Im Schupfen auf dem Bauernhof meiner Tante stand ein Flügel, hinter Heu und Stroh - mitten zwischen Traktoren, Eggen und Erntemaschinen aller Art der jedem nur im Weg rum stand. Ich war der einzige, der ihn mochte und nicht meinte, dass der den Platz für Wichtiges verstellt und ihn als Sperrmüll betrachtete. Auch wenn sich meine Beziehung zu diesem Flügel nur auf einige Tage in den Sommerferien wenn ich als Kind zu Besuch bei meiner Tante war beschränkte. Wenn ich mal war, improvisierte ich stundenlang auf diesem Wunderwerk aus einer anderen Welt ohne jegliche Ahnung von Musik und verfiel dabei einem besonderen Zauber, der mich regelmäßig völlig aus der Wirklichkeit in eine andere Dimension entschweben ließ. Eine dauerhafte und tiefgehende Beziehung zu diesem Flügel machte eine Kettensäge kaputt. Seit kurzem befinde ich mich in Therapie um mich von diesem frühkindlichen Trauma zu erholen!
Im Alter von 12 Jahren wir befinden uns mittlerweile im Jahre 1982 gingen merkwürdige Veränderungen mit meinem Musikgeschmack zugange. Dem Dicsosound meiner Kindheitstage Abba, Bee Gees, Boney M & Co als Inbegriff der Freiheit, Abends auf den Strandpromenaden Spaniens und Italiens folgte etwas, das man in Fachkreisen mit dem Etikett Progressive Rock versah und mich nächtens auf meinem Plattenspieler bis in die Morgendämmerung wach hielt. Mit der aufgehenden Sonne verfiel der Zauber der Nacht und riss mich aus dieser magischen Dimension zurück in die Wirklichkeit. Mit dieser progressiven Behinderung meines musikalischen Geschmacks bestraft, lernte ich als Außenseiter des Kommerzes nach und nach zu leben und im Alltag Fuß zu fassen. Meinen Freundeskreis infiltrierte ich mit abnormen Bands und Platten und daraus entwickelte sich eine Art mystische Bruderschaft, die man vornehmlich an fremdartigen Plattencovern die zu Tauschzwecken in die Schule eingeschleust wurden erkannte.
Eines schönen Tages im Frühjahr 1984 ich war nun 14 und befand mich mit einem meiner besten Freunde gerade am Nachhauseweg von der Schule schlug mir besagter Freund vor, uns über den gemeinen Stand unserer Bruderschaft zu erheben, um Hohepriester zu werden. Erklärend möge hier erwähnt sein, dass sich unsere Bruderschaft regelmäßig in geheimen Verliesen (von ketzerischen Erwachsenen abwertend Kinderzimmer genannt) traf, um nicht kommerzielle Musikwerke zu huldigen. Die Aufgabe eines Hohepriesters besteht darin, erklärte mir mein Freund, sich bei unseren geheimen Gebetszirkeln auf den Altar zu stellen und vor den Augen versammelter Bruderschar lautstark unsere gemeinsamen Götter zu beschwören und anzusingen. Begleitet von rhythmischer Untermalung, durch Einsatz elektrischer Hilfsmittel auch für Gehörlose hörbar gemacht. Am folgenden Tag nahm die Verschwörung ihren Lauf. Auf der Schulbank wurde ausgeknobelt, wer welches Instrument zu kaufen hätte. Auf mich entfiel Los Nr. 3 spielt kein Instrument - und ich ging einen gebrauchten Bass für umgerechnet 210 Euro kaufen. Einen Monat später fanden wir uns zu unserer ersten schwarzen Messfeier in den Katakomben tief unter der Erdoberfläche wieder. Zur allerersten Kommunion philosophierten wir im musikalisch Dunkeln über den tieferen Sinn der Worte House Of The Rising Sun. Bereits beim zweiten Treffen des Rates der Hohepriester war klar: wir verlassen covernde Bahnen um unserer eigenen Kreativität zu frönen und unser eigenes Ding zu machen. Das Kopieren überlassen wir denen, die über keine eigene Innovationskraft verfügen.
Etwa zeitgleich wollte es der Zufall, dass im Lokal meines Papas ein Gast seine Konzertgitarre vergessen hatte. Sollte besagter Gast diesen Beitrag hier lesen, sei kurz erwähnt, die Gitarre befindet sich mittlerweile im Besitz des Sandes von Golden Beach auf Paros als russartiger Rückstand eines nächtlichen Lagerfeuers.
1986 verließen wir unsere Katakomben, als ein Kumpel unseren ersten Studiotermin auf die Beine stellte. Eine Messfeier mit den Göttern persönlich. Ein berauschendes Erlebnis für einen pubertierenden Hohepriester. Unsere erste eigene Komposition für die Nachwelt konserviert. Mein Geschmack begann sich zu der Zeit gerade in Richtung Funk, Soul und Jazz zu verändern, warum auf der ersten Aufnahme Klavier, Sax, Trompete, aber keine
E-Gitarre drauf sind. Als die Gottheit hinter den Reglern meinte, meine Stimme gehört ans Mikro, tat sich von nun an ein weiteres, breites Betätigungsfeld für mich auf, das mich mehr und mehr zu begeistern begann.
Damals war mir schon klar, dass ich meine eigene Musik machen möchte. Und ich davon nie werden leben können. Das sind Träumereien und die Realität sieht bisweilen anders aus. Musik habe ich von daher immer schon als Ausgleich zum Alltag gesehen, um meine eigene Mitte in den Wogen des täglichen Lebens immer wieder zu finden. Sozusagen, um mich neu zu justieren wenn ich vorübergehend aus der Bahn geworfen werde.
1987 entdeckte ich im Proberaum eines Bekannten einen Bass, dessen Besitzer die Bünde entfernt hatte und verliebte mich auf Anhieb in den Sound. Das ist noch viel mehr meine Dimension, wurde mir sofort klar.
Die folgenden Jahre waren von wechselnden Bands und Auftritten geprägt und sehr inspirierend, bis ich von 1993 bis 1997 die richtigen Leute gefunden hatte und relativ konstant in einer wenig fluktuierenden Band spielte. In dieser kreativen Phase entstanden eine Menge an eigenen Nummern, die ich zum Teil bis heute noch gerne spiele. Manchmal unverändert, manchmal weiterentwickelt. Hin und wieder verirrten wir uns auch in ein paar Covergeschichten, die wir zumeist aber selbst interpretiert und stark abweichend gespielt haben. Dabei entdeckten wir ein paar echte Publikumsknüller, die in dieser Art niemand sonst interpretiert! Die Begeisterung des Publikums war von da an ein ganz wichtiger Motivationsfaktor für mich. Vor allem dann, wenn sich die Begeisterung nicht auf etwas Kopiertes und Nachgespieltes bezog, sondern auf Musik, die durch eigene Interpretation gefärbt ist oder gar selbst geschrieben!
In dieser Zeit entdeckte ich auch meine Begeisterung für Mehrstimmigkeit. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an einen Studiotermin im eiskalten Jänner an die gefrorenen Finger beim Eintreffen an die unbeschreiblich gemütliche und entspannte Atmosphäre beim Recorden und den bewegenden Moment, als wir zu Hause im Wohnzimmer die CD eingelegt haben und aus dem Lautsprecher kamen dieselben Stimmen wie von den Menschen, die im Raum anwesend waren und mitsangen. Heute noch läuft mir die Gänsehaut über, wenn im Raum die gleichen Stimmen mitsingen, wie die aus den Lautsprechern. Gemeinsam singen ist unbeschreiblich verbindend! Das Beste was man im bekleideten Zustand gemeinsam machen kann!
1993 kaufte ich meine Ovation und meine beiden
Yamaha Bässe, die ich bis heute liebe und nie eintauschen würde. Gefällt mir mein Sound nicht, fällt mir nichts ein und ich werde unkreativ.
Irgendwann zu dieser Zeit nahm ich kurz mal für ein Jahr Gitarren- und dann ein Jahr Bassunterricht, um zu erfahren, was mir als Autodidakt bisher so alles entgangen sei! Die Erfahrung war nicht besonders berauschend, ich stellte fest, dass für meine Begriffe nichts Nennenswertes an mir vorbeigerauscht ist.
1997 war das Jahr der großen Veränderungen in meinem Leben. Ein neuer Wohnort in einem anderen Bundesland, zurückgebliebene Freunde, begleitet von einem neuen Job beides viel ungefähr mit der Geburt meiner zwei Kids zusammen. Zwischen 1997 und 2000 spielte ich nur für mich, vorwiegend Akustik Gitarre. Mir fehlte es total an Zeit, mich in einer Band zu verpflichten. In dieser Zeit fehlte mir der innere Ausgleich und der inspirierende Austausch mit anderen Musikern.
2000 lernte ich meinen heute besten und inspirierendsten Musiker-Kollegen kennen. Im Songwriting ergänzen wir uns und liegen auf derselben Wellenlänge! Unsere Stimmen passen fast schon abartig gut zusammen. Gemeinsam haben wir an die 80 Eigenkompositionen manche fertig ausgearbeitet, andere nur Fragmente oder Melodien ohne Arrangement. Neben den Eigenkompositionen haben wir vor ein paar Jahren auch wieder damit begonnen, bekannte Lieder zu interpretieren. Besondere High-Lights waren ein länger dauernder Studiotermin, bei dem wir begonnen haben, einige unserer Ideen aufwendig zu recorden und Auftritte, bei denen nicht gecoverte oder interpretierte Songs als Zugabe verlangt wurden, sondern eigene, die sich gegen bekannte Stars durchgesetzt haben! Dafür lohnt es sich zu leben!
Im Mai 2007 spielten wir dann Anlass war eine Geburtstagsüberraschung ein Set von einigen reinen Coversongs der Beatles. Das kam so gut an, dass wir nun ein gutes Jahr später ein 2 Stunden Set unter eigenem Brand fertig haben, neben dem Ursprungsprojekt, das im letzten halben Jahr etwas vernachlässigt wurde. Der Bass ruht seit geraumer Zeit, die Gitarre hat sich durchgesetzt für den Moment.
Fazit: nach rund einem Vierteljahrhundert bin ich einerseits beim Kommerz, andererseits beim Covern gelandet. Und auch das macht mit heute Spaß. Denn die Magie der Musik, wie ich sie in meiner Jugend erlebt habe, ist nach und nach verschwunden. Die Bruderschaft hat sich unbemerkt über die Jahre aufgelöst. Zurückgeblieben ist der Spaß am Singen und Gitarre/Bass spielen und der wohltuende Ausgleich zum Job.
Der Gedanke was wäre wenn ist mir natürlich auch regelmäßig begegnet manchmal touchiert, manchmal Frontalcrash und hier lungert der Gedanke auch herum und lauert auf Opfer. Wenn ich mit Freunden oder Bekannten von damals aus der geheimen Bruderschaft vergleiche, fällt es mir schwer, die Frage zu beantworten.
Ich bin ich froh, dass ich nach wie vor das tun kann, was ich tun will. Und das mache ich sehr ausgiebig! Mir ist die Freude bis heute geblieben. Und was mir sehr wichtig ist: ich entschwebe noch immer in eine andere Dimension, die mich vieles rundherum einfach vergessen lässt. Kann sein, dass mir die Freude auch als Profimusiker geblieben wäre. Ich weiß es nicht. Andere Hohepriester aus der geheimen Bruderschaft sind mit Rainhard Fendrich, Kurt Ostbahn, Wolfgang Ambros oder Georg Danzer auf der Bühne und im Studio gestanden. Bei mir hat es bis knapp 40 gedauert, bis ich kommerzialisiert worden bin das kann ich heute sagen. Aber ich kann nicht beurteilen, ob ich als Profi gut genug geworden wäre oder ob ich das Glück gehabt hätte, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein um die richtigen Kontakte zu knüpfen. Und vor allem kann ich nicht sagen, ob es mich mehr erfüllt hätte, für ein paar Jahre mit besagten Größen zusammenzuspielen, als es mein tatsächliches Leben getan hat das ich nicht missen mag. Aber ich kann mit Sicherheit sagen diejenigen aus der einstigen Bruderschaft die Profis wurden aber denen es nicht geglückt ist, mit den ganz Großen zu spielen mit denen möchte ich ganz bestimmt nicht tauschen, sie leben von der Hand in den Mund. Ihnen gefällt es.
Greetz relact