Ibanez SR370 (2016)

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Ich gehe die Teile, aus denen ein Bass nunmal besteht einfach durch, am Ende ein Fazit.

Saiten:
Ausgeliefert werden vernickelte Saiten mit sehr guter Anfassqualität und ausgewogenem Spielgefühl. Anschlag und Klang sind über alle vier gleichartig. Verschiedene nachgekaufte Saiten, sogenannte Markenware für 30~40 Euro hat keine fühlbare Verbesserung ergeben.

Lack:
Die Lackierung und die Politur sind schlicht einwandfrei. Der Lack ist kaum kratz- und stoßanfällig. Der Hals ist nur sehr dünn lackiert, und wirkt noch deutlich holzig. Nach jetzt zwei Jahren habe ich den Eindruck, er reibt sich am Kopf/Halsübergang etwas ab, sodass das Holz so langsam einen Schatten bekommt. Feuchte dringt bei der Reinigung aber nicht ein.

Bünde:
Die Bundierung ist wohl kaum besser zu machen. Die Saitenlage lässt sich ohne Unregelmäßigkeiten tiefer einstellen, als es fürs Spielen nur irgendwie zweckmäßig wäre. Irgenwann schnarrt es eben mehr oder weniger über das Griffbrett verteilt, ohne dass sich einzelne Bünde besonders hervortun. Die Kronen der Bünde sind fein poliert und gleichmäßig verrundet. Mit einem Wort, der "fretjob" ist perfekt wie es nur sinnvoll ist. Die Verschlichtung am Rand ist bis heute makellos, herausstehende Bünde? Keine. Und das ist auch bei allen Ausstellern der 370er Serie, die ich bisher in der Hand hatte nie der Fall gewesen.

Der Sattel könnte einen Tick tiefer liegen. Die Intonation ist aber einwandfrei. Mit brauchbarer Saitenlage ist sie je nach Saiten-Typ vom ersten bis zum letzten Bund auf +/- 1~5 Cent präzise. Bei manche Hälsen läuft in Richtung auf die Brücke die Intonation aus dem Ruder - je nach Saitenmaterial. Zwar stimmt's dann auf dem 12ten Bund noch, auf dem 24ten kann dann aber schon mal ein Viertelton (!) Abweichung vorkommen. Hier nicht, und der Übergang von leerer Saite zum ersten Bund ist tonal genauso korrekt.

Der verwendete Bunddraht ist offensichtlich auch hart genug. Abnutzungserscheinungen sehe ich mit meinen Nickelsaiten noch immer nicht. Das Griffbrett besteht wohl aus handelüblichem Palisander. Der ist offen feinporig. Gelegentliches Ölen ist erforderlich. Spielspuren sind dann einfach wieder weg.

Mechaniken:
Die laufen vorbildlich geschmeidig, alle 4 gleichartig und sind im Rahmen von dem, was man erwarten darf - Umweltbedingungen?, stimmstabil. Die Oberfläche ist trotz nicht umsponnenener Saiten bislang echt verschleißfrei. Die Anordnung mit der für Ibanez typisch variierten Abwinkelung ist Geschmacksache, aber praktisch.

Brücke:
Einwandfrei. Die Saiten können eingehängt, müssen also nicht gefädelt werden. Und sonst? Kein Klappern, kein Schnarren weil ausreichender Saitenwinkel, genug Weg für Intonation und Saitenlage, saugend in das Holz eingelassen, massiv an allen Enden am Holz befestigt, in sich bombenfest, was will man denn noch mehr?

O/k, eine Klemmung fehlt? Nach einem Gespräch mit einem Designer von Bass-Brücken ist das mit der Klemmung auch so eine Sache. Sie kann leicht und unbemerkt das Gegenteil der Absicht machen. Eine ingenieurtechnisch "wirklich" zuverlässige Klemmung von "3-D"-Brücken ist noch nicht am Markt. (Er hat sein eigenes Produkt für recht zweifelhaft erklärt, echt jetzt!) Im Grunde kann man die Reiter nur pressfest-schrauben, was aber schwierig ist, solange die Saite darüber liegt. Der technische Aufwand wird zu oft durch Augenwischerei ersetzt, tja ... warum sollte man halbe Lösungen, die eher "trotzdem" statt "deshalb" gut klingen wählen, wenn eine ganz gewöhnliche Brücke sowieso keine Sorgen macht?

Hals:
Das Profil ist dünn und zum body hin sogar deutlich abgeflacht. Trotzdem der Hals flach ist, bleibt der trussrod unauffällig. Die Einstellung ist jetzt über zwei Jahre stabil. Selbstverständlich gibt es keinen Verzug oder ein "Kriechen" in Richtung mehr Krümmung. Einmal eigestellt ist die Sache wohl für immer erledigt.

Mir persönlich ist das kopfseitige Ende mit 38mm zu schmal. Es ist halt der "Jazzbass"-Standard. Keine Ahnung weshalb man dem Bassisten so kleine Händchen zuschreibt. Beim Griff eines Kontrabassisten hat das noch Sinn. Beim E-Bass liegen ganz andere Verhältnisse vor. Oder man(n) hat ganz kurze Arme? Ich verstehe das nicht. Die Sache ist benutzbar, und irgendwie auch Tradition, aber mit Handschuhgröße XXL wird's kniffelig.

Das Profil ist flach, gute Idee! Der Daumen findet definitiv sichereren Halt, wenn man die Handhaltung des klassische Konzert-Gitarristen gelernt hat. Strandberg (Metal-Gitarren) sollte sich mit seinem entsprechenden Patent durchsetzen.

Tonal kann der Hals mit den üblichen Klangfärbungen aufwarten. Das tiefe "E" der E-Saite ist ein dead spot. Der Ton wird aber gehörlich von den Harmonischen getragen, und die stehen: "sustain" galore! Ein weiterer spot liegt auf dem tieferen "C" der G-Saite. 2~3 Halbtöne drumherum wirkt der Klang etwas matter - wenn man danach sucht. Ein typischer "Preci"-Hals hat hier natürlich viel mehr an überraschenden Spezialitäten zu bieten, aber steril wirkt der Ibanenz dann auch wieder nicht.

Klang:
Brummen / Rauschen sind praktisch nicht vorhanden. Die Elektronik ist sicher nicht die teuerste, aber was solls: funktioniert so schlicht wie einfach. Der Brillianzbereich ist in neutraler Stellung etwas betont. Der Tiefbass ist etwas abgesenkt. Der Klang tendiert in Richtung drahtig. Die Anteile Grundton/Harmonische/Schwebungen - und die Variation über das Griffbrett sind klar durchhörbar. Spielgeräusche natürlich auch.
Die zwei mischbaren Humbucker klingen wie sie sollen. Leicht hallig drückend für den Hals-pu, schlank nölig für den bridge-pu.

Je nach Einstellung der Filter lassen sich von da aus die verschiedensten Klangbilder konstruieren. Was aber wohl nicht geht, ist den typisch mumpf-quäkigen sound eines passiven Bass zu rekonstruieren. Jedenfalls nicht mit meiner Box. Druck ist aber mit einem kleinen Dreh immer beliebig verfügbar. Vom schmatzenden Bollern bis hin zum gläserenen Sirren der Saiten, wie etwa bei Piezos. Nur die harmonische Üppigkeit von Piezos fehlt dann im Vergleich noch - wenn man den Vergleich hat. Der Mittensteller scheint mir ein bisschen überflüssig, wenn man alle anderen Möglichkeit schon genutzt hat, zB das angenehm lautstärkeneutrale Mischen der pick-ups.

Ergonomie:
Der body ist schlank, mir sogar ein bisschen zu klein. Das untere Horn ist beim sitzenden Spiel wie immer viel zu kurz, der Winkel stimmt aber soweit. Der Bass liegt dabei eher tief im Schoß, was die lockere Haltung des rechten Arms deutlich erleichtert. Das oft gesehene Abhängen der rechten Hand über die Oberkante des body (Sehnenscheidenentzündung) wirkt im Vergleich unnatürlich falsch. Das hilft, sich an die Empfehlungen aus dem Unterricht zu erinnern, gut!

Ich würde mal schätzen, dass die flutschige Scheibe am ehesten für Leute bis 1meter80 gebaut ist. Bierbauch ist auch nicht gerade förderlich.

Am Gurt hängt der Bass dann sehr ausgewogen. Auch noch bei Halswinkeln bis 35°. Ein Mittragen des Halses durch die Greifhand ist nicht erforderlich. Das kennt man von Traditionsinstrumenten ganz anders. Wer das böse Wort von der "Kopflastigkeit", es ja immer nur "ein bisschen" - oder? - noch nicht kennt: vergleiche dieses Instrument mit einem Imitat der Klassiker, oder gar mit "dem" Klassiker selbst. Moderne Produktionsverfahren, und die jetzt jahrzehntelange Erfahrung machen den Unterschied.

Wegen der Ausgewogenheit würde ich eher den 370er mit Ahorn empfehlen als den 300er aus leichterem Holz. Das Gewicht des 370er ist allemal tragbar. Ich verwende einen ganz gewöhnlichen Polyester-Gurt ohne Probleme. Immerhin ist der 370er um einiges leichter als eine Gibson Les Paul.

Fazit:
Es ist kaum was Neues, dass die SR-Serie von Ibanez in ihrer unaufgeregten Art eben keine Begeisterung auslöst. Die gesamte Konstruktion ist bis ins Detail stimmig, und ab dem 300er werden wohl keine wesentlichen Kompromisse mehr gemacht. Bis auf esoterische Bauteile mit aufgeplusterten Extra-Mythen fehlt nichts. Ein bisschen steht sich die Serie selbst im Weg. Unglaublich preis-wert, irgendwie fehlerfrei ohne herausstechende Sonderwege, und vor allem keine Nickeligkeiten.

Die Nickeligkeiten sind ein Thema für sich. Wenn das Instrument immer ein bisschen zickt und muckt, immer wieder eine gewisse Pflege einfordert, dann bindet man sich leichter an "sein" spezielles Gerät. Nun braucht dieser Ibanez kaum die liebende Fürsorge, und so unaufgeregt richtig gemacht kommt er dem Wunsch nach einer Personalisierung nicht entgegen. Es ist schwierig zu sagen, das ist meins, und nur meins für mich. Selbst das Spiel fällt unglaublich leicht, ohne dass das Instrument (unterschwellig, unbewusst, siehe Kopflastigkeit) immer wieder Zuwendung verlangen täte. Es wirkt auf mich im Vergleich so eigenschaftslos, dass all die mühsam erlernten Anpassungen an andere Instrumente nicht gebraucht werden. Das kann irritieren, frustrieren.

Um merklich mehr zu bekommen müsste man wohl schon in Richtung Carbon gehen, Piezos selbstverständlich, und zahlt das 5~10-fache für oft schlechteres Handwerk. Die preislich ähnlich aufgestellte Serie von Yamaha bietet eine ebenso schlichte hervorragende Qualität. Die Form des Yamaha wirkt auf mich aber mehr altbacken mit - wie ich finde, doch entsprechenden Nachteilen in der Handhabung.
 
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Hauself Zwo
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Ich kann und will das Fazit von @Maschinist nur bestätigen:

Ich hege einen Soundgear Fünfsaiter* und einen SRX 360 (Bj. 2014), beides sehr gut verarbeitete, unauffällige Arbeitstiere. Können alles, was ich brauche, funktionieren immer, sind weder zickig noch anspruchsvoll.

Mit der Yamaha TRBX- und TRB-Serie (TRB 1005, 1006 - gibt's die eigentlich noch?) komme ich genau so gut zurecht. Die BB-Serie ist optisch weniger mein Ding, das Handling ist bei BB eher fender-like.

* (der lt. Seriennummer 2001 oder 2011 gebaut wurde, aber in keinem Katalog zu finden ist; war ein Überbleibsel in einem Musikgeschäft, absolut neu mit Originalkoffer und preiswert zu haben, "weil wir jetzt nur noch Pianos verkaufen")

Bässte Grüße
Hauself Zwo
 

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