Hallo!
Ich lese diesen Thread hier jetzt schon eine ganze Weile lang mit. Fast genau so lange kribbelt es mir in den Fingern, auch etwas dazu zu schreiben.
Ich nehme selbst seit Februar 2018 konstant und ohne Unterbrechungen bei einem Gitarrenlehrer Unterricht. Von daher meine ich, die Interessen beider Seiten zu kennen. Mein Gitarrenlehrer hat zwar keinen Uni-Abschluss. Er kann aber trotzdem einiges gut vermitteln. Eines seiner Hauptziele ist es, schon Kinder an die Musik bzw. die Gitarre heranzuführen. Ich glaube, dass er sich über jeden und jede freut, die bei ihm Kunde sein wollen.
Harmonielehre halte ich zwar irgendwo auch für wichtig. Aber den Kindern sollte man meines Erachtens zunächst einmal den Spass am Instrument beibringen. Denn sonst kommen sie irgendwann nie wieder. Man sollte also als Gitarrenlehrer meines Erachtens die Leute dort abholen, wo sie gerade stehen. Und dies, um sie dorthin zu führen, wo sie hin wollen.
Ich selbst habe auch schon vorher schlechte Erfahrungen gemacht. Den Musikunterricht habe ich nach der 11. Klasse abgewählt. In der Schule bekommt man zwar die theoretischen Grundlagen vermittelt. Aber es fehlt doch der praktische Bezug zum Erlernen eines Instrumentes. Gleichzeitig war es einer meiner größten Wünsche, mal Gitarre zu lernen. Ich hoffe, dass das hier nicht zu Off Topic wird. Die Bücher von Peter Bursch haben mich nicht komplett vergrault. Aber ob damals ein Gitarrenlehrer mir besser geholfen hätte in den 1990ern? Tenor war ja damals anscheinend, dass man als Schüler zuerst auf der Konzertgitarre spielen können muss, bevor man sich an die E-Gitarre herantrauen darf. Ein Schulfreund von damals hat es so erlebt. Aber mir hat vor allen das Selbstbewusstsein gefehlt, mir einen Gitarrenlehrer zu engagieren.
2012 wollte ich, nachdem das Thema Gitarre erlernen all die Jahre über in mir gärte, es noch einmal genauer wissen. Ich bestellte mir das Buch "Rock Guitar Basics" von Peter Fischer. Dieser vertritt meiner Beobachtung nach eine ähnliche Position wie der Threadersteller. Dort wird zunächst einmal auch stark darauf geachtet, dass man (als Autodidakt) zunächst die Töne auf dem Griffbrett kennen muss. Später kommen auch noch andere Themenbereiche zur Musiktheorie und zur Harmonielehre. Aus welchen Tönen ist ein spezieller Akkord aufgebaut? Natürlich lernt man da theoretisch auch noch Technik. Ich weiß nicht, für wen Peter Fischer das Buch geschrieben hat. Aber wenn ich das Selbstvertrauen und die Energie dazu gehabt hätte, wäre ich wohl besser damals schon bei einem echten Gitarrenlehrer vorstellig geworden. Aus dieser Zeit habe ich auch noch ein anderes Buch. Es ist "Saitenwege. Die spezielle Harmonielehre mit Gitarren-TAB" von Felix Schell aus dem Jahr 2010. Auch in diesem Buch vertritt der Autor die Ansicht, dass man als angehender Gitarrist auswendig lernen sollte, wo die einzelnen Töne auf der Gitarre zu finden sind. Und wenn man dann die Harmonielehre gut kennt, dann wäre man sogar fähig, nicht nur neue Lieder gut zu begreifen. Sondern man könne auch selbst welche komponieren. Auch dieses Buch habe ich seinerzeit nicht bearbeitet. Hat es mir geschadet?
Der Knoten ist bei mir erst richtig geplatzt, als ich mich traute, bei einem Gitarrenlehrer Unterricht zu nehmen. Was ich in der Schulzeit im Musikunterricht an Theorie nicht kapierte, begriff ich anhand des Praxisbezuges plötzlich ganz leicht. Mittlerweile sind wir irgendwo bei Teil zwei der "Schule der Rockgitarre" von Andreas Scheinhütte. Dies hat meine Technik verbessert. Ich habe auch einiges über Musiktheorie und Harmonielehre gelernt, so weit wie ich es brauchte. Aber muss man wirklich im Gitarrenunterricht von den theoretischen Grundlagen so viel Ahnung haben, dass man quasi ein Musikstudium aufnehmen könnte? Ich denke, dies trifft nur auf einen bestimmten Teil der Schüler zu.
So gesehen wäre ich also auch einer jener Schüler, die auch noch nach Jahren kein Expertenwissen in puncto Musiktheorie und Harmonielehre besitzen. Aber meine Defizite sehe ich eher woanders. Und ebenso meinen wirklichen Antrieb. Heute weiß ich, dass ich vor allen meine Lieblingslieder gut covern will. Die "Schule der Rockgitarre" ist irgendwie schon gut. Aber wenn man über viele Jahre hinweg nur Teile von Musikstücken gelernt hat, so kann das zwar auch Spaß machen. Aber wir haben im Rückblick betrachtet viel zu wenige meiner Lieblingslieder durchgenommen. Dies war aber nicht wirklich die Schuld meines Lehrers. Ich war wohl einfach nicht mutig genug, meine Wünsche zu äußern. Erst Ende 2024 habe ich kapiert, dass ich als nächstes vor allem mein absolutes Lieblingslied erlernen will. Komme, was da wolle. Mein Gitarrenlehrer hat keine Schwierigkeiten gemacht. Und technisch bin ich mittlerweile gut genug, das Lied zu erlernen. Ich will unbedingt "Black Hole Sun" von Soundgarden erlernen. Ohne das Killer-Solo natürlich. Nicht erst, wenn in der "Schule der Rockgitarre 2" das Drop D-Tuning erläutert wird. Und erst Recht nicht, wenn ich mit dem Scheinhütte ganz durch bin.
In diesem Sinne kann ich jedem Anfänger nur raten: Holt euch gleich in Jugendjahren einen Gitarrenlehrer. Als Autodidakt bin zumindest ich lange Zeit nicht vorangekommen. Musiktheorie und Harmonielehre sind zwar auch irgendwann wichtig. Aber in keinster Weise sollte man sich den Spaß nehmen lassen. Nicht durch Gitarrenlehrer, die darauf bestehen, dass man zuerst Konzertgitarre lernen muss. Auch nicht durch Technikübungen, ohne dass man sich gleichzeitig ein einigermaßen großes Repertoire an seinen eigenen Lieblingsliedern aneignen kann. Ein Schulfreund von mir, der in seiner Jugend Gitarre erlernt hatte, beklagt auch im Nachhinein, dass er zu wenig seiner Lieblingslieder gelernt hatte. Das Leben ist im Endeffekt kurz.
Natürlich braucht es also Musiktheorie und Technikübungen, um besser zu werden. Wenn man aber mal ein gewisses Level erreicht hat, dann soll auch mal Zeit und Energie da sein, die eigenen Lieblingslieder zu erlernen. Wichtiger als die Harmonielehre und die verschiedenen Techniken halte ich es nämlich, dass ein guter Gitarrenlehrer fähig sein sollte, einem Schüler auch beizubringen, im richtigen Timing dessen Lieblingslieder spielen lassen zu können. Dafür muss er dem Schüler ein gewisses Takt- und Rhythmusgefühl vermitteln. Und er sollte auch zeigen können, wie man nicht nur ein Lied irgendwie vor sich hinnudelt. Sondern auch, wie man auch fähig ist, ein Lied nicht nur auswendig zu lernen, sondern auch im Originaltempo irgendwann fehlerfrei mitspielen zu können.
Von beiden Seiten wird also ein gewisses Maß an Kommunikationsfähigkeit verlangt, wenn der Unterricht erfolgreich weiter gehen soll. Als Gitarrenlehrer sollte also auch ein gewisses Fingerspitzengefühl vorhanden sein, um das Beste aus dem Schüler herauszukitzeln. Mit zu viel Oberlehrerhaftigkeit kommt man nicht weiter. Viel zu viele Schüler geben dieses Hobby nämlich relativ schnell wieder auf. Nicht alle sind so schmerzbefreit, dass sie auch noch nach Jahrzehnten nicht aufgeben wollen, irgendwann ihre Lieblingslieder nachspielen zu können.
Ich entschuldige mich vorsorglich, falls dieses Posting zu lange geworden sein sollte. Aber so wie der Threadersteller wohl ziemlich frustriert sein muss, so sehr bin ich es auch. Zumindest kann ich mir aber selbst verzeihen. Und die Aussicht, künftig ab 2025 endlich meine absoluten Lieblingslieder erlernen zu können, schafft bei mir einen ungeheuren Motivationsschub.
In diesem Sinne: Einen guten Rutsch!