Musiktheorie für Nicht-Tasteninstrumente

Annino
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Hallo liebes Forum,

ich unterrichte Blockflöte und Querflöte. Dabei bin ich auf der Suche nach Material, die das Lernen der Musiktheorie (zunächst Tonleiter, Intervalle, Dreiklänge) ohne Bezug zu Tasteninstrumenten erklärt. Da auf der Blockflöte nach den meisten Schulen zunächst die Töne von C-Dur gelernt werden, sitzt dies bei den meisten Schüler/innen sehr tief. Der Hinweis, dass zwischen e und f sowie h und c ein Halbtonschritt liegt, kommt zu spät und sie tun sich dadurch mit der Feinbestimmung von Intervallen sehr schwer. Wie macht ihr das bei eurem Instrument? Einfach ganz oft die chromatische Tonleiter üben oder habt ihr Bücher oder Arbeitsblätter, die das Instrumentenunabhängig anschaulich (!) darstellen. Ich finde nur Arbeitsmaterial, welches höchst mathematisch vorgeht oder eben von der Klaviatur ausgeht.

Es geht mir hier nicht darum, dass ich verzweifelt wäre, weil ich unfähig bin, Theorie zu unterrichten. Ich suche nur einfach einen besseren Weg als den bisherigen (Halbtonschritte ganz oft wiederholen und stumpf auswendig lernen), weil ich merke, dass der mich und die Schüler/innen nicht wirklich glücklich macht. Aus Sicht von Flötenschüler/innen erscheint die Reihenfolge der Tonschritte oft unlogisch.

Viele Grüße,
Annino
 
Eigenschaft
 
Ich habe die Musiktheorie für mich erst verstanden, als mir der Begriff Tonleiter verständlich wurde. Bildlich gesprochen wurde mir das klar, daß ich mir 2 Musiker vorstellte, die miteinander improvisieren wollen. Da sich die Töne unseres Tonsystems nicht alle miteinander harmonisch verhalten, sobald man eine Auswahl für eine Melodie trifft, wird es schwierig wenn beide Musiker die gesamten Töne des Tonsystems nutzen, denn dann kommt es unweigerlich zur Disharmonie zwischen beiden. Also müssen sich beide absprechen und nur die Töne benutzen, die miteinander harmonisch sind, und das sind die Tonleitern. Und dann kann man erklären wie diese durch die Ganz- und Halbtonschritte gebildet werden und die Harmonielehre darauf aufbauen.
 
Kannst du die Tonleiter anhand einer Gitarre, Uke, Monochord... verdeutlichen? Ich habe als Kind zwar "irgendwie" die Tonleiter verstanden, aber nicht so ganz das Griffsystem der Blockflöte. Dadurch war ein paar Jahre Pause mit Musik. (Ein Klavier gab es im Umfeld nicht.) Das änderte sich dann, als mir ein Schulkollege zeigte, dass auf der Gitarre jeder Bund einem Halbtonschritt entspricht. "Heureka, das kann ja auch ich verstehen!". Über den Umweg bin ich dann auch wieder zur Blockflöte zurückgekommen (und leider beim Anblasen gescheitert).
 
Ich finde nur Arbeitsmaterial, welches höchst mathematisch vorgeht oder eben von der Klaviatur ausgeht.
Witzigerweise hat mich die Klaviatur als Kind auch nicht wirklich weiter gebracht, weil ich viel zu sehr die Stammtöne im Blick hatte, anstatt wie auf einem chromatischen Griffbrett von Anfang an in Ganz- und Halbtonschritten zu denken.
Das Problem bei Flöten ist, dass viele im Grunde diatonisch (manche sogar pentatonisch) gestimmt sind und daher ein Visualisieren der chromatischen Tonfolge auf dem Instrument nicht so einfach möglich ist, wie auf Klaviaturen oder Griffbrettern.

Nimmt man kleine Bausteine oder Magnete zur Hilfe, landet man am Ende auch wieder bei einem Bild, das der chromatischen Klaviatur oder dem chromatischen Griffbrett sehr ähnlich ist. Aber das Bild entsteht im Flötenunterricht erst nach und nach, während Klaviatur und Griffbrett von vorn herein fix vorgegeben sind.
Ich beginne im Flöten- oder Okarinaunterricht vorzugsweise im oberen Bereich der Tonleiter und lande dann nach einigen Lernschritten auf C-Instrumenten bei der 5-stufigen G-Dur-Tonleiter: g a h c d
Gleichzeitig wächst dann im Laufe der Unterrichtswochen auf dem leeren Arbeitsblatt die Reihe der Bausteine oder Kärtchen mit, die die gelernten Töne symbolisieren. Alternativ setzt man Magnete auf eine Tafel.
Wenn dann das F zum Tonvorrat hinzu kommt, klingt die Tonleiter ziemlich merkwürdig, wenn f g a h c d gespielt wird. Das ist der Moment, in dem zum ersten Mal erklärt wird, dass es auch "Zwischentöne" gibt, die mit Hilfe von "Gabelgriffen" gefunden werden. Mit experimentierfreudigen Schülern kann man ganz praktisch durch Vor- und Nachspielen ausprobieren und erhorchen, wie mit Sliding-Technik ganz viele Zwischenstufen entstehen, wenn ein Griffloch langsam geöffnet oder verschlossen wird. Beim Wechsel von C nach H benutze ich den Nebengriff x/oxxoooo Wer gut hinhört wird erkennen, dass der Abstand zwischen C und H "irgendwie" enger ist als zwischen den anderen Tönen. Überall dort, wo ein großer Abstand lokalisiert wird, wird ein andersfarbiges Symbol (andersfarbiger Baustein) zwischen die Stammtöne geschoben. Wo ein enger Abstand lokalisiert wird, bleiben die Symbole der Stammtöne nebeneinander liegen. Dann wird erklärt, wie das B gegriffen wird, damit es ohne Sliding-Effekt sauber klingt. Das Tonsymbol (Baustein oder Kärtchen) für das B (=Bb) wird beschriftet. Die anderen Symbole für die Zwischentöne bleiben so lange unbenannt, bis sie im Unterricht an der Reihe sind.
Wächst die Tonleiter weiter hinunter, wird von da ab stets geprüft, wie groß der Abstand zum neuen Ton ist. Auf diese Weise haben die Schüler stets vor Augen, wo in der Stammtonleiter die engen Schritte sind.

Ich benutze keine vorgegebenen Arbeitsblätter, sondern zeichne/baue synchron zur Erklärung auf, bzw. lasse das die Kinder während des Lerndialoges machen.

Gruß
Lisa 👩‍🌾
 
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Ich konnte schon Gitarre spielen, bevor ich mit Saxophon und Keyboard anfing. Am verständlichsten ist die Chromatik auf der Gitarre, da müssen die Fingersätze einfach nur 'verschoben' werden. Ein Song in F kann genau so in E - eben nur einen Bund tiefer - gespielt werden. Auf dem Klavier muss für den Tonwechsel aber ein sehr differentes Griffmuster angewendet werden. Da ist der (Griffmuster-)Wechsel von F zu D wesentlich und zu C deutlich einfacher. Beim Saxophon oder anderen Holzblasinstrumenten ist der Griffmuster-Wechsel aber noch viel abstrakter, da keine Linearität zu erkennen ist. Selbst die Töne der Grundtonleiter haben keine lineare Greiffolge.
Als ich mit dem Saxophon anfing, spielte ich schon in einer Band. Ich hatte ein Alt-Saxophon, deswegen war der erste Song mit Sax in F-dur, der zweite in C-Dur und dann einige in A-moll harmoisch. Alle drei Tonarten waren auf Bass, Gitarre, Keyboard und Sax easy zu greifen und alle haben den Umgang mit Skalen viel besser verstanden.
 
Damals nur Melodieinstrument spielend habe ich die Stufen der Halbtonschritte tatsächlich stumpf auswendig gelernt. Plus die zur Tonart erforderlichen Vorzeichen.

Wenn es ums Hören geht, muss man bei Melodieinstrumenten vermutlich anders vorgehen. Eins meiner Kinder spielt Cello und das erste eingeführte Intervall neben den Quinten der leeren Saiten war die (kleine) Terz, dann Ganztonschritte. Halbtöne sind meiner Meinung nach erstmal schwieriger zu hören.
 
Was genau sollen denn deine Schülerinnen lernen? Was sollen sie am Ende deines Kurses wissen und können?
 
??? Nehmen wir die chromatische Alt-Tonleiter.

Auf der Gitarre: tiefe E-Seite, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12 und 13, Bund,

auf dem Klavier:
grifftabelle_piano.png


Auf der Blockflöte:
grifftabelle_floete.png


Da sind viele Ausnahmen in der Reihenfolge, das widerspricht einem logichem Ansatz und entspricht mehr einer Chiffrierung.
 
Da sind viele Ausnahmen in der Reihenfolge, das widerspricht einem logichem Ansatz und entspricht mehr einer Chiffrierung.
Ich fand die Reihenfolge auf der Blockflöte immer ganz logisch: Das Urprinzip: Tiefster Ton, all Löcher zu. Dann von unten her immer ein Loch nach dem anderen mehr auf, und schon hat man die Tonleiter (ja, das f stimmt dann nicht ganz mit barocker Griffweise). Wenn ich zwischen den Tonleitertönen noch Töne spielen will (Halbtöne), dann muß ich von den schon geöffneten Löchern unterhalb des zuletzt geöffneten Lochs noch ein oder zwei Löcher wieder zumachen, damit der Ton wieder ein kleines bisschen tiefer wird. Wieviele das jeweils sind und welche, kriegt man letztendlich durchs Hören raus. Und weil das barocke f eben bauartbedingt nicht ganz stimmt, muß ich es da auch so machen (Gabelgriff). Erst im ganz hohen Register wird es komplizierter.

Viele Grüße,
McCoy
 
Und was ist mit dem H? Auch Saxophon und Clarinette haben einen der barocken Blockflöte sehr ähnlichen Fingensatz. Ein Song in C oder F ist da keine so große Herausforderung.
Wenn Du aber einen Song von F auf E transponieren must, weil der Sänger den hohen Ton nicht sauber trifft, dann kannst Du die (meist) lineare Grifffolge vergessen :(.
 
Zuletzt bearbeitet:
1642892627056.png
 
Zuletzt bearbeitet:
Ach so, das ist eine Altflöte. Da gilt dann analog das, was ich oben für die Sopranflöte zum F geschrieben habe:
(ja, das f stimmt dann nicht ganz mit barocker Griffweise)
[...]
Und weil das barocke f eben bauartbedingt nicht ganz stimmt, muß ich es da auch so machen (Gabelgriff).
Übertragen auf Altblockflöte: Ein Loch mehr auf als das A, und weil der Ton H dann bauartbedingt nicht richtig stimmt und zu tief ist, muß man ein Loch mehr aufmachen und dafür unten wieder ein paar Löcher zu. Eigentlich müßte in der F-Dur Tonleiter an dieser Stelle auf der Altblockflöte ja sowieso ein B kommen und kein H.

Man muß das tatsächlich mal ausprobieren, dann wird es klarer.

Viele Grüße,
McCoy
 
Grund: nochmal über die Altflöte und ihr H nachgedacht
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Ich finde die Eigenheit der Barockflöte, die 4. Stufe (F bzw. B) mit Gabelgriff zu spielen absolut logisch. Kommt halt auf die Betrachtungsweise an.

Aber der Reihe nach:
Ich unterscheide bei der Griffsystematik gewissermaßen "etagenweise". Aber Achtung: "etagenweise" steht hier nicht synonym für Oktave!

1. Etage:
Solange noch nicht genug offene Löcher unter dem Ton sind, öffnet man das Loch von der um einen Halbton zu erhöhenden Tonstufe ein kleines Stück oder wenn ein Doppelloch gebohrt wurde, eines der beiden Doppellöcher. Das entspricht der Slidingtechnik.

2. Etage:
Beim 3. Ton beginnt die 2. Etage. Ab dort gilt dann für das Spiel von Halbtonschritten von unten nach oben: nächstes Loch auf, 2 drunter zu. Dieses Prinzip passt bei Barockblockflöten auch zum Wechsel von der 3. zur 4. Stufe (e>f / a>b) und macht dadurch deutlich, dass der Schritt von der 3. zur 4. Stufe ein Halbton ist. Nach dem "Stammtonleiter-Halbtonschritt" wird ein "gabelfreier" Griff ( x/xxxxooo ) übersprungen. Danach wird das System weiter fortgesetzt (x/xxxoxxo) (x/xxxoooo) (x/xxoxxoo) (x/xoxxooo) (x/xoooooo)

3. Etage:
Öffnet man das "H-Loch" bzw. "E-Loch" (7. Tonleiterstufe) und schließt dem bislang verfolgten System entsprechend darunter 2 Löcher (x/oxxoooo), landet man bei nahezu demselben Ton. Also wurde ein Loch zu viel verschlossen, das System passt also nicht mehr und muss sich ändern. Es wird nun nur noch ein Loch geschlossen: (x/oxooooo) und man landet folgerichtig beim his/c bzw. eis/f und erkennt einen weiteren "Stammtonleiter-Halbtonschritt".
Für den nächsten Stammton öffnet man nun nicht das "Abdunklungsloch", sondern das Daumenloch (o/oxooooo). Für die chromatische Stufe darunter nutzt man das oberste Fingerloch (o/xxooooo). Dieser Griff erinnert im ersten Moment an das System der 2. Etage. Weil aber der Mittelfinger nicht bewegt wurde, muss klar gemacht werden, dass das nicht dasselbe ist. Für die Abdunklung des Stammtones wurde ja nur ein Loch geschlossen.

4. Etage:
Ab hier wird es wegen der Überblastechnik komplexer. Bei der chromatischen Stufe dis/es bzw. gis/as muss man erst einmal umdenken und die ganze Röhre ohne Daumenloch schließen. Mit der richtigen Überblastechnik bekommt man dann ebenfalls die (bei Barockflöten nicht ganz saubere) Oktav des Grundtones, beim Öffnen des Kleinfingers die None und beim Öffnen des Ringfingers die Dezime. Den Ton zwischen None und Dezime erhält man, indem am oberen Ende ein Loch geöffnet wird. o/oxxxxxo

5. Etage:
Hier wird es wieder einfacher. Es gilt jetzt die Regel: Stammtonloch auf 1 Loch drunter zu. Das entspricht der 2. Etage nur halt eben mit 1 Loch statt 2. Mit diesem System kommt man bis a (Sopr) bzw. d (Alt).

6. Etage:
Hier gilt: Tricksen und Horchen! ;-)

Fazit:
In der Griffweise der Barock-Blockflöte ist durchaus ein logisches System erkennbar, das zumindest für die "grobe" Intonation ausreicht. Die zu entdeckenden Gesetzmäßigkeiten haben aber nichts gemein mit dem Tasten- oder Griffbrettsystem. Deshalb ist es meines Erachtens wichtig, unabhängig von diesen Visualisierungshilfen Hörerfahrungen mit Slidingtechnik zu sammeln, um ein zunächst vages Gefühl für Tonabstände und darauf aufbauend ein allmählich immer besser werdendes Hören und Erkennen der Tonabstände (Ganzton/Halbton und andere Intervalle) zu erwerben. Die Gehörschulung muss bereits in der ersten Flötenstunde beginnen, damit die Schüler lernen, ihr Instrument sauber zu intonieren. Denn die Griffe sind immer nur eine Annäherung an den Ton. Exakt treffen kann man den Ton nur, wenn man gelernt hat, die Intonation gezielt zu steuern. Darüber hinaus muss man wissen, dass je nach dem, von wem und nach welchem Vorbild eine Blockflöte gebaut wurde, dieses Griffsystem bei manchen Tönen etwas korrigiert werden kann/muss, wenn die Intonation beispielsweise auf die reine Stimmung abgestimmt werden soll.

Das grundlegende Verständnis für Flötengriffsysteme wird meines Erachtens verbessert, wenn man ausprobiert, wie verschiedene Flötentypen funktionieren und sich klar macht, warum sich verschiedene Flötentypen entwickelten.
Bei einer durchsichtigen zylindrischen Kolbenflöte mit Schnabelmundstück kann man das Tonsystem außen auf die Röhre zeichnen. Beim Beobachten der Bewegungen des Kolbens begreift man rasch die Analogie zum linearen Öffnen und Schließen der Grifflöcher mit Slidingtechnik. Bei undurchsichtigen Kolbenflöten markiert man die Töne auf den Stab, mit dem der Kolben bewegt wird. Auch das ist aufschlussreich. So einfach so gut. Aaaber!
Im Gegensatz zu Instrumenten, die aus einer Summe von einzelnen Klangerzeugern bestehen wie Stabspiele (Klangplatten), Instrumente mit Klaviaturen (Saiten, Pfeifen, Zungen, Stäbe) oder systematisch angeordneten Saiten, und auch im Gegensatz zu Saiten über bundierten Griffbrettern, ist das "Tonänderungssystem" einer Flöte um so schwieriger ersichtlich, je komplexer ihr Innenleben und die Differenzierung der Lochgröße ist. Ein Vergleich verschiedener Schnabelflötentypen (mit verschiedenen Formen der Innenbohrung, verschiedenen Verhältnissen von Länge und Durchmesser, verschiedenen Anordnungen und Größenverhältnissen der Grifflöcher sowie deren Unterschneidung und nicht zuletzt auch deren Anzahl) zeigt deutlich, wie verschieden Flötengriffsysteme sein können und dass diese von mehreren baulichen Eigenheiten abhängen. Der sprichwörtliche Teufel steckt dabei stets in für Laien nicht so ohne weiteres ersichtlichen Details. Blockflötenvirtuosen schätzten die von den Blockflötenbauern erdachten Verfeinerungen der Instrumentenkörper und Grifflochbohrungen vermutlich aus einem ganz einfachen Grund: die perfekte Intonation wurde immer leichter; vorausgesetzt, man beherrscht die zugehörige Grifftechnik.
Die mit Experimenten verknüpfte Betrachtung der Thematik macht Spaß und ist der Grund, warum ich ganz verschiedene Flöten gesammelt habe.

Bleiben noch folgende Probleme, die vor lauter Betrachtung der Griffsysteme etwas aus dem Blickfeld gerutscht ist.

Aus Sicht von Flötenschüler/innen erscheint die Reihenfolge der Tonschritte oft unlogisch.
Mir ist zwar nicht klar, warum, aber egal ...

Ich erkläre unabhängig von irgendeinem Instrument, dass die Reihenfolge der Tonschritte und deren Größe, aus denen sich eine Tonleiter ergibt, sich im Grunde x-beliebig ändern lassen und es in der Welt der Musik mehr als nur das abendländische Tonsystem gibt. Jedes Tonsystem ist das Resultat von Hörgewohnheiten und Traditionen, die oft singend überliefert wurden. Andererseits gab auch die Entwicklung von Musikinstrumenten wichtige Impulse und aus den Möglichkeiten, diese mehr oder weniger flexibel spielbar zu stimmen, ergaben sich verschiedene Stimmsysteme.

Je nach dem, welche Schrittgrößen man zu einer Tonleiter aneinander reiht, ergeben sich aus unserem "abendländischen Baukastensystem" eine Reihe unterschiedlicher Tonleiterstrukturen, für die im Laufe der Musikgeschichte die heute in der Musiklehre gebräuchlichen Bezeichnungen gefunden wurden. Es gab auch Komponisten, die ganz bewusst mit den überlieferten Regeln brachen und für ihre Kompositionen eigene Tonleiterstrukturen erfanden.

Die Reihenfolge der Tonschritte, wie wir sie singen, hat viel mit Hörgewohnheiten und nicht so sehr mit Logik zu tun. Deshalb ist es mir wichtig, Tonleitern zu entdecken (nicht zu pauken), sie (hin) zu nehmen, wie sie sind und sie erst einmal einfach nur zu beschreiben, also ihre Struktur zu analysieren. Dazu teile ich die diatonischen Tonleitern in Tetrachorde ein und beschreibe die Leiterstrukturen nicht mit Stufenzahlen sondern mit Abkürzungen der Halbtonpositionen in den Tetrachorden A= Anfang, M = Mitte, E= Ende, - = Grenze (Schritt zwischen den Tetrachorden). Dann ergibt sich:
Dur/Ionisch E/E,
Dorisch M/M
usw.
Moll M/A

Klappt man die Daumen in die Handfläche und hält dann die Zeigefinger nebeneinander, lassen sich diese Strukturen mit den ausgestreckten Fingern darstellen. Finger, die Töne eines Ganztonschritts symbolisieren, werden gespreizt. An den Positionen der Halbtonschritte sind die Finger geschlossen. Eine Lücke zwischen den Zeigefingern = Ganzton. Zeigefinger aneinander gelegt = Halbton.

Betrachtet man die Notennamen der Moll-Tonleiter ohne Vorzeichen, entdeckt man, dass die Töne in alphabetischer Reihenfolge benannt wurden: a h/b c d e f g
Beim 8. Ton zählt man wieder von vorne, weil das die Oktave des Grundtones ist, die einerseits aufgrund physikalischer Gesetze gewissermaßen als derselbe Ton empfunden werden kann, andererseits sich ab diesem Ton die Leiterstruktur wiederholt.
Warum nun in unserem Sprachgebrauch das h an die Stelle von b gesetzt wurde, darüber streiten sich die Gelehrten. Interessant ist, dass sich das h ergibt, wenn man den "Boden" des b ausradiert und dass dies der Buchstabe nach dem G ist. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich eine nette "Eselsbrücke".

Obwohl der Kammerton A als Referenzton für das Stimmen festgelegt wurde, werden die Oktavwechsel immer beim C gemacht: C1 bis H1 / C2 bis H2 / usw.
Warum? Man könnte annehmen, weil das C4 bzw. c' im Notensystem die Mitte ist. Oder weil es der Grundton der Dur-Tonleiter aus Stammtönen ist? Also mir ist da die musikwissenschaftliche Erklärung bislang entgangen. Alle Welt scheint das einfach so hinzunehmen. - ? -

Nachdem nun die Benennung der Tonstufen festgelegt war und klar wurde, dass die Tonleitern aus zwei unterschiedlich großen Tonschritten (diatonisch) bestehen, die sich auf diatonischen Instrumenten nicht transponieren lassen, (für Singstimmen ist das ja bekanntlich gar kein Thema, weil man automatisch in jeder Stimmlage richtig singt - wenn man es kann ;) - ) baute man gewissermaßen zusätzlich Töne ein, um das Spiel auf Instrumenten flexibler gestalten zu können. Und da gingen dann die Probleme so richtig los, was bekanntermaßen zu verschiedenen Stimmsystemen führte.

Ab hier sind Details für den Flötenunterricht erst dann interessant, wenn es um differenziertes Intonieren geht.

Feinbestimmung von Intervallen

Ergänzend zu den Ausführungen im anderen Post:
Ich baue das Raster für die Darstellung des Tonsystems so auf, dass jede Rückung aufwärts eine Reihe höher und jede Rückung abwärts eine Reihe tiefer abgebildet wird. Enharmonische Verwechslungen stehen in diesem Raster senkrecht übereinander. Dadurch ist gut zu sehen, welche chromatischen Stufen des gleichstufig temperierten Stimmsystems klangleich aber bezugskonträr sind und wann chromatische Töne des gleichstufig temperierten Stimmsystems klangleich mit Stammtönen sind.
An so einem Raster lässt sich dann auch ziemlich einfach erklären, warum beispielsweise eine übermäßige Sekunde wie eine kleine Terz klingt, man sie aber trotzdem nicht als Terz bezeichnet. Das bekommt man mit Klaviatur und bundiertem Griffbrett nicht so einfach hin, weil da die gedanklichen tonalen Bezüge nicht sichtbar werden.

Beim Blockflötenspiel muss beim Bestimmen von Intervallen viel intensiver als bei Tasteninstrumenten oder Stabspielen oder ... geachtet werden auf 1. die Gehörschulung 2. das "Intervall-Lesen" da ein Abzählen an Fingern/Grifflöchern nicht funktioniert.
Das "Intervall-Lesen" kann man schulen, indem man sich die Tonleiter und die Intervalle mit Noten, Klammern und Balken vor Augen führt. Als erstes muss man sich dabei die verschiedenen Grund-Typen von Intervallen klar machen:
1. groß/klein - Sekunde, Terz, Sexte, Septime (2, 3, 6, 7)
2. rein - Prim, Quart, Quinte, Oktave (1, 4, 5, 8)
Warum das so ist, wird klar, wenn man für jedes der Intervalle einen Balken zeichnet, den man an einer 8-stufigen Tonleiter entlang schieben kann. In diesem Fall werden die Tonleiterstufen mit gleichen Abständen aufgeschrieben und die Halbtöne mit einem Bogen markiert. Dann fällt auf, dass man bei Sekunde, Terz, Sexte und Septime (also die groß/klein Intervalle) die Möglichkeit hat, die Balken so zu positionieren, dass 0 oder 1 Halbton bzw. 1 oder 2 Halbtöne überspannt werden. Mit den reinen Intervallen ist das anders. Da ergeben sich immer dieselben Intervallgrößen, ganz gleich, wo man den Balken hin schiebt. Eine Quarte oder eine Quinte enthält also immer einen Halbton, eine Oktave immer zwei. Das funktioniert mit fast allen aus Stammtönen gebildeten diatonischen Tonleiterstrukturen. Lokrisch ist die Ausnahme.
Wurde das grafisch (oder spielerisch mit einem "Tonleiter-/Intervallschieber") vor Augen geführt, sollte sich das Prinzip leichter merken lassen und die Bestimmung dieser Intervalle fortan leichter fallen. Diese "Spielregeln" lassen sich für die Bestimmung von verminderten oder übermäßigen Intervallen sinngemäß erweitern.

Schönen Sonntag und viel Spaß beim Tüfteln!

Lisa 👩‍🌾
 
Grund: Tippfehler
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@Lisa2 Dir fällt aber schon auf, wieviel Aufwand Du betreiben mustes, um deine Logik zu erklären?
Das ist eine Menge an Information, die nur die tonale Umsetzung einer simplen Reihenfolge von zwölf chronologischen Schritten mit linearer Steigung beschreibt.
Auf der Gitarre ist das viel simpler, viel verständlicher und somit auch viel logischer. Und: Auf nur einer Saite für jeden Ton auf allen Saiten bis zum zehnten Bund (E-Gitarre) immer gleich!
 
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ich unterrichte Blockflöte und Querflöte. Dabei bin ich auf der Suche nach Material, die das Lernen der Musiktheorie (zunächst Tonleiter, Intervalle, Dreiklänge) ohne Bezug zu Tasteninstrumenten erklärt.
Eigentlich wird Musiktheorie bzw. allg. Musiklehre in paraktisch jedem Lehrwerk ohne Bezug zu Tasteninstrumenten erklärt, außerdem haufenweise auf Youtube.

Trotzdem, es gibt m.E. kein besseres Hilfsmittel als das Klavier. Man kann auf dem Klavier die Intervalle anschaulisch angeordnet sehen, hören und selbst erzeugen, leichter zugänglich werden die Grundlagen wohl kaum zu vermitteln sein.

Gruß Claus
 
@Ben zen Berg
Ja und?
Ob viel oder wenig Aufwand, war nicht das Thema. Es ging um das Erkennen der Logik des Blockflötenstimmsystems; speziell um das der Barockblockflöte. Eine komplexe Logik wird nicht dadurch unlogisch, weil sie jemand nicht durchschaut. Um das Verstehen zu erleichtern, beschrieb ich bereits das folgende Beispiel:
Nimm eine einfach konstruierte Flöte, wie die Kolbenflöte; am besten eine mit durchsichtigem Rohr. Zeichne für jeden Halbton die Kolbenpositionen auf das Rohr und schon erhältst Du genauso eine simple und verständliche Visualisierung der Tonleiter wie auf einem chromatischen Griffbrett.
Eine Barockblockflöte ist nun aber nicht das primitive Instrument, für das so mancher es zu halten scheint. Wer die Grifftechnik zu kompliziert findet, der kann ja üben, die Zwischentöne durch halbes Abdecken der Grifflöcher sauber zu treffen. Dann wird das Griffsystem genauso einfach verständlich, wie das Griffbrett der Gitarre. Weil aber die Ergebnisse der Intonation nicht zufrieden stellen, macht man es anders und zwar so, wie vom Blockflötenbauer vorgesehen. Und der hat das Griffsystem in der Regel den Wünschen seiner hochkarätigen Kunden (Profispieler) entsprechend entwickelt. Die dürfte kaum interessieren, ob die Griffweise einfach zu erklären ist oder nicht. Wichtig ist nur eine saubere Intonation über zwei vollständige Oktaven.

Und wie groß ist der Tonraum einer einzigen Gitarrensaite? Das Ende der 2. Oktave erreicht man damit nicht. Deshalb spielt man ja auf mehreren Saiten. Das über 6 Saiten verteilte Tonleitermuster folgt dann einer Systematik, die je nach Stimmsystem der Saiten ganz unterschiedlich aussehen kann und dann gibt es auch noch Instrumente mit 4 Saiten wie z.B. Banjo, Ukulele und Konzertzither. Für die muss man jeweils eine andere Griffsystematik erlernen. Und das ist dann trotz der simplen Grundidee des Griffbretts doch nicht so einfach und man muss erklären, was es mit dem Problem der Bundreinheit auf sich hat. - Wie dem auch sei. Das weiter auszuführen, führt ins Offtopic. Es macht keinen Sinn, Äpfel mit Birnen zu vergleichen oder zu diskutieren, von welchem Instrument das Griffsystem leichter zu verstehen ist. Es geht hier einzig und allein darum, das Griffsystem der Blockflöte zu verstehen. Um Tonleitern zu verstehen, zeichnet man sich die oben beschriebenen Raster auf.

Trotzdem, es gibt m.E. kein besseres Hilfsmittel als das Klavier.
Ein zweireihiges Glockenspiel (=chromatisch) funktioniert genauso gut und man kann es in die Tasche stecken. ;)

Gruß
Lisa 👩‍🌾
 
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Hier geht es aber nicht wirklich um die Komplexität der Greiffolge sondern um eine simple Erkennbarkeit von Halb- und Ganztonschritten. Beim Klavier hat man das schwarz auf weiss, der TE fragt aber nach Alternativen.
Und ich finde auch, das eine Klaviatur mit dem überdeutlichen C die vom TE beschriebene Problematik noch unterstützt.
Ich finde, dass das System der tonalen Abhängigkeiten in der abendländischen Musik am besten mit dem Quintenzirkel dargestellt werden kann. Ohne Schwerpunkt auf eine Tonart und ohne Bauart bedingte Abstraktion.
Frei einstellbare Quintenzirkel werden in verschiedenen Apps angeboten, meistens mit guter Optik - aber oft mit unschön generieren Tönen.
 

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