Verspäteter Konzertbericht: Jean Michel Jarre, Koblenz, 28.05.2009

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Auch wenn diese Show nun schon ein halbes Jahr her ist, möchte ich euch den nun endlich fertiggestellten Konzertbericht trotzdem nicht vorenthalten.

Im Rahmen seiner In>Doors-Tournee 2009 sollte Jean Michel Jarre nur zu einem einzigen Konzert nach Deutschland kommen. Dies fand nicht etwa in einer der großen Metropolen statt, sondern statt dessen in Koblenz. Interessant dabei ist, daß die ursprüngliche Planung überhaupt kein Konzert in Deutschland vorsah und dieses nachträglich in den Tourplan aufgenommen worden war. Auch ließ die Promotion wieder sehr zu wünschen übrig; laut Augenzeugen gab es kaum mehr als etwas Plakatwerbung im Umkreis von ca. 50 Kilometern um Koblenz, so daß dieses Konzert mehr den Charakter eines lokalen als eines nationalen Events zu haben schien. So war es kein Wunder, daß noch wenige Wochen vor dem Konzert nur 70% der Karten verkauft waren.

Für mich sollte es das dritte Jarre-Konzert sein und das erste außerhalb Hamburgs, wohin ihn 1997 und 2008 die Oxygène-Tourneen geführt hatten. Es versprach, etwas Besonderes zu werden, da Jarre maßgeschneiderte Konzerte für jede Location vorsah und keine Shows von der Stange, die nur dann angepaßt würden, wenn dies notwendig wäre. Der finanzielle Aufwand für das Konzertticket und die Reise selbst inklusive Übernachtung war also gerechtfertigt.

28. Mai 2009, 19.45 Uhr
Ich verließ mein Hotel relativ früh, um genug Zeit vor dem Konzert zu haben. Ich hatte mittlerweile erfahren, daß das Konzert aus „veranstaltungstechnischen“ Gründen erst um 21.30 Uhr beginnen sollte, also relativ spät für ein Tourneekonzert, obwohl Jarre seine großen Einzelkonzerte meist nicht vor 22.00 begann und erst nach Mitternacht beendete. Gerade noch rechtzeitig erwischte ich den Bus Richtung Innenstadt. Auf einem Schild unterwegs stand, daß es an der Sporthalle Oberwerth keine freien Parkplätze mehr gab. Das gab mir zu denken. Meine erste Vermutung war allerdings, daß die Parkplätze schlicht und ergreifend eklatant unterdimensioniert.

19.56 Uhr
Mein Bus hielt an der Kurt-Schumacher-Brücke, wo etwa ein halbes Dutzend Leute auf einen anderen Bus wartete. Jemand fragte, ob das der Bustransfer zur Sporthalle Oberwerth sei, was verneint wurde. Also fragte ich nach dem Bustransfer, dessen Existenz mir bestätigt wurde, und stieg spontan aus, um mit anderen Zuschauern fahren zu können. Leider war unter den Leuten nicht ein einziger Hardcore-Fan, es waren eher Gelegenheitshörer.

Ich erfuhr ein neues Gerücht: Das Konzert sollte ausverkauft sein. Sollte dies ein zweites Berlin 1993 sein, nur ohne Zusatzkonzert dieses Mal? Ich hatte es noch nie selbst erlebt, daß ein Jarre-Konzert komplett ausverkauft war. Einige Tage später sollte ich erfahren, daß das Koblenz-Konzert an sich schon ein zusätzliches Konzert war, nachträglich in den Tourneeplan eingeflochten.

20.00 Uhr
Wie versprochen kam der Transfer-Bus, ein Solaris-Gelenkbus, der zunächst noch völlig leer war, aber auf dem Weg zur Sporthalle noch voll genug werden sollte, um den Einsatz eines Gelenkbusses zu rechtfertigen.

20.26 Uhr
Wir hatten die Sporthalle, gelegen im äußersten Süden Koblenz in einem Gewirr von Schnellstraßen und Eisenbahnstrecken, erreicht. Nach einer kurzen Taschenkontrolle – ich hätte die Ausrüstung zum hochqualitativen Mitschneiden des Konzertes problemlos einschmuggeln können – betrat ich die Halle. Mit meinem Oxygène 7-13-Shirt gab ich mich als Fan zu erkennen und sah mich nach anderen Leuten um, die ein Jarre-Shirt trugen, das nicht am Merchandising-Stand verkauft wurde.

Die Halle selbst war bis an die Eingänge heran mit Nebel gefüllt, der sich noch mehr bemerkbar machte als auf der Oxygène Arena Tour 1997 in der Alsterdorfer Sporthalle. Natürlich gab es Nebel, die Laser Harp war ja angekündigt worden. Im Hintergrund lief schon Waiting For Cousteau in der obligatorischen Dauerschleife. Als Manko der Sporthalle Oberwerth stellte sich heraus, daß sie mit ihren Oberlichtern und der komplett verglasten Eingangsseite nicht abgedunkelt werden konnte, was die Verzögerung um eine halbe Stunde erklärte – die „veranstaltungstechnischen“ Gründe. Die Tage waren schon recht lang, und jemand vermutete, daß das Konzert vielleicht sogar erst um 22.00 Uhr starten könnte, wenn es wirklich dunkel genug ist.

Die Bühne selbst war schon vom Eingang aus zu sehen und außerdem an drei Seiten offen, so daß man von der Empore, die um die Halle läuft, einen hervorragenden Blick darauf hatte. Nicht nur das, man konnte sogar fast direkt an die Licht- und Soundpulte (plus mehrerer MacBooks) und an die Bühne selbst treten, wo nur eine Handvoll Security-Leute darauf achtete, daß niemand auf dumme Gedanken kam. Sie ließen das Publikum sogar ganz offen ihre Kameras zücken und Fotos von allem machen. Das komplette Fehlen von Lautsprechertürmen fiel schon auf, aber Jarre hat seine PA schon immer geschickt versteckt, und außerdem erzählte er im Tourprogramm von einem neuentwickelten PA-System, das niemand außer ihm verwendete, und das hinter der Bühne installiert wurde, was den Blick auf die Bühne auch von der Seite frei halten sollte.

21.06 Uhr
Es ist immer noch ziemlich hell, als ich selbst die Bühne inspizieren gehe, auf der sich schon beispielloser Gearporno mit meist analoger Ausstattung präsentiert, nicht unähnlich der 2008er Oxygène-Tour. So sieht man Jarres allerersten Synthesizer, einen EMS VCS3 „Putney“, den er seit inzwischen mehr als 30 Jahren sein eigen nannte, neben einem der diversen weiteren Exemplare, die sich Jarre mit der Zeit zugelegt hatte, außerdem vier EMS Synthi AKS und auf einem Touchscreen einen weiteren virtuellen Synthi A. Selbstverständlich waren alle sieben (!) EMS um Jarres Bereich angeordnet. Dominique Perrier und Francis Rimbert hatten jeweils einen Elka Synthex, von dem ein dritter als Klangerzeuger für die bei genauerem Hinsehen in Form dreier Linsen sichtbare Laser Harp dienen sollte. Moog war auch mit einigen Synthesizern vertreten vom mächtigen 55 Modular System (Perrier) über einen Minimoog (Rimbert), mit dem man Jarre an sich nicht assoziiert, gleich zwei der wenigen zuverlässigen Memorymoogs (Jarre, Samard) und einen Voyager (Perrier) bis hin zur Analog-Keytar Liberation (Jarre). Hinter Francis Rimberts Platz erhob sich ein ARP 2500, auch der ARP 2600 war wieder in zweifacher Ausführung dabei. Zu den ARPs bot die weiße Front eines Macbeth M5 (Samard) einen auffallenden Kontrast. Außerdem hielt Jarre mit seinen vier Eminent 310 Unique – eine pro Keyboardburg, jede mit ihrem eigenen Electro-Harmonix Small Stone Phaser – immer noch den Rekord für die meisten Mittelklasse-Heimorgeln auf einer Bühne während eines Popkonzerts. Rechts außen stand das unvermeidliche Moog Etherwave Theremin. Im Vergleich zur Oxygène Tour 2008 fielen aber einige modernere Instrumente auf, etwa die Roland V-Drums an Claude Samards Platz und der Clavia Nord Lead an Jarres Platz. Der AX-Synth, Rolands erster Umhängesynthesizer seit dem SH-101, war das neueste Instrument im Park, wie der Nord Lead 2 bei der 1997er Oxygène Arena Tour war er noch ein Prototyp, den Jarre auf der Bühne testete. Eigens für Jarre war er mit schwarzen Folien beklebt worden, während die Serienversion weiß werden sollte. Vom Publikum aus nicht sichtbar waren weitere halb- oder volldigitale Geräte wie der obligatorische Roland D-50 (Rimbert) oder ein Alesis Ion (beim Meister daselbst).

Nach der Inspektion, und nachdem ich ein paar weitere Fans traf, nahm ich meinen Platz ein.

21.22 Uhr
Eine Art Gong ertönte. Es sollte wohl nicht mehr lange dauern.

21.24 Uhr
Hinter den Instrumenten wurden vier der fünf installierten Kombinationen aus LED-Scheinwerfer und Laserscanner hochgefahren, alle bis auf die in der Mitte. Es war immer noch heller als am Anfang des Concert pour la tolérance 1995 in Paris.

21.27 Uhr
Wieder ertönte der Gong. Die Instrumente wurden gecheckt.

21.30 Uhr
Noch einmal der Gong. Jemand verteilte Wasserflaschen auf der Bühne. Ich erinnerte mich an das offizielle Video der Europe In Concert-Show in Barcelona, in dem Jarre seine leere Wasserflasche ins Publikum wirft, und fragte mich, ob er das wieder tun würde.

21.31 Uhr
Die zwei Nebelmaschinen auf beiden Seiten der Bühne sorgten für mehr Nebel. Das Publikum wurde langsam unruhig und begann zu klatschen.

21.32 Uhr
Die LED-Scanner-Kombinationen wurden wieder heruntergefahren.

21.36 Uhr
Von nun an ging alles sehr schnell. Erst ging die Hallenbeleuchtung aus. Dann betraten Dominique Perrier, Claude Samard und Francis Rimbert die dunkle Bühne. Nach einem sehr kurzen Intro spielten sie Industrial Revolution Part 2 als Ouvertüre, und die Lightshow setzte ein. Der zweite Laserscanner von rechts breitete eine weiße Fläche aus, durch die Jean Michel Jarre seine Hand emporstreckte, bevor er schließlich ganz durch diesen Vorhang aus Licht trat mit dem AX-Synth in der Hand. Im Schein eines Spotlight spielte er die stark improvisierte Hauptstimme, eine zweite Stimme von Perrier gab es im Gegensatz zu Destination Docklands nicht, dafür geriet das Stück länger als normal.

21.40 Uhr
Fast ohne dem Publikum eine Atempause zu lassen, folgte Magnetic Fields 1 Part 1. Die Lightshow entfaltete ihre volle Power. Vier der fünf Scanner erzeugten herumschwenkende Bündel aus einzelnen Strahlen, in deren Kreuzfeuer ich mich wiederfand. Auf beiden Seiten der Bühne kamen jeweils vier kleine Scheinwerfer zum Einsatz, dazu sieben größere über der Bühne und sechs weitere davor. Das Stück selbst war sehr ursprünglich und old school, besonders der Rhythmus klang wie die Studioversion, allerdings half Claude Samard auf den V-Drums etwas nach. Jarre verzichtete auf das Theremin.

Bei diesem Stück beeindruckte erstmals der Baß. Während andere Bands Shaker für den Schlagzeuger haben, damit dieser die tiefen Frequenzen wahrnimmt, schien Jarre einen Shaker fürs Publikum zu haben, denn die Tiefbässe ließen den Boden erzittern. Gleichzeitig ging der Frequenzbereich weit in die Höhen hinein. Zusammen mit dem trotz Nebels kristallklarem Bild, das ich vom Geschehen auf der Bühne hatte, hatte ich den Eindruck, das Konzert in HD zu erleben, sozusagen in einer noch höheren Auflösung als die Realität. Vielleicht lag es auch nur daran, daß ich noch nie bei einem Jarre-Konzert so nah an der Bühne war. Bisher hatte ich immer relativ weit hinten gesessen, um einen guten Überblick über die Show zu haben, und nicht in der 8. Reihe fast mittig.

21.46 Uhr
Das dritte Stück folgte sofort: Equinoxe 7. Glücklicherweise wurde auf das vokalartige Filter im Baß verzichtet, das 1995 beim Concert pour la tolérance eingeführt worden war. Am Anfang hatte Jarre noch nichts zu tun und animierte das Publikum zum Mitklatschen – beim dritten Stück schon. Und es wurde reichlich geklatscht (typisch deutsch auf 1 und 3, allerdings war das am Anfang auch nur schwerlich anders möglich). Man merkte, daß Jarre Spaß an der Darbietung seiner Musik auf dieser Tour hatte.

Das Licht folgte der Musik: Als das Eminent-Streicherensemble erklang, wurden alle Instrumente weiß angestrahlt. Außerdem kamen erstmals alle fünf Scanner zum Einsatz, und im Laufe des Stückes wurde der Hintergrund erleuchtet. Positiv überrascht war ich davon, daß Jarre nicht die gekürzte Version spielte, die seit dem Concert pour la tolérance 1995 Standard war. Tatsächlich wiederholte er den letzten Part sogar und spielte das Stück somit länger als bei den meisten bisherigen Konzerten!

21.51 Uhr
„Guten Abend, Koblenz! Good evening, Koblenz!“ grüßte Jarre das Publikum. Mehr oder weniger die üblichen Begrüßungsworte folgten, und Jarre merkte an, daß dies ein „unusual venue“ sei. Er hatte nicht ganz unrecht, denn von allen Locations der In>Doors-Tour war die großzügig verglaste Sporthalle Oberwerth wohl am wenigsten für seine Art von Konzert geeignet. Trotzdem war Jarre auffallend gut gelaunt, vermutlich, weil Koblenz ein besseres Konzert zu werden versprach als der von Pannen verfolgte Auftritt in Brüssel.

21.52 Uhr
Die Synthesizer wurden violett angestrahlt und der Hintergrund wasserblau, als Jarres Mitmusiker eine ruhige Hintergrundmusik anstimmten. Jarre selbst begab sich zum Theremin, wo er im Schein zweier Scheinwerfer stand, einem blauen von (vom Publikum aus gesehen) links und einem grünen von hinten, der mir mit seiner Helligkeit das Schreiben erleichterte. Nach zwölf Jahren hatte Jarre definitiv gelernt, das Theremin zu spielen. Die Hintergrundklänge wurden mit der Zeit intensiver, und Claude Samard feuerte Becken-Crashes und Donner ab. Die Tonart g-Moll deutete bereits an, welches Stück zu erwarten war...

21.56 Uhr
...und zwar Oxygène 2. Ein blaues Leuchten erfüllte die gesamte Bühne, als das Stück begann. Kaum daß der Baß einsetzte (dessen Delay etwas seltsam klang, relativ undeutlich und wie mit halbierter Delayzeit), fing das Publikum von sich aus an zu klatschen. In dem Augenblick, als Jarre anfing, die Stakkatomelodie auf dem Nord Lead zu spielen, sorgten die sieben Scheinwerfer unter der Decke mit roten Lichtkegeln für eine Auflockerung der Lightshow und bewiesen wieder einmal, daß bei Jean Michel Jarres Konzerten Licht und Musik eine synchrone Einheit bilden. Während des Stücks waberte eine Nebelschicht über den Bühnenboden.

Am Schluß lief die Melodie zeitweise um einen Vierteltakt out of time. Aber diese Makel waren Beweis genug, daß das Konzert komplett live gespielt wurde.

22.02 Uhr
Jarre trat an den Bühnenrand und ließ mit einem Tritt auf einen Fußtaster die Laser Harp sich entfalten, begleitet von den Maschinengeräuschen, die er auf der Oxygène Arena Tour 1997 eingeführt hatte. Die Laser Harp war wieder einmal überarbeitet worden und „öffnete“ sich innerhalb von weniger als einer Sekunde. Außerdem hatte sie nun die ungewöhnliche Anzahl von neun Strahlen, die in bisher ungekannter Klarheit im Nebel leuchteten. Nach wie vor war die Laser Harp offen, also mit Lichtsensoren im Boden statt an einem Rahmen am anderen Ende der Strahlen, und auf Ablenkspiegel war auch verzichtet worden, so daß die Strahlen an der Decke endeten.

Mit dem Stück, das Jarre nun spielte, hatte wohl kaum jemand, der nicht die Setlist vorher schon kannte, in der Halle gerechnet – Rendez-vous 3. Wer bisher geglaubt hatte, die Laser Harp sei immer eine Attrappe gewesen, wurde spätestens nun eines Besseren belehrt, denn Jarre hielt sich nicht exakt an die Originalmelodie und improvisierte ein wenig. Der Klang kam natürlich wie auf dem Album Rendez-vous aus einem Elka Synthex.

Während des Stücks zeigte sich eine weitere Besonderheit der neuen Laser Harp: Sie faltete sich nicht nur sehr schnell auf, sondern auch ebenso schnell wieder zu, und tat dies immer, wenn Jarre auf eine andere Strahlenbelegung umschaltete. Auch konnte die Anzahl der Strahlen erstmals seit mehr als 22 Jahren variiert werden. Wie schon bei Rendez-vous Houston 1986 wurde sie im Mittelteil vorübergehend um zwei Strahlen reduziert. Während aber in Houston einfach die beiden äußersten Strahlen „abgeschaltet“ wurden, faltete sich die Harp nun komplett zusammen und mit einer anderen Strahlenanzahl wieder aus.

Nach diesem Stück schloß sie sich wieder mit dem bekannten Maschinengeräusch, das für den rasanten Schließvorgang allerdings zu lang war.

22.07 Uhr
Sofort ging es weiter mit der markanten Sequenz von Oxygène 12. Die Laserscanner sorgten für Clubatmosphäre, die programmierbaren LED-Strahler zeigten Uhren, auf deren Ziffernblätter die weißen Zeiger sich rasend schnell drehten. Dies war sichtlich eines der Stücke, an denen Jarre am meisten Spaß hatte: Ein 60jähriger Musiker, der seit mehr als 30 Jahren keinen Singlehit mehr hatte und normalerweise in die Ambient- oder Meditations-Schublade gesteckt wird, sprang auf der Bühne herum, animierte das Publikum zum Klatschen (unnötigerweise, denn die Leute klatschten ohnehin) und wirkte jünger als Keith Richards, als dieser so alt war wie der Autor dieser Zeilen. Im Mittelteil wechselte Jarre sich mit Francis Rimbert ab – ersterer spielte die höhere Melodie, letzterer die tiefere.

22.12 Uhr
Es wurde wieder ruhiger, das nächste Stück war Souvenir Of China. Die vorherrschende Farbe der Beleuchtung war natürlich Rot, die Farbe der Concerts In China. Während des Intros – und nur während des Intros – blitzten weiße Stroboskoplichter am hinteren Bühnenrand auf, wenn das altbekannte Sample der Nikon-Spiegelreflexkamera von Jarres damaliger Gemahlin Charlotte Rampling ausgelöst wurde. Diese war früher hinter der Kamera fast so aktiv wie vor der Kamera, sie schoß in den 80er und frühen 90er Jahren die meisten Fotos von Jarre, speziell diejenigen, die auf den Alben zu sehen sind, und ist sogar auf den offiziellen Konzertvideos von Destination Docklands und Paris La Défense zu sehen; bei letzterem huscht sie mit ihrer Kamera über die Bühne.

Diese Darbietung von Souvenir Of China war wieder einmal einzigartig. Das sonst eingespielte Cairo Symphony Orchestra (dessen Aufzeichnung von den Twelve Dreams Of The Sun in der Neujahrsnacht 1999/2000 als Playback für alle Symphonieorchester herhalten mußte, die Jarre im 21. Jahrhundert begleiteten) war nicht mehr zu hören, und den Baß spielte Jarre selbst. Die Scanner breiteten wieder Flächen aus, eine rote Fläche hing direkt über meinem Kopf und strahlte die Reihe hinter mir auf Brusthöhe an. Den Schluß dieser Version dieses Stückes würde ich besonders durch Claude Samards Crash-Schlag als einen der gelungensten bezeichnen.

22.17 Uhr
Nach noch nicht einmal einer Dreiviertelstunde stellte Jarre seine drei Mitmusiker vor – Dominique Perrier, Claude Samard und Francis Rimbert, jeweils mit ihren Funktionen in der Gruppe. Ungewöhnlich war, daß Jarre das Publikum dazu anhielt, ihrer Begeisterung doch noch etwas mehr Ausdruck zu verleihen, was man dann auch bereitwillig tat.

22.18 Uhr
Was nun folgte, war die oldschooligste Version von Magnetic Fields 2 seit Destination Docklands in London 1988. Claude Samard zählte das Stück mit seinen Drumsticks an wie ein echter Schlagzeuger, etwas, das Jarre-Fans bisher höchstens vom Concert pour la tolérance in Paris 1995 kannten, als Laurent Faucheux Eldorado hörbar anzählte – hörbar schon deshalb, weil Faucheux damals ein echtes akustisches Schlagzeug spielte, das über Mikrofone abgenommen wurde.

Das laute, dominante Arpeggio in Magnetic Fields 2 erinnerte an die Singleversion. Jarre setzte hier fort, was er mit Equinoxe 7 begonnen hatte: Er nahm nicht nur die Kürzungen für die Europe In Concert Tour 1993 zurück, sondern auch das Break, das für Paris La Défense eingeführt wurde, und sogar die Melodieänderungen, die erstmals, damals noch zusammen mit der Originalmelodie, bei Destination Docklands zu hören war. Erhalten blieb die Verlängerung am Schluß, während der Dominique Perrier, wenn auch relativ leise, ein langes Solo auf dem Voyager spielte.

22.23 Uhr
Das Wechselbad ging weiter. Sanfte Flächenklänge setzten ein, die schnell identifiziert waren. Etwa eine Minute lang war der Anfang von Oxygène 5 Part 1 zu hören, bevor die Musiker direkt zum zweiten Part übergingen, den sie dafür mit extremer Überlänge spielten. Jarre hängte sich den schweren Moog Liberation um, den so mancher halb so alte Musiker zu tragen sich kaum zutrauen würde. Er holte das Letzte aus dem Gerät, bearbeitete den Ribbon, den Modulation-Controller und auch die 44 Tasten mit vielen Glissandi, manchmal posierte er sogar für einen Fotografen vor der Bühne. Der mittlere Scanner strahlte 70er-Jahre-mäßige bunte Streifen in die Luft über dem Publikum.

Jarres Solo dauerte um ein Vielfaches länger als auf dem originalen 1976er Album. Am Ende hängte er den Liberation an den Scherenständer, der schon den CS80 trug, kehrte zurück in seine Keyboardburg, und das Stück ging über in die erst ein Jahr alte Variation III. Zunächst leuchteten nur der Scanner und die Scheinwerfer, die auf die Synthesizer gerichtet waren, aber im Laufe dieses Parts, während dessen Jean Michel Jarre ein baßartiges Solo spielte, setzte eine Lightshow ein, die mit der Zeit wirklich anstrengend wurde, auch weil mir einer der sehr leistungsstarken Deckenscheinwerfer direkt ins Gesicht leuchtete.
 
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Sorry fürs Doppelposting, aber der Text paßte nicht in ein Posting rein.

22.36 Uhr
Fast eine Viertelstunde später folgte das nächste Stück. Equinoxe 4 begann mit dem Originalintro, das seit der Überarbeitung für Paris La Défense nicht mehr gespielt worden war, und wurde ohne die Kürzungen früherer Konzerte gespielt. Das ganze Stück über fuhren die LED-Laserscanner-Kombinationen auf und ab, und die sich seitlich hin- und herdrehenden LED-Strahler zeigten – soweit es mit der geringen „Auflösung“ möglich war – die Figur von Michel Grangers Gemälde Le Trac, das Jarre als Cover für das Album Equinoxe verwendet hatte. (8Σ ;-) Der Four-to-the-Floor-Rhythmus, verstärkt durch die intensive Baßwiedergabe, ließ die ersten auf ihren Sitzen tanzen. Hätte es Stehplätze gegeben, wäre spätestens jetzt getanzt worden. Die typischen Baßnoten am Ende ersetzte Claude Samard durch gesamplete Paukenklänge, die er auf den V-Drums spielte, als hätte er dort reale Kesselpauken stehen.

22.41 Uhr
Das Konzert erreichte einen Höhepunkt. Zunächst erklang ein nicht identifizierbares Intro, und die Bühne wurde blau beleuchtet. Dann aber geschah etwas, womit die anwesenden Jarre-Fans niemals gerechnet hätten: Equinoxe 5 wurde gespielt! Equinoxe 5, das seit 19 Jahren nicht mehr live gespielt worden war, und von dem Jarre einst gesagt hatte, daß er es aus persönlichen Gründen nicht mehr spielen wollte. Diese Aussage konnte man als mehr als revidiert betrachten, denn Jarre hatte sichtlich viel Spaß mit diesem Stück. Die sehr dominanten zweistimmigen Eminent-Streicher erinnerten an die Vinylversion und an die, die es nicht mehr auf die VHS-Kassette von Paris La Défense geschafft hatte. Einen Teil der Drums, speziell die Snare, spielte Claude Samard selbst.

22.46 Uhr
Von dieser musikalischen Überraschung angeheizt klatschte das Publikum bei Chronologie 6 wieder sofort mit. Nun forderte Jarre die Zuschauer sogar auf, von ihren Plätzen aufzustehen, was sie auch taten – zumindest im Parkett saß niemand mehr. Ein Fan in der ersten Reihe hielt sogar seine mitgebrachten Plattencovers von Oxygène (vermutlich die 1976er Disques-Motors-Ausgabe) und Equinoxe hoch. Mitten im Stück verschwand Jarre kurz von der Bühne und kehrte zurück mit seinem bekannten kleinen roten Cavagnolo-Akkordeon, auf dem er dann auch einen sehr schönen neuen Schluß spielte.

22.52 Uhr
Eine weitere kleine Überraschung folgte. Wieder blieb Jarre beim Album des vorherigen Stückes und spielte Chronologie 2 auf eine Weise, als hätte es das Space Of Freedom-Konzert in Danzig 2005 nie gegeben. Die Lightshow war beeindruckend, aber nicht ganz so wild wie auf der Europe In Concert-Tour; besonders die sechs Scheinwerfer vor der Bühne fielen auf, als sie während des Intros ihre weißen Lichtkegel vor der Bühne kreuzten, indem die linken drei Scheinwerfer um 45° nach rechts geneigt wurden und die rechten drei Scheinwerfer um 45° nach links.

Zum Ende hin erklangen mangels eines echten Chors, für den auf der Bühne ohnehin kein Platz gewesen wäre, die vom Album bekannten Chorsamples. Derweil spielte Dominique Perrier ein Solo, das aber leider völlig unterging.

22.58 Uhr
Jarre trank eine seiner bereits erwähnten Wasserflaschen aus. Und er warf sie im hohen Bogen ins Publikum, wo sie zwei Reihen hinter mir zu meiner Rechten gefangen wurde. Ein weiteres Europe In Concert-Déjà-vu, denn er tat dasselbe beim Konzert in Barcelona, das auf VHS veröffentlicht wurde.

Daraufhin gab es wieder das blaue Leuchten auf der Bühne, und die Musiker verschwanden.

23.00 Uhr
Zwei Minuten später kehrten sie zurück auf die Bühne und spielten das Stück, auf das viele wahrscheinlich schon gewartet hatten: Oxygène 4. Jarres größter Hit wirkt in seiner Albumversion sehr ruhig, fast schon meditativ, live erweist er sich immer wieder allerdings als extrem tanzbar. Inzwischen stand wohl das gesamte Publikum, und viele tanzten an ihren Plätzen oder auf den Gängen. Im Eifer des Gefechts schlug Jarre so heftig auf eines der kleinen Splash-Becken ein, daß er fast den Ständer umwarf und den unterm Becken montierten Sensor löste, den er nach dem Stück erst wieder befestigen mußte.

23.06 Uhr
Das darauf folgende Stück kündigte Jarre als etwas Neues an. Tatsächlich aber wurde Calypso 3, auch bekannt als Fin de siècle, als das Jarre es ankündigte, schon 1990 auf dem Album Waiting For Cousteau veröffentlicht. Vor der In>Doors-Tour wurde es genau ein einziges Mal live gespielt, und das war auf dem Weltrekordkonzert Paris La Défense. Das Publikum saß und lauschte diesem sehr seltenen und speziell für die Fans überraschenden Stück. Das erste Solo spielte Dominique Perrier, dies war wieder kaum hörbar, aber deutlich als reine Improvisation zu erkennen. Für das zweite Solo hängte sich Jarre wieder den AX-Synth um und spielte, man könnte sagen, um das Original erkennbar herum.

23.12 Uhr
Das nächste Stück wäre nach bisheriger Auffassung für eine Hallentournee eigentlich zu gewaltig gewesen und wurde auch noch nie mit einer so kleinen Besetzung gespielt. Trotzdem ließen die Musiker es sich nicht nehmen, Rendez-vous 2 in voller Länge von elf Minuten zu spielen, wie es zuletzt Teil von Paris La Défense war, bevor es für die Europe In Concert-Tournee auf die Länge vom Best-Of-Album Images gekürzt worden war. Auch hier wurde auf die Einspielung des Cairo Symphony Orchestra verzichtet, zumal ja ohnehin kein Orchester auf der Bühne war.

Bis zu diesem Zeitpunkt war das Konzert so old school, daß man befürchen mußte, der Chorteil in Part 2 würde wie in der Albumversion wieder auf einem Synthi AKS gespielt, zumal einer der vier anwesenden Synthi AKS sowohl auf den berühmten Analogsopran ein- als auch mit dem Unterteil des Koffers, also der Folientastatur, aufgestellt war. Die Befürchtungen erwiesen sich als ungerechtfertigt, der Chor wurde wieder in Form von Samples gespielt.

Für Part 3 wurde die Laser Harp wieder aktiviert. Den überwiegenden Teil dieses Parts spielte Jarre eine Oktave höher, denn für die komplette Melodie hätte er zwölf Strahlen gebraucht, er hatte aber nur neun, und Zeit zum Umschalten, das ein Schließen und Öffnen der Harp bedeutet hätte, gab es trotz der nun hohen Geschwindigkeit der Harp auch nicht. Zum Ausgleich wurde der Klang oktaviert. Als Klangerzeuger kam wieder der Elka Synthex zum Einsatz mit demselben Klang wie bei Rendez-vous 3, der zum Glück nicht durch jenes berüchtigte Resonanzfilter geschickt wurde, das mit den Twelve Dreams Of The Sun aufgekommen war. Die Probleme, die Jarre beim Konzert in Brüssel noch hatte, waren wie weggeblasen, die Laser Harp funktionierte praktisch perfekt, und Jarre variierte sogar die Melodie ein bißchen, um trotz der makellosen Funktion zu beweisen, daß es live war.

Dieses monumentale Stück bedachte das Publikum mit viel Applaus und Standing Ovations.

23.23 Uhr
Das erneut gespielte Industrial Revolution Part 2 kündigte das baldige Ende des Konzerts an. Die Show auf der Bühne lief dieses Mal umgekehrt ab: Jarre trat rückwärts mit erhobener Hand durch den Scannervorhang, bis er nicht mehr zu sehen war.

23.28 Uhr
Die Zugaberufe des Publikums wurden erhört. Es war aber nicht nur Jarre, der zurück auf die Bühne kam, und er spielte auch nicht das melancholische Oxygène 13, das zur Stimmung des Konzertes ohnehin nicht gepaßt hätte. Es war auch nicht die andere obligatorische Jarre-Zugabe Rendez-vous 4. Statt dessen spielten alle vier Musiker ein weiteres Mal Oxygène 4, das auf der In>Doors-Tour erstmals im Zugabenblock war. Ein letztes Mal standen die Zuschauer auf und klatschten mit. Der überlange Schluß bewies, daß bei diesem echten Live-Konzert noch nicht einmal der Songablauf vorprogrammiert war.

23.33 Uhr
Jarre verabschiedete sich vom Publikum. Er sagte, er hofft, bald wieder in Deutschland auftreten zu können – er hat nicht Koblenz gesagt, was man ihm sicherlich nicht übelnehmen konnte –, und die vier Musiker verbeugten sich gemeinsam.

Eine weitere Zugabe sollte es nicht geben, denn die Hallenbeleuchtung wurde wieder eingeschaltet, und die Road Crew fing sofort mit dem Abbau an.

Die Rückfahrt war von Unannehmlichkeiten gekennzeichnet. Während der Merchandise-Stand noch geöffnet war, hatte die Gastronomie vor Ort bereits komplett abgebaut. Alternativen gab es an der Sporthalle keine. Einzig ein Dönerimbiß hatte unterwegs noch geöffnet, aber ich wollte es nicht riskieren, aus dem Bus auszusteigen, der wieder nur als Sonderfahrt fuhr, denn die regulären Buslinien in Koblenz hatten alle ihren Betrieb schon längst eingestellt. Am Endpunkt des Bustransfers gab es weder gastronomische Versorgung noch eine Tankstelle noch (natürlich) eine noch befahrene Buslinie noch auch nur ein einziges freies Taxi. Ich mußte die letzten drei Kilometer zu meinem Hotel zu Fuß laufen und konnte von Glück reden, daß, obwohl die Eingangstür zum Restaurant schon geschlossen war (für die Hoteltür hatte ich einen Schlüssel), die Bar um 0.40 Uhr noch in Betrieb war.

29. Mai 2009, ca. 09.15 Uhr
Ich betrat den kleinen Frühstücksraum des Hotels und bekam mit, wie an einem Tisch zufällig vom Jarre-Konzert gesprochen wurde. Ich fragte kurz nach, mir wurde bestätigt, daß es sich um dieses Konzert handelte, und die Leute an einem anderen Tisch sagten, sie wären auch da gewesen. Das Frühstück über unterhielten wir uns über das Konzert.

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Zusammenfassung

Lob
Zugegeben, die Zeiten der großen Outdoor-Konzerte mit Projektionen auf Gebäuden, opulentem Höhenfeuerwerk, 60köpfigem Orchester, 120köpfigem Chor und Millionenpublikum sind vorbei. Inzwischen hat Jarre nicht einmal mehr einen echten Schlagzeuger oder Bassisten auf der Bühne. Aber trotz der geringeren Größe seiner heutigen Konzerte sind diese durchaus beeindruckend und unterhaltsam – vielleicht sogar wegen der geringen Größe. Jarre hat selbst einmal gesagt, daß er bei den Riesenshows die Interaktion mit dem Publikum vermißt, während er bei kleinen Konzerten alle von der ersten bis zur letzten Reihe ansprechen und ihre Reaktionen wahrnehmen kann. Die Interaktion mit dem Publikum war auf jeden Fall erstklassig bei diesem Konzert, und sowohl Jarre als auch die Zuschauer hatten ihren Spaß. Wer, der Jarre nur von den Alben Oxygène und Equinoxe kennt, hätte gedacht, daß bei einem Jarre-Konzert das Publikum schon beim dritten Stück mitklatscht?

Besonderes Lob verdient die ungewöhnliche Setlist. Neben Klassikern wie Chronologie 6, Equinoxe 7, Souvenir Of China, Magnetic Fields 2 und natürlich Oxygène 4 überraschte Jarre mit Stücken, die teilweise lange nicht mehr live gespielt worden waren, wie Rendez-vous 3, Calypso 3 und – völlig unerwartet, obwohl es sein zweitgrößter Hit war – Equinoxe 5. Bis zur In>Doors-Tournee hätte man auch das epische Rendez-vous 2 für auf einer Hallentournee unspielbar gehalten. Vor allem aber hatte Jarre praktisch sämtliche seit den 90er Jahren eingeführten Kürzungen an seinen Stücken rückgängig gemacht. Daß es eine Best-of-Tournee sein sollte, konnte man auch daran erkennen, daß das jüngste Stück Oxygène 12 war, und das war schon 1997 veröffentlicht worden. Die umstrittenen jüngeren Alben wie Sessions 2000, Geometry Of Love und Téo & Téa fehlten völlig, und sogar Metamorphoses, Jarres einziges Album mit Gesang, war nicht vertreten, wäre aber mit dieser Besetzung kaum umsetzbar gewesen.

Seit der 2008er Oxygène-Tour geht Jarre scheinbar auch auf die Kritik von Fans ein, die ihm vorwerfen, bei früheren Konzerten sehr viel Playback verwendet zu haben. Tatsächlich hörte man meistens die originalen Studiospuren, manchmal auch Material, das so auf früheren Konzerten zu hören war, etwa Dominique Perriers Solo in Magnetic Fields 2 vom Album The Concerts In China oder das Cairo Symphony Orchestra bei Souvenir Of China und Rendez-vous 2 auf allen Einzelkonzerten ab The Twelve Dreams Of The Sun. Seit letztem Jahr aber ist besonders auf den Tourneen davon nichts mehr zu hören. Die Musik weicht merklich von den Alben ab, und häufig werden manche Passagen, etwa der Stakkato-Teil in Oxygène 2, demonstrativerweise anders gespielt als auf den Alben. Dies trifft besonders auch auf die Parts mit der Laser Harp zu, die beweisen konnte, daß sie tatsächlich ein spielbares Musikinstrument ist.

Kritik
Der größte Kritikpunkt war auf jeden Fall der Veranstaltungsort, die Sporthalle Oberwerth in Koblenz. Man hatte den Eindruck, daß Aero Productions möglichst schnell eine möglichst billige Location auftreiben wollte, als sie kurzfristig das einzige Deutschland-Konzert einschoben. Die Sporthalle hat eine suboptimale Akustik, die vielleicht auch dafür sorgte, daß die Höhen weiter hinten zu intensiv waren. Vor allem aber hat sie eine komplett verglaste Front und lange Oberlichter in der Decke, und nichts davon kann man abdunkeln, während eine richtige Konzerthalle nicht einmal Fenster hätte. Das führte dazu, daß es erst nach 22.00 Uhr in der Halle wirklich dunkel genug für eine Lightshow à la Jean Michel Jarre war. Auch war es nicht gut durchdacht, das einzige Konzert in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern in einer wenig zentral gelegenen Halle mit 5000 Plätzen durchzuführen. Die Berliner Waldbühne hat um einiges mehr Plätze, und das dortige Konzert der Europe In Concert-Tour 1993, auch das einzige Deutschlandkonzert der Tournee, war als einziges so schnell ausverkauft, daß es wiederholt werden mußte.

Vielleicht steht dies im Zusammenhang mit der Promotion, die fast nicht vorhanden war. Einige wenige Musikzeitschriften und Zeitungen erwähnten die geplanten Konzerte, letztere aber nur am Rande, und erstere haben eine eingeschränkte Zielgruppe. Plakatwerbung gab es nur in regionalem Maßstab im Umkreis von ca. 50 Kilometern um Koblenz, und auch die nur vereinzelt. Es gab sogar Leute in Koblenz, die geäußert haben, daß sie nichts von dem Konzert wußten und hingegangen wären, wenn sie vorher davon erfahren hätten, so sporadisch und strategisch ungünstig waren die Plakate verteilt. Aber Alben und Konzerte von Jean Michel Jarre wurden in Deutschland nur selten nennenswert beworben, unabhängig vom Veranstalter und unabhängig von Jarres jeweiliger Produktionsfirma. Daß mehr als 90% der Plätze in der Sporthalle Oberwerth belegt waren, lag wahrscheinlich auch daran, daß die echten Fans von der Tour über das Internet erfahren hatten, das außer den Musikzeitschriften und Veranstalterflyern die einzige überregionale Informationsquelle war, und daß es in ganz Deutschland nur dieses eine Konzert gab.

Überhaupt ist Koblenz an sich nicht wirklich für diese Art von Veranstaltung geeignet. Weder ist es eine Metropole mit entsprechender Einwohnerzahl, noch liegt es in einem Ballungsraum, somit ist der öffentliche Personennahverkehr eher mager. Die Buslinien fahren nur alle halbe Stunde, noch dazu liegt die Sporthalle Oberwerth in einem fast unbebauten Gebiet am Stadtrand, das nur von einer Buslinie angefahren wird, und nach Mitternacht fahren in Koblenz Busse nur am Wochenende, wenn es sich lohnt, während es unter der Woche zu dieser Zeit überhaupt keinen ÖPNV mehr gibt. Wer also wie ich zum Konzert ohne eigenen Pkw anreiste, hatte ernsthafte Probleme. Aber auch wer einen Pkw hatte, hatte Probleme, denn die Parkplätze an der Sporthalle waren schon anderthalb Stunden vor Konzertbeginn komplett belegt, und ein Parkleitsystem gab es ebensowenig wie ausgewiesene Ersatzparkplätze, so daß viele Autofahrer sich erst auf eigene Faust einen Parkplatz weit von der Sporthalle entfernt suchen und dann zusehen mußten, wie sie zur Sporthalle kamen, denn es gab auch kaum Informationen über die Shuttlebusse.
 

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