Ragtime

von recora, 23.05.06.

  1. recora

    recora Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 23.05.06   #1
    Hallo =)

    Ich bräuchte mal intelligente Hilfe *g*
    Ich muss fürs Abitur über das Thema Ragtime eine Präsentation halten.
    Ein wichtiger Punkt, der mir noch fehlt ist der ZWECK des Ragtime.
    Ich bin mir nicht sicher, auf was mein Pauker da hinaus will...
    Desweiteren muss ich aus der Sammlung "Children's Corner" von Debussy an dem Stück "Golliwogg's Cakewalk" die Elemente des Ragtime raussuchen ... wenn sich jemand schonmal mit diesem Thema beschäftigt hat könnte er mir meinen Tag retten.
    Wäre über eine Antwort sehr dankbar ;-)
    Sandra
     
  2. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 25.05.06   #2
    Da der ragtime in kneipen und bordellen von Schwarz-USA geboren wurde, vermute ich "umsatzsteigernde wirkung". Ob dein lehrer das hören will - - - - -?
     
  3. recora

    recora Threadersteller Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 27.05.06   #3
    Hallo
    Danke für deine Antwort.
    Ich denke aufjedenfall dass das ein wichtiger Aspekt damals für die Schwarzen war, da sie ja immernoch unterdrückt wurden.
    Aber ich habe überlegt ob er vielleicht mit seiner Anmerkung auf die sogenannten "minstrel-shows" rauswollte, bei denen schwarze musiker ja erstmals die möglichkeit hatten populär zu werden und in die Unterhaltungsbranche einzusteigen, indem sie sich selbst und ihre Artgenossen lächerlich machten.
    Der erste Ragtimesong wurde nämlich in einer solchen Minstrelshow aufgeführt.
    Aber da stellt sich für mich immernoch die Frage, ob dass der ZWECK des Ragtimes ist...
    Unter dem Zweck versteht man doch, wofür der ragtime erfunden wurde, oder?
    Gibt es die Möglichkeit, dass er, ähnlich wie beim Blues, die Leiden der Unterdrückten ausdrücken wollte? Beim Blues wurden ja euch Melodik und andere Sachen der Weißen übernommen...
    ich weiss es nicht *verzweifel*
    Grüße
    Sandra
     
  4. Günter Sch.

    Günter Sch. HCA Piano/Klassik HCA

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    Erstellt: 27.05.06   #4
    Die minstrels waren, soweit ich weiß, weiße, die sich schwarz schminkten, um von der zunehmend beliebten "schwarzen" musik als trittbrettfahrer zu profitieren und die "coons" lächerlich zu machen. Der "Cakewalk" hinwieder war eine "schwarze" pantomime, wobei man sich über die "gnädigen frauen und herren" weidlich lustig machte. "Feeling blue" ist eine seite afrikanischen fühlens, fröhliche ausgelassenheit eine andere. Nach dem bürgerkrieg lagen überall instrumente von den nun aufgelösten militärkapellen herum, die nutzten die nun nicht mehr sklaven, aber noch immer unterprivilegierten afro-amerikaner, und aus militärmärschen, anglo-irischer folklore und afrikanischen traditionen entstand, was man allgemein jazz mit vielen vorstufen nennt, one-step, two-step, tailgate-style, der name stammt daher, dass bei umzügen die band auf einem lastwagen saß, der posaunist ganz hinten an der ladeklappe, damit er sein instrument ausziehen konnte. Der ragtime hat einen zickig/synkopierten rhythmus, aber auch marschcharakter. Débussy hat ihn übernommen, wie er auch in den Préludes eine minstrelshow skizziert. Über all das gibt es reiche literatur, ein gang zur bibliothek wird dir nicht schaden. Vergleiche auch die notierten ragtimes von Scott Joplin mit Golliwogs cakewalk.
    Ob musik immer einen zweck hat, bezweifele ich, aber sie stammt immer aus einem bestimmten, gesellschaftlichen milieu, was ich mit meiner unernsten bemerkung andeuten wollte. Guten jazz machen, heißt wahrscheinlich, sexuell aktiv sein, und ob beim ragtime die fetzen nur in der melodik fliegen - - - - - -
     
  5. tantrix

    tantrix Registrierter Benutzer

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    Erstellt: 11.07.06   #5
    Ragtime ist eine der Wurzeln des Jazz.
    In der Musik sehe ich nicht Weiterentwicklungen, sondern Brüche. Der alte Jazz war ein Bruch mit Polka und Walzer z.B. Ein sich Widererinnern an wohl die ältesten Musikausübung, dem Tommeln, der Rhythmik. Wir unterscheiden in Musik im Rhythmus und in Musik im Takt. Die "klassische" Musik steht im Takt. Moderne U-Musik ebenfalls. Der Stomp, auch fourbeat bezeichnet, und der Boogie, aber auch Ragtime stehen im Rhythmus. Die alten Formen werden mit New Orleans assoziiert wie der Walzer mit Wien. Will man nicht auf Legendenbildung hereinfallen muss man einen Blick in die Soziologie und wechselvolle politische Geschichte Louisianas werfen. Laut spanischer Gesetzgebung konnten sich die Sklaven freikaufen und zwar zum Tagespreis. So entstand bald eine ökonomische Mittelschicht und Bildungsschicht. Die Kreolen verstanden sich seinerzeit als eigene Volksgruppe und Bildungsschicht, auch mit musikalischer Bildung.

    Mit dem Jazz war es 1931 vorbei, sagt der Zeitzeuge Mezz Mezzrow in seinem schönem Buch "Jazzfieber". Jazz hat nämlich was mit dem französchen Wort -gesprochen "tschass"- zu tun und bedeutet eine Musikrichtung in der Solisten nacheinander und auch gegeneinander antreten. Eine spezielle und eng umgrenzte, definierte Musikform, musikalische Gruppenaktivität, welche auch "real jazz" genannt wird.
    Nach Auffassung des "real jazz" ist Swing kein Jazz. Eben Swing! Ein Bruch mit dem Jazz. Wenn mehrere zusammenspielen wollen muss man "taktieren". Also keine Musik im Rhythmus. Der alte Jazz war eine Fußgängermusik, Country (und orientalische) Musik eine Reitermusik.
    Der nächste Bruch war der "Modern Jazz". Die Übername des Begriffs Jazz ist eigentlich Diebstahl. Aber so vollendet, dass man anerkennen muss, das jazz heute ein Mülleimer für alles Mögliche und Unmögliche ist, was man anderweitig nicht zuordnen kann.
    Der zum Rag zugehörige Tanz hieß cakewalk. Es war aber keine Tanzmusik, speziell zum tanzen komponiert. Der Tanz ist auch nicht der Feind der Musik - ohne Menuett keine Sinfonie! -, sondern die Komerzialisierung, die Verwässerung. Und es ist ja wohl auch so, dass die vielfältige und durchaus hochwertige Kleinstkunst durch die Rock- und Popindustrie erstickt wird.
    Der Ragtime fand Verbreitung durch die mechanischen und später elektrischen Klaviere. Stellte also zu Beginn des industriellen Zeitalter die erste maschinenreproduzierte Musik, vor Erfindung der Schallplatte, dar. Informationsträger waren genagelte Walzen, Lochstreifen und gelochte Platten.
    Manche behaupten, der Rag sei kein Jazz, weil er komponiert sei. Kokolores, dann wäre Duke Ellington und Fletcher Henderson auch kein Jazz.
    Es gab und gibt eine mehr improvisierte Variante, der Stride. Dieser erlebte ein Wiederaufleben in den Vierzigern durch Virtuosen wie Fats Waller z.B.
    In den Siebzigern wurde Scott Joplins "Entertainer" noch mal ein Hit. Es entstand neues interesse an dieser Kunstform. Ich erwarb damals eine LP "Ralf Sutton, Ragtime in USA".
    Heute geistert noch Sammy Womocka durch die Lande und spielt Rag auf der Gitarre.
    auch der Blueser Big Bill Broonzy spielte Rag. Ebenso manche Band mit Blasinstrumenten also ist Ragtime nicht nur Klaviermusik. Ich mag Rag auch gerne auf der Posaune spielen.
    Ragtime ist eine Kunstform. Hüte dich vor so Bemerkungen wie "Der ragtime hat einen zickig/synkopierten rhythmus...". Ein Geschmacksurteil als Qualitätsurteil auszugeben ist inkorrekt. Es beträfe nämlich nur die Ausführung. Außerdem handelt es sich nicht um Syncopen, sondern um Syncopenartige Bildungen die sich von der klassischen Syncope unterscheiden.
    Ich fand in einem alten Msikwissenschaftlichen Buch (mit schon erweitertem Jazzbegriff) noch etwas, das hier zitiert sei:
    (Es würde natürlich zuweit führen, hier die ganze Jazzharmonie- und -Rhythmuslehre reinzustellen).

    Geschichtlicher Rückblick
    Die Jazzharmonik ist europäischen Ursprungs
    Die nur fünf stufige Neger-Tonleiter, welche, wie erörtert werden wird, das Urmaterial des Jazzmusizierens ausmachte und die alten Plantagen-Negerlieder ausschließlich be-stritt, konnte keine vielgestaltigen harmonischen Zusammenklänge liefern. Eine Harmonik in unserem Sinne entstand erst, als nach dem amerikanischen Bürgerkriege die freizügiger gewordenen Negermusikanten die großen Städte aufsuchten, mit anglo-amerikanischer Musik in Berührung kamen und deren harmonische Gegebenheiten in ihre Volksmusik aufnahmen. Dies geschah gegen unsere Jahrhundertwende, als die gesamte Weltmusik, soweit sie populär und modern zugleich sein wollte, von dem norwegischen Komponisten Edvard Grieg beeinflußt war. Er hatte die damals noch vielfach unverstandene Harmonik Richard Wagners (Nonenakkorde, alterierte Klänge) popularisiert, indem er sie in Verbindung mit leicht verständlicher norwegischer Volksmusik brachte und in eigenen, schnell ansprechenden Klavierstücken über beide Kontinente verbreitete. Grieg galt mit seinen neuartigen Klängen um die Jahrhundertwende überall als der eigentliche Modekomponist. So original der Jazz auch in seiner Rhythmik, Melodik und Struktur war, alles Harmonische in der heute rückschauend als New Orleans- und Dixieland-Musik bezeichneten Jazzimprovisation fußte mehr oder weniger auf Grieg. Ebenso gab das Vorbild für den heute herrschenden Locked-hand-Stil des Jazz der neuartige Klaviersatz in Griegs berühmtesten, in der ganzen Welt schnell verbreitetem Stück »An den Frühling« ab.
    Neben Grieg wurde später Puccini zum harmonischen Nährvater der frühen Jazzmusik. In der Einleitung seiner Oper »Tosca« verwendete er zum erstenmal Häufungen alterierter Akkorde, deren Erläuterung einen Hauptteil unseres Lehrbuchs ausmacht, da der systematische Ausbau der Alterierung den Be-Bop-Stil schuf.
    Der Jazz hat also stets auf Seiten der jeweilig modernsten Komponisten gestanden und tut dies auch heute noch. Der bewußt progressive Jazz hat sich zum weiteren Ausbau seiner komplizierten Akkorde längst bei europäischen Meistern wie Strawinski und Bartok Rat geholt. Aus negrischer Volksmusik hervorgegangen, hielt der Jazz doch ständig Verbindung mit der letzten harmonischen Entwicklung europäischer Kunstmusik, um seine Vormachtstellung als populäre Gegenwartskunst in der sich immer wieder modernisierenden Welt zu erhalten.
    Der Vorteil solcher Popularisierungsbestrebungen moderner Harmonik für das Verständnis der seriösen Kunst Hegt auf der Hand. Der amerikanische Komponist Aaron Copland schrieb 1947 in seinem Buche »Our New Music«: »Noch ein paar Jahre solcher Freiheiten in der Harmonik des Jazz, und Strawinskis kühnste Experimente in dieser Richtung werden dem Mann von der Straße geradezu harmlos vorkommen.«


    Gelehrtenstreit um die Synkope
    Für wissensdurstige Leser sei noch mitgeteilt, daß auch die Ansichten der Musikhistoriker über die Frage der Synkope in der Jazzmusik durchaus auseinandergehen. Da sich synkopenartige Bildungen bereits in den geistlichen Gesängen der nordamerikanischen Negersklaven, den Spirituals, vorfinden, neigten einige xu der Ansicht, daß die Synkope ein Urmerkmal der Negermusik und aus Afrika mitgebracht worden sei. Dies bestritten andere Forscher, vor allem v. Hornbostel, indem sie geltend machten, daß die religiösen Versammlungen auf den Plantagen nicht ausschließlich von Negern, sondern auch von "weißen Knechten" der Pflanzer besucht worden seien, und daß diese durch ihre aus Schottland eingeführten Lieder den Negern das Geheimnis der Synkope erst enthüllt hätten. Dies scheint uns, mit Verlaub zu sagen, eine recht unglaubhafte Hypothese zu sein. Denn daß Plantagen-Knechte, ob schwarz oder weiß, mit einem so komplizierten Kunstmittel der Musik, wie es die Synkope darstellt, hatten umgehen können, will nicht einleuchten. Diese "schottische Theorie" der Synkope wird scheinbar gestützt durch die Tatsache, daß sich in der Musik der unbeeinflußten, in Holländisch-Guyana völlig isoliert lebenden Busch- Neger keine Synkopen vorfinden, wohl aber "afrikanische Rhythmen" . . .
    Gerade diese Tatsache beweist uns, daß die vermeintlichen Synkopen der Neger überhaupt nichts anderes als die "afrikanischen" polyrhythmischen Bildungen waren — die ihnen bei ihrer sprichwörtlichen rhythmischen Begabung ganz gewiß nicht von "weißen Plantagen-Knechten" beigebracht werden konnten!
    Erst als die Spiritual-Sänger in den Städten mit angloamerikanischer Musik in Berührung kamen und ihre Musik nach dem Vorbild der 'Weißen zu ordnen oder gar in Noten aufzuzeichnen begannen, wird deutlich sichtbar, daß sie ihre naturhaften rhythmischen Bildungen dem Kunstmittel der Synkopierung anpaßten: jetzt taucht das "Wort Ragtime auf, das "zerrissene (Zähl-) Zeit" bedeutet, und nun zum erstenmal wird den Negermusikanten die Existenz der europäischen Taktstriche, die vier solcher Zählzeiten umschließen, bekannt. Sie beginnen ihre Rhythmen in Takte einzuordnen, finden sie gerechtfertigt durch das taktgebundene Kunstmittel der Synkope. Seitdem gilt Jazz als "synkopierte Musik" und wird auf diese Art sozusagen fabrikationsmäßig; hergestellt


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