Inventio 1

von Günter Sch., 11.09.07.

  1. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 11.09.07   #1
    Da sitzen wir vor unserer tastatur und müssen uns darauf zurechtfinden, anfänger kleben an den tasten und hätten liebsten soviel finger wie tasten. Nein,die hände müssen lernen, ihre lage zu verändern, müssen abheben und am rechten fleck wieder aufsetzen.
    Bach begann seine söhne im alter von 9 jahren zu unterrichten, für sie schrieb er unter anderem die inventionen ("erfindungen"), die gleichzeitig einen blick in die kompositorische werkstatt erlauben. sie sind zweistimmig linear, für jede hand eine stimme, da kann man sich nicht verheddern.
    Wir kennen inzwischen den "mittelpunkt" unseres instruments, wissen die tasten zu benennen, mit "c" besser noch "c1", geht es los.
    Die kleinste, musikalische sinneinheit ist das motiv, es muss wenigstens 2 metrische schwerpunkte haben, damit man die rhythmische struktur durchschaut, der erste schwerpunkt (der hauptakzent steht immer hinter dem taktstrich oder hier dem anfang) wird zwar verschluckt, ist aber gegenwärtig: die 1/16 pause (auch pausen "sprechen"), mit dem 2.endet es, auf dem "g1".
    Und nun spielen wir es, wir gehen so vor: ansehen - verstehen - ertasten - wiederholen, damit das erworbene sich einprägt, und wir nicht immer wie eine grabwespe von vorn anfangen müssen.
    Es ist eine 5-tongruppe, gut dass wir 5 finger haben, die bewältigen das, auch wenn ein knoten drin ist, denn wir rollen die 5 töne nicht hintereinander ab, sondern kehren vom 4. zum 2. zurück, machen noch einen schlenker mit 3 und 1, und alle energie entlädt sich im sprung mit dem 5. auf das "g1".
    Unsere finger sind nicht gleich lang, der daumen reicht gerade heran, der lange mittelfinger liegt schon in höhe der schwarzen tasten, das wäre eine gute handhaltung. Um zu sehen, ob unser handgelenk locker ist, heben wir den arm ein wenig, die hand müsste locker herunterhängen, das machen wir immer mal wieder, denn mit verkrampften gelenken kann kein mensch spielen. Wenn das handgelenk mit einer kleinen drehbewegung "mitgeht", machen wir es richtig.
    Warum macht Bach diesen knoten in das motiv? Er liebt es, eine einfache sache zu komplizieren, und das motiv bekommt auch viel mehr spannung. als wenn es gleich die treppe hinaufginge, es ist auch spielerischer, um nicht zu sagen, "verspielt".
    Jeder finger hat "seine" taste, und nun wird nicht gedrückt, sondern wir kleben mit den fingerkuppen an den tasten und spüren das gewicht des armes bis in die fingerspitzen, das nenne ich, "ertasten", die 8 töne schaffen wir, und machen es gleich noch einmal und summen mit, wir können auch singen "was ist denn heute wieder los?" oder "wer macht denn draußen solchen krach?"
    Jetzt schauen wir uns die zweite stimme an, die später einsetzt und - - - - - - - ?
    Jetzt spielen wir beide stimmen gleichzeitig, geht das?
     
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  2. Günter Sch.

    Günter Sch. Threadersteller HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 11.09.07   #2
    Unsere hände sind nicht symmetrisch, zwischen daumen und zeigefinger haben wir eine große spannweite und selbständigkeit, bei ring- und kleinem finger sieht es ganz anders aus, und jeder versuch, daran etwas zu ändern, muss scheitern.
    Spiele ich das 5-ton-motiv links analog der rechten hand, ist es unbequem, seid ihr darauf gekommen, mit dem 4. finger anzufangen? Das geht wesentlich besser, denn der sprung auf das "g" gelingt leicht, dann muss die hand sich strecken, des abschließenden oktavsprungs wegen. Das problem des fingersatzes wird euch von der wiege bis zur bahre begleiten, geht irgendeine stelle immer daneben, sucht einen anderen fingersatz.

    Nach dem motiv, das sich wie eine frage höherschraubt, erwarten wir eine antwort, die aus 4 tönen besteht. dazu nimmt R einen lagenwechsel vor, die hand hebt sachte von der tastatur ab, landet mit 3 auf c2 und spielt die 4 töne. Auf dem h1 steht ein pralltriller, den kann man anfangs weglassen kann (es ist ein schneller wechsel mit der nächsthöheren taste).
    Wir lernen den komponisten Bach kennen: das motiv ist in beiden händen verschoben, und wenn L imitiert, spielt R einen kontrapunkt (der heißt so, weil man in den anfängen note gegen note, auch punctum genannt, setzte), und dieser kontrapunkt ist sogar "doppelt", denn die beiden stimmen lassen sich mühelos vertauschen, wie wir später sehen werden.
    Wenn wir den 1.takt mühelos mit beiden händen spielen können (einschließlich des ersten tones von takt 2, das abschließende 1/8 L hängen wir auch an, können wir beinahe schon das ganze stück. Wir sehen die ökonomische machart, nicht erfinden war trumpf, sondern die gekonnte verarbeitung.

    Ich wende mich hier an "fast-anfänger", R=rechte hand, L= linke, einzelne buchstaben bezeichnen die finger, Dur wird groß, moll klein geschrieben.
     
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  3. Günter Sch.

    Günter Sch. Threadersteller HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 12.09.07   #3
    Wer gäbe sich mit einem takt zufrieden, obwohl dieser im kern alles weitere enthält. Im takt 2 wiederholt sich der erste, nur 5 töne höher, dann kommt eine ganze kette von motiv a, immer 2 töne tiefer, das nennt man eine sequenz, bis wir im takt 7 zu einem vorläufigen, aber deutlichen halt kommen. Das kreuz zeigt, dass wir die haupttonart vorübergehend verlassen haben, wir haben in die dominante (D) moduliert (es findet eine vollständige kadenz statt).
    Streicher haben einen bogen, sänger und bläser müssen atmen, sie müssen "phrasieren". Klavierspieler müssen das auch, selbst wenn die bögen fehlen, die das normalerweise anzeigen. Wir spielen Bach heute vorzugsweise aus dem urtext, und wer auch immer seine werke kopiert hat, überlieferte nur den reinen notentext, was nicht heißt, dass wir nichts machen dürfen, wo nichts steht. Keine tempo-, keine vortragsangabe.
    Es gibt leute, die reden und reden ohne komma und punkt, musik wäre unendlich langweilig, würde sie nicht sinngemäß phrasiert.
    Ein atemzeichen sieht aus wie ein komma, und wer will, kann sie einsetzen, immer bevor ein motiv beginnt, man kann es mit dem fingersatz deutlich machen:jede der sequenzen mit 4 beginnen, das lagenwechsel hat die erwünschte wirkung, und die füße haben pause während des ganzen stücks, wir erfahren noch, warum.
     
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    Erstellt: 12.09.07   #4
    Bach schrieb nicht für das pianoforte, das gerade erfunden, aber noch verbesserungsbedürftig war, zu seiner zeit war ein klavier alles, was tasten hatte, im hause stand in jedem zimmer ein clavichord. Für die "camera" (den kleineren raum etwa eines schlosses) war das clavicembalo zuständig (das hackbrett, das zymbal mit tasten). Der klang trägt nicht weit, und für immer größere säle reichte das volumen nicht aus. Das clavichord zirpt noch leiser, und beide instrumente haben kein pedal, das die dämpfung aufhebt, die schwingungen klingen schnell ab, daher die vielen verzierungen und triller. Die "klaviermusik" des 17./18. jahrhunderts ist auf die damaligen instrumente zugeschnitten.
    Natürlich gibt es heute kein absolutes pedalverbot, das ist eine frage des instruments, des raumes, aber bitte sparsam, etwa um ein schwierige bindung zu bewerkstelligen!

    Takt 7 ist die dominant-tonart erreicht, die stimmen werden vertauscht, das kennen wir schon alles, auch die folgenden sequenzen, es wird fleißig moduliert (durchführung), über d geht es nach melodisch a, und takt 15 haben wir wieder eine kadenz hinter uns und ruhen uns auf der tonika-parallele (a) aus. Dann dialogisieren die beiden stimmen, noch einmal wird die subdominante angesteuert (Bach verschleiert gern, dass das ende naht), noch einmal die allgegenwärtigen sequenzen, schluss!

    Beim lesen sehen wir, wie sich die stimmen rhythmisch ergänzen und überschneiden und wissen, dass man das komplementärrhythmik nennt. Wie sehen auch, dass die melodik harmonisch gebunden ist, das ganze ist eine in 22 takten ausgeführte kadenz.
    Ein meisterwerk "en miniature".
     
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  5. Günter Sch.

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    Erstellt: 13.09.07   #5
    Die beiden stimmen werden selbständig geführt, obwohl sie das gleiche material verwenden, sie sind polyphon gesetzt, und dem stil der zeit folgend besteht das ganze stück nur aus einem thema (frage+antwort, motiv a und b ergeben ein thema), es ist monothematisch. Ein absoluter herrscher, eine religion (die des herrschers natürlich), gärten und parkanlagen mit schnurgeraden alleen und wegen, die auf ein zentrum hinlaufen, bauwerke mit krönender kuppel, der monismus des philosophen Leibniz, die gewaltige perücke, in der baukunst nennt man diesen stil barock.
    Bald wird man dialektisch denken, in these und antithese, in der musik mit kontrastierenden themen arbeiten, die klassische sonate wird entstehen (in der baukunst der klassizismus, der englische garten und park, die enzyklopädisten, anfänge von demokratie), ein neues zeitalter wird beginnen.

    Aber das wisst ihr ja schon.
     
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  6. pille

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    Erstellt: 13.09.07   #6
    Herrlich, bitte mach weiter!
    Deine Gedanken zu den Klavierstücken sind ein Hochgenuß :) :great:
    ...und ein überaus hilfreicher Leitfaden zum Auswendiglernen der Stücke.
    Gibst Du auch Unterricht? :rolleyes: Aber Du wohnst wohl eh zu weit weg....
     
  7. Effjott

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    Erstellt: 13.09.07   #7
    Recht hast du, pille!
    Was mich immer wieder fasziniert an den Beiträgen von Günter, sind die Fülle der Informationen zur Spieltechnik, zu den musikgeschichtlichen Hintergründen, eingeordnet in die jeweilige Epoche weit über das rein Musikalische hinaus und die kurzweilige Art des Schreibens.
    Reichhaltiges Wissen, verpackt in spannend und geistreich formulierte Schriftsprache,
    das sind Elemente, die man sich von manch einem Sachbuchschreiberling wünscht.
    Die Bitte von pille unterstütze ich voll: Bitte weiter so, Günter!

    Beste Grüße
    Effjott
     
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