Zwei grundsätzliche Fragen zu "ratio" und "knee" bei Kompressoren

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sarahwegst
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Hallo,

sofern ich es richtig verstehe, wird...

(1) ...wenn man bei einem Kompressor eine Ratio von z.B. 4:1 einstellt, ein Signal, das 4 db über den Treshhold liegt, anstatt um 4 db nur noch um 1 db angehoben.

Frage: Ist es korrekt, dass somit ein Signal, das über dem Treshold liegt, durch die Kompression stets oberhalb dieses Tresholds bleibt, also (im Moment der Kompression) nie unter diesen fallen kann? Selbst ein Signal, das z.B. nur 0,2 db drüber liegt, würde ja noch um 0,05 db angehoben.

(2) ...wenn man bei einem Kompressor das Knee auf z.B. 10 db einstellt, jedes Signal, das bis zu 10 db unterhalb des Treshholds liegt, auch komprimiert.

Frage: Mit welcher Ratio werden Signale unterhalb des Treshholds in diesem Falle komprimiert? Bleibt die eingestellte Ratio hier bestehen? Dann verstehe ich die Funktion nicht, da man doch dann alternativ einfach den Treshhold um 10 db absenken könnte? (Denkfehler?) Wenn die Ratio allerdings nicht bestehen bleibt, wie verändert sie sich dann? Gibt es hier einen etablierten Standard?

Danke! :)
Sarah
 
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Das wird deutlich wenn man die Kennlinie eines Kompressors betrachtet.

Auf der X-Achse (links-rechts) trägt man das Eingangssignal auf, auf der Y-Achse (oben-unten) das Ausgangssignal.

Wenn die Kennlinie jetzt genau eine Gerade mit 45° ist, dann wird ein beliebig lautes Eingangssignal mit dem selben Pegel wieder ausgegeben, egal wie laut es ist.
Ein Kompressor hat jetzt eine Kennlinie mit einem Knick - denn sobald das Eingangssignal einen gewissen Wert (Threshold) überschreitet, wird das Ausgangssignal nicht mehr 1:1 lauter, sondern eben etwas weniger stark.

Zu sehen ein Setting mit Ratio 4:1 und Threshold von -17.2, Knee 0:
1.png


Wenn man für "Knee" jetzt einen Wert wählt der nicht 0 ist, wird der Knick etwas weicher, die Ratio ändert sich also nicht unmittelbar bei Erreichen der Threshold von 1:1 auf zB 4:1, sondern steigt schon vor der Threshold an und erreicht die 4:1 erst etwas NACH der Threshold.
Bei einem SEHR hohen Knee-Wert würde die Ratio den nominalen Wert zB nie erreichen, und die Kompressionsrate wird immer stärker je lauter das Eingangssignal wird.

Zu sehen ein Setting mit der selben Ratio, selben Threshold aber Knee 10
2.png


Im Vergleich dazu ein Setting mit der selben Ratio, Knee 0 aber niedrigerer Threshold:
3.png



Die Felder die mit "Limiter" und "Gate" beschriftet sind kannst du ignorieren, ich habe als Beispiel nur ein Plugin fotografiert das neben der Kompressor-Einstellung gleichzeitig auch Gate und Limiter setzen kann.
 
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The_Dark_Lord hat denke ich soweit es die Form eines Forums hergibt (und ohne einen halben Roman zu schreiben) schon gute Aufklärung geleistet.

Ein, zwei Punkte möchte ich noch ansprechen.

Wenn man für "Knee" jetzt einen Wert wählt der nicht 0 ist, wird der Knick etwas weicher, die Ratio ändert sich also nicht unmittelbar bei Erreichen der Threshold von 1:1 auf zB 4:1,

Das tut die Ratio auch ohne Knee nicht. Das volle Kompressionsverhältnis wird erst nach verstreichen der Einschwingzeit/attack time erreicht und das auch nur, wenn der Pegel innerhalb dieses Zeitraums stets über dem Schwellenwert/Threshold liegt. Einzige mir bekannte Ausnahme bildet der MeldaProduction MCompressor, hier dient die Einschwingzeit als "Wartezeit" nach deren Ablauf die volle Kompression einsetzt.
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Bei einem SEHR hohen Knee-Wert würde die Ratio den nominalen Wert zB nie erreichen,

Siehe dazu vorherige Erläuterung zur Einschwingzeit/attack time.
 
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(1) ...wenn man bei einem Kompressor eine Ratio von z.B. 4:1 einstellt, ein Signal, das 4 db über den Treshhold liegt, anstatt um 4 db nur noch um 1 db angehoben.

Das ist so nicht ganz richtig. Es wird nicht angehoben. Kurz gefasst: Für 4 dB die reingehen, kommt nur noch 1 dB raus.
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Frage: Ist es korrekt, dass somit ein Signal, das über dem Treshold liegt, durch die Kompression stets oberhalb dieses Tresholds bleibt,

Ja, solange es den Schwellenwert/threshold überschreitet bleibt es auch TROTZ Kompression über diesem.
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(2) ...wenn man bei einem Kompressor das Knee auf z.B. 10 db einstellt, jedes Signal, das bis zu 10 db unterhalb des Treshholds liegt, auch komprimiert.

Jein. Theoretisch ist das möglich, also auch richtig, in der Praxis aber ist der Knee-Bereich allerdings in der Regel um den gewählten Schwellenwert/threshold zentriert.
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Frage: Mit welcher Ratio werden Signale unterhalb des Treshholds in diesem Falle komprimiert

Das variiert abhängig von der Kennlinie (siehe dazu auch die Bilder von The_Dark_Lord).
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Bleibt die eingestellte Ratio hier bestehen? Dann verstehe ich die Funktion nicht, da man doch dann alternativ einfach den Treshhold um 10 db absenken könnte? (Denkfehler?)

Nein, siehe dazu den vorherigen Punkt.
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Wenn die Ratio allerdings nicht bestehen bleibt, wie verändert sie sich dann? Gibt es hier einen etablierten Standard?

Die Kennlinie oder auch Kompressionskurve kann vielerlei Ausprägung haben. Ein rein "technischer" Kompressor, ein solcher wird auch oft als "clean" bezeichnet, weißt in der Regel die einfachste Form auf, also eine lineare Funktion (diese sieht man auf den Bildern von The_Dark_Lord).

Kompressoren die musikalischer arbeiten oder auch analoge Geräte bzw. Plugins die diese emulieren sollen weisen hingegen nicht-lineare Kennlinien auf, die zudem auch teilweise von den Einstellungen der weiteren Parameter beeinflusst werden.


Was Du dir an Verständnis zum Thema Kompressor/Kompression erarbeitet hast ist aber schon ein ganzes Stück von dem was man wissen muss, um ein Grundverständnis von der Thematik haben zu können, Respekt. Und ein Danke dafür, dass ich mal einen Post lesen durfte, der nicht in jeder Zeile mindestens zwei Fehler aufweist. :)
 
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The_Dark_Lord hat denke ich soweit es die Form eines Forums hergibt (und ohne einen halben Roman zu schreiben) schon gute Aufklärung geleistet.

Ein, zwei Punkte möchte ich noch ansprechen.



Das tut die Ratio auch ohne Knee nicht. Das volle Kompressionsverhältnis wird erst nach verstreichen der Einschwingzeit/attack time erreicht und das auch nur, wenn der Pegel innerhalb dieses Zeitraums stets über dem Schwellenwert/Threshold liegt. Einzige mir bekannte Ausnahme bildet der MeldaProduction MCompressor, hier dient die Einschwingzeit als "Wartezeit" nach deren Ablauf die volle Kompression einsetzt.
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Siehe dazu vorherige Erläuterung zur Einschwingzeit/attack time.
Beide Einwände sind natürlich korrekt, die genannte Kennlinie zeigt das "Ziel", das aber erst nach Ablauf der Attack-Zeit erreicht wird, bzw das erst nach Ablauf der Release-Zeit wieder verlassen wird.
Je nach genauem Kompressor-Modell ist die Attack-Zeit auch leicht unterschiedlich definiert, aber darauf wollte ich nicht eingehen, war ja auch nicht die Frage.
 

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