werden als andersrum. Von daher will ich die "klare Botschaft" auch nicht als ganz falsch abtun.

Mein Text "Das Schild" hat meiner Meinung nach schon eine Geschichte und auch ein zentrales, sich durch alles durchziehendes Gefühl, eine klare Botschaft dagegen eher nicht. Die hätte ich einbauen können am Ende, habe das aber bewusst nicht gemacht, auch weil ich nicht wusste, was eine für den Text passende Botschaft wäre.

Ich hab in meinem Ursprungspost ja beschrieben, wie sich der Text entwickelt hat und wie ich ihn sehe.

Es war nicht so, dass ich eine bestimmte Geschichte mit einer bestimmten Botschaft erzählen wollte und dann an diesem Ziel ausgerichtet anfing. Tatsächlich war am Anfang ein Zufallsmoment und dann der Gedanke, mal zu schauen, wozu der sich entwickeln kann.

Ich habe jetzt versucht, mich zu erinnern, was ich dabei alles im Kopf hatte.

Ich glaube, dass ich tatsächlich dieses Bild hatte, eine Tür, ein Namens-Türschild, ein Detail, das anders war und um alles herum ein Treppenhaus.

Was könnte daraus jetzt werden?

Vielleicht geht man noch näher ran, so als ob man dadurch Details erkennen oder durch die Tür hindurch kucken könnte. Vielleicht kommen im Laufe der Zeit andere Bewohner vorbei. Man fragt sich:
Haben die auch was bemerkt? Oder finden die mein Hier-Herumstehen komisch? Sagt irgendwann irgendwer was? Oder soll ich jemand ansprechen?

Je mehr Zeit so verstreicht, desto mehr kommt das Bedürfnis, das eigene Tun und Denken zu lenken. Man will ja nicht eingestehen, komplett nutzlosen Gedanken hinterherzujagen.

Also, nächste Ebene:
Wer wohnt denn hinter dieser Tür überhaupt? Kenne ich den? Weiß ich von dem irgendwas? Höre ich irgendwas? Rieche ich irgendwas? Ist das hier der Udo Jürgenssche Geruch von Bohnerwachs und Spießigkeit? Oder kommt als nächstes Hans-Hubert Vogts zur Eingangstür herein mit einem kleinen Kaninchen auf dem Arm, läuft schnurrstracks zur Tür, erkennt "es riecht nach Gas!" und rettet uns allen damit das Leben?

Vielleicht ist dieser Bewohner ja verstorben. Sein schräges Schild wäre dann eine Art letzte indirekte Botschaft.

Ohne schon zu wissen, was von alledem wirklich gilt, bräuchte es für die Gestaltung einer Geschichte ein paar Überlegungen und Weichenstellungen.


1. Punkt:
Wenn im Zentrum von allem ein leicht schräges Schild steht, dann ist das ein Detail und hätte in den meisten anderen Zusammenhängen keinerlei Bedeutung. Wenn es hier anders sein soll, dann muss vermittelt werden, warum dies so ist, warum dieses Detail hier so bedeutsam ist.

Die Erklärung ist der Widerspruch zur wahrgenommenen Detailversessenheit und Ordnungsliebe der Hauptperson.

Große Teile des Textes drehen sich um nichts anderes.

Zu Anfang:
Sein Schild hing leicht schräg
und war doch vorher nie so
weil er Dinge stets sah
und gerade zog
und es nie hätt geschafft
einfach weiterzugehen
und den Makel von irgendwas
nicht zu erspähen

Nach einer Beschreibung des Schildes kommen sieben Zeilen, die listenmäßig aufführen, warum diese Abweichung vom Normalen so ungewöhnlich ist.

In meinem Ursprungspost hatte ich kritisch angemerkt, dass ich an manchen Stellen im Text ein paar sprachliche Extra-Runden drehe. Das hier ist ein Beispiel, sogar ein extremes. Die Aussage ist sehr redundant. Der Text sagt immer und immer wieder das gleiche.

Ich finde das aber gar nicht schlecht, sondern sogar interessant, weil die gewählte Sprache so agiert wie der beschriebene Charakter:
Pedantisch, Dinge wiederholend und dadurch Kontrolle sicherstellend.

Später im Garten bei der Hecke wiederholt sich dieses Prinzip:
...und länger als sonst
wurde nichts unternommen
Kein ordnender Geist
lief mit strammem Schritt
Keine Hand griff zur Schere
für den akkuraten Schnitt

Der dem Charakter entsprechende Normalfall wäre:
Sofortiges agieren mit Körper, Geist und Werkzeug, ordnend, stramm und akkurat.

Oder andersrum: Wieder wird lang und breit erklärt, was anders ist als sonst.


Punkt 2:
Eine mögliche Sorge war dies:
Wenn ein Text nichts ist außer einer technisch, nerdigen Abhandlung über Details und komische Verhaltensweisen, dann erreicht dies niemanden, weil dann der menschliche Bezug und die Möglichkeit, mit irgendjemand mitzufühlen, fehlt.

Deswegen war die Überlegung, ich muss zumindest einen kleinen Blick auf unsere Hauptperson erlauben. Diese muss mehr sein als ein unsichtbares Phantom. Sie möglicherweise zu verlieren, muss ein Gefühl von Verlust auslösen.

Das habe ich versucht mit der Strophe über den Garten zu erreichen:
Weit hinten im Garten
lag seine Lieblingshecke
Dort sah man am Abend
ihn manchmal sich strecken
Versteckt vor den Blicken
entspannt und ihn Ruh
öffnete kurz sich die Tür
und ging dann schnell wieder zu

Die Zeilen stehen natürlich nicht in Widerspruch zur sonstigen Beschreibung. Die Person ist zurückgezogen und ein Mysterium.

Aber es ist auch der Versuch kleine Andeutungen zu machen über beispielsweise ein, auch bildlich zu verstehendes, Türchen, das sich kurz mal öffnet, über kleine vorsichtige Schritte, kurz, über ein auch menschliches Gesicht, das man vielleicht sogar gerne noch besser kennengelernt hätte.


Punkt 3:
Das waren jetzt eineinhalb zentrale Gedanken. Eineinhalb, weil die Überlegungen zum Schild und die zur Hauptperson ja miteinander verbunden sind.

Wie fügen sich diese Punkte jetzt irgendwie zusammen, wie wird daraus mehr als ein statisches "so ist es, so erklärt es sich, mehr gibt's dazu aber nicht"?

Es bleibt die Frage, was wirklich passiert ist, was Erklärung ist für die in Punkt 1 beschriebene Änderung.

Die sich wiederholende Klammer in dem Stück ist dieser Abschnitt von wegen "allen anderen war klar, dass irgendwas anders war...".

Dieser Teilbereich ist der, der am stärksten vom Bauchgefühl geprägt ist.
Ich glaube, ich hatte relativ früh und von ganz allein diese Zeilen mit der Putzfrau und dem Duft und dem "was anderes benutzt".

Besonders klug sind diese Zeilen nicht.

Mir ging es darum, etwas subtil Unheimliches zu formulieren und die Unfähigkeit der Gemeinschaft im Umgang mit einer neuen Situation und möglicherweise echter Veränderung auszudrücken.


Das war jetzt mal eine andere Art von "Auflösung", nicht worum es geht oder wie alles zu verstehen ist, sondern nur, wie ich versucht habe, aus einer diffusen Idee einen Text zu machen.
Anstatt Regeln für Liedtexte zu benennen, wäre das ein Beispiel für Überlegungen, die sich am konkreten Beispiel ergeben.
 
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  • #17
Wow, lange Auseinanersetzung!
@Vocal Voyage hat ausführlich geschrieben über mögliche Regeln. Da war ich gleich hellhörig und interessiert.
Die für mich zentrale Aussage lautet "Songs brauchen auf jeden Fall EINE und nur EINE klare Botschaft! Es geht im Kern sogar nur um ein zentrales Gefühl."
Die Festlegung auf die Zahl 1 macht für mich Sinn, speziell in einem Lehrbuch, wo man erste Orientierung geben will.
Das ist keine feste Regel. Hält den Zuhörer aber bei der Stange.
Mögliche andere Ansätze könnten schließlich auch sein, so zu schreiben, dass man auf überhaupt keinen irgendwie klar benennbaren Punkt kommt,
JA, auch das geht. Die FRage ist, für welches Genre Du schreibst, oder viellciht auch nur fürs eigene Tagebuch. Bei Techno & Co brauchst Du garkeine sinnhaften Texte, da geht es nur um Energie. Bie den Songs aus den späten 60ern ging es um treiben lassen im Rausch. Die genannten Regeln beziehen sich auf bestimmte Genre.
oder - gegenteilig dazu - alles und nichts durcheinander zu werfen und damit praktisch Unmengen an unterschiedlichen Themen miteinander zu verquirlen. Das wäre alles eher schlecht, die Zahl 1 von daher schon eine gute Wahl.

Die "KLARE Botschaft" lässt mich an die Geschichte von der Hummel denken, die eigentlich nicht fliegen kann, es nur noch nicht weiß.
Uuh, da wäre ich nie druaf gekommen.
So viele Stücke haben keine klare Botschaft, eher das Gegenteil, und wurden trotzdem erfolgreich:
"Stairway to heaven", "Hotel California", "Bohemian Rhapsody", "Smells Like Teen Spirit".
Wie gesagt, anderes Genre UND andere Zeit! Das Ziel der Songs war es icht inhaltliche zu vermitteln, dene Zuhörer in den Text zu ziehen und zu berühren.
Da stand eher das musikalische, teilweise im Rauschzustand im Vordergrund. Die Energie, wenn Du so willst...
Vielleicht ist es aber erfolgsversprechender, mit Klarheit zu starten und dann kreativ zu werden als andersrum. Von daher will ich die "klare Botschaft" auch nicht als ganz falsch abtun.
Sobald Du Dene Texte erklärn musst, sind sie nicht ausreichend verständlich. Es sei denn ,genau das war Dein Ziel. Das wäre quasi der Lakmustest.
DU verstehst was Du schreibst, weil Du den Kontext hast / der Schreiber bist. Aus dem Grunde stelle ich meine Texte hier nochmal ein, und achte vor allem darauf, wie gut sie (von den meisten) verstanden werden.
Was könnte daraus jetzt werden?
Zentrale Frage!
Das DIng hat wunderbare Lyrik! Verwerf die bloß nicht.
Wenn es mal ein klass. Song werden soll, brauchst Du aber einen Bezugsrahmen und indes eine Strategie. Sonst räst Du nur herum

Ich mache es mal kurz und verlinke zwei Bücher, die sich mit Songtextentwicklung beschäftigen.
Danach bist Du orientiert und wirst Texte gezielt schrieben können, die "hooken" (den Leser mitnehmen).

1. Songtexte schreiben (Handwerk und Dramaturgie)
Ist eingängig, gut für einen ersten Einstieg, mehr nicht
Ich habe mit Buch zwei begonnen, und fand das erste dann unbedeutsamer

2. Mehr als nur Worte - Erfolgreich Songtexte schreiben
sperrig zu lesen, kleine Schrift, viele Tabellendarstellungen usw. Hat Fachbuch-Charme.
ABER sehr gehaltvoll. Am Ende jedes Kapitels gibt es Übungen, wer es mag...

Die Bücher versuchen Dich ncht in irgendeine Rolle zu pressen, sondern geben Dir lediglich Orientierung und viel textliches / stilistisches Handwerk an die Hand. Sie legen dar, warum was gut funktioniert / und was nicht. Am Anfang steht immer ein unlimitierter kreativer Fluss ohne Limits und Don'ts. Hört sich "Regelwerk" an. Regel brechen als Stilmittel gehört explizit dazu.
Es gibt Quellen zum Thema Songwriting im Netz. Das meiste bleibt an der Oberfläche, erklärt die Mechanismen nicht. Deswegen erwähne ich sie nicht weiter.

VG
Micha
 
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  • #18
Ich bin hin und her gerissen... Es gibt schöne Passagen und auch das Gefühl, in eine Art "Story" hineingezogen zu werden. Dann aber bricht das unerklärlicherwiese wieder auseinander und ich kann schwer folgen.

Vielleicht ein Beispiel:
Diese Passage gefällt mir sehr: Behende und mit elegantem Witz ist das geschrieben. Und macht Lust auf mehr.
Allen anderen war klar
dass irgendwas anders war
vielleicht anders gemacht
vielleicht anders geputzt
vielleicht von der Putzfrau
was anderes benutzt
(y)

Leider sammelst Du die Tatsache, dass es etwas "anderes" in der Luft liegt gleich wieder ein. "Schade", denke ich. "War wohl doch nicht so anders oder wichtig."
Doch wahrscheinlich doch nichts
was bedeutsam war
und ganz sicher nicht das
wovon man morgen noch sprach


Wie fügen sich diese Punkte jetzt irgendwie zusammen, wie wird daraus mehr als ein statisches "so ist es, so erklärt es sich, mehr gibt's dazu aber nicht"?
Der Ort spielt mMn eine große Rolle in dem Text... für mich sogar die Hauptrolle. Das Schild, das anders hängt.... ein Ort, der von der Putzfrau geputzt wird. Du erwähnst in Deinem Post #16 das Treppenhaus - ich finde das aber im Text nicht. In meinem Kopf entspann sich eher das Bild eines Hauses mit Garten / Wiese und das Schild befindet sich am Haus oder vorn am Tor zum Grundstück. Ich finde das Treppenhaus aber direkter und packender. Vielleicht wäre es hilfreich, die Szenerie genauer zu beschreiben. Und auch Deine Phantasie, die der Geschichte zugrunde liegt, genauer auszugestalten.
 
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  • Ersteller
  • #19
Der Ort spielt mMn eine große Rolle in dem Text... für mich sogar die Hauptrolle. Das Schild, das anders hängt.... ein Ort, der von der Putzfrau geputzt wird. Du erwähnst in Deinem Post #16 das Treppenhaus - ich finde das aber im Text nicht. In meinem Kopf entspann sich eher das Bild eines Hauses mit Garten / Wiese und das Schild befindet sich am Haus oder vorn am Tor zum Grundstück. Ich finde das Treppenhaus aber direkter und packender. Vielleicht wäre es hilfreich, die Szenerie genauer zu beschreiben. Und auch Deine Phantasie, die der Geschichte zugrunde liegt, genauer auszugestalten.
Das ist ein guter Punkt und ein legitimer Hinweis. Das richtig zu verorten, ist entscheidend fürs Verständnis.

Und ich gebe zu, ich hatte automatisch eine Szenerie mit Treppenhaus vor meinem geistigen Auge.

Erst dadurch fügt sich zusammen, dass viele Leute unter einem gemeinsamen Dach nah beieinander leben, unbewusst vertraut sind mit Details und Oberflächlichkeiten wie Namen an Türen oder dem Geruch der wöchentlichen Treppenhausreinigung, gleichzeitig sich aber nicht wirklich kennen.

Ich beginne zu verstehen, wie man den Text liest, wenn man diesen Einstieg nicht hat.
 
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