Modeling über PA versus echter Amp im Raum – Unterschiede?

Sharkai

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Ich habe bei einem Gig wieder über ein Thema nachgedacht, das wahrscheinlich schon oft besprochen wurde, mich aber trotzdem interessiert.

Unsere Vorband hat mit klassischen Gitarrenverstärkern gespielt, wir selbst mit Modeling direkt ins Pult und komplett über In-Ear. Im Video von dem Abend wirkten deren Gitarren deutlich präsenter und mehr „im Raum“. Das hatte sofort mehr Rock-Charakter. Bei uns kam das im Vergleich etwas braver rüber.

Mir ist klar, dass so ein Video nicht die absolute Wahrheit ist. Kameraposition, Handy-Mikro und der Platz im Raum spielen da sicher ordentlich mit rein. Ich habe deshalb auch Leute aus dem Publikum gefragt. Die meinten zwar ebenfalls, dass es einen Unterschied gab, aber nicht, dass unser Sound schlechter gewesen wäre. Eher einfach anders.

Was mich an dem Thema zusätzlich beschäftigt: Ich war vor einiger Zeit bei Thomann und konnte dort in einem schallisolierten Raum zum ersten Mal einen Soldano anspielen. Und ganz ehrlich: Da ging bei mir komplett die Sonne auf. Das war nicht einfach nur ein kleiner Klangunterschied. Das Spielgefühl, die Reaktion, die Lebendigkeit, auch solche Sachen wie Feedback – das war sofort da. Als ich danach zu Hause versucht habe, das mit dem Helix nachzubauen, war das schon gut, keine Frage. Aber so gezündet wie mit dem echten Amp hat es nicht.

Ich will damit ausdrücklich nicht sagen, dass Modeller heute nichts taugen. Im Gegenteil. Die Dinger können brutal viel und sind inzwischen auf einem extrem hohen Niveau. Dass große Acts live mit Fractal, Kemper, Quad Cortex oder ähnlichem unterwegs sind, kommt ja nicht von ungefähr. Und ich bin mit meinem Sound im Proberaum auch grundsätzlich zufrieden. Aber seit diesem Soldano-Moment weiß ich halt, dass da noch etwas anderes gibt, das mich ziemlich angefixt hat. Manchmal wünschte ich fast, ich hätte diesen Moment nie gehabt.

Ich glaube auch, dass man aus einem Modeller wahrscheinlich noch deutlich mehr rausholen kann, wenn man sich richtig tief damit beschäftigt. Genau da liegt aber bei mir das Problem: Sobald ich anfange, an solchen Details herumzuschrauben, falle ich ins Rabbit Hole. Und wenn ich dann irgendwann fertig bin, habe ich zwar einen Sound, doch der hat mit der ursprünglichen Grundidee oft nicht mehr viel zu tun, und im Bandkontext sind solche Sounds dann nicht selten ziemlich unterirdisch.

Deshalb kam mir der Gedanke, ob eine kleine zusätzliche FRFR-Box auf der Bühne vielleicht helfen könnte. Nicht als zweites Hauptsystem, sondern einfach als leise Ergänzung. Sie müsste nicht laut sein, sondern einfach nur ein Stück weit dieses direkte „Amp im Raum“-Gefühl zurückbringen. Gerade in kleinen Läden könnte das vielleicht schon reichen.

Wir spielen komplett mit In-Ear, und das will ich mir auch nicht wieder kaputtmachen. Ich will also keinen geileren Sound für mich haben. Mir geht es vielmehr darum, ob so eine zusätzliche Schallquelle auf der Bühne dem Sound für das Publikum etwas mehr Direktheit und Lebendigkeit zurückgeben kann – eben dieses „in your face“-Ding. Und ganz nebenbei wäre es auch nicht verkehrt, wenn man im Notfall nicht komplett taub dasteht, falls mal ein In-Ear rausfällt oder aussetzt.

Beim Bass wäre das natürlich die nächste Frage. Da würde ich es aber noch vorsichtiger sehen. Tiefe Frequenzen brauchen wir auf der Bühne eigentlich nicht zusätzlich, die kommen bei uns sowieso aus dem Sub. Wenn überhaupt, dann nur mit Lowcut und sehr kontrolliert. Wenn überhaupt, dann nur mit Lowcut und sehr kontrolliert.

Vielleicht noch als Kontext: Wir sind nur zu dritt unterwegs, also Drums, Gitarre und Bass, und singen alle drei. Monitoring läuft komplett über IEM. Das macht die ganze Überlegung mit einer kleinen zusätzlichen Box auf der Bühne vielleicht etwas nachvollziehbarer, als wenn da ohnehin schon eine halbe Backline herumsteht.

Mich würde einfach interessieren, wie ihr das seht:

Habt ihr auch den Eindruck, dass Modeling über PA im Raum oft etwas braver oder weniger präsent wirkt als ein echter Amp?

Und wenn ja: Hat jemand von euch schon mit einer kleinen FRFR-Box auf der Bühne als Ergänzung gearbeitet, ohne sich damit die Vorteile von Modeling und In-Ear wieder kaputtzumachen?
 

Kommt drauf an 😀

unser Setup ist Akustik Drums und Gitarren/Bass über Modeler, obendrauf dann noch samples.
wir spielen überwiegend kleinere locations mit mehreren Bands, ab und an aber auch mal Festivals.

ich habe mir tatsächlich vor allem für Kleine Locations dann irgendwann Endstufen zugelegt, weil da die Boxen von der Bühne halt erheblich ins Publikum reinknallen, wenn dann halt auf Amps einjustiert wird und man einfach nur Gitarren abschaltet, und evtl. die Modeler am FOH einen tick lauter macht, dann kann das durchaus dünner klingen, so zumindest meine Erfahrung.

meine Abhilfe war dann, dass ich mir Gitarrenendstufen geholt habe und die schließe ich dann live bei bedarf an die Backline an.
was der FOH dann als Signalquelle nimmt lass ich ihm dann frei, der soll immer das nutzen was ihm am besten passt.

aber ich würde sagen ab einer Bestimmten Bühnengröße sind die Cabs auf der Bühne für Musiker, bzw. nur noch deko
 
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... zum ersten Mal einen Soldano anspielen. Und ganz ehrlich: Da ging bei mir komplett die Sonne auf...

Deshalb kam mir der Gedanke, ob eine kleine zusätzliche FRFR-Box auf der Bühne vielleicht helfen könnte. Nicht als zweites Hauptsystem, sondern einfach als leise Ergänzung...

Habt ihr auch den Eindruck, dass Modeling über PA im Raum oft etwas braver oder weniger präsent wirkt als ein echter Amp? ...

Uh, der Fluch des todgeilen Amps! Bei mir war es ein MESA Boogie damals. Keine 35 Jahre später habe ich mir dann einen gekauft. Geiler Amp, leider für mich eine totale Fehlinvestition. Aber egal, das kann bei Dir ganz anders sein.

Die FRFR Boxx kann Dir auf der Bühne helfen, etwas von dem körperlichen Druck zu erzeugen. Aber das gewinnst Du auf Kosten des klaren Sounds im Raum, insbesondere in den ersten paar Reihen, denn dorthin wird eine Monitorbox nur rückwärtigen Tiefmittenmulm schicken. Ist leider so.

Ich habe jetzt rund 1100 bis 1200 Shows gemischt, über die Hälfte davon für Bands mit konventionellem Besteck, aber es werden zunehmend mehr Modeller. Mit Modeller ist der Gesamtsound der Band oft besser, weil kontrollierbarer wegen weniger Krach auf der Bühne. Mit Amps ist der Einzelsound der Gitarre manchmal besser und das Spielgefühl für den Gitarristen. Mit die besten Gitarrensounds hatte ich bei zwei Bands am Samstag - der eine Gitarrist spielte einen Diezel (ich meine einen VH4) mit einer Universal Audio Ox Amp TopBox, ohne 4*12er auf der Bühne. Mördersound über PA!

Fast genauso gut klang der Gitarrist der anderen Band mit einem sorgfältig programmierten Fractal Audio FM9 - der hat quasi nur einen Sound gespielt (dafür aber eine TOP Plexi-Simulation) mit nur ganz wenigen Effekten, mal ein Boost und ein Delay fürs Solo, mal einen Phaser oder Chorus, wo das gebraucht wurde, das war's - der kam knochentrocken, aber einfach geil ins Pult - von mir bekam er dann noch HiCut und LoCut, fertig. Der Gitarrist erzählte mir vor ein paar Wochen, dass er sich vor dem Kauf lange durch eine Workshopreihe von Bernd Kiltz zu eben diesem FM9 gearbeitet hat, in der es darum ging, sich auf ganz wenige Sounds aus dieser Wunderkiste zu beschränken, diese aber mit maximaler Qualität zu gestalten. Hat er gemacht, und das Ergebnis gab ihm recht. Dieser Gitarrist hatte ebenfalls eine FRFR Box dabei, mit der er sich von schräg unten angeföhnt hat, zusätzlich zu seiner normalen Monitorbox. Er war damit nicht zu laut, das ging also ganz gut.

Will sagen, beides geht. Vielleicht findest Du für Deinen Modeller ein ultimativ gutes Model von einem Soldano, mit dem Du wieder den Spass am Leben findest. Bei diesen Spitzenmodellern ist es ja eher die Qualität des Profiles, also quasi des Samples vom geprofilten Amp - und da gibt es halt solche und solche, aber die richtig guten muss man dann meist für Geld erwerben. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob das Helix ein Simulant oder Profiler ist, aber in beiden Lagern gibt es sicher ganz besonders gute Sounds, die man erwerben kann.
 
Hey,

obwohl ich ganz subjektiv zu denen gehöre die niemals mit nem Modeler spielen würden (persönliche Abneigung gegen das Spielgefühl), muss ich objektiv sagen, dass es darauf ankommt wie groß und wie professionell die Veranstaltung ist.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es an irgend nem Ort im Zuschauerraum bei nem großen Festival irgendeinen Unterschied gibt ob zB Metallica echte Rectifiers auf der Bühne stehen hat oder die dementsprechenden modellierten Sounds via Kemper oä abrufen....so lange die so spielen wie immer wird das gleich sein.
So, nun ist das ne vollkommen professionelle Riesenveranstaltung mit dementsprechenden Standards in Tontechnik sowohl bei Gerätschaften (PA/Equipment) als auch Manpower (Techniker, Tonleute).

Sobald wir uns in den Bereich "Semiprofessionell" oder gar "Amateurveranstaltung" bewegen sieht`s da ganz anders aus.

Habe letztes Jahr in Freiburg bei nem kleinen Festival in ner Heavy Band ausgeholfen.
Mein Engl Blackmore mit 2/12 Box, der Marshall des Sängers und Rhythmusgitarristen, sowie ein JCM800 Halfstack eines Gitarristen einer der anderen 5 Bands waren die einzigen Gitarren-Amps auf der Bühne....alle anderen liefen über Kemper/Cortex usw.
Die PA und der Mischer waren eher...na sagen wir mal "unterdimensioniert", Akustik der Location eher schlecht.

Gitarrensounds der Bands mit Modellern klangen schrill, unharmonisch, wenig körperhaft. Das lag zum einen daran, dass viele ihre Sounds nicht im Griff hatten aber auch daran, dass der Mischer nicht viel von Gitarrensounds wusste und die Einstellungen wohl recht linear übernahm. Da fidelten teilweise zwei Gitarristen glücklich schwelgend (hörten sich gut über In Ear) und unten bekam es kaum jemand mit weil es nur zirbste und fiebte.

Als wir spielten bildete sich sofort vor meiner Bühnenschneise ne kleine "Luftgitarren-Headbanger-Gemeinde". Ich hatte den Amp gut aufgerissen...der Mischer sagte mir beim Soundcheck "endlich n richtiger Gitarrenamp...mach den ruhig lauter". Ich merkte bei den Soli, dass das vorne alles ankam, es gab direkte Reaktion von den Headbangern...klang wohl hörbar, laut und deutlich (was Handyvideos nacher bestätigten).

Genauso auch der Kollege der anderen Band, mit dem 800er Halfstack - klang richtig gut.

Warum? Weil in so ner Situation (die im nicht so Oberliga-Bereich immer noch üblich ist) n geil klingender Amp auf der Bühne auch über ne schlechte PA gut klingt und auch von einem nicht versierten Tonmann nicht totzukriegen ist.

Was machst du zb mit nem Modeller in ner noch heftigeren Situation?
Letztes Jahr erst erlebt - Kurzauftritt bei nem Stadtfest - Biergartensituation, Veranstalter: der Jugendchor!
PA für die ca. 500 m2 große Freifläche: vom Jugendchor...2 Solton 15/3 Boxen plus zwei undefinierbare billig Aktivsubs auch - ebenso wie der Mischer: vom Jugendchor!....schon die Keyboards klangen grenzwertig,
Stimmen gingen (da weiß der Mischer ja wie sowas klingen muss). Was uns rettete: der Schlagzeuger spielte recht laut auf seinem guten Set, der Basser hatte seinen Ampeg plus 6/10er Box dabei und mein PCL Vintage Stack mit 2/12 und 1/12 Boxen.

Was machst du in so ner Situation mit nem Modeller?

Mein Fazit: Modelling funktioniert im professionellen Bereich, ansonsten wird`s schwierig...und du bekommst es wegen deinem In Ear nicht mal mit wenn`s nach außen nicht funktioniert.

Gruß,
Bernie
 
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