Hi,
ich halte es für verfehlt, die Eigenschaften einer 4x12 in erster Linie an Lautstärke und Bass festzumachen. Sie ist für den Akustiker ja eigentlich ein ziemliches Unding, die subjektive Wahrnehmung ist aber eine andere. Wie Gitarre und Amp ist die Box aus meiner Sicht ein Teil eines zusammengesetzten "Gesamtinstruments". Ohne sie ist die E-Gitarre nur ein unvollständiges Fragment. Bei einer Geige zB ist der "Lautsprecher" ja quasi schon integriert - wird sie verstärkt, geht es nur noch darum, dies im Wortsinne zu tun. Bei der E-Gitarre ist das was ganz anderes.
Eine 4 x 12 produziert die übelsten Kammfiltereffekte,
da entscheidet in 1 bis 2 m Abstand manchmal ein einziger mieser Zentimeter über klingt/klingt nicht. So ein Schrott wird aus einer 1 x 12 niemals rauskommen.
Absolut richtig, zumindest der erste Teil

. Der Knackpunkt ist, dass dieser "Schrott" Teil des typischen Charakters bestimmter Sounds ist - muss man nicht lieben, tun aber sehr viele. Da läuft vieles auf psychologischer Ebene ab.
Ohne Anspruch auf die Verbreitung letzter Wahrheiten geb ich also mal meinen Senf dazu:
Die minimalen Laufzeitunterschiede vom einzelnen Lautsprecher zum Ohr führen zu einem unübersichtlicheren Klangbild, das hörpsychologisch eigentlich etwas bedrohliches hat. Das kommt wohl daher, dass es für unser Ohr irritierend ist, wenn ein einheitliches Schallereignis keine exakt ortbare einzelne Quelle hat (was für unsere Vorfahren bedeutete, dass man nicht wusste, aus welcher Richtung der Säbelzahntiger kommt...). Es gab wohl auch schon öfter Untersuchungen dazu, dass da unterbewusst ein gewisser Fluchtreflex ausgelöst wird.
Wer durch längere Benutzung verinnerlicht hat, dass er dieses Ereignis selbst kontrolliert, erlebt aber umgekehrt ein gewisses "Machtempfinden". Wer sowas zum ersten Mal als
Zuhörer um die Ohren bekommt, wird in der Regel eher eingeschüchtert sein - so mancher findet aber auch daran Gefallen, weil er den Fluchtreflex bezwingt und ihm das ein gutes Gefühl gibt. Gerade das Selbstbild des Heavy Metal-Fans besteht immer auch zu einem Stück daraus, einem aggressiven, lauten Sound "standzuhalten". Ich errinnere mich jedenfalls noch sehr gut daran, was für ein wichtiger Faktor das damals für uns war. Harter Rock steht seit seinem Ursprung für den Selbstbehauptungswillen und den Widerstand gegen eine zumindest subjektiv wahrgenommene, oft ganz unbestimmte Repression. Ich verweise nur mal auf Pete Townshend-Interviews über die Anfänge.
Umgekehrt ist es so, dass der typische Sound einer 4x12er für den musischen Feingeist oft eher abstoßend wirkt. Das immer etwas undefinierte, chaotische Klangbild widersetzt sich der Kontrolle. Das mag nicht jeder, und das ist ja auch gut so. Wer es nicht will, ist mit einer 1x12er sicher besser bedient, und das deckt sich auch mit dem, was ich auf Bühnen sehe. Zumindest jenseits des In Ear-Monitorings.
Der EV12L klingt schon speziell, will gefordert werden und die Box muß sorgfältig aufgestellt werden.
Im Vergleich zu aktuellen Gitarrenlautsprechern wird er immer ein wenig nach HiFi (aka "steril") klingen.
Dafür kann er auch Bass und zwar echten Bass.
Ob man den jetzt unbedingt braucht, ist halt auch die Frage. Die EVs mochte ich als Bassist immer gerne, für Gitarre kann ich damit auch nix anfangen.
Was ist dann Schieben? Es kann doch nur ein Frequenzgangbuckel bei einer bestimmten Frequenz sein.
Das lässt sich mit nahezu jedem Speaker erzwingen, mit einigen besser, mit anderen schlechter.
Das "Schieben" ist zugegeben technisch sehr undefiniert. Nach meinem Eindruck benennen Gitarristen aber damit schon alle etwas ähnliches, nämlich eher einen gewissen Druck in den Tiefmitten, den man auch schon außerhalb des Gehörs körperlich spürt, aber gerade
keinen Bass im eigentlichen Sinn. Letzterer wird nach meiner Erfahrung (zu Recht) eher als lästig und schwammig empfunden. Bei ERG-Spielern mag das zT anders sein, aber da sieht man ja auch öfter, dass dafür der Bassist wegfällt.
Das aus Sicht des 4x12er-Fans bedauerliche Fazit ist für mich, dass eine Simulation dieses Sounds durch kleinere Bestückungen nicht wirklich möglich ist. Ja, man kann durch geeignete Speaker und Abstimmung den Tiefmittenbereich druckvoll abbilden, aber das "schrottige" Abstrahlverhalten einer 4x12er eben nicht. Will man diesen Sound unbedingt, den Transport aber etwas erleichtern, empfehle ich als Kompromiss eine senkrechte 2x12er mit Mischbestückung und womöglich einer Half&Half-Konstruktion, eine Box mit leichteren Neodym-Speakern oder mehrere kleine Boxen, die man dann eben vor Ort zusammenstellt. Durch das fehlende gemeinsame Volumen nicht genau dasselbe, aber das Laufzeitchaos bekommt man immerhin.
Gruß, bagotrix