DDR - Qualität??

von Marinolt, 03.05.16.

  1. Marinolt

    Marinolt Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 03.05.16   #1
    Hallo,
    die vielen interessanten Beiträge hier im Forum animieren mich zu diesem Beitrag mit der etwas provokanten Frage, ich garniere das mit der zugehörigen Geschichte, wie sie das Leben scheinbar öfter schreibt:
    Das alte Akkordeon meines Vaters lachte mich an und wollte entsorgt oder instandgesetzt werden. Ich hatte als Kind ein paar Mal drauf geübt, mehr nicht, der Vater war kein guter Lehrer, hatte auf dem Bauernhof auch nicht die Zeit dafür.
    Es ist ein altes Rauner, 34 Tasten/80 Bässe. Wohl ein Vorkriegsmodell, alles aus Holz, schöner Klang, 2 Register-Diskant. In den 70ern kamen schon nicht alle Töne und mein Vater kaufte in den 80ern ein Weltmeister Stella, 41 Tasten, 4 Chöre/11Register, 120 Bässe/5 Register, viel Aluminium und Stimmstöcke aus Plaste.
    Ich nahm mir das Rauner vor und tastete mich an die Technik heran, informierte mich per Google hier im Forum, bin davon begeistert!
    Ich konnte so mit dem, was ich vorfand, viel mehr anfangen. Vor 10 Jahren habe ich schon mal reingeschaut in das Instrument, da klemmten 1-2 Tasten und nachdem ich die Achse der Tasten nicht bewegt bekam, habe ich es wieder weggestellt.
    Jetzt, da wohl trockener gelagert, klemmte nichts mehr. Allerdings waren etliche Stimmzungen mit Flugrost belegt, das ließ sich aber gut mit der kleinen Messingbürste im Dremel beseitigen, ohne die Leder-Ventile abzureißen. Die aber sind nicht mehr anliegend, werden nun also erneuert.
    Einige Zungen stehen weiter ab als gut ist, das habe ich hier im Beitrag 'Stimmstock und Stimmplatten...' und 'Stimmplatteneffekte ...' gelernt, Herzlichen Dank an Maxito!
    Bei dem wohl 70 Jahre alten Rauner ist das Wachs noch ziemlich in Ordnung.
    In den Beiträgen fand ich dann auch die Frage, ob ein (Wieder-)Erlernen mit Piano-Akko sinnvoller ist oder ein Knopfakkordeon sich anbietet.
    Ich habe dann nach einem günstigen Knopf-Instrument auf ebay Ausschau gehalten und viel gelernt. Habe ein paar Mal mitgeboten, aber die gefielen anderen besser. Die Beschreibungen und Bewertungen dort aber waren sehr lehrreich.
    Dabei waren 2-3 Instrumente einer Fa. Firotti, nicht italienisch, sondern DDR-Produktion. Beim Googeln danach stieß ich auf ein Angebot aus Tallinn, Estland, das Instrument sah aus wie neu, Anbieter ein Musikgeschäft, sehr günstiger Preis, Text: 'Good playing condition'.
    Deren Bilder füge ich hier bei.
    Mir gefiel das Design, viel leichter und eleganter als gleich ausgestattete Hohner wie Atlanta oder Maestro oder sogar Morino, die mich ein wenig an den Kühlergrill eines Chevy-Straßenkreuzer aus den 50ern erinnerten.
    Ich habe es also gekauft und es kam per DHL. Hatte es mir leichter im Gewicht vorgestellt.
    Als ich es auspacke der erste Schreck: Die Bassmechanik war eingefallen. Es ist beim Transport wohl nicht mit Samthandschuhen ...
    Und es klapperte im Gehäuse. Ich öffnete den Balg baßseitig und sah die Bescherung: siehe Bild: 32 Stimmplatten flogen im Balg herum. Und jede Menge Ventile. Stimmplatten, Stimmzungen und Ventile sahen sonst sehr gut aus, kein Dreck, kein Rost, kein Geruch, insgesamt das Instrument offenbar wenig gespielt, Balg sauber, keine Kratzer am Gehäuse.
    Die Baßmechanik ließ sich leicht herausnehmen, mit 2 Hebeln, die herausgefallenen Knöpfe ließen sich zuordnen und einfädeln.
    Einige Knöpfe kamen etwas schwerfällig, da nützte es, sie mit WD 40-Öl kurz zu beatmen. So wie auch beim Rauner.
    Ja - ich wollte eigentlich mit dem Firotti sofort losüben. Aber - denn eben nich.
    Die Baßmechanik ausgebaut, fiel etwas herumfliegendes Stimmplattenwachs in einige der Anblaslöcher und ich schraubte den letzten Stimmstock auch noch heraus, als ich ihn anhob, purzelten mir eine Handvoll Ventile entgegen. Nun wußte ich auch, warum die Register nicht immer richtig schalteten, die Ventile saßen dazwischen. Jetzt war klar, daß ich nicht damit auskomme, die losen Platten zuzuordnen und einzuwachsen, sondern alles muß raus und neu ventiliert und eingewachst werden.
    Da mein Dank an Ippensteins fantastische Anleitung zur Restaurierung 'Vom Lagerfeuerholz ...'!!! Das macht Mut und hilft ungemein!!
    Beim Zuordnen der Baßstimmplatten half mir das Weltmeister meines Vaters, bei den Diskantplatten muß man hinhören, vorsortieren, in den Stock legen und anblasen und immer wieder korrigieren. Die für die Schwebetöne 'gleichen' Platten habe ich nicht genau heraushören können, das dürfte aber auch nicht nötig sein, die leicht höher gestimmten in denselben Stock zu bekommen, weil die sowieso gleichzeitig schwingen und bei Einzelklang die geringe Differenz zusammen mit anderen Chören vermutlich gleich klingen?
    Das wäre eine Frage, sonst müßte ich einen Weg finden, die auch noch zuzuordnen.
    Das notwendige Material habe ich jetzt bestellt für beide Sorgenkinder. Für den Wachsauftrag habe ich mir nach Ippensteins Erfahrungen überlegt, einen alten Lötkolben zu benutzen, für den ich sowieso keine Ersatzspitze bekomme, und zwar so:
    In meinem Bastelfundus habe ich ein Messingröhrchen nach meinen Vorstellungen gefunden, so 40-50 mm lang und gut 1mm Innendurchmesser.
    Als Wachsbehälter habe ich mir eine Kupfer-Rohr-Endkappe besorgt von meinem Installateur, mit 35 mm Innendurchmesser. Das Messingröhrchen wird unten eingebohrt und eingelötet per Hartlöten. Diese Schmelzeinrichtung klemme ich irgendwie an den Stab vom Lötkolben.
    Den Lötkolben betreibe ich dann über einen Lampen-Fußschalter, so kann ich ein- und ausschalten nach Bedarf, ohne hingreifen zu müssen.
    Ist noch nicht fertig, aber so stelle ich es mir vor. So ein Löffelchen wie Ippenstein es beschreibt, ist mir bei der Menge von 232 Stimmplatten zu mühselig, und das Material für meinen Lötschmelzer kostet fast nichts.
    Das Wachs und der Kleber der Ventile sind bei dem Firotti steinhart und spröde. Das hatte mir ein kundiger Mitarbeiter vom Stand Weltmeister auf der Musikmesse in Frankfurt neulich so prophezeit: Firotti sei in den 70ern 'eingemeindet' worden und dann habe es Materialengpässe gegeben, insbesondere beim Wachs. Die Qualität der Instrumente an sich sei sehr gut gewesen ansonsten.
    Da stellt sich an die Weltmeister-kundigen die Frage, ob es Erfahrungen dieser Art auch mit Weltmeister-Instrumenten gibt, denn die Materialengpässe galten ja nicht nur für die letzten verbliebenen Privatunternehmen wie Firotti (Rockstroh, am selben Ort Klingenthal ansässig wie Harmona mit Weltmeister).
    Hätte ich das wissen müssen, sind alle instrumente aus der Zeit so zu erwarten?
    Ansonsten scheint mir die Verarbeitungsqualität hervorragend zu sein, die Knopfmechanik ist vllt etwas grobschlächtig, aber das kann ich nicht beurteilen. Den Aufwand jedenfalls will ich investieren, nehme mir die Zeit.
    Es wird sicher fummelig, die Platten zu justieren... Aber stimmen werde ich die nicht, optisch scheinen die auch in gutem Zustand zu sein.
    Fürs Erlernen sollte es dann reichen. Werde unterstützt von meiner Lebensgefährtin, die auf einem kleinen auch alten Hohner Concerto mitlernt.
    Die Frage aus meinen Erfahrungen ist, ob man Interessenten vor solchen DDR-Produkten warnen sollte.
    Viele Grüße sendet
    Marinolt button-accordion-firotti-eroica-120-basses.jpg button-accordion-firotti-eroica-120-basses-front.jpg IMG_20160419_111742.jpg IMG-20160420-WA0000.jpg
     
  2. Ippenstein

    Ippenstein Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 03.05.16   #2
    Ich habe es Dir ein bißchen anders gesagt ;):D
    In den 60ern kochte jede Firma noch ihr eigenes Süppchen. Im Laufe der 60er kam es zu Materialengpässen. Die KHW War davon nicht betroffen, sondern die halbstaatlichen Betriebe litten darunter. Infolgedessen wurde die Technik vereinheitlicht und die Firmen so mehr abhängig gemacht. Schließlich sollten mittelfristig ja alle Betriebe in der KHW aufgehen, was auch geschehen war. In den 70ern war dieser Prozeß weitgehend vollzogen.

    Viele Grüße

    Ippenstein
     
  3. maxito

    maxito Mod Akkordeon Moderator HFU

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    Erstellt: 03.05.16   #3
    Hallo Marinolt,

    kurze Antwort auf deine lange Erläuterung:

    Nein!


    Etwas ausführlicher:

    Die Erlebnisse, die du in deinem Beitrag dargestellt hast habe ich schon bei praktisch jeder Marke erlebt.

    Das hängt damit zusammen, wie alt das Instrument ist, wie damit umgegangen wurde, wie es gelagert wurde etc. Ich habe derzeit auch ein Beispiel in der Mache, wo die Stimmplatten "einfach so" abgefallen sind:

    Scandalli Cantora72.jpg Scandalli Cantora 72... von außen ... Diskant Scandalli-IMGP3081.jpg und im Diskant von innen...

    Hier sieht man an einer Scandalli bei dem einfach so während der Lagerung ein paar Stimmplatten abgefallen sind. Und das ist nun ganz sicher kein Akkordeon aus der ehemaligen DDR , sondern eins das man eher mit "die guten Italiener" bezeichnen würde. Aber eben auch hier gibt es alle die gleichen Effekte, die man gerne Akkordeons aus Herkunftländern anhängen möchte, gegen die es viele despektierliche Gerüchte gibt.

    -> Resultat aus diesem Fall: Iss halt so!

    Bei alten Akkordeons kann das einfach mal vorkommen! Dafür bekommt man die ja auch mitunter Sch*** günstig. Dafür muss man aber eben auch bereit sein ein gewisses Riskiko mit zu tragen,. Wer das nicht will, der muss ganz einfach die Finger von gebrauchten lassen und sich beim Fachhändler ein neues kaufen.

    Ein Akkordeon das 30, 40 Jahre oder gar mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, ist einfach kein Neuinstrument mehr und auch nicht annähernd als solches zu bezeichnen. Natürlich gibt es alte Akkordoens die sehr gut dastehen - aber das sind in aller Regel hochwertige Instrumente , die ständig in Gebrauch waren und entsprechend gepflegt wurden. Aber die kosten auch heute noch stolze Summen - siehe Morino oder Supita, oder Scandalli Super VI oder Gola ... Die einfachen Instrumente wurden mit Sicherheit nicht sonderlich gepflegt und wurden schon auch mal 20 jahre auf den Dachboden gestellt. Da muss man dann mit allem rechnen - bei jedem Hersteller!

    Einen 50 Jahre alten Rolls Royce kann man vermutlich (wenns Kleingeld stimmt) problemlos in Top Zustand kaufen... bei einem 25 Jarhe alten VW Golf dürfte das ziemlich schwierig sein. Wobei sich vermutlich niemand drüber aufregen würde, wenn bei dem alten Golf die Reifen abgefahren sind und der Auspuff abfällt. Und genauso verhält es sich mit alten Akkordeons. Wobei meine Erfahrung eher so ist, dass alte Akkordeons eher noch ohne vorherige Instandsetzung gut benutzbar sind, als alte Autos. Aber wie gesagt: Kann sein, muss aber nicht.


    Und was meinen Erfahrung mit Akkordeons aus der "DDR" angeht:

    Selber hab ich zwar keines, was sich aus diversen Gründen einfach so ergeben hat, aber ich habe schon viele kennen und sehr schätzen gelernt (meine persönlichen Favoriten: Weltmeister Cantus und Supita bzw. Cantora) und die vielen die ich bereits in der Hand hatte, oder auch mal näher von innen inspizieren durfte, haben mich durchaus überzeugt. Ich kann hier nichts grundsätzlich minderwertiges gegenüber anderen erkennen.

    Und auch die ganze Geschichten von wegen, "wenn halt kein Material da war, hat man halt irgendwas verbaut" - das halte ich für wilde Geschichten der Marke "Schauermärchen" die man sich gerne am Stammtisch zu vorgerückter Stunde erzählt, weil mans selber nicht besser kennt und sich wilde Geschichten einfach besser weitererzählen lassen. Zumindest für mechanische Produkte kann ich das nicht bestätigen. Ganz und gar nicht. Und da zählen die Akkordeons definitiv dazu.

    Im Gegenteil: nach allem was ich bisher so erlebt habe, würde ich sogar soweit gehen, dass z.B. die Instrumente von Harmona (Weltmeister) sehr unterschätzt werden und von daher derzeit ein extrem günstiges Preis Leistungsverhältnis aufweisen!

    Und auch alte Akkordeons aus der Gegend die zur DDR zählten, die hatten einen recht guten Ruf und wenn man die n bissl herrichtet, sind die auch heute noch recht ordentlich Instrumente.
     
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  4. Marinolt

    Marinolt Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 04.05.16   #4
    Hallo,
    Grüße zurück,
    Marinolt
     
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