Was bedeutet eigentlich genau -Komprimierung-

  • Ersteller Joachim_H
  • Erstellt am
Schade was aus dem Thread geworden ist. Aber wegen einer Rückfrage noch dies:

Kann man eine Röhre mittels einer Übertragungsfunktion in einem digitalen Signalprozessor abbilden ?

Das mit der Transferfunktion ist nicht so einfach, denn diese müsste schon mehrdimensional sein. (Abhängikeiten von mehreren Parametern). Man muss in jedem Fall ein dynamisch agierendes System benutzen, das Historien und Zustände kennt- ähnlich z.B. einem komplexen mechanischen Bauwerk, das Partialschwingunen und Spannungszonen besitzt und das auf Windstösse immer anders reagiert, je nmachdem, wie es zuvor ausgelenkt war. Solche System laufen schnell in nieschen rein, die hochkomplex- quais chaotisch sind. Diese sind dann schlecht zu programmieren, da es bei der Berechnung immer zu Konvergenzproblemen führt. Ich habe solche Problem oft mit SPICE. Da ist es schon schwierig eine simple Transistorschaltung und deren Schwingneigung exakt zu berechnen. Für Röhren hat man daher eben immer nur ungefähre Modelle.

Wie ich eingangs bereits schrieb, ist es nach meiner Meinung für viele Musiker zweckmässiger, die erwünschten Funktionen, Generalkompression, Multibandkompression, Multiband Exciting/Enhancement also Oberwellen und den dynamischen EQ, den eine Röhre darstellt, von einnander zu trennen und einzeln zu justieren. Das ist von der Anschauung eher geradeaus. Verkopllungen zwischen den Wirkungen könnte man ja zudem beliebig setzen, wobei die Frage bleibt, ob der Laie da was Vernünftiges einstellen kann.

Im Unterschied zu diesem mathematischen optimalen System hat die Röhre ja nun ganz bestimmte Verkopplungen- also Zusammenhänge einzelner Effekte aufeinander und damit ein gewisses Eigenleben, das zwar ziemlich festgelegt und damit irgendwo auch modellierbar ist, aber eben doch derart komplex ist, daß es dem Klang mehr Varianz verleiht. Ich vergleiche das immer mit den Parametern eines Synthies: Erst wenn man per LFO, der durch die Tasteninfos Attack und Aftertouch gesteuert wird, alle möglichen Klangparameter gleichzeitig variiert, kriegt man einen lebhaften Sound. Sonst ist es steril und statisch.

Was die Rückkopllungen angeht: Die Röhre selber ist nicht hundertprozent redproduzierend und addiert selber zufällige Anteile in das System. Daher schwingen sich Rückkopplungen von Amp / Gitarre / Lautsprecher nicht gleichförmig und deterministisch auf, sondern werden leicht moduliert. Solche zufälligen Schwankungen sorgen in komplexen Systemen erstaunlicherweise für ein gewisses Gleichgewicht- so wie das quasi-Gleichgewicht in der Natur. Würde man einfach streng lineare Formeln nutzen, würden die so berechneten Systeme schnell kippen und in einen festen Endzustand münden. Erst dadruch daß die Anfangsbedingunen beim nächsten Zyklus immer wieder minimalk anders sind kippt das System mal so und mal so. Damit schwimmt ein rückgekoppletes Syste m(auch Gitarre + AMP) lebhafter.

Ein schwingender End- oder Ruhezustand ist nunmal natürlicher, als ein 1005ig fester, wie er aus der Mathematik kommt. Als Beispiel denke man an das stehende Fernsehbld einer Wiese, auf der fast keine Bewegung statfindet im Vergelich zu einem echten Standbild: Letzteres ist unnatürlich. Diesen Effekt haben auch Telespielentwickler erkannt und überlagern den ruckartigen Bewegungen der Spielfiguren zufällige Fließbewegungen -> Lara Croft bewegt sich sogar im Ruhezustand leicht hin und her.

Man nutzt solche statistischen Rauscheffekte im Übrigen auch ganz gezielt, um Systeme zu vermessen und sie zu ordnen- z.B. die Chips auf einer Platine im Layoutsystem, die so "hingerüttelt" werden, wie Kaffeemehl in der Dose oder Atome beim Anlassen von gehärteten Werkstoffen und ich denke, man könnte mit zufälligen Rauschsystemen durchaus die DSP-Röhren noch verbessern. Ich arbeite ja auch an sowas. Aber, schliesslich und endlich ist ein einfacher Röhrenverstärker auch viel billiger, als ein aufwändiges DSP-System in Hardware. Und schnell bzw. aufwändig muesste dies schon sein, um genug Rechenpower für feinste Rechschritte zu haben. Viele Softwareplugins kranken an eingeschränkter Rechnezeit.

Der wichtigste Grund für die Nutzung von Röhren ist wohl aber, daß viele Musiker einfach an die Röhren gewöhnt sind: Was alt ist, ist gut und das neue Zeug klingt eh nicht so toll. Es lebe die Tradition.
 
Ein Vorgänger sagte bereits, warum hat Engineer nicht den HC-Award!?

Absolut klasse beschrieben. Daumen Hoch! :great:
 
Du solltest mich mal in Aktion erleben, wenn ich Musiker aufnehme: Ich erkläre denen beim Aufbau des Equipments immer derart viel, daß sie hinterher selber Aufnahmen machen können :D

Rein wirtschaftlich ist das natürlich kontraproduktiv, weil die ja dann nicht mehr kommen :confused: ...

... aber demnächst produziere ich eh' in Surround, da kommt dann keiner der Hobbyaufnehmer mehr mit, weil das X-mal komplizierter ist :p
 
Danke Engineer!!

Das macht wirklich mal wieder richtig Spass zu lesen, und man merkt dass Du einfach kompetent bist. :great:


ist mal sehr angenehm, wenn jemand gleichzeitig fundiert und undogmatisch ein so heikles Thema wie "Röhre und Musiker" angehen kann :cool:
 
wo ist dein studio und was kostet der tag? :p
 
Qudeid schrieb:
Ein Vorgänger sagte bereits, warum hat Engineer nicht den HC-Award!?

Ja, da wär einer fällig! Den Thread können wir ja so lange oben halten, bis er einen hat! :D :) ;)
 
Das Studio ist 40km östlich von Frankfurt
 

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